Tanzen ohne Erholungspausen – Living the Darkness Tour in Bochum

Wenn wohl eine der vorerst größten Touren nach Corona ansteht, sind die Karten schnell vergriffen. So ist es zumindest bei der Living the Darkness Tour, bei der sich ein recht ungewöhnliches Line-up zusammengefunden hat. ALIENARE, [X]-RX, CHROM, HOCICO und zum Abschluss BLUTENGEL. Das Konzert in Bochum ist restlos ausverkauft und so bildet sich schnell eine lange Schlange vor der Matrix, aber nicht nur dort. Auch vor den Coronatestzentren, denn egal wie der Impfstatus lautet, so wird hier ein negativer Test benötigt. Das Problem ist nur, dass diese Information nicht gut kommuniziert wurde und einen dieses Kriterium erst vor der Tür erreicht. Die Besucher strecken der Security also freudig ihr Ticket entgegen, nur um dann (vorerst) nicht hereinzukommen.

Sehr schade ist dies besonders für die erste Band ALIENARE. Das Set ist mit 25 Minuten sowieso schon knapp angesetzt, sodass viele erst gar nicht mehr in den Genuss der Band kommen. Es ist einfach der Wurm drin. Davon lässt sich die Band aber nicht beirren. Beide Musiker drehen sofort voll auf. Timo eskaliert das ganze Konzert über hinter seinem Keyboard, während Sänger Tim sich zeitlich als Alleinunterhalter gibt. Wir sind eine Mitmach-Band, daher müsst ihr schon im nächsten Song Mitmachen, aber der Text ist nicht zu schwer, er lautet ‘move – es ist zwar erst der zweite Song, aber es funktioniert. Und das auch bei allem folgenden. Klatschen, winken und singen, Tim hat das Publikum in seinen Bann gezogen und genau dies nutzt er aus. Nochmal kurz in das Handy gewunken, das ihn gerade filmt, einen Witz hinterhergeworfen, einen running Gag für den Abend aufgebaut und dann ist es auch schon wieder vorbei? Schade, aber der kurze Auftritt hatte es in sich und das Publikum ist definitiv angetan.

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Fotos: Cynthia Theisinger

Schnell den klassischen [X]-RX Tisch auf die Bühne getragen, da geht es schon wieder weiter. Dabei gibt es kein Intro und gemäß dem Motto Hard Bass, Hard Soundz wird der Bass nochmal einige Stufen weiter aufgedreht. Die Massage ist wohl heute inklusive. Meine Stimme ist gebumst, helfe mir bitte, ich hab Angst, sagt uns Pascal und heizt das Publikum an laut für ihn mitzusingen, während Jan wie immer die screamenden Parts übernimmt. Dennoch werfen sich die beiden so gut es geht  ihre Texte um die Ohren, spielen mit ihrem eigenen Sound und machen besonderes eins: Posen. Mal alleine, mal zusammen und mal in anderen Kombinationen, die eurer Fantasie überlassen sind. Der Bass setzt sich dabei weiter fest und macht da anfangs komischerweise etwas zurückhaltende Publikum immer lockerer. Aber auch hier muss es dann doch irgendwann enden. Und so kommt nicht das von Jan versprochene “Ufo”, sondern der ewig letzte Song Stage 2”.

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Fotos: Cynthia Theisinger

Es ist kein guter Tag für Menschen mit kleinen Blasen, die nichts verpassen möchten. Die Umbaupausen lassen heute nicht mal Zeit für eine Pinkelpause. Kaum ist der Tisch wieder runter, stehen auch schon CHROM auf der Bühne. Keyboarder Thomas Winters beginnt mit einem längeren Intro alleine auf der Bühne, bis plötzlich Sänger Christian Marquis dazu kommt und alles seinen Lauf nimmt. Es dauert nicht lange, bis die versammelte Menge tanzt, so gut es geht. Das Konzert ist eben ausverkauft und der Platz auf der Tanzfläche entsprechend beschränkt. Christian hingegen hat viel Platz und nutzt diese auch aus. Fast durchgehend läuft er über die Bühne, wenn er nicht gerade posiert oder das Publikum animiert. Das Klatschen klappt und das Mitsingen ebenso. Ein schöner, wenn auch recht unspektakulärer Auftritt, der einem zeitlich nochmal etwas Entspannung gönnt, bevor es Richtung Endspurt des Abends geht.

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Fotos: Cynthia Theisinger

Egal wo Erk Aicrag auftaucht, man kann davon ausgehen, dass man eine gute Zeit hat. Ob als DJ, mit RABIA SORDA oder wie heute mit HOCICO. Das kleine Energiebündel hat so viel Power, dass er die nicht für sich allein behalten kann und kleine imaginäre Blitze in das Publikum wirft, um diese zu elektrisieren. Zumindest macht es so den Eindruck, denn die Menge gibt sich wild tanzend und scheint plötzlich keine Anzeichen von Müdigkeit mehr von sich zu geben. “How are you doingAre you ready to dance with the devil? Fragt uns Erk. Vielleicht liegt auch hier der Grund für die plötzliche Energie begraben. Die Fans haben deutlich Spaß, während auf der Bühne wieder viel posieren an der Tagesordnung steht. Klar, die Outfits geben das natürlich her. Auch wenn es das Publikum inzwischen nicht mehr nötig hat, wird es immer weiter von Erk angefeuert und aufgeheizt. Die Tanzfläche öffnet sich immer weiter und verschlingt immer mehr Leute. Bis es irgendwann nichts mehr zu verschlingen gibt. Das ist aber auch der Moment, der den letzten Song einläutet. Nach 60 Minuten darf der Bauch aber auch mal voll sein, auch wenn so mancher wohl doch noch die ganze Nacht hätte weitermachen können.

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Fotos: Cynthia Theisinger

Nun ist es offiziell: Die längste Umbaupausen des Abends dauert nur magere 15 Minuten. Jetzt steht das große Finale auf dem Plan, BLUTENGEL. Von der Band ist zunächst nichts zu sehen, lediglich die Tänzerinnen kommen verhüllt mit Leuchtstäben, die Laserschwertern gleichen, auf die Bühne. Die Band kurz danach. Dem geschulten Auge fällt aber schnell auf, dass etwas nicht stimmt. Sängerin Ulrike Goldmann fehlt. Wie uns Sänger Chris Pohl kurz darauf erzählt liegt diese nicht mit Corona, sondern mit einer starken Erkältung im Bus und schläft sich gesund, da diese aktuell keine Stimme hat. Das Konzert findet daher leider ohne sie statt. Das Publikum hilft in diesem Fall aber gerne aus und singt ihre Parts doppelt so laut mit. Man muss auch mal danke sagen, dass ihr so lange durchhaltet, hier waren ja schon viele gute Bands vor uns, Dankeschön”, sagt uns Chris. Habt ihr noch Bock? Das testen wir im nächsten Song, da gibt es einen Mitsingteil”, fragt er weiter und stimmt dabei Engelsblut an. Hierbei übernimmt das Publikum alleinig den Refrain – es hat noch Bock.

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Fotos: Cynthia Theisinger

Immer wieder kommen die Tänzerinnen mit verschiedenen Outfits auf die Bühne und lenken die Aufmerksamkeit auf sich – auch das Kunstblut ist natürlich dabei. Es mag Einbildung sein, dennoch machte es den Eindruck, dass man das heutige Set aufgrund des Umstandes mit Uli noch einmal umgestellt hat und es daran angepasst wurde. Klar, die großen Klassiker sind dabei, dennoch wirkt alles etwas Chris-lastiger, was natürlich völlig in Ordnung ist. Das Highlight gibt es ganz am Schluss. Während sich alle Künstler des Abends langsam hinter Chris versammelt, sagt er uns: Wenn wir schon zusammen mit HOCICO auf Tour sind, können wir auch den Song spielen, den wir zusammen geschrieben haben. So gibt es noch Obscured zu hören und der vorherige eher ruhige Sound von BLUTENGEL wird nochmal für einen kurzen Moment viel aggressiver. Perfekt, um die letzten Reserven in den Beinen zu aktivieren, bevor wir in die Nacht entlassen werden.

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Fotos: Cynthia Theisinger