Zwischen Interview und Heißluftballon mit HÄMATOM

Das Navi zeigt das Ziel jenseits von allem an, die Straße, wenn man sie so nennen kann, führt in einen Wald. “Sie haben Ihr Ziel erreicht.” ertönt und wir stehen im Wald vor einer großen Wiese, mit einem kleinen Schild “Ballonstartplatz”. Wir sind am Ziel!

Noch ist die Wiese unscheinbar und ruhig, doch die vier Himmelsrichtungen sind am Start und versorgen uns erstmal mit einem ausführlichem Interview. Danach fährt ein großer Pick-up mit Hänger vor, da ist das Ding, der HÄMATOM Heißluftballon. Unter Beobachtung von allen Seiten wird er aus dem Hänger geholt und samt Korb auf der Wiese ausgebreitet und vorbereitet. Bis dieser abhebt, sorgt Axel Schmitt, seinerseits Brotsommelier, für leckere Happen aus HÄMATOM-Brot. An dieser Stelle nochmal vielen Dank dafür, wir haben echt noch nie so gutes Brot gegessen!

Gestärkt kam dann der Augenblick, auf den alle sehnsüchtig warten, der Ballon wird mit Luft gefüllt, nach und nach erkennt man das Branding, welches überwältigend ist. Nach einer Sekt-Taufe starten HÄMATOM zur Jungfernfahrt. Leider hat das Wetter nicht richtig mitgespielt und der Ballon durfte nur ca.15m hoch steigen, da zu viel Wind herrschte. Dafür durfte jeder, der mochte, mal eine kleine Fahrt wagen.

Haltet also die Augen offen, vielleicht seht ihr ja auch den Ballon mal über eurer Stadt.

Hier unser Interview mit OST, dem Gitarristen von HÄMATOM:

Wir sind hier an einem Ort und bei einer Veranstaltung, bei der sich alles um euren Heißluftballon dreht. Wie kommt ihr auf die Idee einen Heißluftballon zu starten?

Weil wir es können, weil wir das Geld übrig hatten, weil Corona so gut lief für die Bands und wir tatsächlich nicht wussten wohin mit der Kohle. Wir dachten uns was ist die sinnloseste Ausgabe, die du als Band machen kannst und dann kam jemand auf die Idee: „Hey, ein Heißluftballon wäre doch geil!“. Zack, hatten wir ihn. So würde ich es tatsächlich genau schreiben, aber wer die ernste Antwort haben will, wir haben einen Fan aus der Nähe von Köln, Marcel heißt er, und er kam vor 2 Jahren, kurz vor Corona, auf uns zu. Er ist leidenschaftlicher Ballonfahrer und hat uns gefragt: „Was haltet ihr davon, dass wir zusammen einen Heißluftballon machen? Ich habe keinen Bock mehr mit Sparkasse, Deutsche Bahn oder Heineken durch die Luft zu fliegen, ich möchte aber der coole Typ am Heißluftballonplatz sein.“ Dann haben wir deswegen rumgesponnen, wollten es eigentlich viel früher machen, dann kam Corona dazwischen, deswegen wurde das Projekt so ein bisschen nach hinten geschoben, weil wir gesagt haben: „Ey, was wollen wir in der Corona Zeit mit einem Heißluftballon, wir müssen erstmal schauen, dass wir überleben“. Dann wurde das nach und nach vollzogen. Es hat wirklich, muss man an dieser Stelle sagen, einen Haufen Geld gekostet. Die ganzen scheiß Hip-Hopper können einpacken mit ihren Rolex und AMGs. Wir haben einen Heißluftballon, Leute! Und der ist fünf Mal so teuer wie eure scheiß gemieteten AMGs bei Sixt. Und der gehört uns und der wird die nächsten sieben Jahren durch die Lüfter schweben. Das geile ist an einem Heißluftballon, der darf ja tatsächlich über die Städte fliegen, der darf vieles machen, was du mit anderen Sachen nicht machen kannst, mit Flugzeugen, mit Drohnen und so weiter. Das wird schick. Und ich glaube und hoffe, dass es so eine Einzigkeit bekommt. Wir brauchen nur einen passenden Namen, also wer Vorschläge hat, raus damit.

Steht er sonst in irgendwelcher Verbindung zu dem neuen Album?

Er ist natürlich gebrandet mit dem neuen Album. Er wird die Farben zumindest im Banner des Albums tragen, er wird für dieses Album natürlich Werbung machen. Ansonsten nein, wir sehen es ein bisschen abgekoppelt vom Album. Wir machen einfach einen Heißluftballon, der eine Lebensdauer von sieben Jahren hat. Ich kann mir vorstellen, dass er bei diversen Aftershow Partys rangenommen wird – ey, Marcel, lass uns nochmal fliegen. Da wäre ich auch vielleicht zu besoffen, dass ich auch tatsächlich reingehen würde. Er soll einfach Promo machen für diese Band, aber auch unabhängig vom Album.

Wie lange hat die Produktion von dem Heißluftballon gedauert?

Ja, wie gesagt, von der ersten Idee bis jetzt sind zwei Jahre vergangen. Wobei, wir waren nicht toujours (franz. – immer) damit beschäftigt. Aber ich würde schon sagen, es gab sehr viele Planungen was das Design angeht. Wir haben viel probiert, hatten Vorschläge, die haben uns alle nicht überzeugt und wir wollten irgendetwas provokatives machen. Das Luftfahrt Bundesamt ist gerade so ein bisschen am nachdenken, ob wir überhaupt damit fliegen können. Denn wir haben so einen geilen Totenschädel, unseren MASKENBALL Schädel mit zwei Mittelfingern und da hakts gerade wohl so ein bisschen an der Genehmigung. Die hätte eigentlich schon längst da sein müssen, ist aber noch nicht da. Also sagen wir mal so, intensive Arbeit war so ein halbes Jahr, bis die Designs standen. Er wurde in Spanien gemacht, da hast du aber gerade auch Probleme mit Materialien, wie in allen Bereichen kommen sie da nicht an den Stoff ran. Aber er ist rechtzeitig fertig geworden. Das Ziel war tatsächlich vorm Album, vorm Release fertig zu werden und wir sind knapp einen Monat davor und sind durch.

Dann kommen wir auch schon direkt zu eurem neuen Album. Warum habt ihr euch dafür entschieden zwei Alben in einem Jahr rauszubringen?

Es war total ungeplant bzw. ist das ganze Corona geschuldet. Das BERLIN Album ist ja komplett outstanding was wir gemacht haben. Das haben wir gemacht, um uns glücklich zu machen, um was auszuprobieren, um die Zeit während Corona zu überbrücken und nicht tatenlos zu sein. Sonst wäre das Album tatsächlich, wäre alles normal verlaufen, eigentlich schon im Herbst 2020 oder im Frühjahr 2021 rausgekommen. Es machte aber keinen Sinn, weil man nicht touren kann oder konnte, jetzt geht’s ja langsam los. Deswegen haben wir schon relativ früh angefangen damit, ich glaube Anfang 2020 mit dem Schreiben und haben BERLIN einfach dazwischen gequetscht. Für uns war immer klar, es ist ein Special Produkt, ein Sonderalbum und sobald BERLIN veröffentlicht war, haben wir uns eigentlich gleich wieder auf das neue Album gestützt und das finalisiert. Deshalb ja, ich glaube, dass die Zeit der Zyklen für Alben eh komplett vorbei ist. Wir sind in letzten Zügen überhaupt von Alben. Das wird sich alles radikal verändern in den nächsten fünf Jahren, würde ich sagen, wenn es nicht sogar schneller geht. Das wird alles Richtung EP hinauslaufen, Special Produkte, Singles und so weiter. Das Album an sich wird immer unwichtiger werden, davon bin ich überzeugt. Deswegen, ob du jetzt zwei rausbringst oder vier oder lang mal keins, und dafür nur Singles, ist, glaube ich, egal, das stört auch nicht. Es wurde aber Zeit einfach mal, das ist glaube ich das wichtigste, für ein hartes HÄMATOM Album nach drei Jahren, für ein neues hartes HÄMATOM Album.

War es schwierig von diesem 20er Style zu eurem normalen Style zurückzukehren?

Überhaupt nicht. Tatsächlich hat es dem Produkt, der Musik, sage ich mal, dem Geist des neuen Albums total gut getan, dass wir vorher so ein softes Ding gemacht haben. Weil immer die Kontraste das sind, was reizvoll ist und was Spaß macht. Wären wir jetzt zum Beispiel aus einer normalen Albumproduktion gekommen, hätten wir vielleicht das Gefühl gehabt wir wiederholen uns hier und da. Aber dadurch, dass wir so ein viertel Jahr mit einem Big Band Album beschäftigt waren, kam uns ja schon hart vor, wenn wir die Gitarren angesteckt haben und einen verzerrten Akkord gespielt haben. Und dann sagten wir, okay, wir machen jetzt das maximal andere was wir können zu BERLIN. Es hat total Spaß gemacht und hat eher dabei geholfen, damit dieses Album schon relativ hart ist, finde ich. Also, das ist wirklich das härteste, würde ich sagen, seit WUT. Was auch so gewollt war, war auch tatsächlich im Vorfeld, bevor BERLIN überhaupt geplant war, so gewollt, aber das hat nochmal eine Schippe draufgelegt.

Ist DIE LIEBE IST TOT der logische Nachfolger von BESTIE DER FREIHEIT? Denn im letzten Song TODESMARSCH von BESTIE DER FREIHEIT wird ständig die Frage gestellt: „Sag mir wo ist die Liebe hin?“ und dann kommt die Antwort – DIE LIEBE IST TOT. Und außerdem wird diese Frage „Sag mir wo die Liebe ist?“ in dem Intro von dem Song DAGEGEN aufgegriffen.

Alter, das ist ja unfassbar! Es ist mir noch nie aufgefallen, wusste ich nicht. Aber danke für diese Erklärung, das ist es natürlich! Genau das haben wir uns dabei gedacht. Das stimmt! Natürlich ist es so! Vielen ist es von uns nicht aufgefallen, unter anderem mir nicht, der für die Texte in dieser Band verantwortlich ist. Aber das ist so. Wir haben genau das gedacht, als wir den letzten Song praktisch geschrieben haben zu BESTIE DER FREIHEIT, war uns schon klar, der Nachfolger wird mit diesen Zeilen beginnen. Das ist genial. Süd würde sagen: „Ich bin von der Geilheit selbst überrascht!“.

Wie lange habt ihr an dem Album gearbeitet? Ihr habt jetzt seit 2018 ständig etwas rausgebracht. BESTIE DER FREIHEIT, MASKENBALL, #FCKCRN, ZOMBIELAND, BERLIN und jetzt wieder ein Album. Wie lange arbeitet ihr daran?

Also tatsächlich haben wir relativ früh, direkt nach dem Beginn der Pandemie, angefangen. Irgendwie März 2020, glaube ich, gings schon los ins Studio, oder Anfang April. Da war es noch alles sehr ungewohnt, sehr spannend und sehr ängstlich. Als wir uns da getroffen haben, da gabs noch keine Tests und so haben wir uns vorher, bevor wir ins Studio sind, auch tatsächlich so ein bisschen ins Selbstquarantäne begeben, um da nichts einzuschleppen ins Studio. War auch irgendwie so eine Grauzone, ob man überhaupt rein darf oder ob man überhaupt arbeiten darf, das war noch nicht ausgereift, es war für alle neu. Seit dem arbeiten wir eigentlich so in 6-8 Wochen Rhythmus immer wieder an den Songs. So für 4-5 Tage fahren wir ins Studio, arbeiten dort die Ideen aus, treffen bzw. trafen uns mit anderen Produzenten auch parallel oder haben zu Hause geschrieben. Also intensiv, würde ich sagen, schon zwei Jahre oder fast zwei Jahre, eineinhalb Jahre sind es dann, aber mit Unterbrechungen. Das ist das was ich gemeint habe mit diesen Alben Zyklen, das ist eigentlich überholt. Der Metal hält noch dran fest, so wird es das noch ein bisschen geben, aber der Hip-Hop ist wie in vielen, in den letzten Jahren einfach Vorreiter was das angeht. Und das geht alles zurück so in die 50er-60er Jahre als alles nur auf Single aus war und singlebasiert war. Wir verkrampfen da nicht, wir machen uns da auch keine Gedanken, denn jetzt kommt dieses Album und wir haben schon die Idee für 2022 in der Pipeline und werden spätestens in 6 Wochen da schon wieder anfangen dran zu arbeiten. Vielleicht gibt’s da auch aber noch eine Single zwischendrin. Das ist relativ dynamisch der Prozess momentan. Aber um auf deine Frage konkret zu antworten, sind es eineinhalb Jahre im Prinzip.

Wie kam es dabei zu der Zusammenarbeit mit den 257ers?

Einfach eine Anfrage. Viele wünschen sich da eine total spektakuläre Antwort, die gibt’s nicht. Wir haben diesen Song geschrieben und waren relativ schnell davon überzeugt. Wir haben sehr lange an dem Refrain gedoktert. Die Strophe war, glaube ich, so in einer halben Stunde durchgerotzt, aber an dem Refrain haben wir sehr lange rumgedoktert, dass er genau das macht, was er jetzt gerade macht. Da geht’s um die Rhythmik, um die Silbensetzung, wie man die Wörter wohin schiebt, damit es der passende Groove ist. Da haben wir wirklich einen halben Tag bis Tag verschwendet und das am nächsten Tag nochmal aufgemacht und nochmal rumgedoktert. Und dann war uns eigentlich klar, dieser Song braucht ein Feature. Das ist einfach eine 100%ige Crossover Nummer und es wird diesen Song total nach vorne bringen, wenn wir da ein geiles Feature hinkriegen. Und dann standen die üblichen Wunschkandidaten im Raum, wie sie auch alle heißen. Man kennt‘s, wenn man HÄMATOM kennt, was wir so mögen. Und unter anderem waren die 257ers da und unser Manager kennt irgendjemanden aus dem Dunstkreis der 257ers, hat angefragt und es war wirklich so zwei Stunden später: „Ja klar, machen wir es. Saugeil!“ Im Nachhinein total lustig, weil als wir letzte Woche das Video gedreht haben, uns da trafen früh um halb elf, und die Jungs mit einem Kasten Bier zum Set kamen, das war wirklich sehr sympathisch. Was uns auch uns ein bisschen unter Druck gesetzt hat und uns auch gezeigt hat: „Hey, da müssen wir mithalten“. Da war tatsächlich die erste Begrüßung von Mike von 257ers: „Ey, ich bin so froh, dass es geklappt hat, weil ich so dermaßen neidisch auf TRAILERPARK bin, dass die mit euch auf WACKEN gespielt haben. Ich will das auch!“

Wie wichtig ist es für HÄMATOM ein Statement, wie zum Beispiel in DAGEGEN immer abzugeben?

Ich finde es tatsächlich total wichtig für uns, weil wir daherkommen, das sind unsere Wurzeln, das dürfen wir niemals verlieren. Auch wenn es vielleicht manche Leute nervt, vielleicht ist es manchen immer zu viel, vielleicht zu viel Zeigefinger. Wobei das versuchen wir immer zu vermeiden tatsächlich den Zeigefinger zu erheben, sondern eher auf Sachen hinzuweisen und den Spiegel vorzuhalten. Aber ich finde solche Songs total wichtig. Es ist ja nicht nur DAGEGEN, es ist ja JEDER GEGEN JEDEN, auch bei ICH HASSE EUCH ALLE, man merkt schon – ein sehr positives Album. Bei ICH HASSE EUCH ALLE kacken wir auch Leute an, dabei bekommt es in der ersten Strophe vor allem die AfD ab. Ich hoffe aber tatsächlich, dass sie sich den Text anhören und dann mit einer Klage ums Eck kommen. Das würde mir sehr gefallen. Ich finde auf so einem Album wie diesem muss mindestens 1/3 der Songs sozialkritisch sein, wie auch immer sie verpackt sind. Ich finde so 1/3 Partynummern, 1/3 sozialkritisch und 1/3 ist irgendwie so Selbstreflektion oder Biografisches. So arbeiten wir Alben nicht ab, aber lustigerweise kommt immer so der gleiche Mix dabei heraus.

Denkst du, dass die Message in den Songs bei den Zuhörern auch immer so ankommt? Wenn unter einigen eurer Posts auf Facebook, bei denen eine politische Tendenz zu erkennen ist, sowas wie „Macht weiter Musik und keine Politik“ als Kommentar steht.

Das ist ein Satz, da werde ich irgendwann mal Amok laufen. Was bildet sich ein Hurensohn ein, mir zu erzählen was ich zu tun habe? Das werd‘ schon ich entscheiden dürfen und meine Bandkollegen mit was für Sachen und mit was wir uns beschäftigen. Im Endeffekt ist es alles am Ende Politik, es ist alles gesellschaftlich, selbst Partysongs haben eine gesellschaftliche Relevanz. Und diesen Leuten rate ich einfach sich eine andere Band zu suchen. Helene Fischer muss da ganz gut sein, was nichtige Texte angeht. Mittlerweile, ich muss auch ganz ehrlich sagen, ich lese mir das auch kaum durch. Mir fehlt da jegliche Toleranz und jegliches Verständnis für Menschen, die selbst bei einem Nazi Post irgendetwas zu meckern haben. „Ja, aber die Linken sind genauso Scheiße“ – ist mir scheißegal, ob die Linken genauso Scheiße sind, darum geht’s in dieser Aussage nicht. Diese Aussage heißt Nazis sind Scheiße. Und entweder ich unterschreibs, oder sympathisier mich mit der rechten Szene. Und wenn der Song „Links ist Scheiße“, werden wir jetzt nicht machen, heißen würde, dann würden wir diese Aussage dafür machen. Es gibt auch ZAHLTAG auf diesem Album, was sich ganz klar mit Kindesmissbrauch beschäftigt. Da kann man auch nicht sagen: „Ja klar, aber vielleicht ist dieser Mann ja auch als Kind missbraucht worden“ – ist mir scheißegal, ich will das nicht so hinterfragen, es ist eine klare Botschaft mit einer klaren Aussage. Da bin ich teilweise schockiert, aber ich finde es immer ganz gut für die Social Media Seiten, da findet so eine Bereinigung statt, die ich immer sehr gut finde, weil dann verpisst sich das, was bei eh uns nichts verloren hat. Es gibt genug andere Bands, die in der Grauzone herumstehen, da können die sich auch herumtreiben.

Würdest du dir wünschen, dass DIE LIEBE IST TOT den ersten Platz in den Charts einnimmt?

Überhaupt nicht. Ich bin mittlerweile der festen Überzeugung, dass HÄMATOM der Michael Ballack der Musikszene ist. Michael Ballack hat bekanntlich auch noch nie einen Pokal gewonnen, gilt aber als einer der talentiertesten Fußballern, die Deutschland in den 20 Jahren hatte und war immer Platz 2. Er hats immer verkackt, bei jedem Finale hat er es verkackt *lacht*. Und einer unserer Produzenten Kohle (Kristian Kohlmannslehner) hat mich damals mit den Worten begrüßt, nachdem Berlin mal wieder auf Platz 2 eingestiegen ist: „Hey, Michael Ballack der Musikszene, wie geht’s?“. Und seitdem bin ich ein bisschen stolz drauf, ich möchte das fortsetzen. Es ist mir ganz wichtig, dass es eine knappe 2 ist. Dass wir wirklich so mit 4 CDs an der 1 vorbeischrammen. Aber die Chartpositionen sind tatsächlich mittlerweile total überholt. Die haben keine richtige Aussage mehr. Was eine Band wert ist, das spiegelt sich nur noch live wider. Hat sich total gewandelt. Hast du einen guten Monat für die Band und einen schlechten für die Musikindustrie, ist meistens der Juli oder August, dann kannst du es tatsächlich schaffen mit 2-2,5 tausend verkauften Alben auf die 1 zu gehen. Es ist lächerlich. Im Dezember brauchst du eher 15 bis 20 tausend dafür. Da passen die Parameter auch überhaupt nicht mehr so zusammen. Klar, wäre die 1 irgendwann mal vielleicht schön, aber ne, lass mich Michael Ballack sein, das macht mehr Spaß.

Ihr habt jetzt wieder neue Masken. Stamm die Idee und das Gesamtkonzept von euch selbst?

Wir sind natürlich immer mit dabei, wenn die Entwicklung am Start ist und die Masken entwickelt werden. Wir haben uns diesmal für einen relativ abgedrehten Künstler aus Lübeck, den Julian, entschieden. Ich habe mit ihm telefoniert und selbst beim Telefonat wusste ich schon, das ist jemand, der echt ein Künstler ist. Es war für uns auch sehr wichtig zu sagen: „Wir arbeiten mit dir zusammen“ und wir gaben ihm relativ viel Zeit. Das meine ich sehr lieb, ich mag dich und ich liebe dich sehr Julian, weil du wirklich einen geilen Job gemacht hast. Aber er hat so die Deadlines: „Jo-jo, schaff‘ ich“, immer verpennt, so um eine Woche oder zwei. Und das hat mir bewiesen, wir haben uns richtig entschieden, denn ein Künstler muss so sein, er darf niemals pünktlich abliefern, er muss der Deadline hinterherlaufen. Und das ist wirklich ein Freak und hätte er wirklich nochmal ein bisschen mehr Zeit, hätte wir an ein paar Details schrauben können. Auf jeden Fall, find ichs gelungen, es ist natürlich wie immer ungewohnt, für uns selber, für die Fans auch und es kommen immer die gleichen Kommentare: „Ey, früher war das geiler“. Aber es wird auch in zwei Jahren, wenn die nächsten Masken kommen, heißen: „Ey, deine letzte war geiler“. Deswegen ja, die Ideen stammen mit aus unserer Feder. Das Schöne ist, wir haben tatsächlich das erste Mal aus Latex Masken, das heißt die sind waschbar, was ein bisschen uncool ist, denn ich mochte den Geruch in unseren Backstages, wenn wir die Masken ausgepackt haben. Sie sind wesentlich komfortabler, man kann sie wesentlich angenehmer tragen und wesentlich leichter, das heißt wenn ich das nächste Mal wieder nach Wacken laufe, wird’s nicht ganz so schlimm.

Wie schwer ist es für dich zwischen den Persönlichkeiten zu wechseln? Bist du, wenn du die Maske ablegst, immer noch OST oder legst du dein Alter Ego direkt mit der Maske ab?

Das ist tatsächlich was, wo ich mir schon öfter die Frage stelle. Wobei lustigerweise merke ich das ganz extrem, und ich bin wirklich das Gegenteil eines Esoterikers, dass sobald – also ich komm hier an zum Beispiel, bin eher mies gelaunt und habe keinen Bock auf nichts, habe gerade zwei Ratten gesehen und ekel mich und möchte nicht aussteigen. Und dann schmink ich mich, setze die Maske auf und denke mir: „Komm her, du scheiß Ratte, ich fick dich, ich mach dich platt!“. Also ich merke selbst tatsächlich an mir, dass sobald die Maske auf ist, ich schon anders werde. Ich werde viel vulgärer und aggressiver. Es ist ungewollt, aber es passiert oder man ist irgendwie mit dieser Rolle vielleicht zusammengewachsen, dass es so automatisch ist. Und dann von zu Hause aus Posts zu machen, in dem Moment, wo man die Maske nicht trägt, ist auf jeden Fall anders. Man muss sich dann schon dazu zwingen: „Pass auf, du bist jetzt in der OST Rolle, sei nicht zu nett“.

Eure neue Tour – warum spielt ihr ausgerechnet in kleinen Clubs? Wäre es nicht geiler, wenn es richtig los geht, in großen Clubs zu spielen?

Also es sind zwei Sachen. Zum einen ist es so, dass die Fans uns in der Pandemie, vor allem im Jahr 2020, unfassbar unterstützt haben, dass wir eigentlich schon im Mai gesagt haben: „Ey, wenn diese Scheiße vorbei ist, dann sind die ersten Shows in kleinen Clubs nur für die Freaks“. Es war von Anfang an klar. Das haben wir durchgezogen, seit einem Jahr, diese Idee und wollten das unbedingt so machen. Zum anderen, wird parallel tatsächlich die Tour gebucht, die ist eigentlich auch schon fertig, und wird, jetzt habe ich mich gerade verraten, im Herbst 2022 stattfinden. Das wird die größte Tour sein, die HÄMATOM jemals gespielt hat, auch über die Grenzen von Österreich, Schweiz und Deutschlands hinaus. Das läuft parallel, aber du kannst jetzt nicht, wie ich finde, keine große Tour im Frühjahr ankündigen. Dazu ist alles zu riskant, die Leute sind noch nicht bereit die Tickets so zu kaufen, wie sie es vorher getan haben. Das Risiko ist zu groß, viele haben einfach keinen Bock mal wieder fünf weitere Tickets im Schrank liegen zu haben, die dann irgendwann zurückgegeben werden müssen, denn es könnte ja trotzdem irgendetwas noch passieren. Deswegen wäre das auch wirtschaftlich zu riskant gewesen eine große Tour anzukündigen. Aber wir habe trotzdem Bock live zu spielen. Das wird, glaube ich, echt super. Ich freue mich tierisch. Wir haben vorhin besprochen in welcher Besetzung wir fahren. Wir fahren wirklich komplette Sparflamme. Also nicht Sparflamme, weil kohlemäßig, sondern weil einfach nichts reinpasst. Wir leihen uns einen kleinen Mini-Nightliner, packen da acht Leute rein plus Busfahrer. Das heißt kleines Besteck, Boxen, Rock’n’Roll pur und dann gehen wir in diese Clubs. Ich weiß noch im MCT Köln, das wirklich innerhalb von zwölf Stunden ausverkauft war, haben wir damals zweimal mit HÄMATOM gespielt in den Jahren 2008 und 2010. Da waren jeweils 13 Leute. Das wird emotional eine spannende und krasse Nummer.

Die Freak-Boxen – ihr habt da was Geiles rausgebracht, die vier Masken und weiteren geilen Kram. Wie wollt oder könnt ihr das noch toppen?

Nee, ich glaube tatsächlich, das wars auch mit Freak-Boxen. Danach wird nichts mehr kommen. Du kriegst irgendwie den Abdruck meines Penis in der nächsten Box, aber das wird eine ganz kleine Box sein. Ansonsten kannst du es wirklich nicht toppen. Aber dafür war Corona ganz gut, dass man all die Ideen, die man vorher im Kopf rumgetragen hat und für die man im Alltag nie Zeit hatte, um sie zu verwirklichen, plötzlich in Corona möglich wurden, weil du ja nicht gespielt hast, du hattest ja die Zeit dich damit zu beschäftigen. Was die Box an sich angeht, (da habe ich von meinem Freund, der neben mir sitzt, Axel Schmitt, gelernt, dass man sich selbst auch mal loben muss) bin ich seit Juni oder seit Mai mit der Produktionsfirma bzw. Merchandising Firma, am Produzieren bzw. am Erstellen dieser Boxen und vor allem dieser Masken und das war alles so immer auf Spitz auf Knopf und wir haben immer auf Risiko gesetzt: „Ja komm, das schafft man, das schafft man bis dahin“. Und wenn wir es nicht schaffen, dann gibt’s Konventionalstrafen und so weiter, weil du die Produkte nicht ausliefern kannst. Ich sagte: „Scheiß drauf, das wird schon alles klappen“. Ich bin so froh drüber, stell dir mal vor, wir haben das nächste Konzert, das nächste Maskenball Ding, und wir fordern die Leute auf – kommt alle mit Masken. Und dann hast du da tausend Süds, tausend Nords, tausend Wests und tausend Osts stehen. Vielleicht packt man die Bühne noch irgendwie in die Mitte und verteilt die Leute so in die Himmelsrichtungen für die ersten drei Songs und danach vermischt sich wieder alles. Es werden hoffentlich total geile Bilder entstehen. Und die sehen wirklich unfassbar echt aus, die sind wirklich 1 zu 1, wenn ich meine Maske mal verliere, nehme ich halt die aus den Boxen. Es ist wirklich krass, was da möglich ist und die haben das anhand der Bilder einfach gezeichnet und nachgemacht. Wirklich unfassbar!

LIEBE AUF DEN ERSTEN FICK – eine persönliche Erfahrung oder woher kommt die Inspiration?

Natürlich eine persönliche Erfahrung, wie alle Songs, die wir geschrieben haben. LIEBE AUF DEN ERSTEN FICK ist auf jeden Fall das, was jeder von uns in dieser Band schon selbst am eigenen Leib erlebt hat, auch wenn die Liebe nur für einen Tag gehalten oder gedauert hat. Wer hat sich noch nicht nach einem One-Night-Stand schon mal verliebt? Und merkte dann erst bei der Unterhaltung zwei Tage später am Telefon: „Uff, war doch nicht das richtige“. Aber übrigens, es ist mein Lieblingssong auf diesem Album. Ich liebe diesen Song, weil dieser Eighties-Riff total geil ist und das wird auch die nächste Single sein. Es ist die Ficken Duologie, die auf euch zukommt. Erst FICKEN UNSREN KOPF und dann LIEBE AUF DEN ERSTEN FICK. Mal gucken was uns da noch Kreatives einfällt *lacht*.

Vielen Dank für das Interview!

Ich danke euch!

 

Fotos: Lara Schneider
Text: Dennis Schönfeld