Kolumne: Von einem der Auszog, Festivals zu erleben…

Gate A52, war ja klar. Durch das halbe Terminal hetzen. Schlimm genug, dass die nicht im Schengenraum sind, und dann noch der Brexit. Schwachmaten, auf Lügen gebaut der Scheiß. Egal, wird knapp. „Last Call for Passengers“… jaja, ich bin ja unterwegs. Beamen geht erst in einem halben Jahrhundert oder so. Handy auf den Scanner gepackt, freundlich gelächelt und an Bord des Aluvogels. Zwei Stunden Augenbildschirmschonermodus machen und dann gibt’s was auf die Ohren, naja, jetzt im Blechding ebenfalls, allerdings aus der Konserve. Die Zeit vergeht wie im Fluge – har har har – und eh ich mich versehe setzen wir zum Landeanflug an auf Manchester. Airport Shuttle, Bahnfahrt und ‘ne Ecke wandern – dann sollte ich im Jury’s Inn in Sheffield ankommen – Wohndomizil für die nächsten vier Nächte oder Tage, mal abwarten… Ist schon spät als ich eintraf. Freundliche Leute, so wie vor sechs Jahren – ich glaub den einen erkenn ich wieder. Schnell eingecheckt und auf das Zimmer und Bildschirmschonermodus verlängern.

RESISTANZ 2020

Lange geschlafen – wer braucht schon Breakfast? Also ab in die Corporation, Widerstand is futile wird es heißen irgendwann, wenn wir auch beamen können. Aber die nächsten drei Tage wird der Widerstand lebendig und die ruhige Luft erschüttern und Häuser wackeln lassen. Bands von drei Kontinenten werden uns ins Delirium spielen – nein nicht Dilithium, auch das kommt später. Schnell mal die gute Viertel Meile vom Inn zur Corp geschlendert – einen Flat White auf dem Weg eingesammelt und dabei schon ein paar bekannte Kontinentalgesichter getroffen. Pünktlich zur Tea Time öffnet das RESISTANZ2020 die Pforten – Party on Wayne! Freitag Nachmittag – andere müssen noch arbeiten – aber was kümmern mich deren Individualschicksale – ich hab Urlaub genommen. Gleich letzten Sommer als die erste Ankündigung raus war, dass STRAFTANZ noch einmal eine Abrockung machen werden. Ticket – BÄÄÄMM. Flug – BÄMMM. Hotel – DOPPELBÄMM. Und dann acht lange Monate auf gestern warten. Und now – let you entertain me! Bring it on, ich will Widerstand spüren! Die Bandauswahl lässt erneut eine tolle Musikmischung der Genres Industrial, EBM, Futurepop, SynthPop, Power Noise und jede Menge alternativer elektronischer Musik erwarten.
Den Auftakt machen heute SURGYN, die kommen von ein bisschen weiter nördlich aus dem Königreich, aber welche von der weiß-blauen-Flaggen-Fraktion. Sympathisch – mag ich Schottland eh lieber als den südlichen Teil der vom Kontinent weggedrifteten. Guter Anfang und viel zu schnelles Ende irgendwie, STOPPENBERG als nächster auf der Bühne – geht gut weiter, der Flüssigkeitsverlust braucht einen Widerstand, schnell mal zum Replikator – ach verdammt, wieder falsches Jahrhundert. Bar nennt sich das hier ja noch. Aber das Zeug ist vermutlich genauso synthetisch, lauwarm. Naja, die Massen der Inselaffen mögen es, also kann es ja gar nicht so schlecht sein. Hmm, sagte ja auch irgendwer nach der Wahl von Johnson glaub ich. Die Beats sind jedenfalls erhaben über jeglichen Zweifel, der Körper muss gehorchen und Widerstand ist tatsächlich zwecklos in diesem Fall. Unklar ist mir, ob das hohe Maß an Beatbefolgung an der Musik selber oder an dem zu trinkenden Zeugs lag, jedenfalls lässt der nächste Act ELECTRONIC SUBSTANCE ABUSE (ESA – wie unsere Europäische Raumfahrtagentur) beides vermuten. Noch ein zwei drei keine Ahnung mehr wie viel es waren von dem britischen Nationalgetränk und im Nu vergingen die Auftritte von PROMENADE CINEMA und EMPIRION und irgendwie weiß ich nur noch, dass der Weg zum Inn anders als der Hinweg war… After Show Party, ja meine Vorhänge waren auch irgendwann unten… Der nächste Tag suggierte dann, weniger vom dem lauwarmen Krams zu trinken und vielleicht doch ein Frühstück in Betracht zu ziehen – wenn es dafür nicht auch schon wieder zu spät gewesen wäre… Aber egal, da kann man ja was futtern – Fish and Chips, immer schön lokal angepasst, assimiliert so zu schreiben – Widerstand ist ja eh zwecklos wie wir seit gestern doch wissen. Heute gibt es dann auch schon wieder drei Schmankerl der besonderen Art, Wes CRAVEN oder so, ach nee, ohne Wes. Das war Wesley Crusher glaub ich, wieder falsches Jahrhundert… Jedenfalls mit SIRUS Industrial aus Australien – weite Reise – ob die beamen konnten? Und danach die immer wieder gern gehörten ES23 aus good old Home Country. Der Nachmittag rockte, sowohl akustisch als auch olfaktorisch und gustativ. Kabeljau ist ja schon ganz geil hier im Königreich, sogar mit Essig. Alles andere als Essig war der Auftritt von SPARK!, wobei ich echt froh bin, dass die Schweden keinen Surstrømming mitgebracht haben. Geht gut ab der Punk. Macht Spaß und als THE GOTHSICLES aufspielen verschwimmt die Zeit vor den Augen und ASSEMBLAGE 23 feierten subjektiv wahrgenommen schon wieder im Trafalgar House bis in den frühen Morgen – wer braucht schon Frühstück, so gibt es doch morgen zu WYCHDOKTOR, Dama mit MONDTRÄUME, CYFERDYNE (die ne neue Scheibe im Mai rausbringen), MAX SPEED und JOHNNY LAZER vor IVARDENSPHERE und der Schwedin REIN gefolgt von den Franzosen HORSKH und meinem persönlichen Highlight STRAFTANZ wieder Fishnuggets und Fritten mit Essig – kann man sich langsam dran gewöhnen.

Aber erstmal eine Runde Ohren- und Augenbildschirmschonermodus – aber das wird ja viel zu kurz heute. Fast hätte ich vergessen, ich muss ja früh raus. Wir wollen am Strand ja die Nicolas Cage Stadt der Engel Szene wieder nachstellen, so wie quasi mittlerweile jedes Mal hier am Weißenhäuser Strand. Fast verpennt, aber mit verpenntem Gesicht schnell die schwarzen Klamotten angezogen und zum Strand getapst. Zum Glück regnet es heute nicht, aber egal, Appartement ist ja gleich um die Ecke. Nachher dann wieder Sand aus den Schuhen schütteln… War gestern schon ein geiler Tag, gute Mischung aus Mittelalterfolk, Synthpop, Darkwave and alles, was mein Musikjunkie Herz begehrte, irgendwie – naja mit Abstrichen ist klar, denn das für mich ideale Lineup ist für andere ja was anderes. Auch wenn HELDMASCHINE, FUNKER VOGT und DAS ICH ziemlich abwesend erschienen bei der Show, konnten die Headliner FIELDS OF THE NEPHILIM, die Lästermäuler von SCHANDMAUL, die wunderbaren DIARY OF DREAMS, ASSEMBLAGE 23, WHISPERING SONS, mein Favorit der Herzen FUTURE LIED TO US und ADAM IS A GIRL sowie die EBMer von ANY SECOND mächtig Stimmung machen und die beiden kleinen Säle gut ausfüllen und das Zelt zum Wanken bringen. Man merkt, die schwarze Szene kann halt Party und Konzerte. So, Aufstellung jetzt für das Foto – dann gleich noch eine Lesung heimsuchen und irgendwas futtern und dann Beschallung on. Gibt heute noch ein paar besondere Schmankerl, von Industrial Pop mit AESTHETIC PERFECTION (Theremin-Action inklusive!) über EBM mit den alten Herren von FRONT 242 zu Synthpop – ach, einfach wieder gut. Sei es L’ÂME IMMORTELLE oder Altmeister JOACHIM WITT, egal ob wir in die LETZTE INSTANZ gehen (würden jetzt Juristen sagen 😉 ), oder düsteres von [:SITD:] und härteres mit SPETSNAZ und STAHLMANN, sanftes mit MELOTRON, VOGELFREY, SONO, MASSIVE EGO, VANGUARD, SEELENNACHT, STERIL und NIGHTNIGHT. Wird wieder eine tolle dunkle Party – die Zeit so schnell vorbei – unglaublich, schon wieder Sonntag. Also ab ins Zelt und vielleicht grölt heute Nacht mal niemand im Vorbeigehen nach Helga…

Doch, natürlich. Helga, Helga, Helga. Wobei einer auch Hägar gebrüllt hatte. Glaub ich. Weiß ich aber nicht mehr so genau, weil ich laut fluchte, als mein Zelt über mir zusammenklappte. Wohl irgend ein Besoffski über die Ankerleinen getrampelt und diese rausgerissen. Schwachmaten. Jedenfalls, Hägar, wie bei Wickie. Kennen wohl nur noch die Wenigsten. Wir sind ja auch so langsam in die Jahre gekommen. Immerhin zum 21. Mal hier auf dem Flugplatz unter diesem Festivalnamen. Und doch immer wie ein „Nach Hause Kommen“, Freunde – eigentlich eher schon fast Familie – treffen. Und gute Musik, vielleicht dröhnt es heute nicht so im Hangar wie gestern. Gespannt bin ich schon auf CRÜXSHADOWS. Für mich immer wieder ein persönliches Highlight. Klettermaxe Rogue. Bis er irgendwann mal Plumps macht… Einige Bands hatte ich ja schon vor kurzem – es kommt mir vor wie gestern – sehen und hören können, dennoch genieße ich es auf ein Neues. Gut, einige gehen halt gar nicht, aber das schiebe ich mal wieder auf den Hangar, ich verstehe erneut nicht, warum das Auspegeln da so schwer sein soll… Gestern Abend auf der Bühne COVENANT, DIORAMA und BLUTENGEL gingen gut ab. ROTERSAND im Hangar ging auch gut. Heute stehen für mich dann noch FADERHEAD, COMA ALLIANCE, SOMAN im Hangar auf dem Plan und draußen dann VNV mit Orchester und natürlich THE CRÜXSHADOWS. Es gibt immer so viel zu hören und sehen und meistens wäre das Klonen super – auch das kommt später dann, zusammen mit dem Beamen. Häh, komischer Gedankengang gerade, wieso kommt das gerade hoch? Na egal. Musik On, Welt ausblenden. Dichtes Gedränge im Hangar, Mindestabstand wäre hier echt mal ne ganz prima Sache. Verstehe nicht, warum die Menschen das nicht mal machen könnten, kann ja nicht so schwer sein denke ich. So nen Einkaufswagen Abstand wäre kool. Dann hätte ich wenigstens nen kleinen Privattanzbereich und nicht Bauch an Bauch und Schulter an Schulter. Aber naja, was soll’s. So, SOMAN hat’s wieder gemacht. Neue Beats und Sounds und Kolja trifft wieder meinen Nerv damit. Hach, geile Kiste. Jetzt aber fix raus, Rogue klettert bestimmt gleich los… Schnell durch die Autogramm-Schlange gewuselt, zum Glück regnet es mal nicht – Wacken soll wohl wieder so stark abgesoffen sein sollen, dass sie es sogar absagen mussten – sagt man. Jedenfalls scheint die Regel wieder zu passen – Säuft Wacken ab, verbrennt es Hildesheim die Birne und lässt uns Staub einatmen – hust hust – hoffentlich keine Lungenentzündung oder so ein Scheiß. Ah, es geht los. Gut mittig nen Platz gefunden, zum Glück nicht auf der Betonfläche. Sound OK. Und siehe da, wie vermutet, Klettermaxe. Auf die Boxen, links, rechts. Ah, jetzt, am Gestänge hoch auf der linken Bühnenseite. Wie immer. Hat der da gerade nen Hustenanfall?!? Meine Augen werden größer und ich hab nen Kloß im Hals. Alter, der hat gerade losgelassen und segelt nach unten! Ich schreie lauf auf – und plötzlich – als ob Millionen Stimmen gleichzeitig verstummen – rüttelt mir wer am Arm. Leicht benommen schau ich auf.

Wieso lieg ich? Auf ner Couch? HÄH? „The Blade that cut’s the Artery“ schallt aus den Lautsprecherboxen neben der Glotze. Versteh gerade die Welt nicht, aber gute Mukke ist da. Da läuft scheinbar „my Dearest Enemy“ von RROYCE im Stay@Home Festival Livestream, zumindest glaube ich das nach den ca. 4 Sekunden die ich brauche um auch die rumsitzenden Mitzuschauer zu erkennen, welche aufgrund meines Aufschreis nach Alderaan immer noch erschrocken aufschauen und sich wohl fragen, „was hat der denn? Corona Lagerkoller?“