Ein schaurig-schönes Kammerspiel – EDEN WEINT IM GRAB öffnen das Mordarchiv

“Mord” – ein gutes Beispiel dafür, wieviel Inhalt in nur einer einzigen Silbe zu stecken vermag. Schrecken natürlich, Angst, Grusel und Trauer. Aber auch Faszination, morbide Neugier und die Herausforderung, ein Rätsel zu lösen. Was Millionen Deutsche jede Woche dazu verleitet, den “Tatort” einzuschalten und den Weltruhm von fiktiven Gestalten wie Sherlock Holmes begründete, hat nun auch die deutsche Dark Metal-Band EDEN WEINT IM GRAB (kurz EwiG) zu einem neuen Konzeptalbum inspiriert. “Tragikomödien aus dem Mordarchiv” heißt das verheißungsvolle Werk aus der Feder von Mastermind Sascha Blach und erschien Anfang Dezember. Die dazugehörige Tour startete diese Woche in Leipzig. Sharpshooter durfte in Köln dabei sein und erleben, wie sich die Geschichten um ein gewaltsames Ableben live entfalten.

Doch zunächst lud die Gothrock-Formation WISBORG die Zuschauer dazu ein, ihnen auf dornenreichen Pfaden ein Stück des Weges durch den dunklen Traumwald Gesellschaft zu leisten. Das Duo, bestehend aus Konstantin Michaely und Nikolas Eckstein tritt während der Tour mit EwiG erstmals mit der Verstärkung durch einen Drummer (Luc Lacroix) auf. Dass dies eine wahrlich gute Entscheidung war, konnten die Kölner Anwesenden nach dem sehr gelungenen Support-Gig bezeugen, der mit “Don’t Dig Deep In The Shallow” vom zweiten Album hochkarätig begann. Natürlich wird die Musik von WISBORG in erster Linie durch die charismatische Präsenz, die emotionale Stimme und das wechselvolle Gitarren- und Keyboardspiel der beiden Gründer getragen und würde auch ohne weiteres in akustischem Gewand funktionieren. Und doch fügte Lacroix’ Schlagzeugspiel der Musik etwas mehr Schub hinzu und verstärkte den Widerhall in den Seelen der Zuhörer. Songs wie “The Reaping” und “Winter Falls” kamen beim Publikum sehr gut an. Die textliche Ausrichtung und Michaelys Stimme erinnern an Lacrimas Profundere, End of Green und Sorrownight. “Sad music for sad people” wie die Band sich und ihre Zielgruppe beschreibt, findet in der Gothic-Szene immer Resonanz. Der Schmerz und teilweise sogar die Verzweiflung in der Stimme sowie die auf der Grenze zum Doom balancierenden Klänge mündeten am Ende des Sets in einem Crescendo der beiden schnellen Songs “Spirits That I Called” und “Becoming Caligari”, die nochmal eine andere Seite von WISBORG offenbarten. Wer mehr von der vielversprechenden Band sehen will, sollte zum Amphi-Festival kommen.

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Bilder: Florian Schmid / Marvin Römisch

Das Publikum war im gut gefüllten MTC-Club nun in der richtigen Stimmung für die blassen Barden aus dem Totenreich. EDEN WEINT IM GRAB betraten die mit Kerzen geschmückte Bühne und präsentierten mit “Der Meysterdetektiv” und “Lazarus und die Tücken der Einsamkeit” sofort zwei neue Songs aus den Tiefen des Mordarchivs. Letzterer wurde schon einige Male als Motiv entsprechender Szene-Songs besungen, bietet seine Geschichte als wiederauferstandener Toter doch reichlich Stoff zum Gruseln. Doch EwiGs Lazarus offenbart als Grenzgänger zwischen den Welten der Lebenden und der Toten grundlegende menschliche Bedürfnisse und so erhalten wir einen Song über Nekrophilie mit druckvollem hart-metallischen Chorus. Frontmann Blach offenbarte übrigens zwischendurch auch immer mal wieder Moderatoren-Geschick und führte mit humurvollen Ansagen durch den Abend. Das Set bot natürlich nicht nur Material von der neuen Platte, sondern stillte auch den Hunger der langjährigen Fans nach liebgewonnenen Everblacks wie “Der ewige Bergmann”. “Fünfzehn, ja fast sechzehn Jahre ist es jetzt schon her, dass ich mein Debutalbum an einem nicht immer zuverlässig funktionierenden Heimcomputer zusammengestellt habe”, sinniert Blach und im Publikum offenbaren sich sogleich die Kenner des Erstlingswerkes “Traumtrophäen toter Trauertänzer” aus dem Jahr 2004. Die Band zauberte dann auch sogleich den Eröffnungstrack dieses Albums, “Den Herbstlaubreigen tanzt der Tod”, aus dem Hut. Darauf folgte, einen Bogen zur Gegenwart schlagend, die aktuelle Single “Der Giftmischer (In der Kammer des Grauens)”. Hier zeigte sich die beeindruckende Kontinuität der Band EDEN WEINT IM GRAB. Denn egal, ob ein alter Track, hervorgeholt aus staubigen Verliesen der Anfangstage, oder ein brandneuer Song in glänzender, samtschwarzer Gewandung zelebriert wird– die bewährten Zutaten sind noch immer die selben: Wortgewandte, kunstvolle Texte, die entweder eindringlich klar oder mit blackmetalig anmutendem Kreischgesang vorgetragen werden und dazu der durchaus harte, aber immer auch kunstvoll melodische Sound. Dass vor einigen Jahren mit Kalila Karussell (Violine) und Meyster Melicus (Cello) zwei talentierte Streicher feste Mitglieder des Ensembles wurden, darf als Glücksgriff bezeichnet werden, schließlich fügen diese Elemente dem Klang von EDEN WEINT IM GRAB eine neue, wunderbare Komponente hinzu. Nachdem mit “Exitus der Schlangen” der in sicherlich vielen Köpfen bestehende Widerspruch zwischen dem Jenseits und sexuellen Ausschweifungen explosionsartig beseitigt worden war, nahm die Dichte an alten Hits gegen Ende des Sets noch einmal deutlich zu: Von Flugscham war im MTC-Club keine Spur, als Blach alle zum Einsteigen in die berühmte “Jenseitsflugmaschine” aufforderte. In den Zeiten des fortschreitenden Klimawandels sollte die Wissenschaft vielleicht prüfen, ob der Antrieb mit der Kraft der Implosion aus rotierenden Scheiben ein Konzept auch für das Diesseits sein könnte. EDEN WEINT IM GRAB als innovativer Ideengeber und Weltretter – das wäre doch ein mords Gaudium! Die nun folgende “Moritat des Leierkastenmanns” kann als Signatursong der Band bezeichnet werden und wurde an diesem Abend sogar “freiwillig” und ohne Druck aus dem Publikum gespielt, wie der Sänger ironisch anmerkte. “Immer wieder die alte Leier” ist im Hause EwiG eben nicht negativ konnotiert, sondern obligatorisch.  Den vorläufigen Schlusspunkt setzte dann “Letztes Morgenrot”. Ein neuer Song, der mit seiner dramatischen Zuspitzung hin zum Höhepunkt am Ende wie geschaffen erscheint, um ein Set zu beenden. Doch natürlich wollte das Publikum die Band keineswegs schon wieder gehen lassen und so trat die Truppe noch ganze zweimal zurück in den Schein der Kerzen und präsentierte drei Zugaben, bevor der Vorhang dann endgültig fiel und das sympathische Sextett in den wohlverdienten Feierabend entließ.

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Bilder: Florian Schmid / Marvin Römisch

Was bleibt nun von dieser wunderschönen Geysterstunde im Kölner Keller? Zumindest das Gefühl, dass der Tod seinen Schrecken endgültig eingebüßt hat. Wenn es im Jenseits tatsächlich Orgien und andere Freuden geben sollte, wie uns EDEN WEINT IM GRAB versprechen, dann können wir uns mit Freude darauf einlassen, in diesen anderen Bewusstseinszustand hinüberzuwechseln, wenn unsere Zeit gekommen ist. In der Totentaverne erwarten uns dann sicherlich schon Nektar und Wein und eine berüchtigte Band mit weißen Gesichtern und in stilvoller Abendgarderobe zum Tanz.

Wer jetzt richtig Bock hat, die Archivare all dieser wundersamen Geschichten live zu erleben, der spanne die Kutsche an und suche einen der folgenden Orte auf:

EDEN WEINT IM GRAB – TRAGIKOMÖDIEN AUS DEM MORDARCHIV-TOUR support: WISBORG

11.01.20 Erfurt – From Hell (+ support Munarheim)
18.01.20 Berlin – Wabe
24.01.20 Hamburg – MS Stubnitz
25.01.20 Münster – Rare Guitar
01.02.20 Braunschweig – B58 (+ support LVX Aeterna)
07.02.20 Cottbus – Muggefugg (+ support Agrogration)
08.02.20 Nürnberg – Cult

SETLIST KÖLN

Der Meysterdetektiv
Lazarus und die Tücken der Einsamkeit
An die Nacht
Der ewige Bergmann
Den Herbstlaubreigen tanzt der Tod
Der Giftmischer (in der Kammer des Grauens)
Himmelsstürmer
Ein Requiem in Sepia
Tango Mortis
Der Exitus der Schlangen
Die Jenseitsflugmaschine
Moritat des Leierkastenmanns
In der Toten-Taverne
Letztes Morgenrot
 
Traumtod
Bon Voyage (Ein sonderbares Begräbnis)
Krieg im Wunderland