Review: Zurück zu den eigenen Wurzeln – MYRKUR: „Folkesange“

(english version below)

Vor einigen Jahren ging ein gewaltiger Ruck durch die Metal-Szene – MYRKUR erschien auf der Bildfläche und machte sich mit einer Mischung aus Death Metal und zarten, folkähnlichen Elementen schnell einen Namen. Wer hinter dem Projekt, dessen Name das isländische Wort für Dunkelheit ist, steckt, kam erst nach einiger Zeit heraus und sorgte ebenso für Aufsehen: Amalie Bruun, so MYRKUR’s bürgerlicher Name, ist eine junge, zierlich wirkende Frau mit halblangem blonden Haar und ernsten, hellen Augen, die immer ein bisschen in die Ferne zu blicken scheinen. Dass dieses zarte Wesen nun in der männerdominierten Szene so viel Erfolg und Zuspruch bekam, lockte nicht nur Gönner hinter dem Ofen hervor. Lange Zeit hatte die junge Dänin mit  Anfeindungen von Neidern und Internet-Trollen zu tun, ließ sich jedoch nur wenig öffentlich zu dieser Situation aus, um diesen keine Plattform zu bieten. Stattdessen entwickelte sie sich musikalisch weiter und – wie es im Leben nun mal so ist – natürlich auch persönlich und familiär. Dazu gehörte in ihrem Fall ihre Schwangerschaft, die sie Anfang 2019 bekanntgab. Im selben Zuge erwähnte sie, an neuem Material zu arbeiten, welches sich deutlich vom bisher dagewesenen unterschied.

Seit dem ist einige Zeit ins Land gegangen, ihr Sohn hat gesund das Licht der Welt erblickt und das neue Album, welches in Vorbereitung stand, wartet nun auch auf seinen Weg in die Welt. Am 20.03.2020 wird „Folkesange“ sowohl physisch, als auch auf allen gängigen Plattformen verfügbar sein.

Da der dänische Titel der Platte semantisch mit ein bisschen Phantasie als „Volksgesänge“ – also Volkslieder – zu entziffern ist, war die Verwirrung erstmal komplett. Auf vielerlei Nachfrage im Vorfeld hin, hatte MYRKUR auf ihren Social Media-Kanälen bereits bestätigt, dass es sich um genau das handeln wird. Volkslieder. Im Zuge ihrer Schwangerschaft und der Auseinandersetzung mit den damit zusammenhängenden Themen wie ‚Kindheit‘ und ‚Leben‘ an sich, entschied sie sich, ihrer eigenen Herkunft, der skandinavischen Musikkultur und den Liedern ihrer Kindheit eine neue Plattform zu geben und diese  zu vertonen. Herausgekommen ist ein zartes, wundervolles Album mit 12 Songs, welche den Zuhörer mitnehmen in den hohen Norden, zu Meer und Bergen, in die Weite der Wälder und in das Leben einer jungen Frau, die nicht nur singt, komponiert und diverse traditionelle Instrumente selbst einspielt, sondern auch einen seltenen Einblick in ihre eigene Welt gibt. Sogar das Cover der CD ist sehr persönlich gewählt: ein Gemälde, welches ein junges Mädchen in traditioneller Tracht zeigt, das mit einem Blumenkorb am Rand von Meer und Bergen steht. Ihrer Aussage nach ist das Bild schon lange Zeit im Besitz ihrer Familie und ihre eigene Mutter erzählte ihr eine Zeit lang, dass es sie selbst zeigen würde. Ihr Landsmann Christopher Juul, bekannt als Mitglied und Produzent von Euzen und HEILUNG hat „Folkesange“ dann nochmal den letzten Schliff verpasst.

Als erster Song und passenderweise auch als erste Single-Auskopplung eröffnet uns der Song „Ella“ den  Einstieg in die Welt von „Folkesange“. Schon hier zeigt Myrkur, was sie stimmlich kann. Zart, fast traurig anmutend, dann plötzlich kraftvoll und weit singt sie auf Dänisch von einer Frau, die eine Art Wiedergeburt in den Wellen des Meeres erlebt. Unterlegt ist das Ganze mit einem ruhigen, gleichbleibenden Beat, der auch ein Herzschlag sein könnte. Ein dazu passendes Video drehte sie bereits vor einiger Zeit. Der Opener ist definitiv super gewählt und hat Gänsehautgarantie. 

“Fager som en ros” ein traditioneller schwedischer Song kommt danach beschwingt, fast wie ein Tanz daher. Auch hier findet wieder ein ursprüngliches skandinavisches Instrument Verwendung: die Tagelharpa, die mit einem kleinen Bogen gestrichen wird. Mit nicht mal 3 Minuten Länge ein sehr kurzer Song, der viel zu schnell vorbei geht, aber definitiv ein absoluter Ohrwurm ist! 

‘Leaves of Yggdrasil’ wurde als zweite Single nach ‚Ella‘ veröffentlicht. Eine lyrische Liebesgeschichte, die Bezug nimmt auf den Baum des Lebens, der in der skandinavischen Mythologie den ganzen Kosmos verkörpert. Hier spielt MYRKUR unter anderem auf einer Lyra, und singt im klassischen Balladenstil. 

‘Ramund’ kommt mit fast schamanischen Hintergrund Gesängen, die entfernt an die Band Heilung erinnern,  daher, während Myrkur im Vordergrund eine Geschichte zu erzählen scheint. Hier wünscht man sich als Hörer, doch den skandinavischen Sprachen etwas mächtiger zu sein. So kann man nur erraten, was Ramund erlebt. 

Der nächste Song ‚Tor i Helheim‘ präsentiert einen ganz besonderen Teil der skandinavischen Kultur: das „Kulning“. Mit dieser speziellen Art zu singen – scharfe, hohe, langgezogene Töne – riefen z.b. die Bauern über weite Distanzen ihr Vieh von der Weide zurück. Und man versteht, warum dies funktioniert. Fast hypnotisch singt MYRKUR im Intro die hohen Töne und der Geist kann sich nicht entziehen, will ihr einfach folgen. Die wunderschöne Instrumentierung mit den traditionellen Streichinstrumenten, die sich durch das ganze Album zieht, gibt dem Ganzen etwas wirklich Spezielles, was man musikalisch auch nicht vergleichen kann. Passend dazu ist ‚Svea‘ als eine Hymne an die skandinavische Folklore gedacht. Und um dies musikalisch zu unterstreichen, liegt der Fokus in diesem Song auf der traditionellen Nyckelharpa. Diese Mischung aus Drehleier und Geige dürfte zumindest einigen aus dem Bereich des Pagan-Folk bekannt sein. Die Melodie wird ohne Text einfach mehrstimmig gesungen. ‚Harpens Kraft‘ – ‚die Kraft der Harfe –  ist ebenfalls eine altbekannte skandinavische Weise. Eine etwas übernatürliche Geschichte von einen Mann, der seine Liebste die in Wasser fiel nur durch die Kraft seines Harfenspiels vor einem Wassermann rettet. Man kann sich gut vorstellen, dass man diese Geschichte auch als Kind erzählt oder vorgesungen bekommen hätte. 

Auch ‚Gammelkäring‘ kommt mit der typischen Instrumentierung daher, geht aber bei weitem nicht so gut ins Ohr wie der Rest der Platte. ‚House Carpenter‘ ist nicht nur in Skandinavien als traditioneller Folksong bekannt, sondern kommt eher aus dem schottisch-gälischen Kontext. Daher ist dieser Song, im Gegensatz zum Großteil des restlichen Albums, auch in Englisch gesungen. Es existieren bereits einige Interpretationen, u.a. auch von Joan Baez, einer Ikone des Folk. An dieser Stelle trifft MYRKUR auch schlicht und ergreifend den Grundton dieses Genres – das Erzählen einer Geschichte ohne großes Brimborium. Nur mit ihrer melodischen Stimme, begleitet von der Gitarre. Eine sehr gelungene Interpretation. ‚Reiar‘ wartet erstmals mit einem Piano-Intro auf. Klassische Streicher gesellen sich zusammen mit MYRKUR’s in diesem Falle mädchenhaft gehaltener Stimme dazu, um diesem norwegischen Folk-Song ein neues Leben zu geben. 

‚Gudernes Vilje‘ ist die dritte Single-Auskopplung des Albums und bedeutet übersetzt etwa „der Wille der Götter“. Definitiv eines der stärksten Stücke auf “Folkesange”. Im Text geht es darum, dass es wohl der Wille der Götter ist, im einen Moment mit dem größten Glück beschenkt zu werden und es im nächsten Moment wieder genommen zu bekommen. Da sie explizit die Göttin der Fruchtbarkeit nennt, kann sich der sensible Hörer ausmalen, welches Schicksal sie offenbar zu bewältigen hatte. Das Stück ist reich instrumentiert und ihre Stimme gleichermaßen so traurig und wundervoll – ein Lied wie ein Licht in der Nacht. ‚Vinter‘ beschließt das Album als würde es gleichermaßen glückliche Erinnerungen an die Kinderzeit hervorrufen, als auch einen Abschied ankündigen. Mädchenstimmen singen choralartig zu einer hellen Pianomelodie. Und dann lässt ‘Vinter’ uns zurück.. ein bisschen beglückt, ein bisschen traurig, mit dem Gefühl, dass es bitte noch nicht vorbei sein soll.

Fazit: „Folkesange“ berührt etwas in uns. Etwas Entferntes.. so wie die verschwommene Erinnerung an die Stimme unserer Mutter, wie sie in unserer Kindheit für uns sang. Und dafür muss man keine besondere Affinität zu Skandinavien haben. Nur die Bereitschaft, sich in den lauten Wirren des Alltags und des ständigen ‚Lauter-Schneller-Härter‘ mal wieder etwas Zeit und Ruhe zu nehmen und sich treiben lassen. In seine und ihre Geschichte, sich selbst und ein bisschen in sanfte Dunkelheit und  Ungewissheit, an deren Ende immer ein Fünkchen Hoffnung schimmert.

Bewertung: 9/10 Punkten

„Folkesange“ erscheint am 20.03.2020 bei Relapse Records / Sony Music

MYRKUR sind:

Amalie Bruun

 

(english version)

Back to the roots – MYRKUR: “Folkesange” 

A few years ago a huge jolt went through the metal scene – MYRKUR appeared on the scene and quickly made a name for itself with a mixture of Death Metal and delicate, folk-like elements. Who is behind the project, whose name is the Icelandic word for darkness, came out after a while and caused a stir as well: Amalie Bruun, as Myrkur’s real name, is a young, petite-looking woman with half-length blond hair and serious, light eyes that always seem to look a little far away. It was not well accepted, that this delicate creature was so successful and popular in the male-dominated scene. For a long time, the young Danish girl had to deal with hostility from envious people and internet trolls, but did not take part in public much about this situation in order not to offer them a platform. Instead, she developed musically and – as usual in life – of course also personally and with her family. In her case, this included her pregnancy, which she announced in early 2019. At the same time, she mentioned working on new material that was clearly different from the previous one.

Some time has passed since then, her son saw the light of day in good health and the new album, which was in preparation, is now also waiting for his way out into the world. On March 20, 2020, “Folkesange” will be available both physically and on all common platforms.

Since the Danish title of the record can be deciphered semantically as “folk songs” with a little imagination, the confusion was complete. In response to many requests in advance, Myrkur had already confirmed on their social media channels that this would be exactly the case. Folk songs. In the course of her pregnancy and the confrontation with the related topics such as ‘childhood’ and ‘life’ itself, she decided to give her own background, the Scandinavian music culture and the songs of her childhood a new platform and set it to music. The result is a tender, wonderful album with 12 songs that take the listener with them to the far north, sea and mountains, the vastness of the forests and the life of a young woman who not only sings, composes and records various traditional instruments herself , but also gives a rare insight into her own world. Even the cover of the CD is very personal: a painting that shows a young girl in traditional costume standing with a basket of flowers on the edge of the sea and mountains. She said the picture had been in her family’s possession for a long time and her own mother told her for a while that it would show her. Her compatriot Christopher Juul, known as a member and producer of “Euzen” and “HEILUNG”, then gave “Folkesange” the final touch.

As the first song and fittingly also as the first single-release, the song “Ella” opens up the entry into the world of “Folkesange”. Here, Myrkur already shows what she can do with her voice. Delicate, almost sad, then suddenly powerful and wide she sings in Danish of a woman who is experiencing a kind of rebirth in the waves of the sea. The whole thing is underlaid with a calm, constant beat, which could also be a heartbeat. A suitable video was also made some time ago. The opener is definitely well chosen and has goosebumps guarantee. ‘Fager som en ros’ a traditional Swedish song comes out afterwards, almost like a dance. Here an original Scandinavian instrument is used as well: the Tagelharpa, which is played with a small bow. At less than 3 minutes in length, it is a very short song that passes far too quickly, but is definitely really really catchy! ‘Leaves of Yggdrasil’ was released as the second single after ‘Ella’. A lyrical love story that refers to Yggdrasil, the tree of life, which embodies the entire cosmos in Scandinavian mythology. Here Myrkur plays among other things on a lyre and sings in the classic ballad style. ‘Ramund’ comes with almost shamanic background chants remotely reminiscent of the band Heilung al little, while Myrkur seems to be telling a story in the foreground. Here you as a listener wish to be a little more powerful in the Scandinavian languages. So you can only guess what Ramund is experiencing. The next song, ‘Tor i Helheim’, presents a very special part of Scandinavian culture: “Kulning”. With this special way of singing – sharp, high, elongated tones – used e.g. by farmers calling their cattle to return over long distances. And you understand why this works. Myrkur sings the high notes almost hypnotically in the intro and the mind cannot escape, just wants to follow her. The beautiful instrumentation with the traditional stringed instruments that runs through the whole album gives the whole thing something really special, which you cannot compare musically. Appropriately, ‘Svea’ is intended as a hymn to Scandinavian folklore. And to underline this musically, the focus in this song is on the traditional Nyckelharpa. This mixture of hurdy-gurdy and violin should be known to at least some of you from the ​​Pagan-Folk music. The melody is simply sung in polyphonic form without text. ‘Harpen’s power’ – ‘the power of the harp’ – is also a well-known Scandinavian song. A somehow supernatural story of a man who saves his loved one from an Aquarius only by the power of his harp playing. It is easy to imagine that this story could have been told or sung to you as a child. ‘Gammelkäring’ also comes with the typical instrumentation, but is not nearly as catchy as the rest of the record. ‘House Carpenter’ is not only known in Scandinavia as a traditional folk song, but rather comes from the Scottish Gaelic context. Therefore, unlike most of the rest of the album, this one is sung in English. Some interpretations already exist, e.g. also by Joan Baez, an icon of folk. At this point, Mykur also simply hits the root of this genre – telling a story without much ado. Only with her melodic voice, accompanied by the guitar. A very successful interpretation. ‘Reiar’ comes up with a piano intro for the first time. Classic strings join forces with Myrkur’s in this case girlish voice to give this Norwegian folk song a new life. ‘Gudernes Vilje’ is the third single release of the album and means “the will of the gods”. Definitely one of the strongest pieces on “Folkesange”. The text is about the fact that it is probably the will of the gods to be given the greatest happiness in one moment and to have it taken away in the next moment. Since she explicitly calls the goddess of fertility, the sensitive listener can imagine what fate she obviously had to deal with. The piece is richly orchestrated and her voice is equally sad and wonderful .. a song like a light in the dark night. ‘Vinter’ closes the album as if it would evoke happy memories of childhood as well as announce a farewell. Girls’ voices sing chorale-like to a bright piano melody. And then ‘Vinter’ leaves us behind .. a little happy, a little sad, with the feeling that it shouldn’t be over yet. 

Conclusion: “Folkesange” touches something in us. Something distant … like the blurred memory of our mother’s voice as it sang for us in our childhood. And you don’t have to have a special affinity for Scandinavia. Just the willingness to take some time and rest in the loud turmoil of everyday life and the constant ‘Louder-Faster-Harder’ and let yourself drift. In your and her story, yourself and a bit in soft darkness and uncertainty, at the end of which there is always a glimmer of hope.

Rating: 9/10 points