Review: ES23 – “Only Melodies Remain”

Es ist soweit: Am 7. August wird Daniel Pad alias ES23 sein mittlerweile viertes Studioalbum „Only Melodies Remain“ auf INFACTED RECORDINGS veröffentlichen. Nach einer sehr langen Durststrecke mit einigen angekündigten, aber bisher nicht erschienenen Releases und ein paar Lebenszeichen in Form von Singles, teils sogar als „digital only“- Release, jetzt der sehnlichst erwartete Paukenschlag – Und was für einer!

Daniel ist eine recht präsente Persönlichkeit und gibt ganz freimütig tiefe Einblicke in seine musikalischen Tätigkeiten. Somit wissen seine Follower bereits, das manch ein Track schon seit Jahren in irgendwelchen Schubladen auf das Erblicken des (Neon-) Sonnenlichtes wartete und das die „Appetizer Singles“ ebenfalls auf die VÖ gepackt werden. Für den  verwöhnten Konsumenten, der für geringstmöglichen Einsatz maximalste Überraschung und natürlich den absoluten Klimax erwartet, mag dies erst einmal ein Dämpfer sein. Aber lasst euch versichern, diese Sorgen macht ihr euch völlig zu unrecht.

Das Album: ES23 – Only Melodies Remain

Vorweg sei euch gesagt, dass es sich hierbei um ein echtes Album handelt. Wie das gemeint ist? Ganz simpel: dieses Release folgt dem althergebrachten Konzept des „Gesamtkunstwerkes“. Ihr erhaltet hier also ein komplettes Buch, in dem eine Geschichte von Anfang bis Ende durcherzählt wird und nicht etwa eine lose Sammlung einzelner Gedichte. Dies ist in Zeiten von Spotify und Co total out und  altbacken, aber ein Segen für jeden, der eine höhere Aufmerksamkeitsspanne als eine Stubenfliege hat. Da das klassische Hören von  Medien wie CDs nicht mehr recht en vogue ist, ist diese künstlerische Entscheidung Daniels insbesondere aufgrund des  kaufmännischen Risikos umso mehr zu würdigen. Ihr merkt schon, der Rezensent ist begeistert…

Dann schauen wir uns das mal im Einzelnen an:

Eröffnet wird das Album mit einem Intro. Ja, ein echtes Intro! „My Avatar“ ist ein ruhiges Instrumentalstück mit szeneuntypischen  Sounds. Man könnte es sich gut als Soundtrack für eine Filmszene vorstellen mit seinem Glockenspiel und den mittelalterlichen Strings.
Und sofort wird einem die Besonderheit des Künstlers bewusst: Er ist ein echter Nerd und erschafft seine Musik durch jammen und  experimentieren. Diese “planlose” Vorgehensweise ist verantwortlich für immer wieder frisch und anders klingenden Tracks unter dem  Label “ES23”. Beispiele für diese These finden sich nachfolgend noch einige.

Track 2 ist vielen schon bekannt: „When I’m Gone“ erschien im November 2019 als „digital only“ Release. Es handelt sich hierbei um eine Uptempo- Electro- Popnummer mit einem vielschichtigen Aufbau. Wir hören verschiedene Melodien auf etlichen Spuren und Ebenen, die zu einem harmonischen Kanon verschmelzen. Das ganze Gegenteil von minimalistisch oder simpel „on point“. Keine Sorge, den Anfängerfehler des Überladens macht hier niemand. Ein sicherer Kandidat für die „Repeat-„ Taste. Thematisch wird hier das Thema „Verlust“ metaphorisch in der Sprache der Gamer aufgearbeitet, könnte man zumindest meinen, viel Spielraum für eigene  Interpretationen.

An Position 3 findet sich mit „In My Fantasy“ der erste etwas düstere Stampfer. Eine schwere und düstere Bassline legt sich behände auf das eigene Gemüt, wird aber alsbald durchbrochen von geradezu fröhlichem analogen „Geklimper“ und Daniels nur leicht verzerrte  Stimme. Ein sehr einfaches, aber gerade deshalb sehr intensives Stück Musik. Lyrics und Sound passen verdammt gut zusammen, ein  Song für einsame Stunden. Inhaltlich lässt der Text einigen Raum für die eigene Auslegung, sehr angenehm. So kann jeder in seine eigene Fantasie abtauchen.

Gefolgt von „Memories“ bleiben wir, trotz etwas angezogenen BpM in der ruhigeren Ecke. Musikalisch schon wieder etwas „poppiger“, was definitiv nicht als Schimpfwort zu verstehen ist. Manche Klänge und Tonfolgen erinnern an große Balladen der 80er, vermutlich aber nur diejenigen, die sich an diese Zeit noch selbst erinnern können. Konträr dazu befindet sich die Zahl der Taktschläge schon auf einem höheren Niveau. Die Nummer ist musikalisch sehr ausgefeilt und auch fein tanzbar. Die Lyrics sind simpel, aber auf den Punkt. Man muss halt auch nicht aus allem eine Fabel stricken, manchmal gilt eben auch „less is more“.

Kommen wir nun zum Titeltrack „Only Melodies Remain“. Ein bisschen Geklimper eröffnet den Track, geht über in einen schön Retro angehauchten Keyboard Sound, bevor er in den ersten Strophenteil mündet. Auffällig hier besonders das ausgeklügelte Arrangement mit Intro, Strophe, Bridge, Refrain, Break, Refrain….. love it! Absolute Tanznummer mit Ohrwurmgarantie, inhaltlich ist mit der Phrase „Only Melodies Remain“ eigentlich schon alles gesagt. Absoluter Anspieltip!

Mit „Not Your Enemy“ gehen ES23 ungewöhnliche Wege. Eine knallharte ElectroHouse Nummer für die klassische Disco, locker fluffig und 100%ig „4 2 the floor“. Darauf gesprochen ein paar einfache Phrasen im Vocoderstyle. Ein herrlicher Ausflug in „fremde Welten“, dem gerne weitere folgen dürfen. Wer darauf nicht tanzt, steht vermutlich gerade mit Betonschuhen auf der nassen Seite des örtlichen Weihers. Stumpf? Ja, aber was solls? Beim Tanzen soll man nicht zuhören und nachdenken, sondern sich fallen lassen (nicht zwingend im Wortsinne). Klasse Nummer, passend zu betiteln mit dem Begriff “cool”.

„Good Or Bad“ ist eine wütende Abrechnung. Womit? Findet es raus, die Lyrics sagen es durchaus deutlich, lassen dem Hörer aber auch hier Interpretationsspielaum. Der Sound ist eher minimalistisch, monoton und sehr mechanisch, die Vocals wechseln von zartem  Flüstern auf wütendes Schreien, ein Arrangement, welches auch genauso gut im Rockbereich funktionieren würde. Er steckt voller Aggression und hilft dem Hörer, genau diese abzubauen.

An Position 8 treffen wir auf einen alten Bekannten: „Taking Me Down“, erstmals veröffentlicht bereits im November 2018. Für Daniel selbst ist dieser Titel ein absolutes Highlight, das er für dieses Album nochmal neu gemastert hat, beziehungsweise hat mastern lassen. Denn das Mastering für dieses Album hat niemand geringeres als dergöttliche KRISCHAN JAN-ERIC WESENBERG erledigt, eine wirklich gute Wahl. Textlich geht es hier um die negativen Folgen einer Liebe auf die eigene Gefühlswelt. Musikalisch unterstützt durch harte Synthlines, die Einflüsse von EBM und Industrial in sich tragen und doch immer noch geschmeidig genug sind, um auch sanfter  gestrickte Electro- und Synthpopfreunde nicht zu verprellen.

Bei „It Means Nothing“ geht es beim Thema Psyche wieder deutlich schwärzer zu. Eine Uptempo Nummer mit deutlichen Harsh- Anleihen. Gar nicht verwunderlich, ist dieser Song im Ursprung doch schon recht „betagt“. Uraufgeführt wurde er nämlich schon 2018 auf dem WGT in Leipzig, allerding dort noch mit anderen, spontan entstandenen Lyrics. Der Name ist hier allerdings nicht Programm. Das Ding wird in jeder Dunkeldisco für Verzückung sorgen und wäre garantiert auch live eine Bombe!

Bei „In The End“ sind wir dann endgültig im Harsh angekommen. Um dies zu untermauern haben sich ES23 dann auch mit ihren Freunden von SYNTHATTACK zusammen getan. Die Vocals stammen hier ausschließlich von Martin, dem momentan vermutlich (völlig zu Recht) angesagtesten Protagonisten dieser Stilrichtichtung. Soundmäßig geht es hier schon ordentlich zur Sache: schnell, hart und laut, aber immer auch hoch melodiös und gefällig – Harsh eben.

Mit dem Dancefloor tauglichen Liebesschwur in „Tonight“ bewegen wir uns langsam auf die Zielgerade zu. Es handelt sich hier  mitnichten um eine „Schnulze“, vielmehr um den befreiten Ausruf der ganzen Liebe auf einen fast schon fröhlichen Tanzbeinschwinger.
Auffällig auch hier wieder die für ES23 fast schon typische Kombination von Gegensätzen: schnelle Beats und langsame Vocals, locker flockige Sounds auf eine etwas düstere Hook gelegt und immer was Neues für die Ohren zu entdecken.

Den Abschluss bildet der zwölfte Titel, das rein instrumentelle „The Last One“. Ein ruhiges und erdendes Werk, herrlich angenehm und somit ein ideales Outro.

Als Sahnehäubchen landen noch zwei Remixe auf dem Album, welche so noch nicht released worden sind. Als erste Zugabe gibt es „When I’m Gone“ im Remix von SOLITARY EXPERIMENTS. Dieser startet ruhig, zeigt dann aber deutlich die Handschrift seiner Macher, ist etwas geradliniger und tranciger. Nettes Detail: hier hat man Freude daran gehabt, sich einen ganz bestimmten Teil der Vocals vorzuknüpfen. Von allen Remixen zu diesem Track ist dieser sicher der behutsamste, mit viel Respekt für das Original.

Die zweite Zugabe wird mit „Taking Me Down“ im SHIV-R Remix geboten. Klassisch sind hier die kräftigen Drums und die starke Bassline im Vordergrund, während die Vocals als weiteres Instrument etwas in die zweite Reihe rücken und auch noch etwas bearbeitet sind. Ein sehr druckvoller Remix, der das Original gut stärkt.

ES23 – „Only Melodies Remain“, das Fazit

Wow, dieses Album ist begeisternd. Ein „echtes“ Album, abwechslungsreich, sowie frech und sehr selbstsicher zwischen verschiedenen Substyles wandelnd, das überzeugt.

Klar, jedes QUEEN Album war pompöser, jedes SCOOTER Album kommerzieller und jedes TIS Album straighter, aber dieses Werk entfaltet schon beim ersten Hören seinen ganz eigenen Charme. Mal verspielt, mal verträumt, oft knallhart auf den Dancefloor ausgerichtet. Es nimmt den Hörer mit auf eine Reise durch die Welt des Daniel Pad. Ein extrem erwachsenes Album und das bisher beste von ES23. Ganz klare Empfehlung für Freunde guter Electro Mucke.

Bewertung: 9/10

Die Details

Artist:                   ES23
Album:                 Only Melodies Remain
Label:                   Infacted Recordings
Release Date:       07.08.2020
Formate:              Digital, CD & eine streng auf 150 Stück limitierte Fanbox (nur erhältlich im ES23 Merch Shop)
Quellen:               Bandcamp, Infacted und in allen anderen Streamingportalen und CD- Shops.

Alle Titel geschrieben, komponiert, produziert und arrangiert von Daniel Pad, Texte von Daniel Pad, Vocals von Daniel Pad (außer Track 10, Vocals von Martin Schindler [SYNTHATTACK / SOUND WARRIORS])
Mastering:           Krischan Jan-Eric Wesenberg
Cover Artwork:    Alexander Fröbel/ PIXELBREED

Tracklist

  1. My Avatar
  2. 02 When I’m Gone
  3. In My Fantasy
  4. Memories
  5. Only Melodies Remain
  6. Not Your Enemy
  7. Good Or Bad
  8. Taking Me Down
  9. It Means Nothing
  10. In The End (feat. SYNTHATTACK)
  11. Tonight
  12. The Last One
  13. When I’m Gone (SOLITARY EXPERIMENTS Remix)
  14. Taking Me Down (SHIV-R Remix)