Review: AMORPHIS „Borderland“
Es gibt nicht viele Bands, die über drei Jahrzehnte abseits des Mainstreams kontinuierlich von Album zu Album über sich hinauswachsen und doch einen eigenen und unverwechselbaren Stil beibehalten können. AMORPHIS zeigen mit ihrem neuen Album „Borderland“, dass sie nach wie vor wie kaum eine andere Band in der Lage sind, sich stilistisch weiterzuentwickeln und doch unverkennbar sie selbst zu bleiben.
Für ihr nun 15. Studiolbum arbeiteten die Finnen erstmalig mit dem dänischen Produzenten Jacob Hansen (Amaranthe, Arch Enemy, Volbeat) zusammen, der mit der Band aus 24 Demotracks die geeignetsten Songs auswählte, und zu einem neuen Meilenstein in der Diskographie der Finnen ausarbeitete. Im Gegensatz zu den Vorgängeralben „Queen of Time“ und „Halo“ verzichten AMORPHIS auf dem neuen Output auf chorale Untermalung und opulente orchestrale Arrangements. Nichtdestotrotz müssen Fans nicht auf die großartigen Melodien verzichten, für die sie die Band seit langem lieben und begleiten. Auch auf „Borderland“ sorgen Leadgitarrist Esa Holopainen und Keyboarder Santeri Kallio für traumhaft leichte und anmutig schwebende Passagen sowie rhythmisch vorranpreschende Tracks wie die zweite Single-Auskopplung “Bones”. Der härteste Song auf dem Album beginnt dynamisch bestimmt, jedoch ohne sich zu versehen offenbaren sich AMORPHIS-typische Melodien und ein bewegender Groove.
Dass manche Songs auch Spitznamen während des Produktionsprozesses haben, verriet der Gitarrist schmunzelnd. “Dancing Shadow” hatte den Arbeitstitel “Disco Tiger” inne, und die Midtempo-Nummer dürfte für geübte Füße durchaus tanzbar sein. Auch wenn Drummer Jan Rechberger attestiert, dass die Band mit diesem Song musikalisches Neuland betreten habe, ist eigentlich genau dieser Song derjenige, der in jeder verspielten Melodie und jedem Rhythmuswechsel das Wesen der Musik AMORPHIS’ am gekonntesten widerspiegelt. Keyboarder Santeri Kallio eröffnet auf “The Strange” und der ersten Single-Auskopplung “Light and Shadow” mit Dynamik und melodiöser Prägnanz, die sofort in den Gehörgängen hängenbleibt und gekonnt von Esas Gitarrenspiel eingefangen und begleitet wird.
Thematisch behandelt das Album vor allem beim titelgebenden Track “Borderland” die symbolische Begegnung von Vater und Sohn zwischen zwei Welten, sowie die Spannung zwischen Generationen und die Herausforderung, Tradition und Moderne in Einklang zu bringen. Das Album lebt vom musikalischen Bestreben der Weiterentwicklung, unter Berücksichtigung genau jener Merkmale, für die die Musik von AMORPHIS seit Jahrzehnten steht.
Und auch mit diesem Album gelingt es den Finnen scheinbar spielerisch, diese Herausforderung zu meistern und gekonnt Leichtigkeit, Anmut, Dynamik und Melancholie in Einklang zu bringen. Mit eben dieser dynamischen Melancholie beschließt “Dispair” würdig die Grenzwanderung der Band, die den Horizont ihrer Schaffenskraft wieder ein Stück weit hinter das Ende dieser Welt gesetzt hat.
Mit großer Aussicht darauf, mein persönliches Album des Jahres zu werden: 9,5 / 10 Punkten

