Review: SEPULTURA – “Quadra“

Eines gleich vorneweg: Wer glaubt, dass SEPULTURA irgendwann einmal ein oftmals erwartetes und erhofftes Plagiat der „Beneath the Remains“-Zeit, oder „Arise“ veröffentlichen werden, sieht sich erneut getäuscht. Wer jedoch einen legitimen Nachfolger vorgenannter Alben in moderner Variante erwartet, wird wohl in schiere Verzückung geraten.

SEPULTURA haben es schon immer hervorragend verstanden, ihr „eigenes Ding“ zu machen. Manchmal haben sie dabei ihre alte Fanbase ein wenig irritiert, mit alten Gepflogenheiten gebrochen. Oftmals waren sie dabei stilprägend oder gar begründend. Fakt ist: Es gibt selten eine Band, die so variabel, selbstbewusst und versiert darin agiert, neue Elemente ganz selbstverständlich in ihr Songwriting zu integrieren, und dabei dennoch unverkennbar ihren Wurzeln und Herkunft treu bleibt. Schlichtweg beachtlich! Genau dieses geschieht hier erneut in bisher nie gekannter Intensivität!

Auf ihrem aktuellen Album „Quadra“, was aus dem Portugiesischen übersetzt so viel bedeutet wie „Sportplatz“ oder „Spielfläche“, bespielen Andreas Kisser und seine Mitstreiter eine Grundfläche, die einerseits genauso bodenständig erscheint, andererseits völlig neue Attacken und Spielvarianten, taktische Finessen und Finten des Spiels offenbart, dass es einem schier schwindelig werden kann. In ihrer 35-jährigen Bandgeschichte haben SEPULTURA einen fast unbeschreiblichen Weg beschritten, den kaum eine andere Band gewagt hat, haben sich stets neu erfunden, ohne jemals ihre Wurzeln zu verlieren. Dieser Weg wird nun konsequent weiter beschritten.

Was also genau ist denn nun so neu an diesem Silberling? Es grooved immer noch gewaltig… aber… schon nach den ersten wenigen Tönen wird es deutlich: SEPULTURA sind deutlich experimenteller unterwegs, als auf ihren letzten Alben. Integrieren extrem gekonnt und feinfühlig progressive Elemente und Samples in ihre kraftstrotzenden, grollenden Songs, klassische Choräle begleiten ein traditionelles, thrashiges Grundgerüst, welches in der Tat an „Arise“-Zeiten erinnert. Allerdings, wie bereits erwähnt in einer Variante, die bisher in dieser Form nie dagewesen ist. Das macht bereits der Opener „Isolation“ klar, der stellenweise strukturell an KREATORs Kompositionen erinnert. Wer nun allerdings glaubt, SEPULTURA kopieren KREATOR, liegt allerdings natürlich gründlich falsch. Dieser Song ist aber quasi dennoch gleichzeitig Quintessenz des Albums und Türöffner zum weiteren Verlauf eben Jenes gleichermaßen. Die gesamte Vielfalt, die modern interpretierter Thrash darstellen kann, wird konsequent und eindrucksvoll in einen nachhallenden Kanonenschlag verwandelt, dass die Wände nur so wackeln!

Vielleicht ist es ein wenig übertrieben zu behaupten, dass SEPULTURA wieder einmal Wegbereiter für eine musikalische Entwicklung sein könnten… ich nenne es an dieser Stelle mal „Progressive-Groove-Thrash“. Bester Beweis dafür ist der zweite Song des Albums „Means To An End“. Alte, bekannte Grooves, die einen an frühe MACHINE HEAD erinnern, gepaart mit irritierend schrägen Progressiv-Passagen, die eine metallische Legierung kreieren, die sich nachhaltig substantiell ins Gehör schraubt. Aggressive Riffs, gepaart mit zwingenden Grooves. Eine ziemlich unwiderstehliche Kongruenz.

Der dritte Song des Albums „Last Time“ haut dann geradewegs wieder in die Vollen. Schnell, mitreißend, traditionell… jedoch auch wieder willentlich durchbrochen mit melancholisch progressiven Choral-Parts. Überraschend und genial.

„Überraschend und genial“ ist offenbar generell Programm von „Quadra“. Völlig ungeniert werden hier nahezu inkompatible Stilelemente kombiniert und eingeflochten, die einen sonderbar einheitlichen Guss ergeben, der aufgrund der fetten Produktion von Jens Bogren jedes einzelne Molekül der Verbindung spürbar zu machen erstrebt, gleichfalls aber auch eine extrem mächtige, einheitliche Präsenz der gesamten Komposition erzeugt. Und ganz nebenbei strotzt diese von Flexibilität und technischer Genialität. Geradezu, wie in einem klassischen Orchester.

So verführen einen die Songs ein ums andere aus den Boxen und reißen einen mit. Und immer dann, wenn man sich in sicheren Fahrwassern wähnt, kommt entweder eine akustische Stromschnelle daher, oder gar ein Wirbel oder Strudel. Immer wenn man meint, es bleibe turbulent, fangen einen Mitsingparts ein (wie in „Raging Void“), die tatsächlich an Fußballchoräle im Stadion erinnern. Man gewöhnt sich mit der Zeit daran, das Unerwartete zu erwarten, und prompt passiert etwas völlig anderes!

Auch die folkloristischen, brasilianischen Elemente ihrer Heimatregion, die stets einen großen Einfluss  auf SEPULTURA ausübten, werden natürlich immer wieder virtuos zitiert, was jeher einen stilbildenden Aspekt im Songwriting darstellte…  Aber selten hat die Melange aus diesen unterschiedlichsten Musikrichtungen eine so harmonische und einzigartige Mischung gebildet, niemals klang es so homogen verflochten. („Guardians Of Earth“)

Eine kleine akustische Ausnahme bildet das instrumentale „ The Pentagram“ , welches fast schon jazzig daher kommt. Irritierend ja, aber trotzdem ist es nichts weiter, als ein passendes Prelude für den kommenden Song „ Autem“, der wiederum Uptempo-Groove liefert.

 Andreas Kisser selbst beschreibt das Album ja als „vierteilig“ . Alle drei Songs würde sich die Stimmung wandeln, andere Aspekte der Bandhistorie zitieren…

„Ich habe das Album in vier Parts geteilt – so, als würden wir eine Doppel-Vinyl machen. Seite eins ist die pure, die rohe Thrash-Seite. Seite zwei holt die Rhythmen und Percussions aus der ‚Roots‘-Ära zurück. Die dritte ist ein wenig experimenteller und die vierte hat die Melodien, die akustischen Gitarren.“  A. Kisser Zitat Ende.

Trotz aller Erklärungsversuche… Dieses Album stellt einerseits eine Zusammenfassung der historischen Schaffensperiode von SEPULTURA dar, andererseits einen Ausblick auf die kommende. Die Songs von „Quadra“ sind einerseits Bindeglied zur Vergangenheit, als auch eine Vision der Zukunft. Gleichzeitig ein Manifest des „Hier und Jetzt“, wie ein Bekenntnis zu früheren Alben. Alles, was SEPULTURA heute ausmacht, und in der Vergangenheit zu dem machte, was sie heute sind, steckt ebenso in diesem Material, wie die das zu Erwartende! Mit anderen Worten… Viermal das Gleiche gesagt, nur mit anderen Worten. „Quadra“ eben! Im Unterschied zu der Vielfalt vorgenannter Albums.

„Quadra“ stellt für mich letztlich eine gelungene Quadratur des Kreises dar, der Kreis schließt sich schlussendlich mit den beiden Songs „Agony Of Defeat“, das einem Metal-Projekt von EMINEM sicher extrem gut zu Gesicht stände und allemal das Potential zu einer ultimativen Hymne hat, sowie dem finalen „Fear, Pain…“ , was ein wenig so klingt, wie METALLICA heutzutage klingen könnten, hätten sie sich seinerzeit nicht Jason Newstedts entledigt.

Alles in Allem ein Album, welches so nicht zu erwarten war. Ein Album, das herausragend ist, weil es häufig nicht bewährten Formeln folgt. Ein Album voller Wandlungen, Überraschungen. Ein Album höchster Qualität, Enthusiasmus, Kreativität. Ein Album erster Güte, voll von Inspiration. Schlichtweg ein sensationelles Album!

„Es gibt doch gar keinen Grund, ein Album zu veröffentlichen, wenn man nichts Neues zu erzählen hat. Viele Bands sind Sklaven ihrer selbst, ständig bemüht, ihre Formel zu wiederholen. Das ist doch bescheuert! Sicher, man muss die Vergangenheit respektieren. Aber man lebt doch im Jetzt. Also sollte man verdammt noch mal etwas Neues versuchen! Ich meine, wir haben eine unglaubliche Geschichte voller unterschiedlicher Alben und Elemente, die alle zu dem beigetragen haben, wer wir heute sind. Im Studio sind wir uns dessen auch bewusst, doch wir lassen uns deswegen niemals davon abhalten, neue Wege zu beschreiten.“  A.Kisser  Zitat Ende

Aggressiv verstörend, positiv zerstörend, progressiv und dennoch nachvollziehbar, überraschend und ungewöhnlich, aber stets brillant.

Nuff said!

8.9 von 10 Punkten

Line up:

Derrick Leon Green | vocals
Andreas Kisser | vocals, guitars 
Paulo Xisto Pinto Jr. | bass
Eloy Casagrande | drums