Review: THERAPY? – “Greatest Hits (2020 Versions)”

THERAPY? – kennt noch jemand die Chartstürmer der frühen Neunziger?

Ja? OK, damit lässt sich arbeiten.
THERAPY? war allerdings tatsächlich nie weg, das letzte vollwertige Album der nordirischen Alternativrocker war „Cleave“ und datiert auf 2018.
Und wie immer hat die Band wieder kleinere Winkelzüge vorgenommen, fernab von jener Radiotauglichkeit, die das 93er-Album „Troublegum“ hatte, an das viele Ältere vermutlich beim Lesen des Bandnamens automatisch denken.
Melodien können die Jungs um Andy Cairns, aber sie müssen es auch wollen. Meist wollen sie nicht.
Auf den Alben geht es mal mehr oder weniger hart, noisy, verschroben zu, es ist eine Therapie der kompromisslosen Art.

Die meisten von euch werden die Band sicher erst mit dem Album „Troublegum“ und den darauf enthaltenen Tracks „Nowhere“, „Trigger Inside“ und „Die Laughing“ auf den Schirm bekommen haben, wobei MTV (ja, die haben mal Musikvideos gezeigt) und viele Radiostationen kräftig halfen.
Doch schon mit dem ersten größeren Personalwechsel änderte sich auch der Stil, womit die Band ihre Gefolgschaft nahezu vollständig austauschte. Seitdem spielt sie sich wild durch den Alternative Underground.
Ihr Material ist, wie eingangs beschrieben, oft nur schwer zugänglich, sperrig und eigen.
Auch der Sound und die Produktion haben sich radikal verändert.
Schlug einem auf „Troublegum“ noch eine äußert fett produzierte „Wall of Sound“ entgegen, so wird einem jetzt eine deutlich zurückgenommene Produktion vorgesetzt. Es klingt rough, kantig und wie direkt im Proberaum aufgezeichnet. Das ist einerseits schade und auch so gar nicht kommerziell, dafür aber ungemein ehrlich.

Nach 31 Jahren Bandgeschichte nun mit THERAPY? – „Greatest Hits (2020 Versions)“ also eine weitere „Best of“ (ja, da gab es schon ein paar), braucht es die? Wir klären das für euch.
Die hier besprochene Compilation kursiert, je nach Ausführung, unter zwei Namen. Es hört auf „2020 Versions“ ebenso wie auf „The Abbey Road Session“. Letzterer Name steht für die physischen Medien, ersterer für die digitale Variante.

Der Lauschangriff auf die „2020 Versions“

Die „Greatest Hits (2020 Versions)“ wird stilecht mit „Teethgrinder“ eröffnet.  Dieser Titel war der Durchbruch und die bis dato reichweitengrößte Veröffentlichung, nachdem sie von A&R Record gesigned wurden. Der Sound wirkt fetter als beim Original, wenngleich die Vocals nicht mehr so stark distorted werden und auf einige Perkussionselemente verzichtet wurde. Der Titel klingt überraschend frisch und zeitgemäß und macht erfolgreich neugierig auf den Rest der Zusammenstellung.
Mit „Screamager“ sind wir dann auch schon beim kommerziell erfolgreichsten Album „Troublegum“ angelangt. Und THERAPY? beweisen, dass sie auch heute noch Melodien beherrschen, obgleich die aktuelle Version deutlich ungeschliffener daherkommt. Die Band bewegt sich mit der aktuellen Aufnahme sehr nah am Original, verzichtet aber auch hier auf einige typische Stilelemente der Urversion.
Wir bleiben im Jahre 1993 und bekommen mit „Opal Mantra“ ein im Original sägendes Stück mit einer eingängigen Hook serviert. Hier fallen in der „2020 Version“ etwas die Vocals auf, denen etwas die Wendigkeit abhandengekommen zu sein scheint. Der Sound hinterlässt (schon ganz generell, hier aber besonders deutlich) den Eindruck einer hochwertigen Liveaufnahme. Alles wirkt etwas ehrlicher, roher, direkter.
Ab „Turn“ folgen gleich vier Songs von „Troublegum“ aufeinander. Dieser Song ist etwas ruhiger und wird hauptsächlich durch den präsenten Basslauf und die melodiegebenden Vocals bestimmt. Das erinnert irgendwie an alte Grunge-Zeiten, gefällt aber auch tatsächlich heute noch.
„Nowhere“ ist ja ein absoluter Klassiker, ein Leuchtturm im wilden Meer der 90er. Hier fällt zum ersten mal auf, wie fortschrittlich die Band mal war und das gerade wegen des Verzichts. Dieser Track setzte im Gitarrensound Maßstäbe, genauso wie bei den folgenden „Trigger Inside“ und „Die Laughing (feat. JAMES DEAN BRADFIELD)“. All diesen Songs fehlt dieser gewaltige Druck, den die massive Produktion den Originalen in den 90s mitgab und in Verbindung mit den eingängigen Melodien den großen kommerziellen Erfolg des Albums begründete. Die „2020 Versionen“ schlagen damit erfolgreich die Brücke zum aktuellen Stil der Band und wirklich vermissen tun den Brachialsound wohl auch nur Kenner der frühen Jahre, da sie doch sehr frisch rüberkommen.
„Stories“ erblickte ebenso wie die Titel 9 „Loose“  und 10 „Diane“ auf dem 95er-Album „Infernal Love“ das Licht der Welt. Sie schlugen damals noch recht zielgerichtet in die gleiche Kerbe wie das Album „Troublegum“ und hatten etwa den gleichen kommerziellen Erfolg. Die hier vorliegenden Versionen bewegen sich ganz nah an den Chartbrechern, sind im Arrangement  kaum zu unterscheiden.
Die letzten beiden Songs „Church Of Noise“ und „Lonely Cryin´Only“ feierten ihre Geburt auf dem Album „Semi-Detached“, welches 1998 auf den Markt kam und wiesen bereits leicht in die Richtung, die THERAPY? zukünftig gehen wollte. Immer noch Hooks mit Ohrwurmcharakter, der Sound aber schon rauer und schriller, angereichert mit Soundschnipseln, die diesen Eindruck verstärkten. Die aktuelle Ausführung des erstgenannten Titels ist im Vergleich durch die Reduktion auf den puren Gitarrensound geradezu brav geraten, während die gleiche Bearbeitung beim Closingtrack eher ein versöhnendes Ergebnis erzielt.

Fazit

Dieses „Best Of“- Album wird die Hörerschaft genau so spalten, wie es der bisherige Output der Band in den letzten drei Jahrzehnten getan hat. Es enthält ausschließlich die kommerziell erfolgreichsten Songs der Band, allesamt im letzten Jahrzehnt vor dem Millennium veröffentlicht. Und alle standen sie für eine hochmelodische Phase, die spätestens mit dem Album „Shameless“ (2001) als abgeschlossen gelten kann.
Das Album an sich klingt frisch, in sich rund und gefällig. Der natürliche Sound überzeugt überwiegend durchaus, es bleibt jedoch die anfängliche Frage: Braucht es diese „Best Of“ mit neu eingespielten Versionen?

Die Antwort ist ganz klar „Jein“!

Wer die Hitalben in seiner Jugend abgefeiert hat, wird nur schwerlich mit den neuen Versionen zu begeistern sein, zumal man als Fan sicher mindestens eines der vorhergehenden „Greatest Hits“ Alben sein Eigen nennen dürfte.
Wer der Band aktuell seine Ohren und vielleicht auch sein Herz schenkt, wird genau diese alten kommerziellen Hits auch im neuen Gewand nicht akzeptieren, zumal eben auch kein einziger Song aus den anderen kreativen Phasen der Band enthalten ist. Die befinden sich eben ausschließlich als Livemitschnitte auf der Bonus- CD.
Ja genau, ihr habt richtig gelesen! Einzig die CD-Version dieser Compilation bekommt eine zweite Disc zur Verstärkung mit, bezeichnet als “Official Bootleg” mit bisher unveröffentlichten Liveaufnahmen aus den privaten Archiven der Bandmitglieder. Die 15 Titel repräsentieren die komplette Bandgeschichte, da von jedem Studioalbum ein Titel vertreten ist. Diese CD hat allerdings keinen Einfluss auf die folgende Bewertung.
Da die Songs im aktuellen Gewand und speziell diese Auswahl für sich genommen doch sehr gut klingen, wird sie sicher Liebhaber finden, weshalb gilt:

Man muss es nicht haben, aber man kann …

Bewertung: 6/10

Die weiteren Infos:

Artist:               THERAPY?
Album:             Greatest Hits (2020 Versions/ The Abbey Road Session)
Label:               Marshall Records
Release Date:   06.03.2020
Bezugsquelle:  überall, wo ihr legal Musik digital und/ oder physisch erwerben könnt

Tour-Termine geben wir aufgrund der aktuellen Umstände vorerst nicht an.
Wir informieren euch natürlich umgehend, wenn wieder verlässliche Dates angegeben werden können.

Bildnachweis: zur Verfügung gestellt durch Marshall Records