Review: JINJER – Macro

Die Liste Ukrainischer Metal Bands ist erschreckend klein, dennoch führt in den letzten Jahren kein Weg an JINJER vorbei. Schon in einem Interview im Juni 2017 freute sich Michael Amott von ARCH ENEMY sehr auf die bevorstehende Tour mit der Band und nannte sie sehr talentiert, als er nach seiner Traum Support Band gefragt wurde. Spätestens seit dieser Tour ist JINJER kein Geheimtipp mehr und wird bei jedem Auftritt groß gefeiert. Auch ein Grund ist jedoch der Song “Pisces”, der im Frühjahr 2017 erschien. Mittlerweile hat er über 27 Millionen Aufrufe auf Youtube und ist wohl eins der meisten Videos, auf die jemals “reacted” wurde. Es macht aber auch jedes Mal wieder Freude, jemanden zu sehen, der Tetjana Schmajljuk das erste Mal screamen hört. Mir macht es auch immer noch viel Spaß, das Video ahnungslosen Freunden vorzuspielen und dabei in ihr erschrockenes Gesicht zu gucken. Dies kann man auch immer wieder bei einzelnen Konzertbesuchern entdecken, wobei esimmer weniger wird. JINJER ist dafür inzwischen einfach zu bekannt.

Der Erfolg kommt aber nicht von ungefähr. Die Stimme von Tetjana Schmajljuk bezeichne ich als eine der besten in der gesamten Szene. Ihre Kollegen stehen ihr aber in keiner Weise nach. Dazu kommt, dass sich die Band kaum eine Auszeit nimmt. Anfang 2018 die große Europa Tour mit ARCH ENEMY, anschließend mit CRADLE OF FILTH durch Nordamerika, Anfang 2019 mit AMORPHIS UND SOILWORK wieder durch Europa und anschließend die “Micro” EP. Nun haben wir Ende 2019, das Album “Macro” steht in den Startlöchern und die erste riesige Headliner-Tour ist geplant. So geht ins im Oktober durch Amerika und anschließend durch Europa auf 56 Konzerte in nichtmal 3 Monaten, mit maximal 6 Tagen zwischen den einzelnen Auftritten. Natürlich mit “Macro” im Gepäck.

Um es schon vorweg zu nehmen: Das Album ist genau das, was man von JINJER erwartet. Das Drumming ist on point, der Bass prägnant, die Riffs ziehen dir ein paar neue Schuhe an und jeder Gesangston sitzt, egal ob Guttural oder Clean. Auffällig ist es, dass es keine fest definierte JINJER-Formel gibt. Jeder Song ist in seiner Weise einzigartig und hat kaum eine Schnittmenge mit anderen Songs, ist aber ohne Zweifel JINJER zuzuordnen. Die Band ist eben sehr experimentierfreudig, was alles sehr frisch wirken lässt. Entsprechend wirkt das Album auch zu keinem Zeitpunkt langweilig. Im ersten Moment hört man noch den Engel in den Ohren und wenige Sekunden später ist dieser plötzlich der Teufel. So wie man es von JINJER gewohnt ist und liebt. Dies ist bei allen Songs mit der Ausnahme von “Home Back” der Fall. Bei diesem Song gleicht der Mittelteil fast schon einer Ballade, der von dem härtesten Part der Band beendet wird. Der Anfang ist ähnlich, wodurch man den Song schon fast als umgekehrtes “Pisces” bezeichnen könnte. In “Judgement (& Punishment)” ist ein deutlicher Reggae-Einfluss zu hören, wie auch schon beim letzten Album in “Beggar’s Dance”. Bei “Retrospection” ist der Text zur Hälfte auf ukrainisch und der Song verhältnismäßig langsam. Aber gerade dadurch geht dieser gut ins Ohr und setzt sich dort fest. Zumal der Rhythmus alles andere als ruhig ist. Der letzte Song des Albums “lainnereP ” ist ein über 5 Minuten langes, instrumentales Outro, das auch gebraucht wird, um nach der ganzen Energie wieder herunterzukommen. Die anderen fünf Songs sind zwar ohne weitere Besonderheiten, brauchen sich aber in keinem Fall vor den anderen zu verstecken und geben den gewohnten JINJER-Vibe.

Für mich war JINJER schon immer eine live Band. Aus meinen Boxen laufen sie eher selten und auch nur wenige Songs, wobei ich jede Möglichkeit mitnehme, die Band auf der Bühne zu sehen. Dieses Album ändert nichts daran. Zwar werden sich einige davon schnell in meiner Playlist wiederfinden, dennoch kommt nicht die Energie rüber, die man bei einem Live-Auftritt spürt. Tetjana ist einfach eine Rampensau, welche die Auftritte auf ein ganz neues Level hebt.

Dennoch vergebe ich für das Album 9 von 10 Punkten. Es ist einfach unverkennlich JINJER und, wie schon am Anfang gesagt, genau das, was man erwartet hat.