Plage Noire 2021 – So war der Samstag

Gothic – das ist auch eine höchst (sub)kulturelle Angelegenheit. Genau wie der “große Bruder” M’era Luna bot auch das Plage Noire neben den musikalischen Hauptgängen manchen “Gruß aus der Küche” der Schwarzen Szene – in Form von andersartigen Darbietungen. Was im Hangar von Hildesheim längst etabliert ist, sollte auch hier nicht fehlen.

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Fotos: Nola

Wer verhältnismäßig früh aufstand, konnte einen literarischen Leckerbissen verfrühstücken:

CHRISTIAN VON ASTER trat wie üblich vor einem voll besetzten Saal auf. Er hielt zunächst eine fünfminütige Rede über die Folgen der Pandemie für Kulturschaffende und widmete den kleinen Künstlern, die in den Corona-Jahren leider aufgeben mussten, einen besonderen Applaus. Die Rede gibt es auf youtube : anzuschauen hier
Anschließend las er einige “Oden an XY”, die er beispielhaft für besonders nervige Arten von Zeitgenossen in Reimform verfasst hat. Des Weiteren stellte er “Tagebuch eines Tierschützers” vor, in dem ein solcher versucht, die Aufführung von Wagners “Lohengrin” mit einem echten Schwan zu verhindern. Ein in der Schwarzen Szene mittlerweile berühmt gewordenes Stück namens “Die Mitternachtshüpfburg – Fun for the Finster” wurde nach demokratischer Abstimmung im Publikum feierlich verlesen und als Krönung folgte ein Kapitel aus seinem selbst produzierten Buch “Die wahrhaft unglaublichen Abenteuer des jüdischen Meisterdetektivs Shylock Holmes und seines Assistenten Dr. Wa’Tsun”, auf das der Autor eigenen Worten zufolge “bumsstolz” ist.
Herr von Aster ist mittlerweile durch die jahrelange Erfahrung ein begnadeter Entertainer geworden. Da er seit vielen Jahren bei Veranstaltungen von FKP Scorpio auftritt, verwunderte sein sehr vertrauter Umgang mit einer Security-Dame nicht. Die beiden lieferten sich immer wieder kurze Schlagabtausche, die auf ein freundschaftliches Verhältnis schließen lassen. Im Anschluss an die Lesung wurden vom Autor die wenigen mitgebrachten Bücher verkauft sowie Gratis-Aufkleber verteilt.

MARKUS HEITZ, einer der erfolgreichsten deutschen Fantasy-Autoren und wie Christian von Aster mittlerweile “FKP Scorpio-Inventar” (fast immer auf dem M’era Luna dabei), las im Anschluss aus seinem jüngsten Werk. “Die Rückkehr der Zwerge – Teil I” ist der siebte Band der immens erfolgreichen “Die Zwerge”-Reihe und spielt gut 1000 Jahre nach der Handlung des sechsten Bandes. Teil II des neuen Buches ist jetzt im November erschienen. Markus Heitz erzählte, dass er immer neidisch auf Musiker war, die ihre alten Songs in Form von Remixen jederzeit in ein neues Gewand kleiden konnten. Es gelang ihm jetzt allerdings, dieses Konzept auch auf geschriebene Kunst zu übertragen. Für eine Stelle aus dem erwähnten neuen “Zwerge”-Roman, in der ein Zwerg am Ufer eines Flusses mit einem Ork kämpft, schrieb er vier Varianten: Den “Jerry Bruckheimer-Remix” (Regisseur u.a. von “Pearl Harbor” und “Fluch der Karibik”… mit einer Vorliebe für Zeitlupen und Explosionen), den sehr gefühlsbetonten “Expressionismus-Remix”, den “Rosamunde Pilcher-Remix” (der Ork stellt sich als verschollener Halbbruder des Zwergs heraus, der damals von dem adeligen Vater weggegeben wurde) und der “Kinderbuch-Remix”, in dem es dem “bösen, bösen Ork” nach der Begegnung mit dem Zwerg “sehr, sehr schlecht geht”. Zudem kündigte Heitz einen neuen Band von “Aera – Die Rückkehr der Götter” an.

VOGELFREY

So wie bereits gestern mit SCHANDMAUL, bietet auch heute mit VOGELFREY eine Mittelalter-Rock-Band den musikalischen Ausreißer des Tages. Bereits zu Beginn des heutigen zweiten Tages auf der Mainstage, ist das Zelt gut gefüllt und auch die VOGELFREYen freuen sich und Sänger Jannik grüßt mit einem lockeren “Moin Moin, Plage Noire, wir sind VOGELFREY, Hörner hoch!” und legen gut los. Einige bereits vollständig wache Zuhörer werden mitgerissen und bewegen sich nach der kurzen Nacht, einige sind noch nicht ganz wach und ein Teil liegt vermutlich nach der Aftershow-Party immer noch in seinem Schlafsarg. Mit Voranschreiten der Songs wird die Stimmung immer besser, immer mehr stoßen dazu und genießen das dritte und letzte Konzert von VOGELFREY, die zum ersten Mal “am Strand” aufspielen dürfen. Das Konzert endet traditionell: “Heldentod” beschreibt vermutlich gut das Gefühl, was in vielen noch nach der Nacht nachschwingt, aber dafür war die Aufwärmrunde für den zweiten Tag auch erfolgreich.

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Fotos: Nola

STAHLMANN

Traditionell mit Masken auf den Gesichtern, erklommen die Männer aus Stahl um den charismatischen Sänger Martin die Bühne des Zeltes. Eine stahlharte Begrüßung und schon ging das Deutschrock-Musikspektakel namens STAHLMANN los. Der Name ist Programm, auf die Ohren mit melodiösen, knackigen Riffs und Tacki an den Trommelstängeln. Bass und Gitarre sind unüberhörbar fester Bestandteil dieses gewaltigen Soundwerks und spätestens nach der Hälfte des Gigs sollte sowohl jeder im Zelt als auch in unmittelbarer Außennähe hellwach sein und Schwierigkeiten haben, seine zuckenden und tanzenden Füße unter Kontrolle zu halten. Aber fast wäre es gar nicht so weit gekommen, ging dem Sänger nach den ersten Stücken die Erinnerung aus, was denn als Nächstes kommen könnte. Normalerweise habe er immer so ‘nen Zettel, wo das drauf stünde, aber den kann er gerade nicht finden. Rückversichert, was als nächstes kommt, ging es weiter und in der Zwischenzeit wurde die Setlist auch nachgereicht, extra vom Mischpult herbeigeeilt. Das Zelt füllte sich auch zunehmend, und die mittlerweile in einem Ritual an holde Jungstahlfrauen übergebenen Masken ließen einen Blick auf die silbern bemalten STAHLMÄNNER-Gesichter zu, welche ohne Erbarmen – man will mehr davon, das ist spürbar! – das Publikum rocken. Unter großem Applaus endete das Klangspektakel und machte noch mehr Bock auf den weiteren Tag.

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Fotos: Nola

SONO

Musikalischen Kontrast zum Zelt konnte der “Festivalslowstarter” hier erleben. Ruhiger und angehender Sound, gepaart mit Lennart A. Salomon’s unverwechselbarer, genialer Stimme, konnte über die Kopfschmerzen der Nacht oder des Vortages schnell hinweghelfen und die für Festivals so notwendige Grundstimmung schnell ermöglichen. Nach einer kurzen Begrüßung seitens des SONO-Sängers ging es auch gleich gut zur Sache – perfekt zum Warmtanzen geeignet. Selbst der Feueralarm des Ballsaals war Feuer und Flamme für diese melodiöse, leicht altmodisch minimalistische, Darbietung. Zum Glück verabschiedete sich die ungewollte elektronische Musikkomponente im Verlaufe wieder, sodass der ungestörte Musikgenuss fortgesetzt werden konnte – auch wenn in den meisten Stücken dieser – Lennart dachte zuerst an einen Keilriemen – ungewollte Ton gar nicht auffiel – dank der ausgeklügelten Soundaussteuerung durch die im hinteren Bereich des Saales befindlichen Tonmeister. Zusammen mit der dezent gehaltenen, visuellen Unterstützung durch das Licht war die Vorstellung von SONO für einen Festivalstart dieses Raumes mehr als passend. Neue Fans dürfte diese Gruppe gewonnen haben!

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Fotos: Cynthia Theisinger

MELOTRON

Wer direkt nach STAHLMANN von der Hauptbühne zu MELOTRON eilen wollte, der wurde knallhart durch die Menschenmassen ausgebremst, die einer der Modenschauen beiwohnten. Aufgrund der Architektur des inneren Gebäudebereiches und dem nicht allzu verfügbaren Laufplatz neben dem Laufsteg, war es sehr müßig, zum gewünschten nächsten Programmpunkt vorzustoßen. Wer dieses allerdings schaffte, wurde auch reichlich belohnt. Zum einen durch einen sehr gut gelaunten Andy Krüger, der zu Beginn die noch nicht sehr zahlreichen Gäste mit “Ist es nicht schön, dass wir uns alle mal wieder sehen? Wir wünschen euch allen viel Spaß, unsere Keyboard-Ständer sind eingestaubt, die letzten Monate” begrüßte, bevor es ordentlich beatmäßig losging, eine solide Mixtur aus Synthie- und Futurepop vom Feinsten. Da in der Galerie, wo auch die Modenschau durchgeführt wurde, Monitore und Lautsprecher die Menge ob des Starts informiert halten, scheinen die Anstrengungen, zu MELOTRON durchzukommen verstärkt worden zu sein, denn kurze Zeit später ist der Tanzsaal gut gefüllt und der drückende Beat veranlasst einen jeden sofort rhythmisch mitzutanzen. Eine wirklich tolle Stimmung, die auch durch pointiert eingesetzte Lichtuntermalung unterstützt wird, veranlassen den Sänger zu einem späteren Moment zu der gewagten Aussage “1-2 Lieder und wir sind wieder jung. Und wir spielen eine Stunde… Macht euch schon mal frei!”. Man kann förmlich fühlen, sehen und hören, wie sehr die Band richtig Bock hat, diesen Tanzsaal kaputt tanzen zu lassen. Ob kaputt gegebenenfalls bereits ein schlechtes Omen für diesen Saal bedeutete?

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Fotos: Cynthia Theisinger

SCARLET DORN

Obschon sie sich noch keiner langen Bandgeschichte erfreuen, haben SCARLET DORN dank der Starthilfe durch LORD OF THE LOST schon in kürzester Zeit ihre Duftnote in der Schwarzen Szene hinterlassen, das bekannteste Mitglied dürfte LOTL-Keyboarder und Perkussionist Gared Dirge sein. Die kleine Bühne in der “La Rotonde”-Alm muss nicht immer ein Nachteil sein. Bands wie SCARLET DORN profitieren deutlich von einem intimeren Rahmen, wie auch dieser Gig wieder einmal bewies. Die rauchige Stimme von Frontfrau “Scarlet” zog auch hier wieder alle in ihren Bann und verzauberte nicht nur die zahlreichen LORD OF THE LOST-Fans in der ersten Reihe. Neben bekannten Stücken aus den ersten beiden Veröffentlichungen wurde auch die neue Single ”Love Has No Colour But Love” endlich präsentiert, nachdem das Video schon einige Wochen zuvor herausgekommen war. Diese Session stellte ein nettes kleines Intermezzo dar – wie eine seltene Muschel, die man bei einem Spaziergang am Strand aufsammelt und mit nach Hause nimmt.

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Fotos: Nola

LETZTE INSTANZ

Im Verlauf des Tages wandelte sich die Gunst des Wettergottes ein wenig und er sandte Sonnenfilter und eine eigentlich im Sommer mehr als willkommene Abkühlungsbrise, welche die vormals vollkommen aufgeheizte Stimmung im Zelt deutlich runterkühlen half. Doch auch dieses hielt gewisse Künstler nicht davon ab, barfuß über die Bühne tanzen zu können. Wie immer mit Stoffmütze ausgestattet, begrüßt Frontmann Holly die Anwesenden “Hallo meine Freunde, wir sind LETZTE INSTANZ, wie seid ihr so drauf?” und legt auch prompt mit den anderen Künstlern los, neue Stücke des direkt vor dem Plage Noire veröffentlichten neuen Albums “Ehrenwort” darzubieten. Die Stücke der Scheibe schlagen ein beim Publikum, welches bei toller Stimmung eine Massenbewegung vollführt, kaum ein Tanzbein bleibt ruhig. Zwischenzeitlich erwähnt der Barde noch, wie sie seit 5 Uhr morgens unterwegs gewesen seien, aus unterschiedlichen Städten kämen, sich trafen, viele Autos und andere Menschen sahen, doch diesen Anblick als den schönsten des Tages feierten – mit dem nächsten musikalischen Kracher. Das Publikum dankt mit Applaus, Mittanzen, Mitsingen bei den älteren Stücken für die gewohnt tolle Show, die LETZTE INSTANZ auf dieser Hauptbühne heute bieten konnte.

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Fotos: Nola

RABIA SORDA

Bekannt für brachialen Industrial-Stil formt Frontmann Erk Aicrag auch bei RABIA SORDA das Profil entsprechend. Mehr Electro, aber dennoch deutlich angriffslustiger als die bisherigen Bands auf der Bühne im “Salle de Fête”. Sehr kurzfristig für ROTERSAND eingesprungen, deren Sänger Rascal aufgrund ärztlicher Anordnung noch nicht wieder performen darf, kann das Publikum den mexikanischen Flummi auf der Bühne stattdessen erleben. Der Saal ist bereits sehr gut gefüllt und Erk spielt gekonnt mit dem Publikum und kann dieses zu ausgelassenem Tanzen motivieren und eine fabelhafte Stimmung erzeugen. Eine Mixtur aus englisch- und spanischsprachigen Liedern elektrisiert das Publikum förmlich, ein Stillstand ist nicht vernehmbar. Auch die gelegentlich gespielten Drum-Solos fügen sich maßgeschneidert in den hoch dynamischen Ablauf, der durch die nur wenigen Ansagen Erks wenige kurzzeitige Intermezzos erfährt. Es fühlt sich an, als ob Erk versucht, die maximale Songanzahl in den zeitlich knappen Slot zu pressen, so verbraucht er auch bereits die Zeit für die Zugabe mit regulären Stücken, was der ganzen Kombo am Ende richtig viel Applaus einbringt. Für das angeheizte Publikum ist das Wetter draußen nun ideal zum Abkühlen, um die überhitzte Betriebstemperatur für die nächsten Bands wieder auf ein Normalmaß zurückzufahren.

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Fotos: Cynthia Theisinger

STERIL

Zeitgleich zum mexikanischen Flummi im “Salle de Fête” konnte eine lang etablierte, deutschsprachige Electro-Industrial-Band aus Oldenburg die “Rotonde” zerlegen. STERILs Sänger Mähne dominierte in weiten Teilen die kleine Bühne und seine avantgardistischen Bewegungen, gepaart mit der Tiefgründigkeit der Texte zeigte den Besuchern, warum auch nach über 30 Jahren diese Band vorne mitsingen kann. Tatsächlich musste sich das Publikum beider Eventlocations für eine der beiden Industrialbands entscheiden, zumindest die bei STERIL sorgten für Einlass-Stops und verlangten der Gruppe lechzend alles ab – was auch mit einem “Er ist mal kurz im Sauerstoff-Zelt” seitens Jan oder Axel kommentiert wurde, als Mähne kurz neben der Bühne verschwand. Lang anhaltender Applaus zum Ende des brachialen Sets dankte den Künstlern und machte echt Bock auf ein weiteres Konzert.

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Fotos: Nola

PETER HEPPNER

Zu dem Altmeister der Symbiose aus Dark Wave, Synthie-Pop und Pop kann man sicherlich vieles schreiben. Was man allerdings nicht finden wird, ist, dass ein Konzert von PETER HEPPNER nicht in seinen Bann ziehen kann. Ein gediegener Mix ausgewählter feinster Kompositionen mit einem tollen Instrumenten-Backup wurde gekonnt und wie immer souverän dem Publikum vorgetragen. Obwohl der Zahn der Zeit nicht zu verbergen war, ist auch dieses Konzerterlebnis unvergesslich. Die Stücke wurden gekonnt durch die Lichttechnik akzentuiert untermalt und alles trug so zu einem stimmigen Gesamtwerk bei, sodass jeder Gast die Zeit vor der Bühne für sich nutzen konnte, um den Texten zu folgen, in Gedanken zu schwelgen und sich auf diesen tollen abendlichen Beitrag vollumfänglich einzulassen.

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Fotos: Nola

[:SITD:]

Dem Stil der Vorband im Groben folgend, betrat ein weiteres deutsches Trio die Bühne im “Salle de Fête”. SHADOWS IN THE DARK, oder liebevoll durch das kryptische Akronym [:SITD:] gekennzeichnet, brachen durch die Schatten mit einer ansprechenden Lichtuntermalung und der unverwechselbaren Stimme von Sänger Carsten. Der Saal war brechend voll und kurz vor Einlass-Stop oder vielleicht sogar mit Einlass-Stop, was wir von drinnen aufgrund des gebannten Zuhörens und Blickes auf die Bühne möglicherweise gar nicht mitbekommen haben. Zur Begrüßung gab es ein paar Handschläge mit dem Publikum in der ersten Reihe und auch das “Was sollen wir sagen, nach einem Jahr Corona sind wir endlich wieder bei euch. Ich hoffe, ihr habt Bock!” erreichte das Ziel, das Publikum jubelte und applaudierte – nicht das einzige Mal an diesem Abend. Über ein Jahr Pause merkte man der Combo an, so druckvoll ging das Konzert von Song zu Song, gespiegelt durch die tolle Stimmung bei den Anwesenden. Dennoch versuchte Carsten, das Publikum immer weiter zu animieren, noch mehr Tanzen dazu, die Stimmung steigert sich immer weiter und das kontinuierliche Herumgespringe auf der Bühne kommt zu einem plötzlichen Ende, als Carsten auf der von ihm aus linken Seite der Bühne stürzt und mit dem Oberkörper vermutlich einen Monitor oder die Bühnenkante erwischt. Das Konzert muss unterbrochen werden! Security und Sanitäter waren sofort vor Ort, dennoch machte sich Entsetzen in den Augen der Zuhörer breit. Sichtlich angeschlagen, mit Schwierigkeiten tief einzuatmen, versucht er sich zu sammeln und weiterzumachen. Doch sein Gesang klingt leider gequetscht, man sieht förmlich wie er schlecht Luft bekommt, er hält sich bei jedem Lied die Rippen unter dem Brustkorb. Das Publikum fordert ihn auf, abzubrechen und auf seine Gesundheit zu achten – aber der Sänger will sein Letztes für dieses wunderbare Publikum geben. Doch nach kurzer Zeit muss auch Carsten einsehen, dass es nicht sinnvoll ist, weiter zu machen und das Konzert muss etwas früher als geplant abgebrochen werden. Zum Glück bestätigt sich in den darauffolgenden Stunden, dass Carsten keine Brüche erlitten hat – aber eine Rippenprellung macht die nächsten Wochen nicht minder anstrengend und kurz darauf folgende Konzerte nicht möglich. Alles in Allem ein Konzert, was niemand vergessen wird. Zwar dieses Mal aufgrund der Umstände und nicht aufgrund der musikalischen Extravaganz. Wir wünschen Carsten an dieser Stelle weiterhin gute Genesung!

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Fotos: Cynthia Theisinger

SEELENNACHT

Ein Kontrast zum vorherigen Alm-Aufspieler bietet der heutige Abend mit SEELENNACHT um Frontmann Marc Ziegler und Keyboard-Virtuose Rene Wedekind. “Elektronische Musik mit Tiefgang, Stil und Esprit” – so beschreibt sich das Duo selber und spätestens, als es mit dem ersten Song und einer freudigen Begrüßung durch Marc losgeht, kann dieses Selbstverständnis jeder teilen. Die tiefe, sonore Gesangsstimme Marcs kann seit über einer Dekade begeistern und auch die familiäre Unterstützung bei jedem Konzert ist auffällig und verleiht jedem Konzert einen individuellen Charme. Zu Unrecht als Kopie verschrien, konnte SEELENNACHT bereits mehrfach beweisen, dass sie ihren eigenen Weg gefunden haben und diesen auch auf anhaltend hohem Niveau weiterentwickeln und vor unterschiedlichstem Publikum präsentieren können. Dessen ist sich auch das Publikum bewusst und der mehrfache Einlass-Stop in der “Rotonde” zeigte das hohe Interesse auf, diesem abendlichen Spektakel beizuwohnen. Das Publikum zu motivieren, ist fast nicht notwendig, dafür sorgt die Darbietung – ausgelassenes Tanzen, Mitgesinge und ordentlicher Applaus runden auch für die beiden Künstler diesen zweiten Festivaltag ab und leider auch viel zu früh ist dieser Ohrenschmaus schon wieder vorbei.

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Fotos: Nola

L’AME IMMORTELLE

In guter Kontinuität dieser Bühne sind auch L’AME IMMORTELLE mit Frontfrau Sonja Kraushofer und Frontmann Thomas Rainer mit einem ruhigeren Programm am Start, als der zu erwartende Headliner des Abends. Mit einem sehr abwechslungsreichen Bühnenoutfit kann die Dame der Band auch optisch überzeugen, die gesanglichen Qualitäten sind sehr überzeugend demonstriert. In den Duetten sind die beiden unterschiedlichen Stimmen sehr dynamisch und – der geübte Hörer kann das feststellen – Sonja singt dort ein wenig höher als solo, während Thomas tiefer als üblich singt. Dieses spannende Zusammenspiel der beiden Sänger zieht sich konsequent durch das ganze Konzert und wird sowohl durch geschickt akzentuierte Unterstützung von Chris’ an den Drums und den tiefen Synthie-Klangräumen durch die Keyboards von Vasi abgerundet. Aufgrund des Tempos ist das Publikum weniger intensiv am Tanzen und mehr am hin- und her schwanken – obwohl genügend Raum für ausgelassene Tanzbewegungen vorhanden wäre – und eine gute Möglichkeit zur Erholung, bevor es später wieder tempobrachial zur Sache gehen wird. Ein guter Mix der bestehenden Songpalette mit auch einem Ausblick auf das neue Album lassen erahnen, dass es auf hohem Niveau nach dem Festival weitergehen wird.

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Fotos: Nola

SOLAR FAKE

Den Unfall des vorherigen Sängers noch gut im Gedächtnis, veranlasste selbiges Sänger Sven sicherlich dazu, sich zu überlegen, wie weit er an den Bühnenrand herantanzen und mit dem Publikum interagieren wollte. Zu Beginn bedankte er sich jedoch erst einmal, dass sie eigentlich völlig ungeplant hier sein können und der Auftritt Anfang Oktober bestätigt wurde. Eine bestimmt lustige Aussage für einige der anderen vertretenden Bands. Der sehr gut gefüllte “Salle de Fête” nimmt dieses applaudierend auf – so scheinen sich sehr viele explizit auf diesen Auftritt gefreut zu haben. Auch hier wird dem Publikum gegenüber offenbart, dass das Blicken in all diese Gesichter von so vielen tollen Menschen total schön ist. Und dann ging die Post ordentlich ab. Voller und voller und für einige eine Qual, vielleicht doch zum Headliner im Zelt zu gehen oder dem Geheimtipp in der “Rotonde” zu lauschen. All das tat dieser abendlichen Feier keinen Abbruch und die Masse tanzte wie in Trance, trällerte bekannte Textstellen aus den unzähligen, einfach nur tollen Songs mit. Besonders bei “Not What I Wanted” wird dieses bemerkbar, so beziehen sich sicherlich alle auf die weiterhin anhaltende Pandemie. Wer wollte die schon, so nebenbei bemerkt. Das solide, abwechslungsreiche, akustisch und optisch gut konstruierte Gesamtwerk verlief dann unfallfrei und so mancher Gast hätte bestimmt noch stundenlang weitertanzen und zuhören können. Nur halt nicht hier, denn auch SOLAR FAKE musste irgendwann zu einem Ende kommen. Als Abschluss blieb vielen dann nur noch das Zelt oder bereits der Weg zur Aftershow-Party.

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Fotos: Cynthia Theisinger

VANGUARD

Den Vogel des Abends abgeschossen haben all die Festivalbesucher, die diesem letzten Konzert in der “Rotonde” nicht beiwohnten. Denn das, was sie hier hätten erleben können, gab es eben nur hier: eine bombastische Party der beiden jungen Schweden von VANGUARD. Keine leichte Aufgabe gegenüber den konkurrierenden Bands in den anderen Locations, aber die Alm wäre aus allen Nähten geplatzt, hätte es keinen Einlass-Stop gegeben. Sänger Patrick dominierte die Bühne und interagierte dermaßen gekonnt mit dem Publikum, dass auch die beiden kleinen technischen Aussetzer durch eine defekte Kabelverbindung des Equipments souverän und gekonnt durch ihn und Soundmaster Jonas überspielt werden konnten. Das Publikum brachte durch das intensive Tanzen das hohe und aus Holz gefertigte Almzelt sicherlich zum Wackeln, jedenfalls bebte der Boden bei jedem der unglaublich melodischen, kraftvollen Synthpop-Songs. Die unvergleichliche Stimme Patricks, gepaart mit Drums und Keyboard gespielt von Jonas, zwangen förmlich zum Tanzen und dieses Gefühl des Tanzenmüssens endete auch erst nach der allerletzten Zugabe. Gespielt wurden Songs aus dem bestehenden Repertoire, aber es wurde angekündigt, dass nächstes Jahr etwas Neues kommen wird. Dieser Festivalauftritt jedoch wird bei vielen lange gut in Erinnerung bleiben und tatsächlich gab es Tanzende, denen diese schwedische Kombo vorher unbekannt war und die danach nur noch “wie geil war das denn bitte?!” krächzen konnten.

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Fotos: Nola

FRONT 242

So manch ein Gast dachte, das Festival wäre schon vorbei und im Hintergrund hämmern irgendwelche Maschinen. Das Zelt war dunkel. Aber gut besucht, jedoch verglichen mit dem Vorabend waren weniger da. Das lag sicherlich an der knallharten Konkurrenz in den beiden anderen Spielstätten. Von den Ur-Ur-Großvätern des EBM konnte man zu Beginn auch nicht viel erkennen, so minimalistisch war sowohl die Lichtshow, desto umfangreicher war der Einsatz von Bühnennebel. Gepaart mit Strobes alles andere als eine leichte visuelle Kost. FRONT 242 konnten dennoch – oder genau wegen des Minimalismus – beim anwesenden Publikum punkten. Nach geraumer Zeit lichtete sich der Nebel, es wurde heller und vielen Tanzwütigen erhellte sich das Bild auf die Bühne, wo die Pioniere des rhythmischen Stampfens routiniert die Masse in Bewegung hielten. Im Publikum war teils auch wahrzunehmen, dass die beiden Festivaltage kraftmäßig ihre Spuren hinterlassen haben und die teilweise sehr anstrengende Lichtshow mit ausufernden Strobephasen tat sicherlich ein Übriges – vielleicht diente es auch der Programmierung der Tanzenden über den visuellen Kortex. Motivierende Gesten und Aufforderungen seitens der auf der Bühne befindlichen Akteure halfen vielen, die letzten Reste der Kräfte zu mobilisieren und so zu den teilweise interessanten Interpretationen früherer Stücke mitzugehen. Und so kam es, wie es kommen musste. Irgendwann war dieses Spektakel und somit der zweite Konzertfestivaltag vorbei. Wehmütig sind einige von dannen gezogen, glücklich dabei gewesen sein zu dürfen, wehmütig in die Zukunft blickend, wann wieder ein Festivalbesuch möglich sein wird. Die weiterhin Energiegeladenen begaben sich zur Aftershow-Party.

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Fotos: Nola

Resumé

Das Plage Noire 2020 – ja, verschoben auf Ende Oktober 2021 – war wieder einmal ein Festival der besonderen Art mit vielen wunderbaren Menschen auf und vor der Bühne. Die Organisation gewohnt professionell, die Musikauswahl angemessen und im Vergleich zu anderen Veranstaltungen des Veranstalters in Teilen wiederkehrend. Das Rahmenprogramm mit Lesungen, Modeschauen, Merchandise, Autogrammstunden und Markt rundete das Gesamterlebnis erneut ab. Dem Wettergott zu danken, auch Ende Oktober noch Sonnenschein für uns parat zu haben soll an dieser Stelle – trotz der sonst eher die Dunkelheit liebenden Gemeinschaft – erlaubt sein. Bis 2022.