Review: MY DYING BRIDE – The Ghost of Orion

Schmerz und Verzweiflung haben schon immer einen stilprägenden Einfluß auf MY DYING BRIDE ausgewirkt. Fünf Jahre voll negativer Erfahrungen seit der Veröffentlichung des letzten Studioalbums haben den kargen Boden bereitet, der letztlich dieses aktuelle Stück musikalischen Schwermuts hervorgebracht hat.

Vielleicht ist es gerade dieser wechselhafte Einfluß der persönlichen Gefühle, der MY DYING BRIDE´s Songwriting so nachvollziehbar und einfühlsam gestaltet. Das die Band niemals wirklich die Chance hatte, den einfachen Weg zu gehen, prägt sie bis heute und eröffnet damit die Möglichkeit Bilder in den Köpfen der Fans zu kreieren, die wohl kaum von einer anderen Band so glaubhaft schmerzerfüllt und eindringlich transportiert werden.

Dass MY DYING BRIDE wieder einmal in ihren Texten und Kompositionen persönliche Rückschläge zu verarbeiten haben, und dies mit erneuten Lineup-Wechseln einherging, lassen bereits die ersten Töne von „Ghost….“ erahnen. Genaugenommen sind von der Band nur noch zwei kreative Köpfe übrig geblieben, nämlich Aaron Stainthorpe und Gitarrist Andrew Craighan, die trotz aller Widrigkeiten das Studio enterten und „Ghost of Orion“ einspielten. Wobei  Craighan die alleinige Last des Songwritings tragen musste. Für die Aufnahmen der Drums half in dieser fast aussichtslosen Situation dankenswerterweise Ex-PARADISE LOST Schlagwerker Jeff Singer aus.

Schwermütig getragen kommen bereits die ersten Akkorde aus den Boxen, bezugnehmend auf die Krebserkrankung seiner Tochter intoniert Texter und Frontman Aaron Stainthorpe seine typischen Vocals, formuliert seinen Schmerz, seine Hoffnung und gleichzeitige Verzweiflung mehr als glaubwürdig. Diese drücken sich in jedem Ton der schleppenden Riffs aus, die wie gewohnt von gefühlvollen Violinen unterstützt werden, die tragischen Melodien intensivierend, genauso , wie in jeder einzelnen  der äußerst persönlich formulierten Zeilen der Texte.

Die gesamte Komposition besticht daher eher mit einer in sich geschlossenen Ruhe und Gereiftheit, als mit einem Eindruck von ungestümen Aufbruch, zurückhaltender Unentschlossenheit oder gar Ziellosigkeit. Auch wenn MY DYING BRIDE tatsächlich teilweise bisher kompositorisch ungenutztes Terrain betreten, klingen diese Nuancen prägnant schlüssig und organisch. So harmonisch kompetent, so eindringlich schmerzerfüllt , so kompositorisch eloquent hat sich MY DYING BRIDE bisher selten präsentiert, wenngleich ihrem Stil grundsolide treu bleibend.

„The Long Black Land“, der 5.Song dieses großartigen Albums, möge einfach einmal als Stellvertreter herhalten müssen, da er aus meiner Sicht die Vielschichtigkeit, Variabilität und Komplexität von „Ghost…“  eindrucksvoll  am besten widerspiegelt.

Während der nächste, instrumentale Titelsong „Ghost of Orion“ den Hörer in emotionalste, tiefe Abgründe entführt, und damit Gelegenheit zur Reflektion der bis dahin erzählten Geschichte bietet, schickt sich der Track „The Old Earth“ dazu an, den vorangegangenen, fragilen Faden wieder aufzunehmen, um gleichzeitig, sich dramatisch steigernd, eine Quintessenz des gesamten Albums zu liefern.

Das abschließend chorale, wiederum instrumentale  „Your woven Shore“ Outro könnte gerne als Titelmelodie für eine der  gerade so populären Viking-Sagas herhalten, aber bildet eigentlich eher den passenden Schlußakkord, oder eine Klammer zur bis dahin erzählten Story von Wehmut und Leid.

Insgesamt ein sehr introvertiertes Album, selbst die einprägsamen Growls wirken eher dezent zurückhaltend, als aggressiv wütend. Ein Album voller Melancholie und Tragik, das nur selten auf´s Gaspedal drückt, und auch dann nur mit mäßiger Geschwindigkeit zerbrechlich die Stimmung aufhellt.

Wenn nun also, pünktlich zum 30 jährigen Bandjubiläum, dieser Longplayer das trübe Licht der Öffentlichkeit erblickt, sollte man im Hinterkopf behalten, dass beides beinahe nicht stattgefunden hätte, sprichwörtlich am seidenen Faden hing. Und wahrscheinlich ist es nur der erfolgreichen Behandlung von Stainthorpes Tochter zu verdanken, dass die Band überhaupt neue Hoffnung und Zuversicht schöpfte. Daraus entstand ein trotziger Durchhaltewille der beiden Yorkshirer, der hoffentlich dazu führen wird, dass auch die nächsten Dekaden mit MY DYING BRIDE´s stilprägenden Songs angereichert werden und die Meister des Doom-Death weiterhin mit ihrem unverwechselbaren Sound die Hörerschaft beglücken wollen.

Bewertung: 9,2/10

“The Ghost of Orion” erscheint am 06.03.2020, bei Nuklear Blast

MY DYING BRIDE sind:

Aaron Stainthorpe (Gesang)
Calvin Robertshaw (Gitarre)
Andrew Craighan (Gitarre)
Lena Abé (Bass)
Jeff Singer (Schlagzeug)
Shaun Macgowan (Keyboard, Violine)