Review: SCARLET DORN – Blood Red Bouquet

SCARLET DORN sind uns seit ein paar Jahren ein Begriff. Sie tourten mit LORD OF THE LOST, WITHIN TEMPTATION, JOACHIM WITT und LETZTE INSTANZ und veröffentlichten 2018 ihr Debutalbum “Lack of Light”. Die charismatische Sängerin mit den rot-schwarzen Haaren, deren Künstlername gleichlautend mit dem Bandnamen ist, versammelte um sich das von LOTL bekannte Allroundgenie Gared Dirge als Tastenvirtuosen, den Gitarristen Bengt Jaeschke aus dem selben Hause und Benji Mundigler und Henrik Petschull an Bass und Drums.

Vom äußeren Schein…

Die Truppe ist für ihre beeindruckende Bühnenpräsenz bekannt, aber im Lockdown kommt das natürlich nicht zum Tragen. Umso mehr freuen wir uns, dass SCARLET DORN uns nicht auf dem Trockenen lassen, sondern uns mit frischer Musik aus den Chameleon Studios Hamburg versorgen und so ihrer Diskographie einen würdigen Nachfolger von “Lack of Light” hinzufügen.
Die Band hat jedenfalls beschlossen, bei allem noch eine Schippe draufzulegen.
Als erstes fällt das großartige Cover mit dem schädelartigen verrotteten Apfel auf, der ansonsten nach außen schön dunkelrot lackiert erscheint. Da kann man jetzt vieles hineininterpretieren, Fakt ist jedenfalls: Der schöne rote Apfel, der für Gesundheit und Lifestyle steht im Gegensatz mit der Fäulnis und der Fratze des Todes schafft einen genialen Kontrast.

… zum inneren Kern

Doch nun wollen wir doch mal schauen, was sich unter dieser Oberfläche verbirgt.
Das Album beginnt mit dem Ohrwurm “Scorched By A Flame So Dark”, der auch als Single ausgekoppelt wurde. Ein schöner, schneller Song mit catchy Intro und Chorus, der vielleicht etwas in Richtung Kitsch abzukippen gedroht hätte, wenn die tollen Gitarrenriffs das nicht verhindert hätten. “Back To The Ground” besticht durch mantraartig mäandernde Strophen, die sich zwischendurch immer mal wieder in eine hohe Tonlage hochschrauben, was sehr reizvoll klingt. Das ganze wird garniert durch die phantasievollen Zwischenspiele von Gared mit harten Anschlägen des Pianos.

Das erste richtige Highlight von “Blood Red Bouquet” finden wir an der dritten Stelle der Playlist. Das Duett “Proud & Strong” mit SOLAR FAKE-/ZERAPHINE-Sänger Sven Friedrich beginnt mit einem spährisch anmutenden Intro und geschickt eingesetzten Synthies, das dann direkt von coolen, rockigen Gitarrenklängen abgelöst wird. Der Chorus hat einen hymnischen Charakter und hier wird auch zum ersten Mal der Albumtitel “Blood Red Bouquet” im Text genannt. Der Duettpartner war eine hervorragende Wahl und ergänzt sich harmonisch mit Scarlets Vocals. Große Klasse!
Das Besondere am Folgestück “Love Has No Colour” ist sicherlich der Text. Man kann wohl unterstellen, dass hier eine Botschaft gegen Rassismus und sämtliche Diskriminierung im Bereich der Sexualität platziert werden soll. Niemand wird wohl bezweifeln, dass so etwas in der heutigen Zeit absolut notwendig ist. “One Day” wurde aus zart getupften, verträumten sowie kraftvollen Passagen zusammengenäht. Das Gesamtgewand präsentiert sich stimmig. Schmankerl ist hier eine kurze Passage mit opereskem Gesang in der Mitte.

Gibt es Hoffnung für uns oder droht uns allen der Wahnsinn?

“Hope Is Here” – da wird wohl so mancher aufseufzen und fragen “Wirklich?”. In der herausfordernden Pandemiezeit werden wohl viele eher an “Lack of Light” leiden und Hoffnung bitter nötig haben. SCARLET DORN is at your service. Das Lied ist zwar soundmäßig eher unauffällig, aber es verströmt Ruhe und lädt mit seiner chilligen Instrumentalisierung zum Träumen ein.
Aber sind es schöne Träume? “I Suffocate” als Folgesong hat einen deutlich spürbaren düsteren Touch. Die Gitarre baut hier einen gewissen Druck auf, was die Message des Titels unterstützt. Der ein oder andere Stoßseufzer ist auch enthalten.
Paranoia, Überwachung, Abhörmechanismen – der Song “Are You Watching Me?” lässt keinen Zweifel daran, worum es hier geht. “Hey Big Brother, I know you’re there” beginnt das tolle Stück über das Gefühl, belauert zu werden. Das Stück baut sich langsam an und gerade stimmlich macht es eine Menge her, denn die hohe hypnotische Tonlage in Verbindung mit dem steigenden Tempo reißen einen kompromisslos mit. Sehr gut gelungen, SCARLET DORN!

Hier jagt ein Highlight das andere: “True Love Is Mad” ist wirklich wundervoll und chaotisch. Auch hier ist der Titel Programm, ein gewisser “mad touch” ist die ganze Zeit spürbar. Die abrupten Rhythmuswechsel und rollenden Gitarren erinnern an ähnliche Songs über Wahnsinn/Verrücktheit, z.B. von MEINHARD. Etwas atemlos kommen wir nach diesem Meisterwerk zum Stehen und können uns in die wohltuenden “Forests” flüchten. Durch das gleichmäßige Zusammenspiel von Gitarre und Piano entsteht das Bild eines Flusses, der durch den namensgebenden Wald fließt. “My Bionic Misery” gehört auch in die Kategorie “ruhig” und enthält eine gewisse Prise Sehnsucht (“I wish you were mine”). Sparsam eingesetzte Synthies und Gitarrenakzente umrahmen das Lamento. Bionik bezeichnet übrigens eine Wissenschaftsrichtung, die sich damit beschäftigt, was wir von der Natur lernen können und welche biologischen Eigenarten sich durch Technik kopieren lassen.

Wir sind schon im letzten Teil des Albums angekommen und erst hier stoßen wir auf die erste reine Ballade mit dem typischen Fokus auf kraftvollem Gesang: “Loss Of Gravity” schwelgt ganz in Scarlet Dorns Gesang, untermalt von Pianospiel. Einen haben wir noch und zuletzt werden das Tempo und die Lautstärke noch einmal angezogen für das furiose Finale. Ich stelle mir vor, dass Bands sich viele Gedanken machen, mit welchem Stück sie ein Album beschließen. Womit wollen Sie ihre Hörer in die Nacht entlassen? Was soll als Nachgeschmack auf der Zunge zurückbleiben, wenn der letzte Bissen runtergeschluckt worden ist und man sich satt und zufrieden zurücklehnt? Das Rezept von “Until The Waters Run Dry” beinhaltet wieder schöne Gitarrenpassagen, sanfte Pianoklänge, sparsame Elektronik und eine gut gelaunte Sängerin, die uns noch einmal ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Das “Problem” ist: Diesen Song kann man sich richtig gut live vorstellen und das ist ja zur Zeit kaum möglich. Aber eines Tages versammeln wir uns unter dem skelettierten Apfel – versprochen! Und bis es soweit ist: Schnappt euch bitte das blutrote Bouquet und erfreut euch daran so wie wir!

Fazit

Wir bekommen hier Abwechslung, Kunst und einen Farbtupfer in der Dunkelheit serviert und wahrlich wir brauchen diesen Treibstoff, um im Lockdown nicht ausgezehrt auf der Strecke zu bleiben. Bemerkenswert ist das Verflechten von sanften und härteren Passagen und vor allem die Symbiose zwischen den oft stakkatohaften Akzenten Jared Dirges in Symbiose mit Bengts Gitarrenspiel. Als blutrote Rose in der Mitte des Buketts schwebt Scarlet Dorn und selbst und Bass und Schlagwerk halten den Strauß zusammen und unterfüttern oft durch gezielte Spitzen das Gesamtkunstwerk. Hier hat wirklich alles seinen Platz und seine Balance. Auch die Themen sind ausgewogen, wir finden Licht und Schatten auf diesem Album und dass überhaupt noch positive Elemente eingeflossen sind, ist ein kleines Wunder, wenn man bedenkt, unter welchem Druck gerade kleinere Bands aktuell stehen. Es besteht immer noch Alarmstufe Rot, bitte vergesst das nicht!

“Blood Red Bouquet” erscheint am 29. Januar.

TRACKLIST

1. Scorched By A Flame So Dark
2. Back To The Ground
3. Proud And Strong (feat. Sven Friedrich)
4. Love Has No Colour But Love
5. One Day
6. Hope Is Here
7. I Suffocate
8. Are You Watching Me?
9. True Love Is Mad
10. Forests
11. My Bionic Misery
12. Loss Of Gravity
13. Until The Waters Run Dry

Bewertung: 7/10