Review: IN EXTREMO – Kompass zur Sonne

Wie erträgt man am besten die heutigen finsteren Zeiten, Alkohol und fröhliche Musik könnte dabei helfen, passend dazu veröffentlichen IN EXTREMO dazu nun mit passenden Titel ihr mittlerweile 13. Studioalbum „Kompass zur Sonne“. Vorab: selbst IN EXTREMO kann nach 25 Jahren noch überraschen und so ist das Album eine explosive Mischung aus dreckigen Spielmannsgesängen, politischer Anklagen und tanzbarer Hymnen, selbst als Verfolger der letzten Dekaden rieb ich mir erstmal die Ohren über die interessanten Töne aus dem Phonographen Gerät.

Der erste Song „Troja“ sorgt für einen guten Einstieg in das Album, eingängig, melodisch, fetzig und ein guter IN EXTREMO Gassenhauer um die Boxen laut aufzudrehen. Der Titeltrack „Kompass zur Sonne“ hat es zweierlei in sich, neben der wahrlich epischen Melodienführung und Gesangshymnen kommt der Text recht tiefgründig daher. Neben den Dudelsäcken hallt der Refrain durch die Ohren und geht da einfach nicht mehr raus. „Ich schrieb Worte an die Ufer bevor die Flut die Spur verwischt, komm wir trotzen den Gezeiten, hoch am Leuchtturm blinkt ein Licht“ macht hier Hoffnung auf die Zukunft und der sehr intensive Song wird wohl einer der kommenden Live Hits.

„Lügenpack“ kommt nachfolgend recht schnell daher und ist noch brachialer wie die Vorgänger, dazu kommen immer wieder die tiefgründige und bissigen Texte der Band. „Gogiya“ ist ein Werk mit Russkajas Frontmann Georgij Makazaria, hier vermischt sich IN EXTREMO auf altertümliche Weise mit der Stimmung von Russkaja und entpuppt sich als perfekter Schunkeltanzsong.

Man denkt sich Anfangs noch nichts bei „Salva Nos“, erst als der Rhythmus beginnt und der Gesang mitschwingt klingt schnell ein epische Hymne heraus, die auf dem gleichen Level wie „Omnia sol temperat“ hinausläuft. Ebenso komplett auf Latein gehalten ist der melanonischen Song eine Glanzleistung. „Schenk Noch Mal Ein“ ist dagegen etwas ruhiger und der debile tiefgründige Trinksong des Albums, ein Lied von Abschied, Trauer, Tod mit einer dennoch schönen Melodieführung.

„Saigon und Bagdad“ dagegen geht wieder stampfend schnell weiter und ist textlich wieder sehr tiefgründig, hier wird das Thema Krieg sehr deutlich auf den Punkt gebracht. Ein Kind fragt mehrmals „Habt Ihr nichts gelernt“ nach der Aufzählung diverser zerstörter Schlachtfelder.

„Narrenschiff“ dagegen ist wieder eingängiger und fällt unter fröhlichen Spielmannsgesangstück. Melanonisch und drückend kommt nun „Wer kann segeln ohne Wind“ daher, das Duett mit Johan Hegg ist zugegeben sehr sperrig, insbesondere verwirren die schwedischen Growlingparts etwas zwischen den Lauten und Tröten, dennoch klingt das Experiment interessant.  Nachdem die Band auf dem Langschiff genug Met getrunken hat, geht es mit dem Trinksong „Reiht euch ein ihr Lumpen“  weiter. Der Song ist natürlich eingängig, feucht fröhlich und wird irgendwann 2021 so manchen Acker zum beben bringen. Passend dazu gibt es dann den sehr mittelalterlichen „Biersegen“ auf Latein hinterhergeworfen, der Song sitzt ab der ersten Strophe und macht einfach nur Spaß.

Mit „Wintermärchen“ vertont die Band dann zum Abschluss das gleichnamige Gedicht von Otto Ernst, hierbei folgt nach dem ruhigen Sprechgesang ein wahrlich krönender Abschluss zum Ende des Songs. In der Deluxeedition findet sich „Saigon Bagdad“ noch als Elektrosong wieder, viel interessanter ist aber „Brüder“. Der Piratensong ist eine mitreißende IN EXTREMO Hymne die es in sich hat, quasi ein trommelndes Langschiff das Santianos Hansekutter versenkt.

Tanzt ihr Narren, IN EXTREMO ist zurück, lauter als je zuvor.

Bewertung: 9 von 10 Punkten

Tracklist:

  1. Troja
  2. Kompass zur Sonne
  3. Lügenpack
  4. Gogiya mit RUSSKAJA
  5. Salva Nos
  6. Schenk nochmal ein
  7. Saigon und Bagdad
  8. Narrenschiff
  9. Wer kann segeln ohne Wind
  10. Reiht euch ein ihr Lumpen
  11. Biersegen
  12. Wintermärchen
  13. Brüder (Bonustrack)
  14. Saigon Bagdad Elektro Version (Bonustrack)