Review: HEAVEN SHALL BURN – Of Truth And Sacrifice

2016 erschien mit “Wanderer” das letzte Album von HEAVEN SHALL BURN. Anfang 2018 gab es dann das letzte Konzert auf unbestimmte Zeit. Nach insgesamt neun Alben und 22 Jahren gönnt sich die Band eine Auszeit. Keine Konzerte und nur vereinzelte Social Media Posts waren die Folge. Im Sommer 2019 dann die ersten Meldungen aus dem Studio und im Spätsommer die ersten Festival-Ankündigungen, auf denen die Band spielen sollte. Weitere Infos zum Comeback suchte man vergebens, bis am 10. Januar 2020 mit “Protector/Weakness Leaving My Heart” gleich zwei Songs veröffentlicht und die neue Platte “Of Truth And Sacrifice” offiziell vorgestellt wurde. Ein Doppelalbum, welches mit knapp 100 Minuten Material gleich ganz groß auffährt.

Wer nach “Weakness Leaving My Heart” mit einem Instrumental-Album gerechnet hat, hat sich geschnitten. Es ist der letzte Song der zweiten CD und zusammen mit den Intros und Outros und Interludes der einzige ruhigere Song. Von 19 Songs gehen damit 15 voll in die Fresse, wie man es von HEAVEN SHALL BURN gewohnt ist. Auf jeden Song einzeln einzugehen, ist bei dieser Menge fast unmöglich. Die meisten Titel lassen sich aber mit den Worten “es ist unverkennbar HEAVEN SHALL BURN” zusammenfassen. Dies gilt besonders für die erste CD, von der auch alle bisher veröffentlichten Singles stammen. Aber auch hier lassen sich schon erste, neue, elektronischen Elemente auffinden, die später noch eine größere Rolle spielen. Keine Angst, diese sind nicht dominant und verfeinern den Sound der Band im perfekten Maß.

Die erste wirkliche Überraschung ist “Uebermacht”. Der Titel deutet schon an, einen deutschen Text zu besitzen, wird von Marcus Bischoff jedoch auf deutsch und englisch gegrowled. Der Übergang ist dabei flüssig und etwas gewöhnungsbedürftig. Dies gilt auch für das ruhige, halb elektronische Intro und eine ebenso ruhige, elektronische Passage im letzten Drittel, zwischen den sonst normalharten Parts der Band. Gewöhnungsbedürftig heißt aber nicht gleich schlecht. Normal hätte man einen Breakdown erwartet aber warum genau dieser Haltung entsprechen? Warum nicht mal was Neues wagen? Genau das macht den Song aus und zum ersten Highlight des Albums. An Härte verloren hat HEAVEN SHALL BURN aber dennoch nicht, was besonders bei “What War Means” zum Vorschein kommt und schon eher dem Death Metal als dem Metalcore gleicht. Man muss aber nochmal erwähnen, wie detailverliebt jeder einzelne Song ist. Selbst nach mehrmaligem Hören entdeckt man immer wieder Kleinigkeiten, die die Songs noch besser machen. Nebenbei erwähnt befindet sich auf der ersten CD kaum ein Song mit einer Länge von unter fünf Minuten. Das soll auch erstmal einer nachmachen.

Die zweite CD ist etwas ganz anderes. Es wird melodischer und ruhiger. Streicher kommen vermehrt zum Einsatz, das Tempo wird etwas heruntergefahren. Klavier- und elektronische Passagen finden immer wieder den Weg in den Vordergrund. Nein, HEAVEN SHALL BURN ist nicht weich geworden aber steht auch nicht auf der Stelle. Während “Children Of A Lesser God”, “Stateless”, “Tirpitz” und weitere im normalen Stil sind, befinden sich “La Resistance” und “The Sorrows Of Victory” auf einer anderen Ebene. “La Resistance” könnte ohne Zweifel auf jeder EBM-Party laufen (und die Szene ordentlich aufmischen). Bei “The Sorrows Of Victory” greift Chris Harms von LORD OF THE LOST zum Mikrofon und steuert die einzigen klaren Gesangsparts des Albums in einem verhältnismäßig ruhigen Song bei.

Hier wird deutlich, was die Band selber über das Album sagt. Es gibt zwei Hälften “Of Truth” und “Of Sacrifice”. „Während die erste Platte Zuversicht und Kampfbereitschaft signalisiert, ist die zweite eher nachdenklich und befasst sich mit den Opfern und Kämpfen, welche man für die Wahrheit bereits auf sich genommen hat und auch künftig nicht scheuen wird“ sagt Gitarrist Maik Weichert. HEAVEN SHALL BURN wäre aber auch nicht HEAVEN SHALL BURN, wenn die Texte nicht gesellschaftliche und politische Themen ansprechen würden. 

Der Bogen reicht dabei von alternativen Wahrheiten in sozialen Medien, der Spaltung der Gesellschaft, dem Erstarken rechter Bewegungen und der Klimakrise bis zu Schattenseiten des Kapitalismus und der Globalisierung. Weitere Themen sind Journalisten, die auf der Suche nach der Wahrheit ermordet werden, sowie Attacken religiös-fundamentalistischer Gruppen auf Bildungseinrichtungen und Lehrpersonal in vielen afrikanischen Ländern. Dennoch wird auch der Blick vor die eigene Haustür der Thüringer Band geworfen und von den Erfolgen der AFD berichtet. „Ich brauche nicht über globale Themen zu texten, wenn ich nicht auch vor der eigenen Haustüre kehre“, sagt Maik dazu.

100 Minuten neues Material sind natürlich erstmal ein Brett für Musiker und Hörer. HEAVEN SHALL BURN schaffen es jedoch, mit jeder Minute zu überzeugen. Die Band bewegt sich nicht auf der Stelle und probiert einige neue Elemente, ohne sich dabei zu weit von sich selbst zu entfernen. Die “Früher war alles besser” – Fraktion kommt genauso auf ihre Kosten, wie die etwas offeneren, neuen Fans. Zu keinem Zeitpunkt verliert es an Charme und immer ist erkennbar, welche Band man gerade hört. Der Wiedererkennungswert könnte also nicht höher sein. Man kann mit Freuden verkünden: HEAVEN SHALL BURN sind wieder da, und das in gewohnter Stärke.

Bewertung: 9/10

“Of Truth And Sacrifice” erscheint am 20. März bei Century Media Records

HEAVEN SHALL BURN sind: 

Gesang Marcus Bischoff
E-Gitarre – Maik Weichert
E-Gitarre – Alexander Dietz
E-Bass – Eric Bischoff
Schlagzeug – Christian Bass

Tracklist:
01. CD 1 – March of Retribution
02. CD 1 – Thoughts and Prayers
03. CD 1 – Eradicate
04. CD 1 – Protector
05. CD 1 – Uebermacht
06. CD 1 – My Heart And The Ocean
07. CD 1 – Expatriate
08. CD 1 – What War Means
09. CD 1 – Terminate The Unconcern
10. CD 1 – The Ashes Of My Enemies
11. CD 2 – Children Of A Lesser God
12. CD 2 – La Resistance
13. CD 2 – The Sorrows Of Victory
14. CD 2 – Stateless
15. CD 2 – Tirpitz
16. CD 2 – Truther
17. CD 2 – Critical Mass
18. CD 2 – Eagles Among Vultures
19. CD 2 – Weakness Leaving My Heart

Weitere Infos zu der Entstehungsgeschichte des Albums und zum privaten Leben der Band gibt es in der 80 Minuten Filmdokumentation “Mein grünes Herz in dunklen Zeiten” von Ingo Schmoll.