GROSSSTADTGEFLÜSTER setzen dem kleinen Freitag das Diadem auf

Wenn wir als Magazin aus unseren musikalisch heimischen Gefilden ausbrechen, dann kann das eigentlich nur eins heißen: Die Band hat sich auf das Schreiben von Ohrwürmern spezialisiert. Genau das ist bei GROSSSTADTGEFLÜSTER der Fall. Seit Wochen lebt die Band mietfrei in den Köpfen der Redaktion und möchte dort auch nicht mehr mehr ausziehen. Da passt es perfekt, dass die “Trips & Ticks”-Tour gerade startet und auch einen Halt in Hannover macht. Mit dabei ist als Support MELE. Also auf auf ins ausverkaufte Capitol, denn so wird man doch bekanntlich Ohrwürmer los, oder?

Nachdem der lange Arbeitstag überstanden ist, versammelt sich das Publikum zunächst nicht vor der Bühne, sondern vor dem Capitol selbst. Ein paar Bier unter Freunden später wird es dann drinnen aber doch voller. Perfekt zum Beginn von MELE, die mit einem überbreiten Grinsen auf die Bühne kommt “Vielen Dank, Hallo” – sagt sie uns nach ihrem ersten Song und kann sich dabei ein Lachen nicht verkneifen. “Ich hab das gestern schon gesagt, das ist so unglaublich, die letzten Jahre nicht ein Konzert und jetzt sind hier so viele Leute, ich hab noch nie vor so vielen Leuten gespielt” sagt sie weiter und muss erneut lachen. “Wir stehen das zusammen durch” – und das tun wir. Das Publikum gibt sich der Musik hin, hört gespannt zu und singt zum Teil mit. Dass MELE aufgeregt ist sieht man ihr etwas an, macht sie aber nur sympathischer. “Was ich übrigens das ganze Konzert über vergessen habe: Ich heiß MELE”, sagt sie selber zum Ende des Konzertes, bevor sie dem Publikum den Text zu “Deine Cousine” beibringt, um diesen zusammen beim letzten Song zu singen. Das klappt erstaunlich gut und stellt zudem den Abschluss des Sets der Künstlerin da.

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Fotos: Cynthia Theisinger

Es dauert nicht lange, da wird er Saal wieder dunkel. Es ertönt ein Countdown der von 10 runterzählt… und dann wieder hoch? Und wieder runter? Irgendwann ertönt dann doch die Null und die drei Musiker kommen auf die Bühne. “Hannover” sagt Sängerin Jen Bender und kann unter dem Jubel ihr eigenes Wort nicht mehr verstehen. “Scheiß die Wand an, hört auf, ich fang gleich an zu Heulen, meine Fresse ich hab euch so vermisst, habt ihr Bock?”, sagt sie schließlich weiter und kann sich die Antwort denken. Egal, ob bei Songs wie “Auf Alles”, “Ende Gelände” oder “Wie Man Feuer Macht”, das Publikum bewegt sich, singt lautstark mit oder tut das, was die Band gerade möchte, wie zum Beispiel schnelles klatschen. “Das ist wie der ZDF Fernsehgarten, nur schneller”,  sagt uns Jen oder auch Keyboarder Raphael Schalz “Wollt ihr, dass ich ein Keyboardsolo spiele? Ich will, dass ihr alle dazu springt”.

Auch wenn Konzerte immer wieder ein gutes Mittel sind, die Welt um einen herum für einen Moment zu vergessen, lassen sich manche Themen einfach nicht vermeiden, das meint so auch Jen. “Ich möchte den Abend genießen, aber ich finde der nächste Song hat noch nie so gut gepasst wie gerade” sagt sie, bevor es mit “Ich Boykottiere Dich” weitergeht, bei dem das Publikum laut mitsingt. Auch nicht vermeiden lässt sich Corona. “Wer schon mal hier bei uns war weiß, dass ich normalerweise viel Scheiß erzähle, aber heute fällt mir echt nichts ein, ich bin zu emotional… Wie ihr vielleicht wisst ist heute ausverkauft, das heißt ihr alle hier habt die Karten schon ewig… Wer musste die suchen? Wer nicht? Scheiße, ihr seid zu erwachsen geworden”, fügt Jen hinzu. Für viele ist es zudem das erste Konzert seit dem Beginn der Pandemie. Eigentlich hätte es allein für diesen Fakt schon die Konfettikanone geben sollen.

Diese gab es dann zu “Feierabend”, der noch lange nicht bedeutet, dass nun Schicht im Schacht ist, auch wenn es sich ein bisschen so anfühlt, wenn das Publikum das altbekannten “Döö dö dödödö” noch lange alleine nachhallt. Auch ist das Publikum heute alles andere als träge, hat sich zwischendurch doch immer mal wieder ein Pit entwickelt. Bei einem erspäht Raphael einen kleinen Unfall und erkundet sich genauer: Es war eine Brille runtergefallen. Nachdem die Nachfrage, ob diese heile geblieben ist, bejaht wurde, verfällt das gesamte Kapitol in barbarischen Applaus und wirft die Hände in die Luft. Beendet wird das Set schließlich mit “Fickt-Euch-Allee”, bei dessen Solo nochmal kurz ein Slash-Pappaufsteller auf die Bühne gebracht wird. Mit einem einfachen “Das war’s schon, Tschüss” schwinden die Musiker anschließend.

Die Zugabe-Rufe setzen direkt ein, den Rest könnt ihr euch denken. Nachschlag gibt es mit “Diadem”, “So Viele Talente” und “Ich Muss Gar Nix”. Es werden nochmal alle Reserven gezündet. Lautes Singen, Springen und nochmal ne ordentliche Ladung Konfetti für alle ist die Folge, bevor es dann leider wirklich vorbei ist. “Dankeschön, wir waren GROSSSTADTGEFLÜSTER und wir haben euch lieb”, verabschiedet uns Jen und wirft uns noch einen Kuss hinterher. So verlassen wir das Capitol – natürlich mit einem Ohrwurm des letzten Songs, “Ich Muss Gar Nix”. Moment. Ohrwurm? Verdammt, den wollten wir doch los werden. Da hilft wohl nur das nächste Konzert…

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Fotos: Cynthia Theisinger