Review: WALTARI – Global Rock

Die Crossover-Veteranen von WALTARI lassen mit “Global Rock” eines der interessantesten Alben des Frühjahrs vom Stapel! Seit über 30 Jahren treibt der charismatische Front-Pumuckel Kärtsy Hatakka mit seiner Band WALTARI zur Freude der eingefleischten Fans sein Unwesen in der internationalen Musikszene. Schon in den frühen Jahren zeigte sich Kärtsy aufgeschlossen für musikalische Experimente in jeglicher Richtung, und so war es kein Wunder, dass WALTARI zum Inbegriff und Wegbereiter des Crossovers wurden. Mit den Kult-Alben “So Fine!” (1994) und “Big Bang” (1995) fand die Band internationale Anerkennung und bewies weiterhin, dass es keinen Musikstil gibt, der nicht mit harten Gitarrenklängen kombinierbar sei. Die innovative Herangehensweise an ein Album gipfelte dann im Jahr 1996 im Album “Yeah! Yeah! Die! Die!” – der Death Metal Sinfonie in tiefem C. Ab diesem Punkt trennte sich die Spreu vom Weizen und die begeisterten Fans von den Liebhabern geradliniger Musik. Denn der Stempel Geradlinigkeit lässt sich bei WALTARI gerade in dem Maße anwenden, als das man sich darauf verlassen kann, dass sich kein Album wie das vorangegangene anhört.

Aber auch Forrest Gump sagte schon: Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie, was man bekommt! Und für WALTARI braucht das ungewohnte Ohr doch ein paar extra Geschmacksnerven, denn jeder Song ist wie eine Praline aus der Hexenküche eines Molekular-Confiseurs. Über die Bandphilosophie der Band aus Helsinki lässt Sänger Kärtsy Hatakka verlauten: “Rock ist eine Haltung; ein ungestillter Durst, mit dem Leben zu spielen, bis zum Ende! Das ist die Welt, in die WALTARI geboren wurde. Ich finde es immer noch cool, mich zu schminken und ein Ausgestoßener zu sein. Unser Ziel ist es, Musik zu schaffen, die unsere Zuhörer umhaut.”

 

Fünf lange Jahre ließen sich die Finnen Zeit, um ein neues Album auf die Fans in aller Welt loszulassen. In dieser Zeit ist innerhalb des Musiker-Konklomerat auch einiges passiert. Die Positionen an den Sechssaitern sind mit Frischfleisch in Form Antti Kolehmainen verstärkt worden, was sich auch im Vergleich zum Vorgänger-Album im Gitarrensound und Einflüssen im Songwriting bemerkbar macht. Und ja, das neue Album “Global Rock” schlägt wieder Kerben in die doch so geradlinige und kommerzielle Rocklandschaft. Der Opener “Postrock” ist zugleich die erste Single-Vorab-Auskopplung und ist eine kernige Message an Ewig-Gestrige und leidenschaftliche Pessimisten. Kärtsy manifestiert in diesem Song erneut, dass er lieber in seiner Außenseiterrolle ein unangepasstes Leben abseits der gesellschaftlichen Mitte führt, als auf einer tristen Welle der Mittelmäßigkeit zu schwimmen. Der zweite Song “Metal Soul” mag zwar zunächst nicht wie ein typischer Metalsong daher kommen, denn wie für WALTARI so typisch, ist er gespickt mit metalluntypischen Elementen, jedoch nimmt der Song bis zum Ende dermaßen an Fahrt auf, dass Fans, die noch über langes Haupthaar verfügen, dieses auch beim heimeligen Hören auf der Couch zu schütteln verleitet.

Der dritte Song “Skyline” ist das erste Highlight und ein absoluter Ohrwurm! Die groovige Midtempo-Nummer, die unter Mitwirkung von Raymond Ebanks aka BOW von den BOOMFUNK MCs, nicht nur für WALTARI typische Rap-Parts aufweist, sondern mit einem derart wundervollen, eingängigen Refrain aufwartet, dass man jetzt schon nicht weiß, ob man dazu bei einem Gig selig schwelgen oder mit der größtmöglichen Amplitude headbangen soll. Ein Song, der wohl bei einigen Fans für ein häufiges Betätigen der Back-Skip-Taste des Players sorgen wird. Aber das ist nicht nötig, den mit “The Way” folgt eine melodische und dynamische Nummer, die die Schwelger beim vorangegangen Track bestätigt, denn hier kann nach Herzenslaune der Rhythmus sämtliche Gliedmaßen in Schwingung bringen. Noch mehr Druck baut “No Sacrifice” auf und aus unerfindlichen Gründen hört sich der Song an wie der alles aufsaugende Mahlstrom eines schwarzen Loches – ungefähr 50m von dessen Rand entfernt. Uns so ist es immer wieder faszinierend, welche neuen Klangkonstrukte die Herren von WALTARI zu zaubern vermögen. Aber auch Parallelen zu alten Songs kommen auf den Album nicht zu kurz. So könnte man meinen “Sick”n”Tired” ist eine Retrospektive auf den Song “The Stage” vom 95er Album “Big Bang”.

 

Einen großen Rundumschlag macht der Folgetrack “Boots”, der die Dancefloor-Elemente von “Walking in the Neon” (1997) wild mit “Back to the Bottom” (1999) mischt und für das i-Tüpfelchen noch Nancy Sinatras Hit “These Boots are made for walking” in den Genpool zur Erzeugung eines akustischen Frankensteins hinzufügt. Das Ergebnis überzeugt und lässt sich wie viele Tracks der Finnen perfekt zur Untermalung eines Cardio-Workouts einsetzen. Um wieder einen Gang herunter zu schalten, frönen Kärtsy und seine Mitstreiter seiner alten Leidenschaft, Songs zu Covern. “Going up the Country” von CANNED HEAT hat nun ein halbes Jahrhundert nach seiner Erscheinung ein neues Soundgewand erhalten, und es steht dem Song hervorragend. Der perfekte Song für eine gechillte Spazierfahrt im Sommer im dritten Gang, in einem rostbefleckten Cabrio, natürlich mit lässiger Sonnenbrille, aber leider mit alkoholfreiem Bier. Also scheiss aufs Bier und das alte Cabrio, jetzt wird umgesattelt, denn mit “Orleans” ist das nächste große Hit-Highlight am Start, das mit mindestens 12 Zylinder unterwegs ist und ebenso wie ein solcher automobiler Untersatz einfach Spaß macht!

Emotionaler, aber nicht antriebslos kommt im Anschluss “Had it all” daher, mit Lyrics, die zum Nachdenken anregen. “And the” setzt im Anschluss wieder auf Vollgas aber bietet Tempiwechsel sowie ungewohnt progressive Einspieler. Der vorletzte Track “Sand Witch” könnte gut und gerne als Soundtrack für eine sommerliche Strandparty durchgehen, jedoch eine mit richtigem Bier. Die beschwingte Ausgelassenheit wirkt ansteckend und bleibt im Ohr. Final wird “Global Rock” vom letzen Track “Beloved” abgerundet, eine sphärisch beflügelte Midtemponummer, die durch einige ungeahnte melodische Wendungen besticht und überzeugt. Und genau das macht nicht nur “Global Rock” aus, sondern die komplette Schaffensphase von WALTARI – man weiß nie, was man bekommt. Aber mit “Global Rock” bekommt der Fan oder musikalisch Aufgeschlossene eine knappe Stunde rockiger Vielfalt in elf Songs verpackt, die auch nach dem zwanzigsten Durchlauf nicht langweilig werden und man immer wieder aufs Neue etwas anderes heraushören kann. Wer früher schon nicht auf Kärtsys eigenwillige Stimme klar kam, wird das nun auch nicht können, für alle anderen ist dieses Album mindestens mehrere Anspieltipps wert, und für eingefleischte WALTARIsten ein Pflichtalbum, das in der Sammlung nicht fehlen darf.

Bewertung:  8,5/10

WALTARI sind:

bass, lead vocals, keyboards – Kärtsy Hatakka
guitars, backing vocals – Jariot Lehtinen
guitars, backing vocals – Sami Yli-Sirniö
guitars, backing vocals – Kimmo Korhonen 
guitars, backing vocals – Antti Kolehmainen
keyboards – Jani Hölli 
drums – Ville Vehviläinen