Review: NIGHTWISH – Human :||: Nature Part 2: “Nature”

(english version below)

Ein Doppelalbum zu veröffentlichen, war laut Tuomas anfangs eigentlich nicht der Plan gewesen. Er stellte einfach fest, dass das Endergebnis von “Human :||: Nature” mit über 80 Minuten Überlänge hatte und daher wurde das Ganze auf zwei CDs gesplittet. Im Grunde passt diese Teilung aber thematisch sehr gut. Während Disc 1 sich mit dem Menschen in all seinen Eigenarten beschäftigt, widmet sich die zweite Scheibe ganz der Natur und ihren vielen Facetten. Trotzdem darf man nicht den Fehler machen, die beiden Platten einander gegenüberzustellen. Es geht hier nicht um Opposition! Menschen und Natur bilden eine Einheit und ja, manchmal ist es eine Hassliebe, wenn wir wieder einen Teil von ihr verwüsten oder sie ein paar von uns durch entsprechende Katastrophen umbringt. Aber wir Menschen tun gut daran, uns nach wie vor als Teil der Natur zu begreifen. “Human :||: Nature” ist EIN Album, trotz der Splittung. Dass wir zwei Reviews erstellt haben, liegt allein an der schieren Menge an Material, Spalter wollen wir ausdrücklich nicht sein. Die “Nature”-Scheibe selbst enthält ausdrücklich nur EINEN Song namens “All The Works Of Nature Which Adorn The World” in acht Kapiteln. Diese Art der Aufteilung kennen wir schon von Songs wie “The Greatest Show On Earth” und “The Poet And The Pendulum”, die ebenfalls mit üppigen Orchester-Arrangements aufwarteten. Partners in crime waren auch hier wieder das The London Session Orchester und Pip Williams.

Die Reise beginnt mit einer schönen Aussicht

Wir starten mit Kapitel 1 “Vista”, was nichts mit Windows zu tun hat, sondern selbstverständlich das spanische Wort für “Sicht, Perspektive” ist. Eine Frauenstimme intoniert die bekannten Zeilen von Lord Byron: “There is a pleasure in the pathless woods. There is a rapture on the lonely shore. There is society, where none instrudes by the deep sea and music in it’s roar. I love not man the less but nature more.” Zwei der beherrschenden Instrumente des ganzen Albums, das Cello und Geigen, haben auch hier schon ihren Einsatz, ergänzt durch Harfenklänge und wortlosen Chorgesang.
“The Blue” bezieht sich sicherlich auf unsere Ozeane, die auch auf dem Vorgängeralbum schon eine wichtige Rolle spielten. Das wunderschön gespielte Cello steht hier im Mittelpunkt und spielt eine Melodiefolge, die sich als roter Faden durch das ganze Album ziehen wird. “The Blue” knüpft nahtlos an “Vista” an, allerdings erzeugen die Trommeln hier einen anderen Ryhthmus. Die Majestätik der Weltmeere wird in dem Song eindrucksvoll in Szene gesetzt und man sieht vor seinem geistigen Auge Wale und ganze Fischschwärme vorbeiziehen. Das Lied endet mit Wellenrauschen und den Lauten von Tieren.
Wir verlassen die feuchten Gefilde und wechseln in die Wälder des Landes mit “The Green”. Klavier, Harfe und Streichinstrumente erwarten uns schon und begleiten uns auf einer Wanderung unter den stillen Riesen, neu hinzu kommt hier die Flöte. Weite, grüne Flächen und endlose Wälder wie sie zum Beispiel in Tolkiens Auenland zu finden sind, werden im Geiste erschaffen und verfliegen wieder, während wir den sanften Klängen lauschen, die ab Minute 03:30 etwas im Tempo anziehen. Bei Kapitel 3 “Moors” kommen Troys Uillean Pipes wieder zum Einsatz und wir fliegen von den Wäldern weg in die schottischen Hochmoore. Der Mittelteil überrascht uns dann mit einem Wechsel hin zu dunklen Kontrabass-Klängen und Trommeln, die Geigen hingegen erzeugen einen hohen, leicht schrillen Klang, der einen geistig aufrüttelt. Vielleicht soll das dem Charakter des Moores die inhärente Gefahr hinzufügen, die der unsichere Boden nun einmal mit sich bringt. Aber schon setzen die beruhigenden Pipes wieder ein. Die epische Grundstimmung reißt durch den beständigen Chorgesang im Hintergrund nie ab.

Sanftes Licht – aber kräftiger Sound!

“Aurorae” beginnt wie wir uns das beim Titel denken mit Harfenklang, der gut zur Morgendämmerung oder auch Polarlichtern passt, überrascht uns dann aber im Mittelteil. Hier kommt erstmals eine “Ghost Love Score”-Stimmung auf, da Posaunen ertönen und eine flotte bläserlastige Passage uns mitreißt. Der Song ist mit 02:08 etwas kurz gehalten und klingt so aus, wie er begann: Mit Harfentönen und einem schmerzhaft hohen Geigenton. Genial! Da hätte ich mir mehr von gewünscht. Doch Kapitel sechs “Quiet As The Snow” kann den Bombast natürlich nicht fortführen. Dunkle Klaviernoten werden hier von mehreren flüsternden Stimmen begleitet. Was sie sagen, kann ich nicht wirklich verstehen, möglicherweise handelt es sich um Albanisch, ein Online-Übersetzer spuckte Sachen wie “Er hat uns verlassen” aus. Aber konzentrieren wir uns stattdessen wieder auf die Musik. Unsere alten Freunde Geige und Harfe führen uns durch eine verschneite Landschaft. Ein weiterer Song zum Träumen und kein bisschen “kalt”, trotz des Titels. Nahe am Ende des Albums kommen wir nun zu einem Kapitel namens “Anthroposcene”. Das namensgebende Anthropozän ist ein wissenschaftlicher Vorschlag, einen Teil unseres gegenwärtigen Erdzeitalters neu zu benennen, um dem Einfluss der Menschheit auf die geologischen Gegebenheiten Rechnung zu tragen. Gemeinhin wird unser Zeitalter als Holozän bezeichnet, dieses begann aber schon viele tausend Jahre vor Christi Geburt und fokussiert sich auf die Veränderung der Bedingungen auf der Erde an sich, ohne den Menschen in den Fokus zu nehmen, während das Anthropozän gerne den Teil der Erdgeschichte abspalten möchte, in dem der Mensch die Erde nachhaltig beeinflusst hat, also ca. ab der Industrialisierung. Musikalisch gesehen blicken wir zunächst wieder auf weite, gleichförmige Flächen von Streicherklang, aber ab der Mitte de Songs kommt plötzlich der Turning Point zu einem schnellen, von Saitenzupfen geprägten Rhythmus. Vielleicht soll hier die Veränderung des Menschen auf die Natur intoniert werden. Doch das Streicherthema vom Anfang drängt sich wieder dazwischen.
Zuletzt wenden wir uns den Sternen zu und lauschen einer erhabenen Oboe sowie dem Piano. Hier hören wir wieder wie schon zu Beginn die Sprecherin Geraldine Jones, die aus Carl Sagan’s “Pale Blue Dot” zitiert und uns in Erinnerung ruft, dass diese Erde unsere einzige Heimat ist und alle, die wir je gekannt haben, dort gelebt haben und noch immer leben. Die Einheit von Erde und Mensch wird beschworen und somit auch unsere Verantwortung füreinander. “Ad Astra” weist nach dem Sprachsample einen schnellen, mitreißenden Rhythmus auf und beschwört die Erhabenheit der Sterne herauf. Allerdings haben wir es hier mit einer Doppelbedeutung zu tun, denn der Titel bezeichnet auch die Eigenheit und Fähigkeit der Menschen, sich hohe Ziele zu setzen und diese auch zu erreichen. Der “Griff nach den Sternen” könnte uns alle darauf einschwören, die Natur gemeinsam zu bewahren und uns dieses höchste aller Ziele beherzt zu setzen.

Fazit

“All The Works Of Nature Which Adorn The World” ist ein monumentales Epos in acht Kapiteln, die alle verschiedenen Aspekten der Natur gewidmet sind und doch letztendlich alle ein einheitliches Bild von Mutter Erde zeichnen: Das Bild der Schönheit, der Erhabenheit und des Zweiklangs aus Mächtigkeit auf der einen und Verletzlichkeit auf der anderen Seite. Der Unterschied zu anderen orchestralen Ergüssen von NIGHTWISH aus der Vergangenheit ist der, dass weniger auf Bombast mit Posaunen und Co. gesetzt wird, sondern die Charakteristik entspricht mehr den ruhigeren Teilen von “The Greatest Show On Earth”. Es handelt sich um ein Stimmungsbild, dessen Grundton Frieden und Ruhe ist. Welch wertvolles Geschenk für die Menschheit, die von Stress beherrscht wird und Fortschritt und Lärm als goldene Kälber verehrt. Scheibe zwei “Nature” ist eine Liebeserklärung an unseren Planeten, in die wir alle mit einstimmen können. Ich für meinen Teil hätte mich gerne in den Chor eingereiht.

Eine eigenständige Bewertung wäre nicht zielführend, wir müssen hier der Einheit von “Human :||: Nature” Rechnung tragen und hätte Part 1 nicht schon alle Kriterien für die Bestnote erfüllt gehabt, dann wäre es spätestens jetzt so weit:

Gesamtwertung: 10/10




(english version)

To release a double album was not the plan, regarding to Tuomas Holopainen. He just realized, that the complete material had reached a length of more than eighty minutes and that was the reason, “Human :||: Nature” got split up into two CDs. However, this separation fitted anyway. While disc one dealed with mankind with all its mannerisms, the second disc concentrates on nature and its facettes. But please notice: There mustn’t be any opposition between the two parts of this opus! Mankind and nature are one unity! Alright, sometimes there is kind of love-hate between these two, after we might have destroyed another part of nature or it has killed a few of us during a catastrophe. But we should feel as a part of nature anyway . This album is a unity as well, nevertheless it got split up. So the reason for making two reviews is just that there was a ton of material, we don’t want to be Splitters. The “Nature”-disc contains just one big song called “All The Works Of Nature Which Adorn The World”, in eight chapters. This kind of segmentation we know already from songs like “The Poet And The Pendulum” or “The Greatest Show On Earth”, which included mighty orchestral arrangements, too. Partners in crime are again The London Session Orchestra and Master Pip Williams.

The journey starts with a fine view

We start with chapter 1 “Vista”, which has nothing to do with Windows, but is just the spanish word for “view, perspective”. A woman’s voice (speaker is Geraldine Jones) intonates the famous lines of Lord Byron: “”There is a pleasure in the pathless woods. There is a rapture on the lonely shore. There is society, where none intrudes by the deep sea and music in it’s roar. I love not man the less but nature more.” Two of the most important instruments of the entire album, Cello and violin are called into action here, supplemented with harp sounds and wordless choire vocals. “The Blue” referres to our oceans for sure, they were an important topic at the previous album, too, remember? The wonderful played cello is in the focus here and is intonating a music theme, which can be called a guiding track throughout the whole disc. “The Blue” does seemless tie on “Vista”, but the drums are creating a different rhythm. The majesty of the oceans is staged here and you can easyly imagine whales and shoals of fish passing. The song finishes with sound of waves and animals.
At next we leave the wet realms and switch to the forrests in “The Green”. Piano, harp and bowed instruments await and guide us on a trip in the shadows of big trees, new at the spot is the flute. Wide, green surfaces and endless woods as you can find e.g. in Tolkiens Shire are created in our imagination and fade away while we’re listenig to the soft sounds, lightly increasing velocity at minute 3:30. In chapter three “Moors” Troy’s Uillean Pipes are back again and we fly away from the woods to the scottish hill moors. The midpart surprises us with turning to dark bass sounds and drums, while the violines switch to a high, strident sound, which startles our mind. Maybe this should show the inherent danger, which is charakteristic for moors because of the unstable ground. But the calming pipes are back quickly. There is an epic basic mood established during the entire song, caused by the sustained choires in the back.

Peaceful lights – but powerful sounds

“Aurorae” begins as we guess from the title with harps fitting to the dawn and lights topic, but there’s a twist in the midpart. Attention! For the first time on “Human :||: Nature” a “Ghost Love Score”-mood breaks through, because of the appearing trombones and a fast horn section dominated part blows us way. Unfortunately the song only lasts 2.08 minutes and ends as it began: With harp sounds and a painly high pitch violine tone. Fantastic! More of this would be highly appreciated! But chapter six is called “Quiet As The Snow”, which means, the bombast cannot be continued. Dark piano notes are accompanied here with whispering voices. What they say cannot be understood by me. I guess it’s albanian, an online translator gave me results as “He has left us”. But let’s focus on the music again. Our old friends violin and harp lead us through a snowy landscape. Another song made for dreaming and not a jot cold, despite the title. Near the end of the album we come to a chapter called “Anthroposcene”. The eponymous geological era Anthroposcene is a suggestion of scientists to redefine a part of our current era to have regard to mankind’s influence on the geological circumstances. Commonly our era is called Holoscene but this era started lots of thousands of years before Christ and does focus on changes in the circumstances on earth generally, while the Anthroposcene would like to separate the part of Earth’s history which is highly influenced by humans, e.g. since industrilisation. At the side of music we get to see wide, steady areas of string sounds. But it’s the midpart again where we can witness a turning point towards fast rhythm, dominated by plucking strings. Probably this should imitate the changes that mankind’s presence was causing in nature. But the mentioned string main theme is showing up again after that.

At last we turn to the topic “stars” and listen to a grand oboe and piano sound. Again we hear the speaker Geraldine Jones, this time she’s reciting passages out of Carl Sagan’s “Pale Blue Dot”, reminding us that earth is our one and only home and all people, we had ever known or know today were living there or live still there. The unity of earth and human is commited here and so is our responsibilty for each other. “Ad Astra” contains a fast, thrilling rhythm after the speech sample and is conjuring the grandeur of the stars. But notice the double meaning: The title also referres to the mannerism and ability of mankind to set their sights high and to reach high goales. The reaching for the stars could advise us, to conserve our nature all together and to set that as our most important goal.

Conclusion

“All The Works Of Nature Which Adorn The World” is a monolithic epos in eight chapters, which are devoted to different aspects of Mother Earth, but are all drawing one common image: An image of beauty, of grandeur and of the dyad of might on the one and vulnerability on the other side. The difference to other orchestral songs of NIGHTWISH in the past is the reduced bombast with less trombones etc. It remindes us at the more calm chapters of “The Greatest Show On Earth” instead. We get an atmospheric picture here, whose main mood is peace and harmony. What a precious gift for us in a time, where stress is reigning everywhere and humans are whorshipping progress and fuss as golden calfs. Disc two “nature” is a love letter to our planet we can all agree with. I would have joined the choire with pleause.

An autonomous rating for disc 2 would not maky any sense, we have to save the unity of “Human :||: Nature” in its entirety. If part 1 would’nt even have fullfilled the criteria for getting top rated, it would result in the best rating now.

Rating Full Album: 10/10