Born to be epic! EQUILIBRIUM, die “Renegades” der deutschen Metalszene endlich wieder auf Tour!

Jedes Land braucht seine Helden! Die besten Metal-Bands kommen aus Skandinavien oder Ländern wie Großbritannien, da sind sich die meisten einig. Aber wenn man uns im Ausland nach unseren großen Bands fragt, wird EQUILIBRIUM eigentlich immer genannt. Seit über zwanzig Jahren begeistern uns die experimentierfreudigen Bayern nun schon mit unterschiedlichsten Werken und so war die Vorfreude groß, die uns an diesem Abend nach Köln in die Essigfabrik führte.

Den Abend eröffnete die Formation OCEANS aus Berlin, die just im Januar ihr erstes Album “The Sun and the Cold” via Nuclear Blast veröffentlicht hatte. Hier ging es gleich richtig zur Sache, die Kombination aus harten Riffs und tieftraurigen Texten kam recht gut beim Publikum an, wenn man bedenkt, dass die meisten zum Feiern mit den trinkwütigen Equilibrianern angereist waren. Obwohl unser Redakteur aus dem von Hochwasser überschwemmten südlichen Rheinland anreiste und eigentlich die Schnauze voll von jeglicher Art von Wasser hatte, vermeldete er trotzdem, dass die junge Band OCEANS einen näheren Blick bzw. ein geneigtes Ohr verdient hat. Hört ruhig mal rein!

Als nächstes standen die Veteranen NAILED TO OBSCURITY auf dem Programm, die auch vor gar nicht langer Zeit zur Nuclear Blast-Familie gestoßen waren und naturgemäß in eine ähnlich düstere Kerbe schlugen. Sie präsentierten jeweils zur Hälfte Songs vom aktuellen Album “Black Frost” als auch älteres Material. So wurde man also gleichermaßen äußerlich aufgewärmt wie innerlich abgekühlt und war bereit für den Vizepräsidenten des Abends: Chris Harms und seine Mannen von LORD OF THE LOST. Über die muss man eigentlich keine großen Worte mehr verlieren, denn sie lassen seit Jahren Taten für sich sprechen. Ein schlechtes LotL-Konzert ist genauso wahrscheinlich wie eine fristgemäße Fertigstellung des Berliner Flughafens. Vielleicht wird sich manch ein Old School-Metaler über die glitzernden, knappen Outfits der Hamburger gewundert haben, aber Harms stellte gleich klar: “Hier sind mittlerweile vier Bands auf Tour, die man eigentlich nicht in einen gemeinsamen Topf schmeißen würde. Aber was uns verbindet ist die Liebe zur Musik und keine Zugehörigkeit zu irgendeiner Szene!”, was mit frenetischem Jubel quittiert wurde. Die leuchtende und blinkende Gitarre des Fronters bei “Drag Me To Hell” erzeugte einen schönen visuellen Effekt und auch sonst wurde viel Entertainment geboten, zum Beispiel einige Klettereinlagen auf das Drumset. Die Rocktruppe fühlte sich nach eigenem Bekunden in Köln absolut zu Hause und performte Hits wie “Die Tomorrow”, “Full Metal Whore” und – neu im Set für das mitsingwütige Kölner Publikum – “Raining Stars”. Der Weg dieser außergewöhnlichen Band kann eigentlich nur weiter nach oben führen, was auch durch die bald folgende Tour im Vorprogramm von niemand anderem als IRON MAIDEN zementiert werden wird.

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Fotos: Ulli

Jetzt war es soweit, die Epicness Deluxe konnte nach dem hinreichend aufgewärmten Publikum greifen. Robse Dahn und seine Recken von EQUILIBRIUM stürmten die Bühne und eröffneten das Set der “Renegades”-Tour mit dem gleichnamigen Opener des Albums. Die Texte des genannten Werkes sind ausnahmsweise auf Englisch, sonst wird bei EQUILIBRIUM überwiegend deutsch gesungen. Der Sänger stellte aber auch gleich klar: “Es ist der zwanzigste Tourtag und wir sind alle krank”. Klargesang sei ihm deshalb nicht möglich, betonte Robse, was die Fans aber nicht sonderlich zu stören schien. Die nächsten beiden Lieder folgten ebenfalls dem Verlauf von “Renegades”, bis man  mit “Waldschrein” zu einer EP aus dem Jahre 2013 zurückkehrte. In der Mitte der Halle bildete sich schnell wie ein Wirbelsturm ein gewaltiger Moshpit, der unglaublicherweise bis zum Ende des Konzertes kaum mehr zum Erliegen kam. Manch ein Konservativer mag es als Tabubruch ansehen, dass eine Metalband vermehrt auf elektronische Elemente setzt, aber die Folge ist auch eine Energetisierung der Fans, die besonders bei solchen synthlastigen Passagen wie die Irren durcheinanderhüpfen. Ob klassischer Moshpit, Circle Pit oder Wall of Death – die Performance der Zuschauer spiegelte zu jeder Zeit die Energie der Band auf der Bühne wieder, denen man die bereits erwähnte Schwächung durch Krankheit in keiner Weise anmerkte. “Path of Destiny” von “Renegades” wurde genauso gefeiert wie der Signature-Song “Born To be Epic”. Wer vor dem Gig keine Vorstellung davon hatte, was die Eigenbezeichnung des Genres der Band “Epic Metal” bedeutet, der hatte nun keine Fragen mehr, außer vielleicht “Wo ist der Merchstand?”.

Vor dem Song “Heimat” schwor Robse nochmal alle Anwesenden auf die wichtigen Dinge im Leben ein: Liebe, Freundschaft und das Gefühl, zu Hause zu sein. Immer wieder zwischendurch fragte er die eifrigen Mosher auch, ob alles in Ordnung sei und sich niemand verletzt habe. Solche Fürsorge von der Bühne gibt es selten in der Metalszene. “Blutet jemand?”, fragte er die Anwesenden. Eine Fangfrage für die Moshwütigen, die Verletzungen zwar vermeiden, aber andererseits auch “Blut im Auge” haben wollten. Den gleichnamigen Song aus der Pagan-Ära der Frühphase von EQUILIBRIUM kennt eigentlich jeder, da er auf keiner Metalparty fehlen darf. Doch eine solche Verdichtung von Hits bedeutet in der Regel, dass man sich dem Ende des Sets nähert. Die Erklärung der Band, dass man jetzt ja die Aufwärmphase überstanden und sich nun dem “vierstündigen Hauptkonzert” zuwenden könnte, war leider nicht ernstgemeint. Der Sanitäter am Rand der Bühne mag kurz vor Schreck erstarrt sein, denn ein vierstündiger Moshpit hätte bestimmt einiges an Arbeit für ihn bedeutet. Aber nein. Nach der Zugabe, die mit “Rise of the Phoenix” endete, war auch hier letztendlich Schicht im Schacht und die durchgeschwitzte und glückliche Menge walzte auf die Bars zu, um alles wieder reinzutrinken, was man an Flüssigkeit verloren hatte. Ein voll und ganz epischer Abend ging zuende. Wir können stolz auf unsere Jungs sein und wenn euch mal wieder jemand fragt “Germany? You don’t have any great metal bands there, do you?”, dann drückt ihm einfach wortlos “Renegades” in die Hand.

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Fotos: Ulli