Review: SERUM 114 – Im Zeichen der Zeit

Die Frankfurter Wunderkinder SERUM 114 melden sich zurück. Die Band, die 2006 in Mainhattan gegründet wurde, wird ab dem 18.09.2020 ihr sechstes Album „Im Zeichen der Zeit“ an das rebellische Volk bringen. Die 4 Musiker ordnen sich recht deutlich dem Punk zu, bestellen diesen Acker aber mit ganz neuen Pflänzchen. Stilistisch ist man dem kraftvollen Deutschrock näher, als den berüchtigten „3 Akkord Artisten“, vergleichbar mit Bands wie BETONTOD. Allerdings deutlich rauer. Und härter…. Quasi „real Backstreet Boys“. So rau wie die Musik sind oft auch die Texte, wobei Christian „Esche“ Eschweiler durchaus zu Bildmalerischer Lyrik in der Lage ist. Thematisch ist es immer irgendwie das Leben, mit allen Höhen und Tiefen, ein bloßes „wir gegen alle anderen“ reicht ihnen nicht aus. Und das scheint auch das Rezept ihres Erfolges zu sein. Für eine so junge Band, aktiv in einem so abseitigen Gengre, hat sie schon wahnsinnig große Charterfolge gefeiert. Wenn das nicht für eine ordentliche Street Credibility reicht, …!?
Nun also ein neuer Longplayer, weiterhin mit Napalm Records als großem und verlässlichem Partner im Rücken. Wurde auch Zeit, mag mancher denken, liegt das letzte Album nun schon 4 Jahre zurück. Allerdings war die Band ja nicht untätig, sondern hat getourt auf Teufel komm raus. Nun ist dies ja bekannterweise so nicht mehr möglich, somit hat die Krise auch Vorteile, was die Studioarbeit betrifft. Ihr merkt schon, hier wird sich von Rezensenten die Situation schön geredet. Egal, zurück zur Musik. Wir hören mal durch:

Los geht es sofort mit einer Ansage! „Abgefucktes Leben“ gibt eine kraftvolle Personenbeschreibung zum Sänger Esche zum Besten. Kann man sehen und deuten wie man will, es wirkt auf jeden Fall persönlich, ehrlich und irgendwie sympathisch. Und es gibt die Richtung vor. „Freiheit“ dürften die meisten bereits kennen, wurde es doch bereits als Single im Frühjahr vorgestellt, um das dieses Album anzukündigen. Man könnte es als Liebeslied ansehen, aber deutet es selbst:

Und auch der folgende Song ist wieder typisch für dieses Gengre: „Punk Rock Show“ ist so eine Art Selbstbeschreibung. Und wohl auch so ein bisschen bissige Abrechnung mit den Automatismen in diesem Segment. Auch für Punks gilt letztlich „Business as usual“, wobei das nicht einmal böse gemeint ist. Wer in dieser Szene unterwegs ist, der ist es im vollen Bewusstsein (wobei dies eher eine Metapher ist, so manch einer ist genau das nämlich eher nicht, ha ha). Der Titel knallt mit einer Urgewalt aus den Boxen, ein Song für den Pit, definitiv. „Zuhause ist schön“, wir im Ruhrpott würden eher sagen „woanders ist auch scheiße“, ist eine Liebeserklärung an die Heimat und den dort ansässigen Kreis von Freunden, Verwandten und Bekannten. Wunderbar, irgendwie kommen wir wohl alle zum selben Schluss. „Ein Teil“ rechnet auf deutliche Weise mit einer gescheiterten Beziehung ab, trauern ist nicht vorgesehen, eher geht es hier in die entgegengesetzte Richtung. Ein Song, der durch seine Arrangements und der Power extrem gefällt. Stilistisch geht „Zeichen“ in die gleiche Richtung, die chorale Unterstützung in den Refrains ist schon so ein bisschen geil, eine echte High Power Hymne! Sind dies die „Zeichen der Zeit“? Es wäre zu hoffen, denn das reißt auch den Letzten aus der Lethargie. „Wir scheitern voran“ beginnt ganz elegant mit reiner Akkustikgitarre, wird ab und an begleitet von Streichinstrumenten, bevor sich die Instrumentalisierung ab Strophe 2 langsam aufbaut. Es ist eine wunderbare Beschreibung dessen, was man allgemein als „Leben“ bezeichnet. Sehr treffend formuliert und musikalisch echt spannend vertont, sind diese Lyrics schon wahnsinnig schön traurig. Die absolute Empfehlung auf diesem Album, ein Lied für Playlisten der Streamer auf diesem Planeten, passt einfach immer und auf jeden. Es folgt eine weitere Aufarbeitung einer Trennung: „Jeden Tag jede Nacht“ befasst sich mit der Zerrissenheit und dem Gefühlschaos der wohl meisten Verlassenen. Auch in diesem Fall ist keine Trauerhymne in Moll draus geworden, sondern ein kraftvoller Rocksong, direkt auf den Punk.

„Meine Band“ ist schon eine sehr ironische Selbstbeschreibung von SERUM 114. Witzig, da man vermutlich immer dieses Lied im Kopf haben wird, wenn ein Musiker seine Mitstreiter mit diesen Worten vorstellt. Auch hier frontal auf die 12. Im Gegensatz zu „Nein“, das ein sehr ausgefeilter Rocksong mit jazzigem Piano und einigen Breaks ist. Diese Band beherrscht ihre Instrumente auf jeden Fall und haucht dem Gengre mit Songs wie diesem den hochdotierten Begriff „Kunst“ ins Ohr. Zum Inhalt muss gar nicht viel geschrieben werden, der Name ist Programm. Mit „Biest“ zeigt man, das auch Hardrock nicht an einem vorbei gegangen ist. Ein Lied für die großen Festivalbühnen, diese Hommage an den eigenen „Tiger im Tank“, der einen auch gern mit Vollgas in die Selbstzerstörung treibt. Sieh nur nach vorn und nie zurück, das könnte das Motto bei „Was kann der Mond dafür“ sein. Trauere nicht, lass dich nicht hängen, suche die Schuld nicht bei anderen, sondern entwickle dich und lebe! Eine lautstarke Ohrfeige für alle, die im Selbstmitleid versinken, um sie aus eben jenem heraus zu schreien.
Zum ersten Mal wird es ruhiger und tatsächlich traurig. „Zeit steh still“ trauert verlorenen Momenten nach, vergangenen Situationen, Beziehungen… Inhaltlich hätte dieses Lied also eher vor „Was kann der Mond dafür“ gepasst. Natürlich versinkt hier niemand völlig in Selbstmitleid, spätestens die Refrains zerren einen an den Ohren wieder raus. Im Finale erfahren wir den Grund für die vorgenannten Lieder über Trennungen. Denn in „Unzerbrechlich“ wird „diese eine“ Frau und die Beziehung bis hin zu deren Scheitern besungen. Wunderbare „leise/Laut“- Stilistik, die schon bei großen Künstlern wie Nirvana („Smells like Teen Spirit“) und Radiohead („Creep“) nachweislich funktioniert hat. Ein Song fürs Radio, so sich die Sender hier denn ran trauen. Eine Hymne.

(c) Christian Eschweiler

Fazit

Mit „Im Zeichen der Zeit“ haben SERUM 114 ordentlich abgeliefert. Der Sound ist klar als Bandtypisch definiert, jedoch wieder deutlich straighter. Und die Frankfurter bleiben Grenzgänger in den Genres Punk und Deutschrock, mit jeder Menge Selbstbewusstsein im Gepäck. Es zeigt bei einigen Titeln die Fähigkeiten der Band und präsentiert ein paar stilistische Kniffe, bleibt aber immer der wuchtig rockigen Spur treu. Das wäre vielleicht das einzige Manko: es klingt nach SERUM 114. Wirklich überraschen tut dieses Album nicht, aber es verschreckt eben auch nicht. Und bevor jemand diese Sätze falsch deutet: nein, Langweilig ist diese Veröffentlichung definitiv nicht. Ein neuerlicher Charteinstieg kann recht sicher vorhergesagt werden. Einziges Problem dabei ist, das es ganz sicher nicht fürs relaxte Genießen im Ohrensessel taugt. Das ist Musik für die Straße, für Konzerte in stickigen Clubs und auf ganz großen Festivals, und genau die ….. anderes trauriges Thema.

Bewertung: 8/10

Tracklist:

01 Abgefucktes Leben   
02 Freiheit         
03 Punk Rock Show      
04 Zuhause ist schön     
05 Ein Teil          
06 Zeichen         
07 Wir scheitern voran 
08 Jeden Tag Jede Nacht
09 Meine Band
10 Nein
11 Biest              
12 Was kann der Mond dafür
13 Zeit steh still
14 Unzerbrechlich

Details:

Artist:                   Serum 114
Album:                 Im Zeichen der Zeit
Label:                   Junge dein Label/ Napalm Records
Release Date:      18.09.2020
Media:                 CD im Digipak, diverse colorierte Vinyl- Ausgaben und eine spezielle Fanbox (Earbook mit 4 CDs)

Tourdaten

17.09.20 DE – Gelsenkirchen / Circus Probst

2021 mit  Drunken Swallows & BIEST
11.02.21 DE – Essen / Turock
12.02.21 DE – Leipzig / Hellraiser
13.02.21 DE – Nürnberg / Hirsch
18.02.21 DE – Saarbrücken / Garage
19.02.21 DE – Hamburg / Docks
20.02.21 DE – Frankfurt / Batschkapp
25.02.21 DE – Stuttgart / LKA Longhorn
26.02.21 DE – München / Technikum, Tonhalle
27.02.21 CH – Pratteln / Z7