Review: EPICA – “Omega”

Harte Zeiten für alle Symphonic Metal-Fans. Erst das Ausscheiden von MARKO HIETALA bei NIGHTWISH, dann der Schock der praktischen Komplettauflösung von DELAIN… Wenn das Genre-Schwergewicht EPICA in solchen Zeiten nach fünf langen Jahren mal wieder ein Release ankündigt, klammert sich die Fanbase an solche Nachrichten wie ein Ertrinkender an eine Holzplanke. Was dürfen wir also von EPICAs “Omega” erwarten? Nicht mehr und nicht weniger als die Rettung unserer bedrohten Spezies namens Symphonic Metal! “Omega” als letzter Buchstabe im griechischen Alphabet und seit jeher ein Symbol für den Abschluss, klingt als Titel da zunächst wenig hoffnungsvoll. Zugleich hat man noch andere Ängste: Was macht die Corona-Pandemie mit all ihren Härten für Künstler mit einer ohnehin schon verkopften Band wie EPICA? Bekommen wir jetzt zwei Stunden lang einen düsteren Abgesang als Hymne für den endgültigen Untergang der Welt zu hören? Wird EPICA – der Philosoph unter den Metal-Bands – zum Propheten des nahenden Abgrunds? Oder wird ein weiteres Kapitel in der durchaus ambivalenten Welt von EPICA enthüllt, die schon immer voller Überraschungen und vielgesichtig wie eine Chimäre war?
Von den jüngsten Vorkommnissen um die Kollegen von DELAIN wissen wir, was passieren kann, wenn es schwelende Unstimmigkeiten innerhalb einer Band gibt. EPICA sind im Gegenteil für “Omega” näher zusammengerückt und haben das Album als Team aufgenommen, wie die Band verrät. “Das erste Mal seit Ewigkeiten arbeiteten wir im selben Raum und setzen uns früher als je zuvor mit den Ideen der anderen auseinander”, so Mark Jansen. Wer es wagt, ein neues EPICA-Album zu erkunden, sollte auf alles gefasst sein. Es ist wie ein Spaziergang durch einen wunderschönen Garten, während man eine Ritterrüstung trägt. Denn zwischen den exotischen Blumen mit wunderschönem Duft lauern auch düstere Nachtschattengewächse voller Dornenranken.
Also auf ins Wunderland – aber nicht unbewaffnet!

Auch das Cover des Albums ziert ein Irrgarten, wollen wir hoffen, dass wir uns zurechtfinden.
Aufatmen! Das erste Stück des Kiesweges ist bereits bekannt. Denn nach dem instrumentalen Auftakt “Alpha – Anteludium” (lat. für “Vorspiel) wartet der bereits vorab vorgestellte Song “Abyss of Time”. Ein kurzweiliges Stück in schnellem Tempo, das alles enthält, wofür EPICA bekannt ist: Wechselspiel zwischen Simone Simons weicher und Mark Jansens harter Stimme in den Strophen, schnelle Gitarrenläufe und ein ohrwurmwürdiger Chorus. Der Song, zu dem auch ein Video veröffentlich wurde ist wie ein Versprechen an die pandemiemüde Fanbase: EPICA ist hier und versorgt euch mit dringend benötigter, epischer neuer Musik, um die Flagge auch in diesen herausfordernden Zeiten hochzuhalten. In der Bridge kommen dann die ebenfalls für diese Band so typischen Choräle zum Einsatz. Dieser Song ist für EPICAs Verhältnisse recht gradlinig und mit nur wenig Schnörkeln ausgestattet. Auf jeden Fall reißt er einen mit und macht Hunger auf mehr. Folgen wir dem Weg aus Bruchstein weiter in die Tiefe des Gartens. Was erwartet uns hinter der nächsten Kurve?

Haben wir den passenden Schlüssel dabei?

Huch! “The Skeleton Key” – ein Bild, was wir uns sehr gut vorstellen können. Welche Tür wird mit dem knöchernen Schlüssel geöffnet? Können wir ihn überhaupt erreichen oder geht es uns wie Alice im Vorraum des Wunderlands? Wird es jetzt etwa gruselig? Ein wenig vielleicht. Die Strophen und die Bridge mit dem Kinderchor haben hier durchaus einen Touch von unheiliger Verzauberung. Das Piano trägt auch zu der veränderten Stimmung bei und gießt eine Schliere Schmerz ins warme Wasser, das uns umfängt. Der Chorus ist dagegen eher unauffällig, dieser Song trägt sich mehr über die Strophen. Mark Jansen kommt auch nur eher spärlich zum Einsatz. “Seal of Solomon” beginnt mit einer altvertrauten Orchestrierung und Chorälen. Dieser Song erhält durch die Streichinstrumente eine orientalische Einfärbung, was seit jeher gut zu EPICA gepasst hat, wie wir wissen. Der freundliche Growler von nebenan hat auch wieder mehr zu tun und der Chor darf gar den Refrain bestreiten. Toller Song. Wer sich jetzt fragt, ob der biblische König Salomon einen Privatzoo mit einer Robbe besessen hat und sich das arme Tier in Israel zu Tode geschwitzt hat, dem sei gesagt, dass “Seal” in diesem Kontext “Siegel” bedeutet 😉

“Gaia” folgt als Nächstes in der Tracklist. Die altgriechische Erdgöttin musste schon für so manchen Song herhalten, daher sind wir gespannt, wie EPICA das Thema verarbeiten. Der Song kommt weitegehend ohne mystische Elemente aus, wir haben es also dieses Mal nicht mit kultischer Verehrung von Mutter Erde zu tun. Die schnell und eindringlich vorgetragenen Strophen in für Simons ungewohnter tieferer Tonlage und die Instrumentierung schafft eher ein unruhiges Bild und legt eine Vermutung nahe: Der bedrohliche Zustand der Erde aufgrund des Klimawandels und des negativen Einflusses der Menschheit wird hier thematisiert. Gegen Ende des Songs erklingt die Botschaft “It’s never to late”, was die Interpretation stützt. Ein starkes Signal von EPICA und eine wichtige Botschaft. Statt zum xten Mal die Macht der Erde und die Schönheit der Natur zu umsäuseln, rütteln EPICA uns auf und warnen uns, dass der Kitsch Gefahr läuft, in Müll und Treibhausgasen zu versinken. Lasst es nicht zu!

Etwas Saharastaub weht über die Gartenmauer

Wie war das noch gleich mit dem Orient? “Code of Life” beginnt als soundgewordener Wüstenwind und macht MYRATH Konkurrenz. Wer bei den bisherigen Songs noch nicht zum Headbangen gekommen war: Here you go! Der Track bekommt schon jetzt den Stempel “uneingeschränkt live-tauglich”. Simone Simons Stimme gibt uns hier den Rest, sie schafft es, wie ein Messer durch heiße Butter zu fahren und surft auf dem Sandsturm – Großartig. Das sind die überraschenden Wendungen im epica’schen Gartenspaziergang, die eingangs erwähnt wurden. Gerade noch die angeschlagene Marmorstatute der Gaia an einem Teich voller Algen und jetzt stehen wir auf einer Wanderdüne. Doch der rasante Ritt geht weiter. Einen Song über Freiheit zu machen, ohne in Kitsch und Pathos abzugleiten ist eine schwierige Aufgabe. “Freedom – The Wolves Within” versucht sich daran. Meiner Meinung ist das beim Chorus nicht ganz gelungen, aber was man sehr positiv hervorheben muss, ist der Unisonso-Chor zu Beginn und auch immer wieder zwischendurch in perfektem Zusammenspiel mit den Gitarren. Das rockt.

13:24 – die Spielzeit von Track Nummer 8 “Kingdom of Heaven Part 3 – The Antediluvian Universe” ist an sich schon eine Verheißung. Hier wird ein albenübergreifendes Werk weitergesponnen, das mit Part 1 auf “Design your Universe” seinen Anfang nahm und sich auf “The Quantum Enigma” fortsetzte. “Antediluvian” dürfte den wenigsten geläufig sein. Es handelt sich hierbei um eine zeitliche Epoche im ersten Buch Mose “Genesis” und zwar die Zeit zwischen dem Sündenfall und der Sintflut und hat seinen Weg mittlerweile auch in die Wissenschaft gefunden. Nach dem Sündenfall brach die Beziehung zwischen Gott und den ersten Menschen und diese wurden des Paradieses verwiesen. Sie erfuhren erstmals Schmerz und Entbehrung und mussten für sich selbst sorgen bis es nach der reinigenden Sintflut zur Versöhnung mit Gott kam. Soviel zum Hintergrund, nun wieder zur Musik. Wird Part III von “Kingdom of Heaven” auch ein Monument, das in einer Reihe mit anderen abendfüllenden Songs wie “The Devine Conspiracy” stehen darf? Das Schöne an solchen Songs ist, dass man sich hier Zeit für ausgedehnte Orchesterpassagen nehmen kann und ihnen mehr Raum als in einem üblichen Vierminüter einräumen kann. Das, was andernorten manchmal nur Deko sein darf, rückt hier mehr in den Mittelpunkt: Die ersten drei Minuten sind rein instrumental. Die erste Hälfte wird danach aber hauptsächlich von eindrücklich getragenem Gesang beherrscht, mit langsam dahingleitenden Schleifen und eingeleitet mit wunderschönen Flöten und Geigen. Langweilig wird es aber keineswegs, Gitarren und Growling finden ebenfalls statt. Ein verspieltes Piano-Interludium bildet das Scharnier zur zweiten Songhälfte, wo dann das Tempo anzieht und die Instrumentierung rauher wird. Wir treten durch einen mit Schlingpflanzen überwucherten Steinbogen und finden uns in einem neuen Bereich des Gartens wieder, in dem auch fleischfressende Pflanzen und Brennnesseln wachsen. Der Weg ist zwar nicht zugewachsen, aber so schmal, dass wir hin und wieder eine der Pflanzen berühren und ein leicht stechendes Prickeln verspüren. Zwischendurch weht sogar ein kalter Hauch alá “Skeleton Key” herüber.

Kurze Pause – und danach rennen wir ein Stück bis zum Ausgang

Die kleinen Verbrennungen aus Track 8 müssen gekühlt werden und was wäre heilsamer als die wasserhelle Stimme von Simone Simons im Rahmen einer blütenzarten Ballade? “Rivers” tut gut. Augen zu und genießen. Brauchte irgendjemand noch eine Erinnerung, dass diese Frau eine der besten Sängerinnen unserer Zeit ist? Bitteschön. Aber hier steckt mehr dahinter. Eindimensionale Sänger gibt es im Mainstream zuhauf, oft bleibt es bei einer Fassade. Aber wer schon einmal Interviews mit EPICA und insbesondere Simons gesehen hat, weiß, dass die Komplexität der Werke kein Zufall ist. Fragile Schönheit und Stärke sind kein Widerspruch, das beweist EPICA immer wieder aufs Neue. Anders als manche Kollegen ließen sie sich nie auf ein Stereotyp reduzieren. Du kannst den Teil einer Seerose bewundern, den du siehst: vorrangig die Blüte. Aber wenn du versuchst, sie zu pflücken, wirst du feststellen, dass darunter verborgen ein dicker Stängel und starke Wurzeln wachsen. Du wirst am Gesamtkonstrukt scheitern. Also zieh dich ein Stück zurück und versuche, die gesamte Pflanze wahrzunehmen und zu respektieren. Denn was ist ein Kopf ohne den Körper?

Zurück zum “Duft der Seerose”, also zur Musik: “Synergize – Manic Manifest” hält sich nicht mit Vorspielen auf, sondern kommt gleich zur Sache. Die Kraft, die wir während “Rivers” gesammelt hatten, brauchen wir hier. Der Song besticht in seiner Rasantheit und wühlt den geneigten Zuhörer gehörig auf. Die aufgestaute Energie muss raus, also joggen wir ein Stück durch den Garten. Ariën an den Drums darf sich hier genauso austoben wie seine Kollegen von der zupfenden Zunft und wenn ein Song auf die Bühne gehört, dann ist es dieser.
Gerade als die Kondition nachlässt, nimmt der Song in der letzten Minute doch nochmal Tempo raus und entlässt uns dankbar und zufrieden. Hatten wir eigentlich schon EPICAs weiteres Markenzeichen, nämlich wunderschön verschlungene Songtexte und -titel erwähnt? “Twilight Reverie – The Hypnagogic State” muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Wer seine Songs heutzutage noch “Fire” oder “Fear” nennt, sollte sich hier mal eine Scheibe lyrischen Kuchen abschneiden und die raffinierte Glasur bewundern. Für alle Interessierten: Der “hypnagogische Zustand” bezeichnet die Grauzone zwischen Schlafen und Wachsein, also den Bereich, der kurz vor dem Hinübergleiten in den tatsächlichen Schlaf oder auch beim Tagträumen auftritt. Dabei kommt es zu Halluzinationen und der Träumer ist sich dessen sogar bewusst.
Hier haben wir auch mal einen Song, der die volle Punktzahl in Sachen Chorus verdient hat. Die “Zwielicht-Träumerei” vereint akzentuiertes Intro, wohldosierte Choräle, sanfte Strophen und den schon erwähnten tollen Refrain und lässt so keine Wünsche offen. Auch Growling und eine Sprachpassage verzieren das Werk. Ein “Best of Epica” – in einem Song zusammengefasst. Keine weiteren Fragen, euer Ehren!

Oha. Trompeten! Wir werden offenbar würdig aus dem Omega-Garten verabschiedet. Dieser Abschied dauert sieben Minuten und begleitet uns mit einem Refrain in hoher Tonlage und geschickt komplementären Growlings hinaus. Gallopierende Gitarren beherrschen diesen letzten Song und ab Minute 6 setzen die Trompeten wieder ein, bis der Chor uns einen letzten glühenden Blick schenkt und ein umarmender Windhauch voller Blütenduft uns durch das schmiedeeiserne Tor des Gartens hinausdrückt. Wenn Gärtner Mark Jansen kurz nicht hinsieht, könntest du eine Blume pflücken und sie mit hinaus in den Alltag nehmen, aber willst du, dass die Schönheit vor deinen Augen vergeht? Ich mache dir einen besseren Vorschlag: Komm jederzeit gerne zurück in den epischen Garten und jetzt wo du seine Eigenarten kennst, kannst du die Rüstung vielleicht sogar zu Hause lassen.

Fazit

EPICA stellen uns in dieser Zeit, wo alle zu Hause sitzen, einen Reisepass für den Garten der Träume aus. Der Eintritt kostet nicht den Verstand, aber eine Portion Mut. Wenn du offen bist für einen abwechslungsreichen Spaziergang, dann betrete Omegaland und genieße die frische Luft und all die verschiedenen Areale. Auch wenn man in der jetzigen Situation sicherlich dankbar für jedes neue Stück Musik ist, kommt es für EPICA natürlich nicht in Frage, ein beliebiges Machwerk abzuliefern. “Omega” ist weniger verkopft als frühere Alben, weniger sperrrig und schwerverdaulich, als man es gewohnt ist. Leicht zugänglich war EPICA noch nie, immer musste man die Alben mehrmals hören, und sich an die rasanten Stilwechsel zwischendurch gewöhnen. Doch war diese Komplexität auch immer ein Qualitätsmerkmal. Wie passt nun “Omega” in diesen Rahmen? Nun, man hat hier weniger auf die üblichen Abzweigungen zurückgegriffen als vorher. Selbst ein überlanger Song wie “Kingdom of Heaven Part 3” bleibt erstaunlich gradlinig und verliert sich nicht in eigenartig anmutenden, orchestralen Kapriolen. Manche werden dieses Zurechtschleifen auf mundgerechte Portionen vielleicht bemängeln, aber wer will schon beim Essen schier ersticken? Ich finde, EPICA haben hier ein wunderbares Menü zusammengestellt und füllen unsere Akkus wieder ein Stückweit auf. Das Album ist ein Gesamtkunstwerk ohne Ausfälle und kühlt etwas die Wunden der Symphonic Metal-Szene, die sie in den letzten Wochen erlitten hat. Und wenn man die Entstehungsgeschichte des Albums bedenkt und dass es eine Teamleistung aller Bandmitglieder war, ja ein Monument von Kollegen, die zu Freunden wurden, dann ist es nur folgerichtig, dass “Omega” so eine runde Sache geworden ist. Für die Orchestrierung zeichnet das “Prague Philharmonic Orchestra” verantwortlich, dessen Aufnahmen kurz vor den Corona-Einschränkungen fertig wurden. Dass bei den Aufnahmen alle Bandmitglieder an einem Strang zogen und im Gegensatz zu der zerbrechenden Welt da draußen, all ihre Ideen zu einem gemeinsamen Mosaik zusammensetzen konnten, nötigt uns höchsten Respekt und Dankbarkeit ab. “Omega” muss auf die Bühne! Egal wie lange es noch dauert, wir sind bereit!

“Omega” erscheint morgen, am 26.02. über Nuclear Blast.

Bewertung: 8,5/10

TRACKLIST

1. Alpha – Anteludium
2. Abyss of Time – Countdown to Singularity
3. The Skeleton Key
4. Seal of Solomon
5. Gaia
6. Code of Life
7. Freedom – The Wolves Within
8. Kingdom of Heaven part 3 – The Antediluvian Universe
9. Rivers
10. Synergize – Manic Manifest
11. Twilight Reverie – The Hypnagogic State
12. Omega – Sovereign of the Sun Spheres