Phantasai, lieb Phantasai..– Samsas Traum auf Tour in Hannover

Wenn der Herr der Käfer zur musikalischen Zusammenkunft ruft, bleibt keiner seiner treuen Untertanen fern. Weiß man doch, dass es mit Sicherheit wieder besonders wird. Seit Jahren ist SAMSAS TRAUM bekannt dafür, Kunst zu erschaffen, die den Menschen gleichermaßen Angst, Stärke, Grusel, Freude und das Empfinden wahrer Schönheit zu vermitteln vermag. Allerdings wird all dies nur Demjenigen offenbart, der bereit ist, sich vollends darauf einzulassen. Sei es durch die Musik, das stets kreative und hochwertige Merchmaterial oder die Bücher und Comics aus dem eigenen Verlag. Der Traum lebt in allen Werken, verändert sich jedoch auch stets. Nie weiß man was als nächstes kommt, Sicherheit und Wissen sind Illusionen, die im Traum-Universum nicht lange überleben. Doch Fans umschwirren die Band genau deswegen wie die Motten das Licht und lassen sich nur allzu gern mitnehmen in dem Zug, dessen Endstation „Eden“ lautet. Dieses Mal allerdings hat sich Alexander Kaschte, seines Zeichens kreatives Mastermind der Band, allerdings schon vorab bereit erklärt, einen Teil seiner Pläne für die Tour preiszugeben. Selten oder nie Gespieltes sollte es geben, mit Schwerpunkt auf den Alben „Die Liebe Gottes“, „Utopia“ und „Oh Luna mein“. Auch einen Teil möglicher Songs wurde vorab schon genannt. Aber da man ja nie genau weiß, was wirklich passieren wird, ist es für jeden anständigen Käfer-Jünger Pflicht, zur „Phantasai, lieb Phantasai..“-Tour zu erscheinen. Diese führte an diesem Mittwoch nach Hannover..

Dunkel ist es und kalt. Gefühlt eine gute mentale Vorbereitung auf diesen Abend voller Geschichten aus dem Haus der seltsamen Träume. Der gut sortierte Merch-Stand läd jedoch vorm Betreten der Halle erst noch zum Verweilen, Bewundern und zur ein oder anderen Investition ein. Die anwesende Sharpshooter-Redakteurin freute sich besonders, dass der Wunsch, welchen sie auf Online-Anfrage der Band nach Neuauflagen alter Shirts eingereicht hatte, aufgegriffen wurde und sie nun wieder als echte Wind-Prinzessin erkennbar ist.

Musikalisch eröffnet wird der Abend durch THIS ETERNAL DECAY aus Rom, die in Zweier-Formation einen dunkelschönen Einstieg boten. Stilistisch zwischen Wave, Synth Pop und Rock wandernd, trafen sie den Nerv der anwesenden Frauen, denn nicht wenige kamen weiter nach vorn zur Bühne und tanzten sich warm. Tragisch anmutende Gesangspassagen erinnern leicht an Placebo, wechseln sich aber mit stampfenden Beats und rauhen Gitarrenpassagen ab. Das ca 30 Minuten lange Set ist sehr vielfältig und wird selten durch Moderation unterbrochen. Auf Synties, Gitarre und Drums geben uns THIS ETERNAL DECAY eine gewisse Melancholie mit auf den Weg, bevor sie unter verdientem Beifall die Bühne verlassen.

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Fotos: Cynthia Theisinger

Als beim kurzen Umbau Instrumente und abgeklebter Bühnenboden sichtbar werden, weiß die Menge vor der Bühne, dass sich ihre Vermutung nach Unerwartetem bestätigen wird. Jubel setzt ein, als Alexander Kaschte die Bühne betritt und mit einem Monolog, den Traum des heutigen Abends eröffnet. „Tragische Trauertränen“ als erstes Stück stößt auf Begeisterung seitens der Fans, nicht minder der „Satanshimmel voller Geigen“. Dann wird es heiß, eine dunkle Schöne betritt geheimnisvoll die Bühne und beginnt, sich zu entblättern.. da bleibt nicht viel der lieben Phantasai überlassen, doch wir wollen den zukünftigen Besuchern der Tour nicht alles vorwegnehmen. Zum ersten Mitsing-Song des Abends wird dann „Für immer“, bei dem sich zeigt, dass die sangesstarken Besucher sich heute in einem Pulk auf der rechten Seite der Halle versammelt haben. Danach macht meister Kaschte erstmal eine Bestandsaufnehme der Anwesenden Verehrer*innen seiner Musik unter grober Einteilung in die Kategorien „verliebte Pärchen“, „attraktive Single-Frauen“ und „notgeile Single-Männer“. Letztere Kategorie outete sich ehrlich und zahlreich. Für diese gab es dann „Thanathan und Athanasia“. Den nächsten Song hätte er eigentlich nicht spielen wollen lässt man uns wissen, weil ständig die Angst im Raum stände, man würde die Band zur deutschen Version von top of the pops einladen.. sie spielten es trotzdem, “alles oder alles”. Nachdem die Zuschauer beim “Stromausfall im Herzspital” einen ersten Mitsing-Höhepunkt brachten, wurde es düster, melancholisch, laut, fesselnd… Alexander Kaschte greift selbst zum Bass und es folgt “Kalk” als Instrumentalstück. Monumentalstück sollte man sagen. Unfassbar berührend und etliche Minuten lang, lässt es den Zuschauer mit den eigenen Bilder im Kopf allein. Auch die Band verlässt danach kurz die Bühne um dieses musikalische Statement nachwirken zu lassen. Nach einem weiteren vorgetragenen Monolog heißt es wie der Volksmund so schön sagt ‘and now to something completely different”. Willkommen auf der Stilbruchparty im Traum(a)-Zug des Herrn Kaschte. Ein weiterer Höhepunkt ist das vom Publikum fast im Alleingang vorgetragene “Zebra”, dass am Ende zwar starb, jedoch durch einen jungen Mann im Roten Shirt nomal kurz eine Stimme bekam und bereute, dass es jetzt keine Haus und keine Kredite mehr hätte. Nach 2 weitern “etwas stiefmütterlich behandelten” Songs bat Kaschte von der Bühne um Beleidigungen.. weitestgehend klägliche Versuche bis ein frecher junger Mann mit Dreads ausholte und “Du Eisbrecher-Fan!” gen Bühne schleuderte. Das saß offenbar, denn mit einem Gesichtsausdruck, der gleichermaßen Verblüffung und Anerkennung ausdrückte lud Kaschte ihn an den Bühnenrand zu einem Schluck Weißwein ein. Zwei weitere Songs später war es schon fast Zeit, den Abend zu beenden doch “Ohne Kugel geh’n wir nicht nach Haus!” skandierte das Käfervolk und so bekam es was es wollte und zwar mitten ins Gesicht.

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Fotos: Cynthia Theisinger

Nach dem Konzert nachm sich Alexander Kaschte am Merchstand noch Zeit für Fragen, Fotos und spezielle Bilder mit Fans für das Fotobuch “Am Ende steht ein Traum”, welches zu der Tour entsteht und bereits vorbestellt werden kann. Fast familiär geht der Abend also zu Ende, das Publikum begeistert, der Traum also noch lange nicht zu Ende.