Review: CREMATORY – Unbroken: im Kreuzfeuer der Sharpshooter

CREMATORY – eine Band, an der sich die Geister scheiden. Von manchen abgöttisch verehrt, von vielen mit inbrünstigem Hass bedacht, seit fast 3 Dekaden aktiv und faktisch eine der ältesten noch aktiven deutschen Gothic-Metal-Bands, bieten die Wormser immer eines: Gesprächsstoff. Auch im Sharpshooter-Lager ist man gespaltener Meinung – was liegt also näher, als das 15. Studioalbum “Unbroken” von gleich zwei Schreiberlingen fachgerecht unter Beschuss nehmen zu lassen?

Robert

CREMATORY sind irgendwie “schon immer dagewesen”. Irgendwie kann man die Uhr danach stellen, dass alle 2 Jahre eine neue Langrille auf dem Tisch landet, sich Teile der Presse, die die Band aus Prinzip “scheiße finden”, in pseudo-lustigen Ergüssen ergehen, eine Punktebewertung im unteren Viertel der Skala draufklatschen und sich so ein paar Lacher ohne viel Anstrengung eintüten. “Hey, alle anderen finden die ja auch scheiße, oder? Was kann da schon schief gehen? CREMATORY sind schließlich die so ziemlich uncoolste Truppe, die es gibt, oder?” – Höchste Zeit also, das Ganze mal nüchtern zu betrachten.

 

Schauen wir uns doch einmal das neue Eisen “Unbroken” genauer an: Gleich der Opener und Titeltrack lässt aufhorchen, die Truppe geht hier nicht nur mit modernisiertem Synthsound sondern auch einer heftigen Gitarren Front zu Werke, die den ganzen Song stark industrial-lastig wirken lässt, und die Unterstützung am Mikro durch Equilibriums Robse Dahl tut hierzu ebenfalls ihren Teil. Textlich keine großen Überraschungen, aber zumindest ein Aufhorcher, der hoffen lässt, dass die Band sich nach dem eher farblosen 2018er Werk “Oblivion” wieder gefangen hat. Das folgende “Awaits Me” geht gut nach vorn und zeigt erstmalig die neue Geheimwaffe der Band: den 2018 als Ersatz für Tosse Basler in die Band gekommenen Connie Andreszka, der als neuer Mann für Rhythmusgitarre auch die Clean Vocals als Gegenpol zu Felix’ Growls übernimmt und gerade stimmlich auf voller Albumlänge mehr als überzeugen kann. Mit doppelläufigen Gitarrenharmonien setzt danach “Rise And Fall” als eine der Singles die Messlatte für die noch folgenden 12 Tracks recht hoch an, gibt sich massenkompatibel und eingängig aber doch mit genügend Ecken und Kanten und einer herausragenden Gesangsleistung von Connie. “Behind The Wall” setzt mit angezogenem Tempo plus erhöhtem Härtegrad und sägenden EBM-Elementen dann eher die Richtung des Openers fort und dürfte die eine oder andere Tanzfläche füllen. In Form des uninspiriert daher kommenden, gemächlichen “The Kingdom” schließt sich der erste Füller an, bevor die Ballade “Inside My Heart” tatsächlich einen atmosphärischen Höhepunkt setzt. “The Downfall” treibt und wird im Liveprogramm sicherlich bestens funktionieren, “My Dreams Have Died” ist dann wieder ein industriell gefärbter Stampfer. Der Rest des Albums variiert dann auch weiterhin zwischen all diesen Songstrukturen und sorgt für wenige Überraschungen, zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass CREMATORY nach dem Desaster “Oblivion” in 2020 durch Feinjustierungen im Sound und einige überraschende Ideen im Arrangement durchaus wieder überzeugen können.

Warum also der schlechte Ruf? Und die ewig gleichen Argumente? Natürlich hat Grunzer Felix’ Englisch streckenweise einen starken deutschen Akzent, aber hat das ernsthaft jemanden jemals bei Leuten wie Klaus Meine oder Fabio Lione gestört? Billig klingende Synths? Cheesige Texte? Öhm… Powermetal, anyone? Merkwürdige Aussagen gegenüber Medien? Von Dave Mustaine über Slayer zu Phil Anselmo fällt da wohl jedem eine ziemlich lange Liste ein. Was am Ende zählen sollte, ist und bleibt die Musik. Und die ist zwar streckenweise generisch, aber konsequent auf einem Qualitätslevel deutlich oberhalb des Mittelmaßes durchgezogen und verdient deswegen Anerkennung!

Bewertung: 7/10 Punkte

 

Birger

CREMATORY war damals die deutsche Antwort auf den Schwung an Gothic Metal Bands in den frühen 90ern und hat neben der kurzen Auflösung 2001 nun knapp fast 29 Jahren auf dem Buckel. Während viele ähnliche Bands heute nicht mehr existieren, lärmen CREMATORY munter weiter. Ich war noch nie ein Freund vom musikalischen Stillstand und so muss man den musikalischen Ausflügen einer Band immer mal ein Gehör schenken. Wo wären Kreator zum Beispiel ohne den Ausflug zur “Endorama” und auch auf den Dancefloors regiert mittlerweile ein anderer Sound als in den 90ern.

Der Opener “Unbroken” passt so textlich gut zu diesem Ausbruch aus der bisherigen Norm, mit stampfenden EBM Beats verpacken CREMATORY ihre Überzeugung zur Musik gekonnt mit einem schönen “F*** You” an ihre Kritiker. Bereits bei dem nachfolgenden “Awaits Me” fällt die härtere Gangart der Gitarren Front und der Doppelgesang zwischen Felix und Connie Andreszka auf, der uns durch das ganze Album positiv begleiten wird. “Rise and Fall” dagegen ist eine recht gekonnte Hymne mit dem eingängigen Grab Ohrwurm und textlich eindeutigen Message. Bei “Behind The Mask” freut sich mein Hirn auf Schredder Synthies, aber wer ist hier auf die Idee gekommen EBM mit epischen Gitarren Solo zu mischen? Mein debiles schwarzes Hirn ist nun verwirrt. “The Kingdom” plätschert dagegen in gewohnter grenzdebilen CREMATORY Manier durch die dunklen Seelen Flüsse, als Füller würde ich den Song nun nicht bewerten. “Inside My Heart” ist kleines Kleinod in der CREMATORY History, debil, tiefgreifend und irgendwie episch kommt der Song daher und kann überzeugen. “The Downfall” landet danach wieder in die Kategorie der schnelleren Lieder und wird so manchen Metalheart glücklich machen. Textlich ist “My Dreams have Died” trotz EBM Stampfer wieder sehr tiefgreifend und trifft den Nerv so mancher depressiven Seelen. Dagegen wirkt das über fröhliche “I Am“ wie die Reaktion zum Vorgänger Lied nach einer Überdosis Graberde, kann mich leider nicht überzeugen. “Broken Heroes” ist wieder so ein CREMATORY Song, der auf irgendeiner Scheibe auftaucht und nie wieder aus dem Hirn geht. Tiefgreifender Text, Solis, eingängige Melodie und ein einprägsamer Doppelgesang zwischen Connie und Felix treiben den Song immer weiter in das Ohr. “Abduction” geht irgendwie schon in die Industrial Metal Richtung, ist aber angenehm schnell und abwechslungsreich. Der Song hält dabei perfekt die Waage zwischen den Synthies und der Stromgitarre. “As Darkness Calls” hält die Messlatte weiter oben und kann als Track sehr gut überzeugen und wird auch live sicherlich gut ankommen. Mit “Like The Tides” schleicht sich noch eine Abschluss Ballade in das Album, Connie singt hier seinen Liebesschmerz in die Welt hinaus, untermalt vom reinen Keyboardspiel ein guter Ausklang.

 

Auch ich war damals bei einigen musikalischen Neuerungen der Band anfangs verstört und fand die Social Media Shitstorm, mit dem nachfolgenden Krieg, sicherlich auch lustig. Dennoch sollte jede musikalische Bewertung immer aus neutralen Gesichtspunkten erfolgen. CREMATORY hatte schon immer Ecken und Kanten und neue Einflüsse können immer interessant werden. Nüchtern betrachtet ist das Album im Gesamtkontext natürlich deutlich weniger experimentell als der Vorgänger ausgefallen und kann ohne Probleme zu den älteren Scheiben anknüpfen. Mein schwarzes Gemüt ist trotz einiger kleinen Schwächen überzeugt.

Bewertung: 7/10 Punkte

“Unbroken” erscheint am 06. März bei Napalm Records

CREMATORY sind:
Felix – Vocals
Connie – Rhythm-Guitar & Clean Vocals
Rolf – Lead Guitar
Jason – Bass
Katrin – Keyboards & Samples
Markus – Drums & Programming