Review: Juwelen der Ruhe von THE BIRTHDAY MASSACRE – “Diamonds” ist da!

(english version below)

Während in Folge des Corona-Crashes viele Werte an den Börsen verfallen sind, beglücken THE BIRTHDAY MASSACRE uns mit einer neuen Währung. “Diamonds”, wie das neue Album heißt, verspricht uns eine sichere Investition in ewig funkelnde Kleinode. Doch handelt es sich hier wirklich um eine sichere Anlage oder trügt wie so oft wieder einmal der schöne Schein?

Ist es wirklich schon wieder drei Jahre her, dass der Vorgänger “Under Your Spell” erschienen war? Es kommt einem kürzer vor und damals hätte man sich auch nicht träumen lassen, dass wir das nächste Album in weltweiter Angst vor einem Virus und mehr oder weniger freiwilliger Quarantäne empfangen würden. Gerade jetzt, wo viele von uns in der Isolation zu Hause sitzen und an der Reizarmut zu ersticken drohen, kommt neue Musik natürlich sehr gelegen und THE BIRTHDAY MASSACRE waren schon immer ein Garant für die Entführung in mystische Welten. Wessen Seele von der im Moment sehr harten Realität verwundet wurde und sich nach Heilung sehnt, für den ist “Diamonds” absolut geeignet, denn wenn das Gesamtwerk mit einem einzigen Wort beschrieben werden sollte, würde ich “verträumt” wählen. Es hat über weite Längen durchaus meditativen Charakter und diese beruhigende Wirkung sei auch allen panikverbreitenden Hamsterkäufern wärmstens empfohlen, um wieder runterzukommen.

Die ersten beiden Tracks “Enter” und “The Sky Will Turn” verströmen genau diese versprochene Ruhe. Der im Ohr bleibende Chorus des Openers in Mid-Tempo wechselt sich mit akzentuierten Strophen ab und zieht zuletzt noch einnmal im Rhythmus an. Song zwei verspricht im Titel, dass die Gegebenheiten niemals auf Dauer so bleiben, wie sie sind und sich auch wieder ändern werden. Eine Botschaft, die in der derzeitigen Situation sicherlich guttut. Er wurde auch als erste Single ausgekoppelt, diese Schwerpunktsetzung ist begrüßenswert.
Der Titelsong “Diamonds” ist zwar auch durchaus sanft und verträumt zu nennen, aber durch die hohe Tonlage der Vocals wird hier ein anderer Akzent gesetzt, die Stimme hat mehr Substanz und der Hall-Effekt verschönert das Ganze noch. Den immer wieder im Text vorgebrachten Wunsch “Hide me from the world” könnte auch manch einer von uns derzeit unterschreiben. Hat THE BIRTHDAY MASSACRE hier etwa die Kristallkugel bemüht und herausgefunden, welche Botschaften wir zur Zeit brauchen? Im Unterschied zu den vorherigen Songs arbeiten im Hintergrund Gitarre und Keyboard beständig daran, den Song etwas druckvoller nach vorne zu bringen.

Die Geschwindigkeit zieht an!

“Run” schließt sich nahtlos an den Titelsong an und führt die Schwerpunkte “hoher Gesang” und “druckvoller Sound” harmonisch fort. Ein großer Pluspunkt ist hier der pulsierende Beat, der immer wieder zwischendurch ausgelöst, einen gewissen Sog entwickelt und den Hörer bei Laune hält. Das vermittelt den leicht beschleunigten Herzschlag eines Läufers und nimmt so indirekt Bezug auf den Titel des Songs. Dass vor allem der Mittelteil des Albums den Ton angibt und die Highlights beinhaltet, beweist auch “Flashback”. Während die Strophen hier wieder chillig wirken, rockt der Refrain in jeder Hinsicht und Chibis vergleichsweise tiefe Stimmlage bildet einen weiteren Kontrapunkt. Abgerundet wird das Ganze durch eine Gitarrenbridge, die man einfach nur mit “cool” umschreiben kann.
Nach den eher gehauchten Tracks eins und zwei haben wir also den Übergang aufs Gaspedal mit Song drei,vier und fünf und wie geht es jetzt weiter? “The Last Goodbye” bildet einen Kompromiss, da die gehauchte Stimmfarbe hier wieder zurückkehrt, aber der kräftige Keyboardsound keine Langeweile aufkommen lässt. Auffällig bei diesem Song: Die Gitarren muss man mit der akustischen Lupe suchen, deren Stunde schlägt erst mit Einsetzen des Outros. Bei Lied Nummer sieben “Crush” ist vor allem der Chorus bemerkenswert, denn er wird aus zwei eher gegensätzlichen Elementen gewebt: Erst kommt eine Stakkato-Einlage, monoton-hypnotisch auf einem Ton verharrend und danach folgt immer eine kurze Legato-Welle nach oben, bis wieder die “Morsezeichen” einsetzen. Ein somit interessant zusammengemischter Song.

Langjährige Fans werden sich an die älteren Alben von THE BIRTHDAY MASSACRE zurückerinnern und auch an eine Eigenart der Band, die Intros und Outros der Songs mit Geräusch-Samples zu versehen (z.B. Wind- und Regeneffekte, Rauschen und mechanisches Klicken, Scheppern etc.). “Mirrors” knüpft ein bisschen an diese alte Tradition an und wird am Anfang und Ende von hallenden Schritten eingerahmt. Der Song sticht am meisten aus dem Album heraus und verlässt als einziger wirklich die glattgebügelte Blumenwiesen-Akustik, indem ein wiederkehrendes, psychodelisch anmutendes Beatelement in Kombination mit Gitarre eingebaut wird, wodurch man fast zum Headbanmgen verleitet wird. Diesen besonderen Farbtupfer mit Powerboost gab es früher bei TBM durchaus öfter, bis man sich scheinbar überwiegend den “Walgesängen” verschreiben wollte. Lediglich die etwas schwache Bridge führt bei diesem Song zum Punktabzug. Song Nummer neun “Parallel World” packt dann noch einmal konsequent den Traumfänger aus und entführt uns in ruhigem Tempo auf der Regenbogenwelle in unsere Traumwelt, bevor das Album sanft ausklingt.

Fazit

THE BIRTHDAY MASSACRE sind blasser geworden, ätherischer. Den morbiden Charme der Jugend und die leicht punkrockig-verspielte Attitüde von früher haben sie weitgehend abgelegt. Nach “Superstition” begannen sie langsam damit, Lewis Carroll in Rente zu schicken, was für uns vor allem bedeutete: Weniger Überraschungen, weniger Absurditäten, weniger Turnarounds. Das Unterland, in dem Alice sich bewegt, ist kein durch und durch verträumter Ort, es lauern auch Gefahren und die Herzkönigin schärft beständig ihre Guillotine. Daher waren auch TBMs Songs früher voller gefährlicher Falltüren und unerwarteter Wendungen und ein ums andere Mal jagten Rainbows heiser raspelnden Gesangseinlagen uns wohlige Schauer über den Rücken. Diese Mischung aus Wundern und Schaudern hat aber für die frühe Anhängerschaft auch durchaus den Reiz ausgemacht. Wer ihnen dann auf dem Weg in sichere Gefilde folgen wollte, musste den Nervenkitzel ein Stück weit zurücklassen. Die heutige Fanbase schätzt es durchaus, dass man mit den neueren Songs auch getrost einmal die Augen schließen und vor sich hinträumen kann. “Diamonds” führt den Weg von “Under Your Spell” über eine sonnige Blumenwiese hin zur Delphintherapie konsequent fort. Nur “Mirrors” bricht ein wenig aus und verhindert das Urteil, dass TBM ihr Mehr-Sein zur Gänze verloren hätten. Keyboards können jedenfalls mehr als eine wohlig warme Soundwelle und Assoziationen an schillernde Schmetterlingsflügel erzeugen und Gitarren muss man nicht immer in die Bridge und ins Outro verbannen. THE BIRTHDAY MASSACRE ist im Wandel und das ist immer eine schwierige Phase, in der die Karten der Fanbase neu durchmischt werden. Wer allergisch gegen “Haucheritis” ist und sich Chibis freche, schrille Stimme zurückwünscht , wird sich möglicherweise abwenden und wer einen geistigen Führer für das watteweiche Traumland braucht, den nimmt TBM jetzt gerne an die Hand. Letztendlich bleibt es Geschmackssache und wie schon gesagt: Etwas Ruhe und Frieden brauchen wir in der jetzigen Phase der Corona-Krise sehr dringend, darum ist “Diamonds” es durchaus wert, gehört zu werden.

Bewertung: 6/10




(english version)

Jewels of Calmness – THE BIRTHDAY MASSACRE present “Diamonds”

While many values at the stock exchanges have lost due to the Corona-Crash, THE BIRTHDAY MASSACRE pay us out in a new currency. Called “Diamonds”, it promises a safe investment in everlasting gems. But is it a true and certain deal or will it just be fool’s gold?

Has it been three years alreday, that the previous album “Under The Spell” was released? It doesen’t feel like that and at that time nobody would have expected, that we would wait for the new album while fearing a new virus and being stuck in more or less voluntary quarantine. But now, when many of us are staying at home the whole time and are being at risk to die from boredom, we are happy to receive new music. THE BIRTHDAY MASSACRE always have been a guarantor for journeys into mystic worlds. Whose soul got wounded from the cruel reality and is searching for a cure, should give “Diamonds” a try, because if you would like to characterize this album with just one word, it would be “dreamy”. It has a meditative impact, so I recommend it to every panic spreading and panic-buying person out there to calm those down again.

The first two tracks “Enter” and “The Sky Will Turn” emit exactly this promised calmness. The catchy mid-tempo chorus of the opening track alternates with accentuated verses and accelerates near the end. The second song promises in its title that the cirumstances won’t stay the same and will change betimes. That’s a message we need in this stressful era. This song got published as a single, we welcome that kind of setting of priorities.
The title track “Diamonds” is of course soft and dreamy, but comes with a high pitch within the vocals and therefore creates a different colour, because the vocals have increased substance and they get enlightened with a clangorous effect. The desperate wish in the lyrics “hide me from the world!” dwells in a few of us too, currently. Have THE BIRTHDAY MASSACRE seen all this current mess coming through a crystal ball maybe, so they know, which kind of messages we need today? There are guitars and keyboard working in the background consistently during “Diamonds” to move the sound forward in contrast to the songs nummer one and two.

The velocity increases!

“Run” is attached to the title track seamlessly and continues with the effects of a high vocal pitch and strong sounds. The most outstanding feature here is the pulsing beat which appears here and there during the song, causing a continous undertow and keeping the audience up. You get the association of a sped up heart beat of a running person, so that’s according to the song’s name. The next song “Flashback” is another proof for the middle part of the album to contain the most highlights. As the verses are very chilling again, the chorus is rocking a lot and Chibi’s relatively dark voice creates a new counterpoint, complemented with a guitar dominated bridge, which can be describe just as “cool”.

After the quite gentle breathed first two songs we get increased speed in the middle part and what’s going on afterwards? “The Last Goodbye” forms a compromise, because the gentle breathed colour of voice is returning at that point but mixed up with a vigorous keyboard sound. Noticeable at this song: You will rather find any guitars here, they just show up at the very end. Have a look at the chorus of song numer seven “Crush”! It’s a kind of masterpiece, as two contrary elements collide here: First there’s a staccato stunt which poises in a monotonic-hypnotic way, followed by a short wave of legato leading upwards, detached by “morse signals” again. That’s a really interesting mixed song!

Long term fans of THE BIRTHDAY MASSACRE will remember the old albums and a ritual to let many songs start and end with noise samples like wind/rain swoosh and mechanical clicking or rattling. “Mirrors” is continuing this tradition in a way by being framed with clangorous footstep noises. The song is the most uncommon one compared with the rest of the album, because it’s the only one which leaves the “flower field”-atmosphere behind by containing a recurrent psychodelic beat element combined with the guitar sound, which nearly makes us banging our heads. We got to witness this special splash of colour with power boost a few times before in the history of TBM before they started to concentrate on kinda “whale songs”. Just the kind of weak bridge causes a points deduction. Song number nine reveals the dreamcatcher again and leads us on a ride onto the rainbow wave to our dreamworld, before the album is fading away softly.

Conclusion

THE BIRTHDAY MASSACRE have become more pale and ethereal over the years. The morbid charm of their youth and the punkrocky-playful attitude of once has nearly disappeared. After “Superstition” they started to send Lewis Carroll to retirement, which meant the following: Less suprises, less absurdity, less turnarounds! The wonderland, Alice is wandering through, isn’t just a dreamy place overall, there are several dangers lurking around and the red queen sharpens the guillotine constantly. Because of that, TBM’s songs were full of dangerous trap doors and unexpected twists and turns aswell and Rainbow’s hoarse rasping voice was sending shivers down our spine now and then. But that mix from wonders and creeps was the point for the early fanbase to enjoy the music of THE BIRTHDAY MASSACRE the most. Who wanted to follow them into safe and cosy realms had to leave behind the thrill a little bit. The current fanbase enjoys closing their eyes while listening to the new songs and dream themselves away. “Diamonds” continues the way of “Under Your Spell” leading through a sunny meadow field to the delphin therapy consistently. Just “Mirrors” busts out a little bit and prevents the judgement over TBM that they’ve totally lost their “muchness”. Keyboards are able to create more than just a warm wave of sound and associations with shimmering butterfly wings and guitars don’t need to be banned to the bridge or end of a song. THE BIRTHDAY MASSACRE is in a state of change and that is always a challenging phase in which the fanbase gets blended new again. Who can’t stand that “whispery syndrome” and is whishing Chibi’s cheeky, strident voice to come back will maybe turn away from the band and who is asking for a mental guide through the cotton wool-like dreamland: TBM is at your service! However, in the end it’s a question of taste in music and as I said before: We need some rest and calmness in our current state of corona crisis urgently, so please give “Diamonds” a try and listen!

Rating: 6/10