Review: VILLAGERS OF IOANNINA CITY – “Age Of Aquarius”

Ioannina, eine Stadt in der griechischen Region Epirus, ist gemeinhin nicht für hart rockende Klänge bekannt. Durch die pragmatisch benannten VILLAGERS OF IOANNINA CITY dürfte sich dies alsbald erledigt haben, denn mit “Age Of Aquarius” hat der Hellas-Fünfer eine reelle Chance, sich aus dem Nichts zu den Sternen zu katapultieren!  

“Age Of Aquarius” – dieser Begriff weckt Assoziationen zu Hippies, New-Age-Bewegung, Blumenkindern und kosmisch angehauchter 60er-Jahre-Esoterik, nicht zu vergessen dem legendären Musical “Hair”. Hat hier etwa das in den letzten Monaten durch ein großartiges Signing nach dem anderen glänzende Napalm-Records-A&R-Team sich einen Trip im mehrfachen Sinne gegönnt? Nach mehreren Hördurchgängen kann man sagen: Die Antwort liegt irgendwo in der Mitte. 

Wo man beim schlicht “Welcome” betitelten und nur mit Gitarre und Gesang einleitenden Opener noch Vermutungen in Richtung bis zum Exzess ausgelebtem Minimalismus’ Pragmatismus’ auf Seiten der Musiker anstellen könnte, wird mit dem fast 9-minütigen Titeltrack, in den dieser überleitet, ein vollkommen anderes Bild gezeichnet. Die Dorfbewohner nehmen sich Zeit, große Klangbilder aufzubauen, mit Schnörkeln und Verzierungen auszustatten und immer wieder durch Überraschungen irgendwo im Fahrwasser zwischen modern produziertem, krautigen Progrock mit fetter Stoner-Kante, Doom Metal und dem Xena: Warrior Princess-Soundtrack zu glänzen. 

Letzteres Element macht dann auch eines der absoluten Alleinstellungsmerkmale der Band aus: so ziemlich jedes traditionelle, im griechischen Raum verbreitete (Blas-)Instrument wurde irgendwie in dieses Album integriert, mit Kostantis und Kostas sind sogar gleich 2 Bandmitglieder nur für diese Sounds zuständig. Schwer überrascht und relaxt kann man mit “Part V” die eingeschlagene Linie weiter durchhören, zwischen stampfenden Galeerensklavendrums, einer dominanten Orgel, wabernd-fuzzenden Gitarren und Alex’ eindringlichen Vocals werden klangliche Parallelen zu Porcupine Trees genialem 2007er-Album “Fear Of A Blank Planet” offenbar, die einen derart fesseln, dass die 10 Minuten dieses längsten Songs auf dem Album in Windeseile verstreichen. “Dance Of Night” mit Stammestanz-Drumming, didgeridösen Drones und dem Doppelflötendudelsack Tsambouna schraubt dann noch einmal die Folk-Elemente hoch, bleibt textlich weiter dem Spiel mit “kosmischen” Begrifflichkeiten verhaftet, bietet aber keine großen Abweichungen vom bisher eingeschlagenen Weg. 

 

Ganz anders das folgende “Arrival”, ein Zwischenspiel bestehend hauptsächlich aus intelligent moduliertem Rauschen und Gaida, dem “klassischen” griechischen Dudelsack, das tatsächlich das Gefühl eines gespannten Atem-Anhaltens und Wartens erzeugt. “Father Sun” schließlich kommt episch, triumphal, wuchtig daher, wie ein eindringliches Gebet eines unbedeutenden Menschen zur solaren Gottheit seiner Wahl, die es sich nicht nehmen lässt, donnernd und pompös zu antworten.

Nach so einem Erlebnis braucht man dann auch direkt Entspannung der kräuterigen Art, zu der mit “Millenium Blues” ein überraschend passend/unpassender, von Reggae-Ostinatos hin zu einem brutalen Psychedelic-Heavy-Rock-Shuffle-Monster schwellender Soundtrack geliefert wird, nach dem der Fünfer direkt mit “Cosmic Soul” dem Saitenvolk eine beeindruckende Lektion in Sachen Bassverzerrung und Phaserbenutzung erteilt. 

Wenn der Rest von “Age Of Aquarius” nicht schon solche Klasse hätte, wäre die Aufmerksamkeit, die die Band aktuell allenthalben erhält, schon vollkommen durch “For The Innocent” gerechtfertigt. Musikalisch hat man einen astreinen Hit geschrieben, der mit straightem, das Tempo im Vergleich zum Rest der Songs etwas anziehenden Drive und einer genial-hypnotischen Zourna-Melodie (vergleichbar dem Hümmelchen unserer teutonischen Mittelalterbands) im Chorus glänzt. Thematisch findet sich hier eine Hymne auf all die Weirdos, komischen Typen und generell Leute, die irgendwie “anders” sind, trotzdem oder gerade deswegen aber von der durch kosmische Liebe vereinten Gemeinde der Band hochleben gelassen werden. “I will follow you to the end of the world – We will finally come to the age of gold!”

Dem ist kaum noch etwas hinzuzufügen, weshalb nach dem noisigen Outro “Sparkle Out Of Black Hole” die Reise auch schon zu Ende ist. Selten war der Rücksturz in die Realität so krass, selten das Verlangen nach mehr so groß.

Fazit: Die Griechen bringen auf “Age Of Aquarius” gleich mehrere, unglaublich schwierig zu vollbringende Kunststücke fertig: Longtracks, die nicht langweilig werden. Progressiv sein, ohne sich in Frickelorgien zu ergehen. Folkloristische Instrumente einsetzen, ohne wie der drölfzigste In Extremo-, Schandmaul- oder Falkenbach-Klon zu klingen. In jedem Hördurchlauf neue Details vergraben haben. Und zuletzt: 65 Minuten sich wie die Hälfte anfühlen lassen. Großes Kino mit vielen erfrischenden Impulsen, bitte mehr davon (und bald hoffentlich auch live)!

Bewertung: 9 von 10 Punkten

VILLAGERS OF IOANNINA CITY sind:
Alex (guitar/vox)
Akis (bass)
Aris (drums)
Kostantis (clarinet, winds)
Kostas (bagpipe)

Tracklist:

01. Welcome
02. Age Of Aquarius
03. Part V
04. Dance Of Night
05. Arrival
06. Father Sun
07. Milennium Blues
08. Cosmic Soul
09. For The Innocent
10. Sparkle Out Of Black Hole