Review: DARK TRANQUILLITY – Moment

Wenn man 10 Bands aufzählen würde, die einen in der postapokalyptischen Zeit im ständig wiederkehrenden Lockdown oder den aktuellen chaotischen Zeiten begleiten sollten, führt eigentlich kein Weg an DARK TRANQUILLITY vorbei. Die Band hat über die Jahre etliche zeitlose Hymnen aus feinstem Göteborger Stahl geschmiedet, oder man könnte sagen: Wenn IN FLAMES der Stahl ist, sind DT der komplexe, tiefgründige Damast Stahl.

Der neue Einschlag der Band konnte man sicherlich schon aus den Songs wie „Forward Momentum“ oder „Iridium“ heraushören, aber: Wie geht es jetzt nach dem Ausstieg von Niklas Sundin weiter? Das dürften sich einige Fans bestimmt fragen. Niklas wurde bereits 2017 durch Chris Amott ersetzt, was sich natürlich auch auf das neue Album „Moment“ niederschlägt.

Als „Phantom Days“ vor einigen Monaten durch die sozialen Medien waberte sorgte es für etwas leichtes Schaudern auf dem Rücken: mit lauter Anlage ist der Song ein heftiges Stück zum Einstieg in das Album. Der leichte Hauch der Synthies zu Beginn, episch klingendes Gitarrenspiel und das dezente Fauchen – so läuten DT typisch perfekt das Album ein – ein wunderbarer Sound für die dunklen Novembertage. „Transient“ bewegt sich auf gekonnt hohem Niveau und entpuppt sich schnell als sehr komplexes und tiefgründiges Stück, aber dennoch im bekannten Sound der Band. „Identical To Non“ folgt diesem Weg und ist ebenfalls ein eingängiges, schnelles Stück  das eine überraschende Eigenständigkeit entwickelt.

„The Dark Unbroken“ ist eine Art von Song, der erst mal sacken muss. DT geht hier einige neue Wege und lässt Mikael im Cleargesang deutlich mehr Spielraum. Die dunkelschichtige komplexe Art des Songs, perfekt abgestimmte Gitarrensolis und Mikaels klare Gesangsparts zwischendurch sorgen für Gänsehaut. Das Songwriting dazu ist zudem extrem tiefgreifend und passend für dieses Jahr, alles in allem ein Song, der Seinesgleichen sucht. „Remain In The Unknown“ ist dann noch ein Tick langsamer und führt in der Perfektion des Songwriting mit ein wenig Klavierspiel und Gitarrensolis im Hintergrund weiter durch die Dunkelheit. „Standstill“ ist dann das Licht am Tunnel, nach den wahrlich melancholischen Vorgängern legt der Song einige epischen Melodien vor, kann sehr schnell mitreißen und das Gemüt sehr schnell erhellen, oh welch wunderschöner Schwedenstahl.

„Ego Desertion“ ist nun wieder teilweise ein typisches DT Headbangerstück, zwischendurch immer wieder durchsetzt mit einer Mischung aus dem tiefgreifenden Cleargesang und dem typischen Gegrowle und im Gegensatz zu vielen anderen Bands bis in die Perfektion getrieben. „A Drawn Out Exit“ ist nun die brutale, dunklere Weiterführung und streicht den Cleargesang komplett aus dem Song und entpuppt sich wieder als extrem vielschichtiger Moshpitsong, ähnlich in die Richtung von „Iridium“. Da ist wieder so ein Song: „Eyes Of The World“ sticht schnell durch die Komposition und dem Songwriting hervor, die ausgewogene Mischung zwischen Geschwindigkeit, Gesang und Melodie sorgen für das nächste Highlight auf dem Album. Kurz sacken lassen und dann wieder munter werden wir dann direkt von „Failstate“ überrollt, der schneller Brecher reiht sich perfekt ein und zeigt uns die schwedische Axtfraktion in Perfektion. „Empires Lost To Time“ setzt dann auch hier noch einen drauf und erhöht die Hitdichte auf diesem Album erneut, ohne an Komplexität zu verlieren. Der Song ist schnell, melodisch und immer wieder durchsetzt mit epischen Gitarrensolis und dann viel zu schnell vorbei.

Wie kann man „Moment“ abschließen? Wie wäre es mit einer Hymne für die Ewigkeit, auch die hat DARK TRANQUILLITY in Petto:  „The Truth Divided“ ist eine sanft dahintreibende Hymne im Sturm der Gezeiten mit einer schwarzen Perfektion die seinesgleichen sucht. Wirklich alles in diesem Song sorgt für Gänsehaut, beginnend bei den sägenden Gitarrensolis, dem kompletten Cleargesang und unterlegten Effekten. Trotz dem ruhigen Tempo ist dieser Song ein unvergleichliches Hörerlebnis und mit der stärkste Song auf dem Album.

Nach dem die Band nach dem Überalbum „Fiction“ mit den beiden Nachfolgeralben gute Kost geliefert haben, ist „Moment“ nun der Gipfel dieser Entwicklung. Der aktuelle Zeitgeist der Welt spiegelt sich  perfekt in diesem Album wieder, neben der Tiefgründigkeit der Songs, der Ausgestaltung jeglicher Melodien spielt auch die Weiterentwicklung der Band hierbei sicherlich eine Rolle. „Moment“ ist sozusagen Perfektion, Genie und kreativer Wahnsinn der Band zugleich, die perfekten Melodien für diesen Winter.

Bewertung: 9/10

“Moment” erscheint am 20.11.2020 bei Century Media

Tracklist:

  1. Phantom Days (04:01)
  2. Transient (04:11)
  3. Identical to None (03:42)
  4. The Dark Unbroken (04:55)
  5. Remain in the Unknown (04:41)
  6. Standstill (04:11)
  7. Ego Deception (04:21)
  8. A Drawn Out Exit (04:01)
  9. Eyes of the World (03:51)
  10. Failstate (03:21)
  11. Empires Lost to Time (04:10)
  12. In Truth Divided (04:41)