Review: DRITTE WAHL – 3D

Es ist so weit: die Band, die in Sachen Punk mittlerweile dritte, ähm sorry, erste Wahl ist, präsentiert ihr neuestes Werk. Am 18.09.2020 erscheint DRITTE WAHL – 3D. Damit bleibt sich die Band treu und verwendet Albumtitel im “Corporate Identity-” Design. Das hat bei den Jungs aus der schönsten Stadt an der deutschen Ostseeküste Tradition. Eigentlich hat sich in den 32 Jahren Bandgeschichte gar nicht so viel geändert. Es war immer schon straighter Deutschpunk mit Einflüssen aus dem Metal und dem Hardcore. Etwas schwierig war der Krebstod von Busch`n im Jahre 2005, aber Aufgeben war einfach keine Option und so schwingt Marko Buschs Geist noch immer in jedem Song mit. Und doch gibt es eine kleine Veränderung: War die Band seit 1991 ein Trio (Stefan Ladweg  nahm den Platz am Instrument von Busch`n ein), so sind sie mittlerweile wieder ein Quartett, wie schon zur Gründung.

Nun stellen sich 2 Fragen, nämlich, ob sich dadurch der Sound der Band verändert? Nein, der Studiosound war immer schon sehr fett und in der Spielweise ändert sich nichts, außer das tatsächlich ab und an ein Keyboard aus den Lautsprechern grüßt. Live eröffnet dies Konstellation natürlich ganz neue Möglichkeiten, den hochenergetischen Eindruck von den Tonträgern auf die Bühne zu hieven. Ist da nun gut oder schlecht? Ja, genau das ist es. Wer vorher mit schweren Gitarren und hohem Tempo, gepaart mit direkter deutscher Lyrik nichts anfangen konnte, wird auch jetzt seine Meinung nicht ändern. Die Klientel, die bisher auf die Musik der Band abgefeiert hat, wird dies ganz sicher auch zukünftig tun. Das oben erwähnte Keyboard ist nämlich so dezent platziert, dass es dem Gedanken des simplen „real Punk“ nicht in die Quere kommt, dazu aber später mehr. Nun sitze ich hier, Anlage auf Nachbarschaftstaugliche 15% Leistung getrimmt und lasse mich beschallen von den neuesten Ergüssen. Nun ja, zumindest habe ich so angefangen, ist ja noch früh, 7 Uhr am Samstagmorgen. 10 Minuten später ist die Zurückhaltung der Verzückung gewichen und die Anlage gibt nun alles. Und das mit dem Sitzen klappt auch nur bedingt, konntet ihr euch sicher schon denken. Ist schließlich kein Altherren- Rock, der hier präsentiert wird, sondern immer noch sehr frischer und knallharter Punk! Natürlich lasse ich euch dennoch visuell an meinem Vergnügen teilhaben, bevor ihr dieses Release mit eigenen Ohren genießen könnt.

„Ikarus“ eröffnet das Album mit einer Metapher: „wer hoch steigt, kann tief fallen (oder verbrennt sich die Flügel)“. Der Song enthält gleich mehrfach Kritiken, wie der Sensationsgier der Menschen, den Medien und der Politik. Anhören, nachdenken, Zustimmung. Das ist klassischer Punk, ohne Wenn und Aber. Direkt an Julian (Assange; Anm. der Redaktion) gerichtet, lässt sich die Zahl der Adressaten aber unendlich erweitern. Ein Glockenspiel eröffnet „Was zur Hölle“ und gleichzeitig den Pit zum Pogo. Und es passt wunderbar in diese Zeit. „Was zur Hölle ist denn bloß mit dieser Welt passiert…“?! Das absolute Bühnenstück, die Herren haben es noch drauf.

Bei „Abends halb Zehn“ zeigt sich zum ersten Mal das Alter der Musiker: im Mittelpunkt der Lyrics steht ein Buch. Ein Buch! Nix Smartphone, Tablet, e-Book- Reader. Nein, ein echtes Buch aus Papier, Tinte und so! Boah Jung, seid ihr wirklich schon so alt, dass ihr das noch kennt? Spaß beiseite, natürlich geht es auch hier um Metaphern, die die Flucht aus der grauen und drückenden Realität beschreiben sollen. Und es funktioniert, hier dürfte sich so ziemlich jeder wiederfinden. Wunderbares Stück mit einem wirklich gutem Text. Sehr beklemmend wird es bei „Brennt alles nieder“, denn hier wird ein Terrorakt sehr intensiv und ergreifend beschrieben, natürlich nicht, ohne ein paar Erkenntnisse über die Ursachen solcher Akte mit dem Hörer zu teilen. Auch hier wieder zeigt sich wieder die Qualität der Band. Bei DRITTE WAHL ging es nie um simple Parolen wie „ACAB“, „Steine auf Bullenschweine“ oder „Scheiß Staat“. Immer schon hat man sich mit politischen und auch alltäglichen Dingen und Situationen intensiv auseinander gesetzt und die Ergebnisse des Denkprozesses in treffenden Beschreibungen klar und direkt niedergeschrieben, ganz ohne studentisches Elitendeutsch und erhobenen Zeigefinger. Und trotz der direkten Aussagen lässt es Spielraum für Interpretationen. Gerichtet gegen rechten Terror, ließe sich dieses Szenario auch (ohne wilde Meute vor der Tür) auf Islamisten etc. übertragen. Alles möglich, die Ursache ist nämlich oft dieselbe.

„Warm anziehen“ widerspricht der vorgenannten Erläuterung natürlich gleich wieder, vermutlich nur, um mich Lüge zu strafen. Ich wittere da eine Verschwörung! Dieser Song ist das Gegenteil von direkt. Der Refrain eignet sich als gesellschaftliche Analyse, die Strophen lassen aber extrem viel Spielraum zur Interpretation. Ob wir alle auch nur annähernd das heraushören, was Gunnar uns da eigentlich sagen wollte? Musikalisch wird es hier wieder interessanter, da das Arrangement die Hook bewusst unrund werden lässt. Ein kleiner Kniff mit ganz viel Wirkung. Ähnlich verhält es sich mit „Fabelhafte Voraussetzung“, das recht unrund und kantig wirkt und generell eine wilde Mischung aus Punk, Hardcore Punk, Deutschrock und Hardrock zusammenbraut. Textlich sind wir wieder ganz aktuell. Zwar geht es nicht direkt um Corona, aber dank dieser Pandemie kann jeder tagtäglich genau das beobachten, was die Band hier beschreibt. „Fabelhafte Voraussetzungen für eine beschissene Situation“, es geht zurück in längt vergessen geglaubte dunkle Zeiten. Damit möchte ich Strassen und Plätze beschallen, um den Leuten mit der Keule beim „selbst Denken“ zu helfen! Coole Sache, das!

Hach ja, da ist es passiert, der Rezensent hat sich schockverliebt (sitzt achselzuckend vor dem PC und denkt, er wäre lustig; Anmerkung der Redaktion)! „Zur See“ ist ein Lied für alle Menschenhasser, Misanthropen und generell Menschen, die am Leben scheitern und vertane Chancen bereuen. So traurig, so schön…

Die Stimmung bleibt moll(ig), denn auch „Alles Nur Chemie“ ist eine „Loserhymne“, dieses Mal in Sachen Liebe. Wunderbarer Text, herrlich traurige Grundstimmung. „3D“ klingt schon recht ungewöhnlich für DRITTE WAHL, deutlich weniger straightes Arrangement. Textlich wird auch hier das Thema Liebe verarbeitet, aber seht, äh, hört doch selbst. Wenn ich jetzt wieder „toller Text“ schreibe, bekomme ich ne Abmahnung… Track 10 ist betitelt mit „Schöne Frau mit Geld“, folgt musikalisch dem Vorgänger und steckt voller stilistischer Zitate. Man könnte jetzt wieder was vom Thema Liebe schreiben, würde aber ein sehr weit gefasstes Verständnis dieses Begriffes voraussetzen. Eigentlich bitterböse, aber mit herrlich norddeutschem Humor und einer ganz ganz großen Portion Ironie wunderbar entzerrt. Partyhit! „Ohne mich“ inhaltlich an „Zur See“, aber ganz anders präsentiert. Hätte auch „dagegen“ heißen können. Herrlich viel Ironie bis hin zum Sarkasmus. Der kommende Nummer 1 Hit, zur Not in einer extra zu erschaffenden Charts. Danach kommt der kleine Denkanstoß in Sachen Kaufverhalten der Deutschen, herrlich ruhig vorgetragen. Kein Krawall, keine Hau drauf- Lektüre, “Elektro Merten” ist geradezu Mitgefühl erregend. Erregend ist auch „Zusammen“, wohl aber eher im negativen Sinne für manche aus der Szene. Hier wird mit bitterböser Ironie in einem furchtbar unterirdischem Text so manch ein einer der Straight Edge Hardcore oder wahlweise auch der Deutschrock Fraktion vorgeführt. Erste völlig humorbefreite Diskussionen zu diesem Lied sind nach Veröffentlichung des Videos dazu schon durch Facebook gerollt. Herrrrrrlisch! Überhaupt fällt auf, das deutlich mehr Humor in den Lyrics landet, als es in den letzten Jahren der Fall war. „Wenn ich groß bin“ lässt sich auch mehrfach interpretieren. Im Prinzip ist es auch wieder ein Lied über all die stets vertagten Träume und Pläne fürs Leben. Betrachtet wird auch dies mit einer ordentlichen Portion Ironie und Gunnar nimmt sich ordentlich selbst aufs Korn. Somit bleibt nach diesem letzten Song nicht der bei Punkrock Alben oft übliche Groll auf Alles und Jeden zurück, sondern eine gelöste Stimmung mit fettem Grinsen im Gesicht.

 

Fazit:

Chapeau Jungs, Punkt Satz und Sieg. Die Kontonummer für den versprochenen 5stelligen Geldbetrag für diese super positive Rezi geht euch umgehend noch einmal per PM zu.
Spatz beiseite, 3D ist grandios. Es ist recht überraschend, wenn man es mit den Vorgängern vergleicht, aber klar erkennbar DRITTE WAHL. Offenbar will sich niemand aus der Band irgendwann mal vorwerfen lassen, alles nur auf die Zeit „wenn ich groß bin“ verschoben zu haben. Es finden Entwicklungen statt, Lyrics werden ironischer, mehr Mitsingelemente aus dem Deutschrock, mehr Abwechslung. Stillstand gleich Rückschritt, das scheint die Erkenntnis der Band zu sein. Und dennoch dürfte sich niemand aus der großen Fanschar vor den Kopf gestoßen fühlen, da sich die Band nicht komplett neu erfindet oder brachial bei anderen Styles anbiedert.
3D ist weiterhin „nur“ Punk, und nicht etwa eine Oper in unzähligen Akten, aber eben frischer und intelligenter Punk.
Somit eine klare Kaufempfehlung, auch für Fans schneller und rockiger Musik inklusive deutscher Texte. Wer weiß, eventuell ist die Chartplatzierung des Vorgängeralbums (Platz 12 der Albumcharts) noch zu toppen?

Bewertung: 10 von 10 Punkten

3D erscheint am 19.09.2020 über Dritte Wahl Records.

Tracklist:

  1. Ikarus                                                                 
  2. Was zur Hölle
  3. Abends halb zehn
  4. Brennt alles nieder
  5. Warm anziehen
  6. Fabelhafte Voraussetzung
  7. Zur See
  8. Alles nur Chemie
  9. 3D
  10. Schöne Frau mit Geld
  11. Ohne mich
  12. Elektro Merten
  13. Zusammen
  14. Wenn ich gross bin