Das heißeste AMPHI seit es Schokolade gibt – Tag 1

Warum sollte man auf’s Amphi-Festival fahren? Was macht das Amphi aus? Nun, zuallererst natürlich die Location! Der Tanzbrunnen ist ein wunderbares Gelände mitten in einer Millionenstadt. Die Infrastruktur ist somit hervorragend, man kommt gut hin und auch gut weg. Die Gothic-Szene beinhaltet ja aufgrund der besonderen Altersstruktur der Schwarzen Szene und des weit verbreiteten Stilanspruchs auch eine große Anzahl an Menschen, deren höchstes Vergnügen es nicht (mehr) ist, sich bei Wind und Wetter im Schlamm zu wälzen und/oder stundenlange Anfahrten durch Felder und Wiesen hinzunehmen. Das Amphi ist also perfekt für alternative Menschen, die auch in der großen Stadt einfach mal kurz dem Alltag entfliehen möchten, ohne sich großartig zu überanstrengen. Wenn da nicht die Sache mit dem Wetter wäre…

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Fotos: Doctor Hentai

CHEMICAL SWEET KID

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Fotos: Andreas Theisinger

Hitze… Das heißeste Amphi-Festival der letzten Jahre fand am vergangenen Wochenende in Köln-Deutz statt und verlangte den Besuchern im Gegenzug für fabelhafter Musik körperlich einiges ab. Combi-Tickets waren trotzdem ausverkauft (apropos, aufgrund des nächstjährigen Line-ups: Können wir es diesmal Combi(christ)-Tickets nennen?)
Überlebenswichtig waren daher auch in diesem Jahr wieder die eingerichteten Wasserzapfstellen auf dem Gelände, verbunden mit der Regelung, eine leere PET-Flasche 0,5 L mit reinnehmen zu dürfen. Das war also auch gleich der erste Stop nach dem unkomplizierten Einlass: Flasche auffüllen und direkt zur Main Stage, wo in diesem Moment die Dark Metal-Formation NACHTBLUT zu spielen begann. Der Act war für Amphi-Verhältnisse eher exotisch zu nennen, fand aber trotzdem auch zur Mittagsstunde schon zahlreiche Zuhörer. Sänger Askeroth und seine Truppe spielten ihre überwiegend deutschsprachigen Hits wie “Multikulturell”, “Amok” oder “Antik”. Der Sound war zu Anfang leider etwas dumpf und man ertappte sich bei dem Gedanken, dass hier eine zweite Gitarre guttun würde. Ganz zum Schluss folgte noch ein Cover mit “Alles nur geklaut” von DIE PRINZEN. Ein interessanter, metalliger Auftakt, aber das kurze Main Stage-Intermezzo hatte bereits etliche Schweißausbrüche hervorgerufen, weshalb ich mich ab da ins (noch) kühle Theater flüchtete.

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Fotos: Andreas Theisinger

Die Älteren werden sich erinnern: Früher befand sich die zweite Bühne im Staatenhaus, dort haben wir auch schon glühend heiße Auftritte erlebt. Das Theater verfügt durchaus über eine Klimaanlage, die auch hörbar alles gab, als wir ALIENARE erwarteten. Die sympathischen Jungs aus Norddeutschland sind derweil im steilen Aufstieg und bringen eine frische Brise Synthpop mit. Los ging es mit “Perception”, dem Eröffnungssong des gleichnamigen Albums. Zu Beginn klang der Gesang von Tim Schulschenk noch etwas dünn, aber spätestens bei der neuen Single “Emerald” drehte er dann richtig auf und man merkte deutlich, wie stolz er auf das neue Material ist. Der Song erlebte beim Amphi seine Live-Premiere und man kann den beiden ALIENARErn zum Erfolg dieser Premiere nur gratulieren. Die gefühlvolle Ballade “The Color Of My Soul” bildete ein weiteres Highlight der Show. Hier trifft Tims Stimme einfach genau die richtigen Knöpfe im Innenleben der Zuhörer. “Wrong”, ebenfalls von diesem Jahr, brachte auch mal ordentlich Bewegung ins Publikum und da sich mit “Move” gleich der nächste Tanzsong anschloss, gab es keine Verschnaufpause. Auch Tim war nun endgültig aufgetaut und fegte wie ein grüner Blitz über die Bühne. Nach dem ikonischen Hit “#Neon” (für die Älteren: Das spricht sich ‘Hashtag Neon’) war dann aber schon wieder Schluss und die Klimaanlage hatte bereits weitgehend gegenüber der heißen Energie von ALIENARE kapituliert. Dennoch blieben wir im Haus und sahen als nächstes EMPATHY TEST.

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Fotos: Andreas Theisinger

STAHLMANN

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Fotos: Andreas Theisinger

Isaac Howlett gehört sicherlich zu den interessantesten Stimmen, die die Szene derzeit zu bieten hat. Wer schon einmal ein EMPATHY TEST-Konzert besucht hat, weiß, wie sehr man sich in den träumerischen Klängen dieser Band verlieren kann. Ich persönlich schaue mir die Band so oft wie möglich an, es ist immer wieder ein Vulkan aus Emotionen. Der Auftritt beim diesjährigen Amphi wurde aber auch bei eingefleischten Fans als besonders gut beschrieben. Isaac erklärte auch zwischendurch, was anders war: “To be sober on stage feels kinda weird!, gestand er. “My mind is overacting”. Er erzählte, dass er jetzt seit einiger Zeit nüchtern sei. An der Stelle zollen wir dem Sänger Respekt für diesen offenen Umgang mit einem sensiblen Thema. Neben “Monsters” und “Empty Handed” (mittlerweile ein echter Publikumsliebling) gab es noch vier weitere Songs vom 2020er-Album “Monsters”, hier lag also der Schwerpunkt der Setlist. Aber auch die frühen Werke wie “Losing Touch” (Der Song war damals ein Grundstein des Erfolges) oder “Demons” kamen nicht zu kurz und bildeten die Klimax ganz am Schluss. EMPATHY TEST laden zwar immer wieder gerne zu einer Traumreise ein, aber wer die Texte aufmerksam liest, stellt schnell fest, wie fragil diese Träume sind. Der harte Boden der Realität ist nie weit entfernt. Jedenfalls findet EMPATHY TEST mittlerweile so viele Anhänger, dass ein Einlassstopp über das Theater verhängt werden musste, was der Band auch bereits auf dem Plage Noire-Festival gelungen war. Der Ruf der Jungs (plus natürlich Chrisy, die aber aus terminlichen Gründen heute fehlte) eilt ihr voraus, weshalb nach 2019 eine zweite USA-Tour für den Herbst geplant ist – diesmal sogar als Headliner. Well deserved, EMPATHY TEST!

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Fotos: Mirco Wenzel

LETZTE INSTANZ

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Fotos: Andreas Theisinger & Mirco Wenzel

Ein anderer “Reiseführer” war auch der nun folgende Jérôme Reuter mit seiner ROME-Truppe. Der Luxemburger verfolgte schon immer sein ganz eigenes Konzept aus Chanson, Folk Noir und noch jeder Menge weiterer Zutaten. Wenn hier Akustikgitarren zum Einsatz kommen, bedeutet das keineswegs Langeweile. Die markante Stimme Reuters dominierte den Saal mühelos und ihre Eindringlichkeit war ähnlich intensiv wie man das auch von bands wie THE BEAUTY OF GEMINA kennt. Auch wenn wir alle Electro-Musik sehr schätzen, so tut es doch hin und wieder gut, mehr Instrumente auf der Bühne zu sehen und eher Stehtanz als Fuchtelei betreiben zu können. Mit Songs wie “Neue Erinnerung”, “Uropia O Morte” oder “Kali Yuga über alles” gab es eine Reise durch viele Jahre ROME zu erleben.

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Fotos: Mirco Wenzel

Währenddessen gab es auf der Main Stage Topacts wie MESH und SOLAR FAKE zu erleben. Letztere warteten mit einem Gast-Keyboarder auf, da André aus privaten Gründen leider nicht teilnehmen konnte. Sein Ersatz war aber kein Geringerer als Elliot Berlin, der direkt mal im Nebel verschwand. Überhaupt war es bei SOLAR FAKE entgegen des Wetterberichts sehr neblig. Der Platz vor der Main Stage war indes richtig voll, jeder Zentimeter Schatten unter den großen Schirmen war belegt, als Songs wie “I Despise You” und “Under Control” erklangen. Bei letzterem leistete sich Sven einen kleinen Texthänger. Sehr sympathisch, dass das auch den Großen noch passiert. Ein Pärchen im Publikum tanzte unterdes Discofox. Mit “This Pretty Life” konnte auch ein recht neuer Song präsentiert werden, gemeinsam mit drei anderen Songs Vertreter des aktuellen Albums “Enjoy Dystopia”. Einer davon – “Es geht dich nichts an” hat sich mittlerweile fest im Live-Repertoire verankert – hier gibt es SOLAR FAKE ungewöhnlicherweise auch mal auf Deutsch zu hören und das mit einer eindeutigen Botschaft. Das Set näherte sich nun dem Ende. Was beim M’era Luna-Festival sogar strikt verboten ist, stellt auf dem Amphi zumindest eine Besonderheit dar: Elliot versuchte sich im Crowdsurfen, was Gruftis nicht unbedingt gewohnt sind. Zum Glück gelang der Stuntact.

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Fotos: Andreas Theisinger & Mirco Wenzel

Beim Folgeauftritt von MESH wurde es etwas leerer vor der Hauptbühne, sodass auch ein paar Frischverbrannte dankenswerterweise in den Schatten wechseln konnten. Einen Schattenplatz zu finden, idealerweise noch verbunden mit einer Sitzgelegenheit, war allgemein auf dem Gelände nicht ganz einfach. Die Sonne knallte erbarmungslos. Kleine Anregung für nächstes Jahr ans Amphi-Team: Stellt doch unter der großen Trauerbuche im hinteren Teil Sitzgelegenheiten auf. Wasser und Schatten waren die Hauptanliegen, aber die Musik durfte natürlich auch nicht zu kurz kommen. MESH-Sänger Mark verzichtete aber trotzdem nicht auf sein Markenzeichen: Die Mütze. Das Set begann mit “My Protector” von “Looking Skyward”. Beim Song “Friends Like These” sah man auf der Videoleinwand immer wieder eingeblendete Fans, eine schöne Geste. Gesungen wurde bei MESH auch vor der Bühne reichlich, Mark konnte sich im Grunde auf einen ständigen Background-Chor verlassen und das zog sich durch bis zum letzten Song “Taken For Granted”, der noch weitergesungen wurde, auch als die Band die Bühne bereits verlassen hatte.

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Fotos: Andreas Theisinger

Im Theater war indes alles für den Electro-Doppelschlag aus [:SITD:] und FROZEN PLASMA angerichtet. Beides sind natürlich Amphi-Veteranen und auch wenn die Luftfeuchtigkeit mittlerweile bedenkliche Level erreicht hatte, so wollte sich diese Sause trotzdem keiner entgehen lassen und so füllte sich das Theater, um zunächst [:SITD:] die Ehre zu geben. Diese Formation gehört einfach dazu. Punkt. Ich würde kein Electro-Festival besuchen wollen, bei dem [:SITD:], FROZEN PLASMA oder SUICIDE COMMANDO nicht im Line-up stehen. Es braucht diese Veteranen einfach für einen verlässlichen Anker im Line-up. Die experimentelle Ambient-Band hat auf der kleinen Bühne Stromausfall? Der Standard-Headliner beweihräuchert sich auf der Main Stage selbst? Den Folklern reißen die Saiten und der Pagan-Sänger kippt in den Graben? Zieh dir einen Prise [:SITD:] oder FROZEN PLASMA, denn hier gibt es eine Zufriedenheitsgarantie. Casi am Mikro (nicht der Schwiegersohn-Casi, der kommt morgen! Der mit den Oberarmen ist gemeint!). Zunächst galt es, das allseits beliebte “Richtfest” zu feiern (Ich wiederhole an der Stelle meine Klage, die ich in jeden Text über [:SITD:] schreiben werde, bis ich wahrscheinlich im hohen Alter von 70 dann mal bei irgendeiner Show erlöst werde: Einmal, bevor ich sterbe, möchte ich mal “Periculär: Richtfest II” live hören), bis man sich der Schöpfung zuwandte (“Genesis”). Gott war dem Theater vermutlich recht fern in diesem Moment, aber wir hatten ja Casi, Tom und Frank. Neben dem tollen Song hätte ich gern eine Stimme aus den Wolken gehört, die da sagte “Und am zigtausendsten Tag erschuf Gott die leistungsstarke Klimaanlage und kühlte seine schmelzenden Anhänger im Theater zu Deutz. Und er sah, dass es fuckin’ cool war”, aber nichts geschah und wir siedeten weiter in unserem Schweiße, während Casi unbekümmert “Dunkelziffer” anstimmte. (Dunkel war es durchaus in der Location, was meine Redakteurs-Kollegin mit dem Schreibblock in arme Bedrängnis brachte). Nachdem wir den Sonnenbrandopfern des Tages mit dem Song “Rot” gedacht hatten, ging es hoch auf “Greater Heights” und dann wieder hinab in die Folterhölle der “Snuff Machinery”, bevor Vasi Vallis Und Felix Marc das Szepter übernehmen durften.

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Fotos: Mirco Wenzel

Hachja FROZEN PLASMA… Den nächsten Hitzewitz spar ich mir an dieser Stelle. “Warmongers” ist ein Song, den man keineswegs immer zu hören bekommt, schon gar nicht als Start des Sets. Wie aber das gelbe Friedenszeichen auf der Leinwand hinter der Band zeigte, geschah es diesmal aus gutem Grund, angesichts der schlimmen Ereignisse in der Ukraine. “Peace, Love and Unity!”, rief Sänger Felix zum Schluss auch nochmal in die Menge. Möge sich sein Wunsch bald erfüllen! “Earthling” und “Age After Age” bildeten die nächsten Bausteine der Setlist und das Publikum baute eifrig mit am Plasma-Turm, zusammengehalten von Schweiß und Freudentränen. Bei der “Ge-Fühls-Ma-Schi-Ne”, dem Buchstabierwettbewerb für Endvierziger, konnte man dann gleich noch testen, ob wenigstens die Stimme im Gegensatz zum gebeutelten Rest des Körpers noch funktionierte. Nun gab es sogar mal wieder eine Gastsängerin bei FROZEN PLASMA: Lis van den Akker performte gemeinsam mit Felix “Irony” und am Ende gab es eine Abkühlung durch Wasserpistolenschüsse ins Publikum. Felix bekam auch ordentlich was ab, was ihn letztendlich mit dazu veranlasste, sich bis auf einen schwarzen Gurt gänzlich der Oberbekleidung zu entledigen, was gerade die Damen keineswegs gestört haben dürfte, denn der FROZEN PLASMA-Sänger ist bestens in Form. Jedenfalls tausend Dank für den genialen Einfall mit den Wasserpistolen! Nach dem obligatorischen “Living On Video” gab es dann ein kleines Schmankerl mit dem NAMNAMBULU-Cover “Memories”, wobei man nicht wirklich von Cover sprechen kann, wenn Vasi es spielt. Aber die Version mit Felix an den Vocals ist definitiv sehr hörenswert! Was nun zum Schluss kam, war allen Beteiligten klar. Wer seine Beine bereits nicht mehr spürte, ergab sich in sein Schicksal, aber wer noch Reserven hatte, aktivierte diese für den Bombast-Doppelpack aus “Murderous Trap” und “Tanz die Revolution”. Letzterer Song ist der allererste aus dem Electro-Bereich, den ich hörte, als ich noch ein stromgitarrenanbetender Jungmetaller war. Das oben erwähnte “Periculär (Richtfest II)” war der zweite und somit verdanke ich diesen beiden Songs überhaupt erst meinen Einstieg in die elektronische Musik, was mich extrem dankbar macht.

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Fotos: Mirco Wenzel

Nun wurde es aber Zeit für die Headliner am Tanzbrunnen Köln-Deutz. Während drinnen FROZEN PLASMA performt haben, hatten MONO INC. auf der Hauptbühne unterdes die Raben fliegen lassen. Drummerin Katha Mia wartete mit einem besonders tollen Outfit inklusive Kopfschmuck auf und auch der Rest der Truppe um Martin Engler zeigte sich in Bestform. Neben Songs wie “Louder Than Hell”, “Arabia” und “Children Of The Dark” gab es auch emotionale Momente auf der Main Stage. “Ich bin so stolz auf euch, dass ihr nach dieser schwierigen Zeit alle wiedergekommen seid!”, machte Engler aus seinem Herzen keine Mördergrube. “Ihr seid die wahren Helden. Spamt eure Lieben zu mit Bildern. Zeigt, dass das Leben wieder losgeht. Wir leben nur einmal”. Dass es MONO INC. viel bedeutet, wieder auftreten zu können, zeigte sich auch am Schluss des Sets. Wie üblich, sang das Publikum noch lange danach mit und die Bandmitglieder umarmten sich. Ja, es stimmt. Wir sind wieder da. Aber nicht alle haben diese Zeit überlebt – ob tatsächlich oder wirtschaftlich. Bitte vergesst sie nicht und erinnert euch auch, dass Corona noch da ist. Man ist natürlich zwiegespalten und schwankt zwischen Vorsicht und wiedererwachender Lebensfreude und dem Hunger nach Events. Passt aber bitte alle auf euch auf.

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Fotos: Andreas Theisinger

Auch Ronan Harris, von Beruf Headliner, ließ es nicht an emotionalen Worten fehlen: “Liebe Leute, ich habe euch vermisst”, startete er das letzte Konzert des Abends. “Wir mussten zwei Jahre warten, aber heute wird es sich lohnen”, versprach Harris. Er sollte Recht behalten. Mit “When Is The Future?” startete das Set gleich mit einem echten Kracher aus der Hitkiste. Und das zweite Mal an diesem Abend ertönte ein Song mit dem Namen “Genesis”. Ronan kann man sich im Grunde gut als Schöpfergott vorstellen. Er erschafft gefühlvolle Momente und reiht sie wie eine leuchtende Perlenkette an einer Schnur auf. Nach einem VNV NATION-Konzert kann jeder dann seine “Perlenkette” mit nach Hause nehmen. Dieses Konzept, das Publikum zu verzaubern, verfolgt die Band jetzt erfolgreich seit über dreißig Jahren. Aber noch war die Kette recht leer. Mit “Illusion” kam aber gleich wieder eine der schönsten Perlen dazu. Zwischendurch erlangte ein omnipräsentes Einhorn-Steckenpferd Berühmtheit, als Ronan es sich aus dem Publikum zuwerfen ließ und es zur Erpressung desselbigen schamlos ausnutzte. “Wollt ihr das Einhorn enttäuschen?” , fragte er lauernd. Niemand wollte und so blieb der Pegel an Jubel und klatschenden Händen durchweg hoch. Im Rahmen von “Farthest Star” kam es dann noch zu einem denkwürdigen Moment, als ein oberkörperfreier Fan auf die Bühne geholt wurde, der ein ansehnliches VNV-Tattoo auf dem Rücken trug. Ronan signierte das Kunstwert mittels Edding und beschwerte dem glücklichen Fan vermutlich den Moment seines Lebens. Nach “Control” ging es weit zurück in der VNV NATION-Geschichte. Mit “Legion” wurde ein über zwanzig Jahre alter Song von “Empires” gespielt, den laut Ronan nur langjährige Fans mitsingen könnten. Nun, an denen mangelte es natürlich nicht. Doch auch für die Fans, die statt Perlen der Erinnerung im Geiste zu sammeln, lieber verwackelte Handyvideos anfertigten, hatte der meinungsstarke Ire eine Botschaft “Tu die Kamera weg, genieß das Konzert! Es läuft vor deinen eigenen fuckin’ Augen ab! Live experience”. Nach “Resolution”, “Nova” und “All Our Sins” endete das Headliner-Konzert mit der Ankündigung, dass im Februar 2023 mit “Electric Sun” ein neues VNV-Album herauskommen wird. Wir sind gespannt, was wir darauf für Schätze finden werden. Einen kleinen Vorgeschmack soll es bereits bei dem kleinen VNV NATION-Jubiläums-Festival in Gelsenkirchen in der nächsten Woche geben.

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Fotos: Mirco Wenzel

Mein persönliches Highlight des ganzen Amphi 2022 stand nun bevor. Wieso ich das schon vor der Show wusste? Nun, es handelt sich um THE BIRTHDAY MASSACRE. Als ich diese Band vor einigen Jahren dank eines guten Freundes entdeckte, war es eine Offenbarung! Endlich das fehlende Bindeglied zwischen meiner Metal- und meiner Electroseite gefunden zu haben, war absolut wundervoll. Allein, die Kanadier kommen nicht oft nach Festlandeuropa, sondern beschränken sich beim Schippern über den Großen Teich meist auf das Vereinigte Königreich. So ist es für mich fast schon Tradition geworden, für die TBM-Touren nach London zu fliegen. Nicht so in diesem Sommer, denn die Booker des Amphi hatten exzellente Arbeit geleistet. Ich schaffte es in die 1. Reihe und fieberte zusammen mit dem prall gefüllten Theater dem Auftritt entgegen. Doch es galt, Geduld zu haben. Technische Probleme brachten die Bandmitglieder dazu, hektisch herumzuwuseln und es wurde an den Verstärkern herumgeschraubt. Das Banner im Hintergrund war für diese Bühne auch definitiv etwas klein geraten. Aber was macht das schon, wenn man eine umso größere Band sehen darf? Mit zwanzigminütiger Verspätung setzte dann der Titelsong des 2014-er Albums „Superstition“ ein. Der Sound war brachialer, als ich es aus UK kannte. Eine ganze Spur härter und metalliger. Das wirkte sich natürlich besonders bei ohnehin schon rifflastigen Songs wie „Destroyer“ oder „Red Stars“ aus. Hier musste man einfach exzessiv headbangen. Sehr zur intensiven Live-Präsenz der Band auf der Bühne trug auch Frontfrau Chibi wieder einmal bei. Ihre mimische und gestische Interaktion mit dem Publikum ist einfach einzigartig. Das kleine Powerpaket bewegte sich eine Menge und winkte immer wieder Leuten im Publikum zu, bildete Herzen mit ihren Fingern und verteilte Luftküsse. Man muss diese Frau einfach gernhaben , wie sie ohne Schuhe über die Bühne berserkte und einfach nur eine unbändige Freude daran ausstrahlte, hier live spielen zu können. Und doch waren die letzten Alben „Under Your Spell“ und „Diamonds“ etwas blass geraten. Das typische intensive Keyboard-Spiel, was für mich den USP von THE BIRTHDAY MASSACRE ausmacht, war nicht mehr so stark ausgeprägt gewesen. Aber mit „Fascination“, das neben dem Titelsong auch mit „Stars and Satellites“ in der Setlist vertreten war, scheint es wieder mehr in die ältere Richtung zu gehen. However, langjährige Fans kamen hier in Köln keinesfalls zu kurz. Mit „Pins And Needles“ und „Kill The Lights“ wurde man regelrecht weggeboomt. Manchen Songs tut der zusätzliche Live-Boost sehr gut. Mit „Video Kid“ inklusive des verspielten Intros und „Blue“ ging es sogar zurück ins Jahr 2005. Als dann das Set mit „Weekend“ jäh endete, war man definitiv noch nicht bereit für den Abschied. Zum Glück steht die nächste UK-Tour im Herbst schon in den Startlöchern. Traditionen muss man pflegen!

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Fotos: Mirco Wenzel

Neben den beiden Hauptbühnen am Tanzbrunnen gab es natürlich auch noch die Orbit Stage an Bord der RheinEnergie. Aufgrund des Niedrigwasser-Standes des Rheins konnte das große Schiff allerdings nicht am Deutzer Ufer anlegen, sondern musste stattdessen wie schon mehrmals in den letzten Jahren in der Altstadt vor Anker gehen. Das Amphi-Festival stellte dankenswerterweise Shuttlebusse in engem Takt bereit, sodass die dritte Stage innerhalb von ca. 10-15 Minuten erreichbar wurde. Dennoch musste man sich gut überlegen, ob man das Gelände verlassen und die Reise antreten wollte. Am ersten Amphi-Tag spielten auf dem Schiff BRAGOLIN, THE FOREIGN RESORT, JOY DIVISION UNDERCOVER, ASH CODE und SHE PAST AWAY. Der Act DER FLUCH hatte leider krankheitsbedingt kurzfristig absagen müssen, allerdings gab es spontanen Ersatz von BRIGITTE HANDLEY und DEUTSCHER W, die ein improvisiertes Set von 30 Minuten präsentierten.

JOY DIVISION UNDERCOVER

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Fotos: Doctor Hentai

ASH CODE

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Fotos: Doctor Hentai

SHE PAST AWAY

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Fotos: Doctor Hentai

Nach diesem fulminanten Amphi-Einstand geht es morgen weiter mit Tag 2.
Alles wird Amphi!