“Früher war es schwierig, in Berlin zu spielen” – Im Interview mit BLUTENGEL

Am Samstag des Out of Line Weekenders 2022 hatten wir die Gelegenheit, ein Interview mit Chris und Uli von BLUTENGEL in einer ruhigen Ecke des Hinterhofs im Astra Berlin zu führen. Wir sprachen über das neue Album, vergangene Projekte und aktuelles Zeitgeschehen. Es war ein sehr angenehmes, lustiges Interview, da wir ein paar Mal von Bärbel unterbrochen wurden- Bärbel ist der Out of Line Label-Hund. Aber lest selbst…

Das Interview haben Marvin und Gini von der Sharpshooter-Redaktion geführt.

Gini: “Ich bin ein bisschen aufgeregt, Tschuldigung.”

Chris: “Dann spreche ich jetzt.”

(Lachen)

Marvin: “Wir sind heute auf dem Out of Line Weekender. Wie fühlt es sich an, hier bei eurem Label, in eurer Heimatstadt zu spielen? Ist das was anderes als sonst? Ist das “mehr zuhause”? Oder fühlt sich das anders an?”

Gini: “Lass sie vielleicht auch reden, das soll ein Interview werden!”

(Lachen)
Chris: “Allet jut, allet jut. Ja, also wie fühlt sich das an? Naja, Berlin ist immer, wie soll ich sagen…

Uli: “Speziell!”

Chris: “Naja… Man ist in Berlin immer etwas entspannter auf der einen Seite, weil man denkt: Man muss ja nirgendwohin fahren! Man hat nicht die ganze Organisation und den ganzen Kram und so weiter, aber letzten Endes hat man ihn ja doch und das unterschätzt man immer ein bisschen.
Denn wir müssen uns ja trotzdem ein Auto mieten, um den ganzen Kram hierher zu kriegen und so weiter. Es ist halt immer wieder cool, in Berlin zu spielen, denn ich muss dazu sagen: Früher war es so – Ich mach ja das schon ne ganze Weile – früher waren in Berlin bei uns nicht besonders viele Leute, und wir waren nicht so beliebt”

Uli: “Ja.”

Chris: “Das war so, wie man immer gesagt hat: “Der Prophet im eigenen Land. Schön, dass wir in unserer eigenen Heimatstadt spielen aber es wird ein Scheißkonzert!” War wirklich so! Mittlerweile hat es sich echt ein bisschen gewandelt, dass man sagt: Berlin, das geht jetzt, dass man sagt: Berlin, da spielen wir gern, da kommen schon ein paar mehr Leute.”

Marvin: “Aber seit wann? Ich meine, das ist doch schon einige Jahre so?”

Chris: “Ja, wir machen das ja auch fast schon 25 Jahre, aber ich sag mal so: In den letzten zehn Jahren hat es sich gebessert, aber davor vor war es wirklich so, dass es in Berlin immer schwierig war. Berlin war ein schwieriges Publikum.”

Marvin: “Ja, ist ja jetzt auch nicht Schwarze Szene-mäßig besonders präsent…”

Chris: “Nicht wirklich.”

Marvin: “Nicht so wie Leipzig oder so. Hier regiert der Hip-Hop!”

Chris: “Genauso, deswegen. Klar, Berlin hat halt andere Interessen und als Gothic-Band war es in Berlin grundsätzlich nicht so geil.
Aber jetzt, mittlerweile wieder seit zehn Jahren, ist es ziemlich cool. Jetzt freuen wir uns, in Berlin zu spielen!”

Uli: “…und vor allem auch nach der Pandemie. Nach den ganzen Lockdowngeschichten…”

Chris: “Ja, das sowieso.”

Gini: “Wie ist denn das jetzt überhaupt so für euch, ihr habt ja auch letztens eine Tour gehabt. War das jetzt auch wieder anders, nach der langen Zeit? Ihr hattet ja das Glück, eine Tour zu haben.”

Chris: “Das ist es, ja. Wir haben jetzt die Tour gemacht, die eigentlich hätte 2020 stattfinden sollen. Manche haben verschoben, wieder verschoben, dann haben irgendwelche abgesagt. Wir haben es echt geschafft! Und da muss man sagen: Danke an die Fans, dass die ihre Karten nicht zurückgegeben haben und wir noch zwei Jahre später die Tour haben stattfinden lassen können. Also da muss man echt Mal “Danke” sagen. Ja, und das war natürlich krass. Auf der einen Seite hast du gedacht “Als wäre nie was gewesen” aber irgendwo… Ich meine, wir wissen ja alle: Corona ist nicht weg! Naja, und wo man sich sagt: Warum hätte man das nicht schon viel früher so machen können? Warum erst jetzt? Das waren so meine Gedanken.
Warum? Alles egal, auf einmal? Und vor einem Jahr war es nicht egal? Das hab ich nicht verstanden. Fand es jetzt gut, aber das war natürlich trotzdem so ein komisches Gefühl. Stecken wir uns jetzt etwa alle an? Kriegen wir jetzt ALLE Corona? Also die ganze Tour, jeder der auf der Tour war, die ganze Band?”

Marvin: “Wie bei Project Pitchfork gerade, alle in Quarantäne!”

Uli und Chris: “Ach was, echt?”

Marvin: “Drei Viertel der Bühnencrew, nach EINEM Konzert, alle weg. Tour beendet!”

Chris: “Das war natürlich auch unsere Angst. Aber bisher ist nix passiert. Wir waren dann alle ein bisschen krank, Uli war krank, ich war dann auch krank. Uli ist ein paar Konzerte sogar ausgefallen”

Uli: “Ich war dann auch so richtig krank, so richtig Heiserkeit und so”

Marvin: “Für Sänger der Super-GAU!”

Uli: “Ja, richtig toll”

Chris: “Also das war halt kacke, aber zum Glück kein Corona, wo man dann auch zuhause hätte bleiben müssen, wenn man jetzt krank war.
Ich hab ja auch Heiserkeit gehabt, ich hab mich da so durchgeschleppt, aber hab auch anscheinend keinen angesteckt.”

Chris: (guckt zu Uli) “Vielleicht hast du mich angesteckt?”

Uli: “Joa. Vielleicht. Wahrscheinlich”

Chris: “Man weiß es nicht. Naja, ist halt so. Aber wir haben es trotzdem durchgezogen und zum Glück hatten wir keine Corona-Ausfälle in der Crew. Aber das ist ja genau das, was ich meine: Es ist ja nichts anders. Es kann immer mal wieder passieren und dann ist es halt so.”

Marvin: “Glücksspiel! Ja, es ist sehr willkürlich. Erst war “Corona, alles schlimm!”, jetzt ist “Corona vorbei” oder für vorbei erklärt und ja, es ist sehr schwammig.

Chris: “Selbstverantwortung ist jetzt dran und man muss halt gucken, wie man das händelt”

Gini: “Und heute bist du wieder fit? Was können wir heute Abend erwarten, in Berlin?”

Uli: “100 %!”

Chris: “110%, Uli!”

Uli: “Na gut”

Marvin: “Manche blühen jetzt richtig auf, nachdem sie das erste Mal auf der Bühne stehen, also man merkt: Es ist anders, sie fühlen sich anders,
sie sind so erleichtert, man merkt das richtig”

Uli: “Ja. Und wir hatten ja auch in den zwei Jahren so ein, zwei Sachen. Also ganz weg waren wir ja nicht!”

Chris: “Wir hatten ja Open Airs und so. Drei, vier Konzerte dieser Open-Airs, die wir gemacht haben, die für uns natürlich okay waren, aber fürs Publikum komisch: mit sitzen, mit Abstand und dem ganzen Kram”

Uli: “Aber es war trotzdem schön.”

Chris: “Es war trotzdem schön, es war voll, aber es waren “nur” drei Konzerte pro Jahr. Das war schon komisch.”

Uli: “Also so ganz raus waren wir ja nicht. Aber jetzt ist es natürlich auch schöner, wenn jetzt alle ohne Maske und ein bisschen lockerer sind.”

Chris: “Also diese muffigen, stickigen Clubkonzerte, wo das Wasser von der Bühne und von der Decke tropfte, das ist so das, wo du dann sagst: “Geil!”

Uli: “Jep.”

Chris: “Volle Hütte.”

Marvin: “Ach, das ist cool?”

Chris: “Ja, ich find das total geil.”

Gini: “Das könnte heute passieren, die da drin sind schon sehr tanzwütig heute!”

Chris: “Na, bei uns können die wahrscheinlich schon gar nicht mehr!” [Blutengel spielte an dem Abend erst ab 23:40]

Uli (lacht): “Das kann passieren”

Gini: “Wir haben ja alle auch keine Ausdauer mehr, nach zwei Jahren ohne Konzerte.”

Chris: “Das ist aber wirklich das Problem. Das merkst du immer wieder, dass die Leute auch erst wieder reinkommen müssen und dass viele auch noch verunsichert sind. Also deswegen kann ich mir vorstellen, dass es noch ne Weile braucht, bis jetzt wirklich die richtigen Mega-Konzerte stattfinden. Also dass wir wieder hier und da ausverkaufen. Ich weiß nicht, wie es heute ist, aber das wird dauern, weil auch Leute trotzdem noch verunsichert sind [Anmerkung: Es WAR letztendlich ausverkauft beim Weekender]
Die sagen sich: “Aber Corona ist doch noch da, ich trau mich jetzt noch nicht mit tausendfünfhundert Leuten hier wieder da drin zu stehen. Das muss man auch akzeptieren!”

Marvin: “Das ist verständlich!”

Chris: “Und deswegen werden wir mal sehen, wie sich das über die Monate und Jahre noch hinzieht, bis es wieder so ist wie früher. Ich hoffe, dass jetzt solche Konzerte und Festivals einmal den Grundstein legen, dass man sagt “Das ist geil! Das wollen wir jetzt weiter machen!”

Gini: “Was plant ihr noch so, dieses Jahr? Was kann man noch so von Blutengel dieses Jahr erwarten?”

Chris: “Naja, wir haben noch ein paar Konzerte. M’era Luna haben wir, wir spielen in Polen auf dieser “Castle Party”. In Spanien haben wir zwei Konzerte, dieses Jahr…”

Gini: “…Ende September!”

Chris: “Dann haben wir noch ein paar andere Sachen geplant, also es kommt auf jeden Fall noch ein bisschen was, aber nicht so viel. Weil im nächsten Jahr kommt ja regulär wie immer unser neues Album. Und damit wollen wir dann auf Tour gehen. Deswegen werden wir dieses Jahr nicht so viel machen. Dieses Jahr holen alle anderen Bands ja sowieso nach, also wir warten noch ein bisschen und dann geht’s nächstes Jahr los – hoffentlich – richtig geplant, mit einer eigenen Tour.”

Uli: “Jetzt holen alle nach”

Marvin: “Es knubbelt sich.”

Chris: “Definitiv”

Uli: “Wann können wir dann Mal spielen, denn es ist ja schon alles voll”

Marvin:”… und man weiß gar nicht wo man hingehen soll. Jetzt haben wir Tickets, die sich überschneiden”

Uli: “Das kommt dann noch dazu.”

Gini: “Ich hab meine Katze verloren! Meine Katze! Tschuldigung. Das schneiden wir raus” [Interviewerin Gini hatte sich enthusiastisch vorgebeugt und ging ihrer Anstecknadel verlustig. Die “Katze” konnte vor Labelhund Bärbel gerettet werden]

Gini: “Möchtest du was zum neuen Album sagen? Könnt ihr was verraten, zum neuen Album? Irgendwas?”

Marvin: “Titel? Artwork?”

Chris: “Nö.” (Alle lachen)

Chris: “Also tatsächlich, das Ding ist ja: Durch diese Coronageschichte hat sich alles verschoben. Unser letztes Album kam ja quasi erst im Juli raus, das ist ja noch nicht mal ein Jahr her.”

Uli: “Ein Dreivierteljahr!”

Chris: “Das hat sich alles verschoben, deswegen ist das ja noch aktuell. Das neue Album ist aber trotzdem schon so weit fortgeschritten, dass man sagt: Jow, ist alles schon…”

Gini: “…in Sack und Tüten?”

Chris: “Na zumindest wissen wir, wie’s wird und so aber da fehlen ja noch einige Dinge, da muss Uli hier noch singen und so weiter. Es ist auch noch nicht gemischt, aber die Songs an sich stehen schon. Das ist eigentlich das, was du haben musst. Jetzt können wir das in Ruhe machen, weil wir müssen erst im November alles fertig haben. Bis dahin können wir noch ein bisschen hier rummischen und da noch ein bisschen was verändern und so weiter, aber ich muss jetzt keine Songs mehr schreiben, theoretisch. Das Songwriting ist erledigt.”

Marvin: “Das hört ja nicht auf in einer Pandemie. Man macht ja weiter. Da sammelt sich ja was an, richtig?”

Chris: “Ich hab ja jeden Tag weiter gemacht!”

Uli: “Er war ja isoliert.”

Gini: “Hast du zunächst alleine an dem Album gearbeitet und was hat dich da so inspiriert?

Chris: “Ich hatte vorhin schon ein Interview gehabt und da wurde ich gefragt: “Was hast du in der Pandemie gemacht?”. Ich meine, für mich hat sich ja nichts geändert. Du gehst halt alleine in dein Studio, bist den ganzen Tag alleine- WIE IMMER. Das war in der Pandemie so, das war auch vor der Pandemie so… die sozialen Kontakte eines Musikers, der im Studio arbeitet, sind halt eh nicht so viele. Zumindest nicht in der Zeit”

Uli: “Ab und zu komm ich dann mal vorbei.”

Marvin: “Man schließt sich ein. Drei Wochen einschließen, keinen sehen?”

Gini: “Ich glaub länger, oder? Monate?”

Chris: “Monate! Ja, das ist halt so.

Uli: “Er arbeitet ja jeden Tag dran.”

Chris: “Wenn du an einem Album arbeitest, bist du halt Monate jeden Tag da dran und fummelst und machst und tust, so lange, wie du Lust hast. Mal nicht so lange, mal ganz lange, und daher war deswegen jetzt kein Ausfall. Deswegen ist das alles so weit fortgeschritten, dass ich sagen kann: Jetzt in den nächsten Monaten finalisieren wir das dann alles und dann sind wir soweit, dass im Februar nächsten Jahres das Album rauskommen kann. Hab aber noch keinen Titel. Das muss ich dazu sagen: Das sind die Sachen, die kommen dann zum Schluss erst. Ich habe über dreißig Songs geschrieben. Da guckt man erstmal, welche von denen kommen denn jetzt wirklich auf’s Album? Und wenn du das soweit hast, dann kannst du überlegen: Konzept, Titel, Artwork, Fotoshooting und so weiter.”

Marvin: “Das kommt immer alles hinterher erst dran?”

Chris: “Das kommt zum Schluss bei mir, auf jeden Fall.”

Gini: “Ihr habt angesprochen, dass ihr 25-jähriges Jubiläum habt. Wollt ihr dazu was erzählen? Ich habe gesehen, ihr bringt jeden Monat ein altes Album in remasterter Fassung raus das ist ja auch eine richtige Mammutaufgabe.”

Uli: “Hat er noch im Nachtschrank gehabt!”

(alle lachen)

Chris: “Das war halt so eine Idee, aber das Schlimme ist ja: Wenn man denkt, man hat schon 25-jähriges Jubiläum, dann weiß man erstmal, wie alt man ist und wie lange man den ganzen Kram schon macht”

Gini: “Seitdem du 11 bist wahrscheinlich?”

Chris: “Fünf! Ich hab mit 5 angefangen!” (Lachen) Aber das ist halt so, dass man als Label da sitzt und fragt: “Hey, ihr habt nächstes Jahr 25-jähriges Jubiläum, was wollen
wir denn dafür machen? Wollen wir nicht irgendwas Cooles machen?”. Und dann haben wir so drüber geredet. Und wir alle wissen ja, dass die CD leider auch ein aussterbendes Medium ist!”

Marvin: “Schade!”

Chris: “Es ist sehr schade. Ich fände das auch super schade”

Marvin: “Ich kauf noch CDs!”

Chris: “Finde ich auch super, weil es bringt dem Künstler und dem Label immer noch am meisten. Die Frage war halt: Du hast eine Platte, die ist über 20 Jahre alt. Machst du da nochmal ne Neuauflage? Machst du nochmal tausend Platten davon? Nee, weil die kauft dann auch wirklich irgendwann keiner mehr. Weil, keine Ahnung, von unserem ersten Album haben wir mittlerweile etwa fünfzigtausend Stück verkauft. Also irgendwann hat die jeder. Oder fast jeder. Deswegen haben wir jetzt gesagt, wir schließen das jetzt ab. Wir machen wirklich nie wieder das Album, das wird nicht mehr nachgepresst. Aber jetzt mit dieser Edition, das sind die letzten, die machen wir nochmal schick, die remastern wir nochmal, da machen wir nochmal ein Bundle, nochmal eine Box. Wenn die verkauft sind, wird zumindest das Album jeweils nie wieder nachgepresst. Also dann wird es das leider, leider nur noch digital geben aber ansonsten lohnt es sich nicht. Ist aber eine lustige Sache nochmal, für die Fans die sammeln oder sowas. Es gibt von jedem Album, glaub ich 150, 200 Stück, also nicht wirklich viel, ganz, ganz gering limitiert.”

Gini: “Und wie wurde das bisher so angenommen, ihr müsstet ja schon einen Zyklus durchhaben?”

Chris: “Das ist jetzt das dritte, “Angel Dust”. Die sind bei Veröffentlichung natürlich schon ausverkauft. Noch nicht mal ausgeliefert, aber waren dann schon schon ausverkauft.”

Gini: “Ja cool!”

Marvin: “Glückwunsch! Läuft!”

Chris: “Na danke, bei so einer kleinen Auflage…das ist ja wirklich nur für die Fans und Sammler, aber das sind ja die, die wir brauchen. Die wirklich sagen, “Geil, da kommt nochmal so eine Sammleredition, ich hab das Album schon, ich hab das von damals, dann hab ich noch einen Re-Release, aber ich will das trotzdem nochmal haben, denn es ist ja remastered”. Auf der zweiten CD sind nochmal ein paar Samplerbeiträge drauf oder irgendwelche vergriffenen Maxis, also wir haben dann schon ein bisschen was draufgepackt. Und ich bin froh, dass es immer noch Leute gibt die nicht sagen: “Interessiert mich nicht, hab ich schon!” sondern dass die wirklich sagen “Ne, geil!”.
Das ist dann wirklich am ersten Tag oder am zweiten ausverkauft, in der kleinen Auflage. Und das ist schon schön, damit schließt man ja auch wieder eine Ära ab. Das tut mir persönlich sehr weh, dass die CD ausstirbt, aber irgendwo finde ich ist es ein würdiger Abschied geworden”

Marvin: “Man kann es nicht aufhalten…”

Chris: “Nein. Unser nächstes Album kommt trotzdem auf CD, weil ich will noch, dass die Leute CDs kaufen. Aber die alten musst du halt nicht nochmal nachpressen. Aber das ist halt…”

Gini: “…vorbei”

Marvin: “Irgendwann ist Ende, man kann den Fortschritt nicht aufhalten. Eine Weile kann man sich noch dagegen stemmen, denke ich”

Chris: “Das hoffen wir, ja”

Gini: “Ich wollte wissen, ob das spannend war, in alten Archiven zu wühlen. Gab es da Songs, an die du dich gar nicht mehr erinnern konntest? Wenn man so auf 25 Jahre zurück blickt…?”

Chris (Lacht): “In der Tat, ich muss sagen, dass es wirklich richtig, richtig krass war. Weil ich musste ja die neuen Master durchhören und es war wirklich, also war richtig übel krass. Weil ich dachte so: “Echt? Den Song hast du mal geschrieben?”. Es gab wirklich den ein oder andern Song, wo ich gesagt hab: Ich wusste nicht mal, wie der weitergeht. Es war richtig spannend für mich, das zu hören. Ich meine, wenn er über zwanzig Jahre alt ist, dann weißt du einfach nicht mehr, was du damals unbedingt gemacht hast. Du kamst dann wieder rein und sagtest dann: “Alles klar!” oder es gibt andere Songs, wo du dachtest: “Naja, hätte ich mal damals das ein bisschen besser gemacht”. Aber es waren wirklich Songs dabei, wo ich dachte: “Krass! Den hast du geschrieben?”. Alles war wirklich ganz komisch, ein ganz komisches Gefühl, wenn du halt Sachen rauskramst. Das ist ja wie mit Fotos, wie sah ich vor zwanzig Jahren aus? Ey, krass, das bin ich! Und es war mit den Songs genauso. Das war wirklich eine Reise in die Vergangenheit und das hat mich auch ein kleines bisschen – das darf man ja sagen, ohne arrogant zu wirken – das hat mich stolz gemacht.

Und da hab ich mir nochmal so die Texte angehört und tatsächlich ist es so, dass ich immer noch dieselben Sachen erzähle. Also es hat sich zumindest meine Einstellung zu Themen, die mich interessiert haben, nichts geändert und das find ich auch halt auch witzig. Ist jetzt nicht so, als mache ich komplett andere Mucke oder so. Klar, moderner und die einen sagen “Ja, schön so!” und die anderen “Nö, macht es wieder wie früher” aber vom Inhalt und vom Konzept muss ich sagen, kann ich immer noch sagen: “Ja”.

Marvin: “Der Inhalt ist der gleiche. Das Herz ist das gleiche.”

Chris: “Das hat mich wirklich überrascht. Das sind Songs, die hätte ich auch jetzt auf ein aktuelles Album packen können, von mir, vom Inhalt. Das fand ich schon irgendwie interessant.”

Marvin: “Ja, das kann nicht jeder sagen. Gibt bestimmt auch Künstler, die sagen “Oh Gott, hör auf mit meinen frühen Jahren, ich will das nie wieder hören!”.

Chris: “Es gab sicherlich auch den einen oder anderen Song bei mir, aber so grundlegend kann ich sagen: Cool. Fand ich schon so ein bisschen cool, wenn man das alles wieder mal am Stück hören musste.”

Gini: “Spannendes Projekt auf alle Fälle!”

Marvin: “Uns würde noch interessieren, wie die Choreos entstehen? Also, wie die Konzeption einer Show entsteht?”

Chris: “Da sind wir die falschen Ansprechpartner.”

Uli: “Das machen die Mädels alle.”

Marvin: “Also ihr seid nicht hauptverantwortlich, das machen die Mädels in Eigenregie?”

Chris: “Ja, die machen das in Eigenregie. Die fragen so ein bisschen nach “Wie sieht’s denn aus?” und die fragen auch schonmal, was ich da mit dem Song ausdrücken will oder “Können wir das so und so machen?” und wenn ich sage: Das ist okay oder das ist so der Inhalt, dann legen die los und dann bieten die was an und dann machen die das komplett selber. Das muss man schon so sagen.”

Gini: “Also tanzt du es nicht vor?”

Chris: “Ne” (alle lachen) Also nein. Manchmal…nein.”

Chris: “Ich hab trotzdem tatsächlich auch ein paar Ideen, wenn ich so sag “Ja, das find ich cool aber wie wäre es denn, wenn du jetzt in die Mitte gehst?” und dann blablabla. Ich hab ja schon auch eine Idee. Aber grundsätzlich muss man sagen, was die sich ausdenken ist schon cool. Die machen das jetzt schon so lange zusammen, da kann ich mich schon drauf verlassen, dass die sich da was Gutes ausdenken.”

Gini: “Ihr seid ja in der Besetzung schon recht lange mit den aktuellen Tänzerinnen zusammen, oder? Ich glaub seit 2012?”

Chris: “Kann gut sein. Ja, mindestens”

Marvin: “Dann ist man ja ein eingespieltes Team.”

Chris: “Auf jeden Fall. Deswegen funktioniert das halt. Das ist schon geil. Deswegen würde ich daran jetzt auch nichts ändern.”

Uli: “Ja. Und die sehen auch alle noch so aus wie vor 12 Jahren.”

Chris: “Ja, man muss ja immer gucken, alle sind ja jetzt auch zehn Jahre älter geworden.”

Uli: “Ja” (lachen)

Gini: “Aber sie sehen ja auch alle super aus!”

Chris: “Ja du, solange die sich alle noch wohlfühlen. Ich bin da keiner der sagt: Du bist jetzt 40, du darfst nicht mehr auf der Bühne stehen.”

Gini: “Naja, dann würdest du ja…ach so, du bist ja 30, das haben wir ja erst geklärt.”

Chris: “Ja, ich kann noch!” (lachen). Nein, aber auch so, solange man sagt, das kann man noch anbieten, wir wollen nicht eine Band sein, die nur irgendwie die jungen Mädels und so hat. Das ist nicht die Realität.
Jeder wird älter, jeder hat Problemzonen, die meisten jedenfalls. Also warum denn nicht? Bei unseren Mädels hält sich das alles noch in Grenzen, deswegen ist alles schön.”

Marvin: “Das ist ja auch eine schöne Botschaft. Da draußen läuft es ja immer ein bisschen anders. Moderatorinnen werden ausgetauscht, wenn sie vierzig werden und dergleichen. Schön wenn wir das in der Szene nicht so machen!”

Uli: “Nö, genau.”

Chris: “Ich find das auch nicht richtig.”

Uli: “Man muss ja dazu sagen, wir haben ja auch ganz verschiedene Typen, eine Blonde, Rothaarige, Dunkelhaarige und so weiter, mal ein bisschen mehr, ein bisschen weniger….”

Chris: “Hey, Bärbel!”
Uli: “Ich finde ja, dieses Dürre muss ja auch nicht immer sein.”

(Ein Hund rennt ins Bild und beide Interviewpartner_innen sind abgelenkt. Der Hund heißt Bärbel)

(Das ist Bärbel)

Gini: “Ist das dein Hund?”

Chris: “Ne. Nicht meiner. Aber ein guter Freund.”

Uli: “Der ist vom Label.”

Gini: “Hast du Haustiere?”

Chris: “Ich habe Kaninchen. Zwei Stück.”

Chris: “Bärbel!”

(Hund rennt erneut durch die Szene)

Chris (zu Bärbel): “Wir haben grad ein Interview.”

Marvin (zu Bärbel): “Möchtest du auch was sagen?”

Chris: “Sag mal was Bärbel! Sag mal “Chris ist der coolste!” Kannst du nicht? Sag das doch mal”

Marvin: “Ich glaube, sie würde, wenn sie könnte”

Chris: “Bell jetzt NICHT, wenn du das so siehst!”

(Bärbel freut sich)

Uli: “Die ist ganz lieb hier. Ich bin mit dem Besitzer mal im Auto mitgefahren und die lag quer über mir. Da passiert gar nix. Sehr schmusig.”

Marvin: “Ja, der Jean-Pierre hat schon berichtet. Von der der “Living the Darkness-Tour. Da hat er doch seine Hunde auch mitgebracht.”

Chris: “Ja, genau, in Bochum hat er die dabei gehabt”

Marvin: “Bleibt bei dir eigentlich noch Zeit für andere Projekte? Wir haben noch Miss Construction (lacht)? Lange nichts davon gehört.”

Chris: “Miss Construction ist etwas, was tatsächlich nicht mehr läuft, weil mein Kompagnon sich quasi komplett zurückgezogen hat. Der macht jetzt mehr mit der Familie und nicht weiter, was man auch akzeptieren kann und alleine mache ich das nicht weiter. Deswegen hab ich noch mein kleines Projekt “She Hates Emotions” jetzt ins Leben gerufen, da mach ich auch was, da kommt auch dieses Jahr ein Album”

Gini: “Ah, schön!”

Chris: “Vielleicht im Herbst auch eine Tour. So denn das so weitergeht.”

Uli: “Oh, darf ich tanzen?”

Chris: “Joa…du kannst auch eine Keyboarderin werden.”

Uli: “Ja geil! Aber so ein Ding zum umhängen?”

Chris: “Ja, das wäre cool!”

Marvin (an Uli): “Kannst du Keyboard spielen?”

Uli: “Ein bisschen, ja. Kann man ja üben. Wieso nicht? Nehm’ ich bei Lukas ein paar Stunden Unterricht.”

Chris: “Das ist auch nicht so kompliziert.”

Uli: “Ich setz auch eine Perücke auf!”

(alle lachen)

Chris: “Auf jeden Fall, so eine schöne 80er-Jahre Tina Turner-Perücke.

Marvin: “Oder so ein Miss Construction-Outfit, die waren doch auch immer sehr interessant”

Chris: “Wie gesagt, Zeit oder so für Projekte bleibt schon, aber ich bin halt jemand, der auch Sachen abschließt, wenn dann die Leute nicht mehr da sind. Es ist das gleiche wie bei Terminal Choice, die Leute machen sowas nicht mehr. Ich bin der einzige, der noch übrig geblieben ist und immer noch Musik macht. Aber ich würde jetzt keine anderen Leute dazunehmen und das dann weiterführen.”

Marvin: “Dann schließt man es also lieber ab”

Chris: “Wenn die nicht mehr mitmachen, dann ist es halt für mich auch okay. Deswegen mach ich jetzt auch “She Hates Emotions”, denn das bin nur ich. Ich bin der einzige, der da Bock haben muss und insofern ist da keiner sonst verantwortlich oder verpflichtet oder so. Und deswegen kann ich das so lange machen, wie ich Lust habe.”

Gini (an Uli): “Hast du noch andere Projekte?”

Uli: “Nein.”

Gini: “Blutengel ist das ganze Leben?”

Uli: “Ja. Genau.”

Marvin: “Blutengel, Büro, Blutengel, Büro…..”

Uli: “So sieht es aus. Arbeit und Blutengel. Spaß, Arbeit (lacht)”

Marvin: “Okay, Abschlussfrage: Habt ihr besondere Spleens, was ihr im Backstage haben wollt? Wir haben neulich gehört, Bill Kaulitz will kanadischen Honig, Blumen und Champagner. Was schreibt ihr so drauf auf die Liste?”

Chris: “Also bei uns im Backstage, wenn du jetzt reingehen würdest, da sitzen zwei weiße Tiger und fünf nackte Frauen, alle Jungfrauen natürlich, alle rothaarig, weil ich steh auf rote Haare”

Uli (lacht)

Marvin: “Hm, Jungfrauen zu beschaffen ist da ja auch nicht so leicht in Berlin.”

Uli: “Neee 😀 Wahrscheinlich nirgendwo”

Chris: “Also bei uns gibt es keine großen Sachen. Viele von uns oder einige sind halt Vegetarier oder Veganer, das ist wichtig. Ansonsten muss ich sagen, meine einzige Forderung ist, dass ich zwei Flaschen Rum habe”

Gini: “Was für Rum?”

Chris: “Havanna, aber nicht den einfachen, sondern den etwas besseren”

Gini: “Den siebenjährigen?”

Chris: “Ja genau. Mindestens der siebenjährige. Und eine Flasche Gin. Aber das sind so die einzigen Sachen. Ansonsten brauchen wir das nicht, wir sind da, um ein Konzert zu geben und nicht, um irgendwie unser Ego zu befriedigen oder so”

Marvin: “Was wollte Manson immer? Eine glatzköpfige, zahnlose Prostituierte?”

Gini: “Ich habe keine Ahnung.”

Marvin: “Kriegt er aber nie!”

Chris: “Ja das ist aber sowas, wo ich immer sage: Das ist albern. Wir sind da sehr auf dem Boden geblieben und brauchen sowas nicht.”

Uli: “Vor allem, die meisten die sowas verlangen, die kommen ja erst eine Stunde vor der Show. Die sitzen dann ja meistens nichtmal im Backstage rum.”

Marvin: “Die nutzen das dann gar nicht.”

Uli: “Wir sind ja oft schon 10 Stunden vorher da. Gerade, wenn wir Tour machen, dann sind wir um 12 an der Location und um 8 oder 9 ist erst das Konzert. Da brauchst du auch was im Backstage. Aber die? Die dann noch weiße Tücher haben wollen und sowas? Die kommen ja dann erst eine halbe Stunde vor der Show.”

Chris: “Das ist albern.”

Uli: “So einen Quatsch braucht kein Mensch.”

Chris: “Das zeigt nur, dass die ihre Popularität ausnutzen wollen und sowas braucht keiner.”

Marvin: “Ja, die werden wunderlicher, je erfolgreicher sie sind”

Chris: “Das können die ja zuhause machen. Ich denk immer, wenn man auf der Tour ist, will man für die Leute ein Konzert geben und der Rest ist nicht so wichtig. Wir haben teilweise ein Backstage wo man denkt “Ach du scheiße”, aber das ist dann halt so”

Marvin: “Vielen Dank für das interessante Interview.”

Gini: “Wir freuen uns auf eure Show.”

Chris: “Bis später!”