Review: EXTRABREIT – Auf Ex!

Endlich! Nach schier endlosen acht Jahren erschien dieser Tage das neueste Werk der Punkgötter DIE ÄRZTE!
Oh, halt, hier went something wrong…
Ach ja, November, da war was anderes: Die Fressen aussem Pott, besser bekannt als EXTRABREIT, veröffentlichen nach 12 Jahren Stille ihr 13. Studioalbum namens „Auf EX!“
EXTRABREIT? Was`n das?! Ja liebe Kinder, das war so: Es war einmal eine hässliche Stadt am südöstlichen Rand des Ruhrgebietes, in der kurz und heftig die Kreativität überschäumte, bevor sich das Epizentrum der kreativen Szene etwas weiter nach Süden, genauer nach Düsseldorf, verschob. Hier war die Heimat der Humpe Schwestern (Ideal, Humpe & Humpe, Ich & Ich, 2Raumwohnung u.a.), hier startete Nena ihre Karriere (damals noch mit Musik, heute ja eher mit esotherischer Schwurbelei auf dem Weg durch die Klatschspalten der Zeitungen) und auch ein paar Jungs, die einen vom Punk-Hype beeinflussten Pub Rock auf die Beine stellten, brachen hier in ihre wechselhafte Zukunft auf.

Jawohl, EXTRABREIT sind Punk, und zwar so richtig. Musikalisch eher dem Pub Rock a la Cock Sparrer et. zuzuordnen, lassen sie es sich nicht nehmen, diesen mit etlichen anderen Stilistiken zu kombinieren und zu komplettieren. Dieses Rezept funktioniert bereits seit 1978 mehr oder weniger erfolgreich. Also eigentlich mehr erfolgreich. Denn an den industriell gehypten Erfolgstiteln wie „Hurra, die Schule brennt“ und anderen lässt sich diese Band einfach nicht messen. Sie war nie eine NDW- Teenie Party Band, sondern bekam dieses Etikett von außen aufgepappt. Ihre Musik war immer irgendwie anders, rebellisch, teilweise wild, die Texte oft subversiv, lyrisch, aber auch erdig direkt – quasi Proletariatskunst. Man spielte mit Größenwahn (das erste Album hieß bereits „Ihre größten Erfolge“, perfektioniert hat diese Masche die in den ersten Sätzen erwähnte Band), bastelte beklemmende Balladen neben Dancefloor- tauglichen Poppunknummern, bastelte verquere Nummern zum Nachdenken neben Partyhits im Duett mit diversen Größen wie Harald Juhnke, Hildegard Knef und anderen.

In der Szene als Kommerz verschrien, dem Mainstream zu billig und doch stetig präsent in der Musiklandschaft, mit einer Anhängerschaft die groß genug war, das die Band davon leben konnte. Und auch in den letzten 12 Jahren war die Band ja nicht wirklich weg, sie hatte nur kein Album auf den Markt geworfen. Dafür tourten sie regelmäßig und ausgiebig, nebenbei schrieb Sänger Kai Havaii einen Kriminalroman, Drummer Rolf Möller ist als Veranstalter aktiv und Stefan Kleinkrieg macht solo Musik. Nun also ein neues Album und dann auch noch mit direktem Bezug auf die Heimat: „Auf EX!“ enthält nicht nur Songs, die die Heimat Hagen & Ruhrpott thematisieren, es wurde auch im Backyard/ Schallsucht- Studio in Hagen unter Mitwirkung der Produzenten Michael Danielak und Franky Kühnlein aufgenommen. Genug herum geseiert, wir sind ja nicht zum Spaß hier und jünga wer`n wa auch nich, kerlokiste! Lauschen wir doch einfach gemeinsam rein in das Release EXTRABREIT – „Auf EX!“ (moderne Arbeitsteilung: Ich höre rein und schreibe, ihr lest).

 

Los geht es mit der Frage „Warum gibt es eigentlich noch EXTRABREIT?“. „Weil wir noch leben“, ist doch klar! „Die Fressen aus dem Pott“ ist eine ironische Bestandsaufnahme, dargeboten in feinstem Pub Rock, die klar macht, das man immer noch was zu sagen und nicht vor hat, sich still schweigend auf Altenteil zu begeben. Bei „Vorwärts durch die Zeit“ dominiert schon ein wieder ein wenig der Disco Sound, garniert mit einem fies- aufdringlichen Wecker. Während man letzterem gern auf den Kopp kloppen möchte, kann man von dem Song nicht genug bekommen. Die Musik wirkt sehr erwachsen, bietet musikalisch viele Anleihen diverser Rockspielarten und der Text überzeugt mit einer klarer Aussage. „Robotermädchen“ ist schon wieder ganz klar Party Pop Punk mit Hit-Potential. Recht ironisch wird dort die technische Entwicklung aufs Korn genommen. In „Winter“ stecken ewige Wahrheiten, die in letzter Zeit immer häufiger aktuell sind, wieder in straightem Pub Rock verpackt. Die Zeile „Die Welt, wie wir sie kennen – sie wird brennen, bis zur Glut“ fasst es ganz gut zusammen. Während ich diese Zeilen hier Anfang November verfasse, wirkt auch die Zeile „Es wird ein langer kalter Winter, wie es selten war zuvor“ hellseherisch und vor allem bedrohlich. Das Geschehen auf dieser Welt in ein paar Zeilen treffend beschrieben. Nein, hier gibt es weder Parolen, noch avantgardistische Wortakkrobatik, aber dafür einen ehrlichen Text, der auf eine gute Beobachtungsgabe schließen lässt, oder vielleicht doch Teil eine großen Verschwörung (solche Sätze ziehen in dieser Zeit besonders, sagt das Quacksalberhandbuch 2020, Anm. der Redaktion).

Bluesiger Rock`n`Roll folgt mit „Sonderbar“. Eine wunderbare kleine Geschichte um wechselhafte Gemütslagen, Situationen, Gefühle -oder aber auch ganz einfach die Bandgeschichte erzählt in 3 kurzweiligen Minuten. Blues Rock regiert auch in der Lebensanalyse „Gib mir mehr davon“. Es zeigt die Entwicklung der Persönlichkeiten im eigenen Umfeld auf, die im Laufe der Jahre eben so passieren. Mal recht geradlinig, mal bigott, mal auf Abwegen oder gar tragisch, aber immer lebenswert. „Mary Jane“ hat ordentlich Pfeffer! Auf jeden Fall musikalisch, aber offenbar auch die beschriebene Person. Das Teil rockt mal so richtig! Mooooment: gleich danach kommt noch so eine Bombe! „Meine kleine Glock“ ist eine sarkastische Abrechnung mit Waffennarren. In nur knapp 90 Sekunden werden mal ordentlich Ohrfeigen verteilt. Ja, sie können es definitiv noch! „Ganz neuer Tag“, bremst wieder etwas, hat aber nicht weniger Energie. Ein wenig Optimismus tut auch ganz gut, lasst euch mit diesem feinen Track einfach wecken, das dürfte Wunder wirken. Anders sieht das bei „Donnerstag“ aus. „…Wo man hinschaut zerbrochene Träume…“ Diese Zeile bringt es auf den Punkt. Als Hagener (Zuzug) konnte ich die Heimatstadt in dem Text erkennen: Etwas trostlos, immer irgendwie kurz vor dem Abgrund, die Blütezeit schon ganz lange vorbei. Natürlich kann man diesen Text sicher genau so gut auf jede andere Stadt übertragen, insbesondere im Pott, der Bezug ist aber eindeutig. Musikalisch ruhiger Rock, textlich aber tatsächlich sehr bedeckt.

Ähnlich geht es weiter bei „Kein zurück“, thematisiert wird der Verlust einer geliebten Person. Trauriges Thema, eingepackt in einer sehr persönlich vorgetragenen Geschichte, in der sich sehr viele Menschen wiederfinden werden. Sehr angenehm anzuhören, trotz der beklemmenden Stimmung, die im Song „Seine Majestät der Tod“ weitergesponnen wird. Hier gibt es viel Seelenschmerz aufzuarbeiten. Ein bisschen unglücklich vielleicht, diese Stimmung so forciert zum Ende des Albums zu platzieren, aber horchen wir mal weiter, einen ordentlichen Abschlusstrack haben wir ja noch, bevor wir in die Bonusarena aufsteigen. Passenderweise heißt der Rausschmeißer des Albums dann auch „War das schon alles“. Die Frage stellt sich zurecht und zwar in vielerlei Hinsicht. Zum Einen war es bis hierhin ein sehr kurzweiliges Vergnügen und textlich wirklich spannend. Zum Anderen ist das natürlich eine Frage, die sich so mancher im letzten Drittel seiner statistisch vorgesehen Lebenszeit stellt. Und Kai scheint nicht nur für sich selbst, sondern für uns all, diese Frage rotzig laut der Entscheiderinstanz entgegen zu schmettern. Die Nummer passt zu den beiden vorhergehenden, holt einen aber erfolgreich aus der angedrohten Lethargie heraus. Ein würdiger Abschluss für „Auf EX!“.

 

Doch halt, es gibt ja noch eine Zugabe – genauer gesagt drei – davon. Bonus Titel 1 hört auf den theatralischen Namen „Und über uns der Himmel“, und ich meine das gar nicht negativ, denn damit kann man schon beim lesen eine Menge assoziieren. Bekommen tut man, was man erwartet: Eine positiv stimmende Metaphernsammlung. Thematisch ähnlich einzuordnen wie „War das schon alles“, aber sowohl musikalisch, als auch textlich deutlich simpler. Gutes Stück, aber hier im Gesamtwerk zu Recht „nur“ ein Bonustrack. Zumal es es sich hierbei um ein Cover eines uralten Hans Albers Klassikers handelt. Mit diesem Wissen im Hinterkopf wirkt der Track dann doch wieder ganz cool. „Immer wieder Extrabreit“ will es besser machen und zimmert kräftig los. Das Lied ist eine Art Tourtagebuch mit reichlich Selbstbeweihräucherung und hätte in dieser Form gerne in die Nähe von „Sonderbar“ eingeordnet werden dürfen. Klasse Stück, EXTRABREIT in bester Form. Mit „Geiles Teil“ ist dann aber wirklich Schluss. Wir werden mit einer unkeuschen Anmachnummer ins Nichts entlassen. Eine schwülstige Nummer, auf die ich mich schon in einem verschwitzten Club freue (ja, das wird es wieder geben, keine Frage). Kein lyrisches Highlight, aber eine wahre Gute Laune Nummer, die live ganz sicher eine eigene Wirkung entfalten wird.

Fazit

Tja, und nun? Nach nur 16 Titeln schon Schluß?! Immer ruhig mit die jungen Pferdes! Mit einer durchaus üblichen Lauflänge von etwas unter einer Stunde ist “Auf EX!” nicht besonders auffällig, aber satte 16 abwechslungsreiche Stücke in dieser Zeit zu präsentieren, das ist schon eine reife Leistung. Also entlassen wir die Band mal in den verdienten Feierabend und kommen zur Zusammenfassung: Klasse Album! EXTRABREIT bieten auf „Auf Ex!“ eine Menge guten Stoff. Klar, die Band erfindet den Punk nicht neu, tobt und zappelt nicht wie mit dem Taser getroffen. Aber sie bieten guten, qualitativen Rock mit überwiegend sehr guten Texten. Der Sound ist klar, die Spielweise bodenständig und nie, nie niemals bekommen wir 08/15- Altherren Rock!

Was besonders schön ist: Die Texte lassen sich auch sehr gut akustisch verstehen. Kais Vocals sind verdammt gut abgemischt, immer klar erkennbar ohne aufdringlich zu wirken.
Wir erleben eine Gefühlsachterbahn mit Liebe, Trauer und glücklichen Gefühlen. Nichts wirkt künstlich, alles kommt sehr ehrlich und angenehm daher. Es wird nicht reichen, um bei der Jugend ordentlich einzuschlagen und nuschelnde Rapper, deren Stimmen im Studio massivst bearbeitet werden, aus den Charts zu vertreiben. Auch fehlt der große radiotaugliche Hit, aber für Genießer guten erdigen Rocks dürfte dieses Release ein großes Feuerwerk entzünden. Ich würde gerne noch viel mehr hochlobende Phrasen in den Ring werfen, aber zum einen bleib ich lieber bodenständig wie die Band und sage einfach „gut gemacht, Jungs“ und zum anderen habe ich jetzt gar keine Zeit mehr, muss das Album gleich noch mal von vorne hören.

Bewertung: 8 von 10 Punkten

Auf Ex! erscheint am 13.11.2020 über Premium Records / Soulfood.

Fakten

Künstler                  Extrabreit           

Extrabreit
(c) Daniel Pilar

Album                     Auf EX!
Label                       Premium Records /Soulfood
Release Date           13.11.2020
Quellen                   im gut sortierten Musikmedienhandel und auf den einschlägigen Plattformen
Pre-Save-Link         https://backl.ink/142690303

Kontakt

Web                        https://die-breiten.de/
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