Review: SOJOURNER – “Premonitions”

SOJOURNER – Diesen Namen sollten sich alle Fans von melancholischem, doomigem Metal gut merken! Die multinationale Truppe unterschrieb jüngst bei Napalm Records und jetzt erscheint ihr neues Album “Premonitions”, zu deutsch “Warnungen” als düsteres, einnehmendes Meisterwerk. Eine Warnung muss von unserer Seite hier nicht ausgesprochen werden, die Band hat hier Beeindruckendes geschaffen und präsentiert sich im Vergleich zum Vorgänger gereift und ein gutes Stück finsterer. Dieses Album trifft mitten ins Herz und reißt da eine schwärende Wunde. Die akzentuierten, schweren Riffs, die instrumentalen Zwischenspiele und der sirenenhafte Klargesang von Chloe Bray einer- und das verzweifelte Growling von Emilio Crespo andererseits schaffen ein Panoptikum der Melancholie. Die Texte sprechen von Verzweiflung, Trauer, Verdammnis und werden bei manch einem der virusgebeutelten Zuhörer einen Nerv treffen. Tragischerweise stammt der Drummer der Band, Riccardo Floridia aus Bergamo, einer der am härtesten von der Seuche getroffenen Städte weltweit. Ob auch seine Trauer um seine Landsleute in die Platte mit eingeflossen ist, kann man nur mutmaßen.

“The Monolith” zerrt sofort an der Seele des Zuhörers, der klagende Gesang leitet den Song ein und im Mittelteil folgt dann ein schneller und harter Part mit den ersten verzerrten male vocals und nach dem Break bei Minute 04:30 singen beide Sänger zusammen und erzielen eine bemerkenswert emotionale Wirkung.
Der Folgesong “Eulogy For The Lost” hält die Beklemmung schon im Titel aufrecht. Eine Grabrede für die Verlorenen wird hier gehalten und wir sind Ohrenzeuge. Das Keyboard ist hier maßgeblich daran beteiligt, den Teppich aus Tränen mit silbernem Schiffchen zu weben und der Staffelstab geht dann über an eine Flöte mit feierlich-atmosphärischem Klang. Die Marschrichtung des Albums wird hier klar Richtung Doom festgelegt, wenn auch nicht in dem typisch schleppenden Tempo, sondern rascher und druckvoller.
Song Nummer 3 “The Apocalyptic Theater” wartet mit einem ruhigen Intro auf, symbiotisch zusammengebaut aus Streichern und Keys und transportiert wiederum Schmerz, sodass wir in einem Meer aus Melancholie zu ertrinken drohen. Wir sinken unter die Oberfläche, haben aber seltsamerweise keinen Reflex, Atem zu schöpfen. Crespo growlt hier dann etwas tiefer, während sein Gesang vorher eher Richtung Screaming tendiert war und liefert sich ein Call & Response-Duett mit seiner Partnerin.

“Talas” zeichnet ein Bild von einer chaotischen Welt und stellt die einzige echte Ballade des Albums dar und ruht daher weitgehend in den zarten Händen von Chloe Bray. Das Piano ist das dominierende Instrument und auch hier kann man einfach nicht unberührt bleiben von den sanften und doch spitz zustechenden Klängen. Wunderschön! Mit “Fatal Frame” kommen wir dann zu einem ungewöhnlichen Song, der auf dem Computerspiel Fatal Frame 2 basiert. Er hat ein schönes Flötenintro und enthält viellicht als einziger der Lieder nicht primär das Motiv der Traurigkeit. Ein komplexes Stück, das hauptsächlich eine epische Atmosphäre transportiert und das Schicksal eines Zwillingspaares behandelt, bei der einer den anderen töten muss. Nach der Soundexplosion in Minute 01:20 bleibt das Tempo hoch und die Geschichte spitzt sich immer mehr zu, diese Steigerung ist in Tempo und Intensität des Sounds spürbar, bis der Song begleitet von unserem Headbanging genauso endet, wie er begann: flötesk. Hier sehen wir also tatsächlich einen “Frame”, also einen Rahmen, da Flötenpassagen den Song beginnen und gleichsam beenden.
Bei “The Deluge” bekommt man dermaßen viel schnelle Power um die Ohren geblasen, dass klar wird: Eine Doom-Metal-Band ist SOJOURNER nicht, trotz einiger Merkmale. Stattdessen scheint durch den Blast Beat auch immer wieder der Black Metal durch. Man kann hier nicht anders, als wieder kräftig zu headbangen. Die Vocals sind hier wieder gleichmäßig auf die beiden Sänger verteilt und man gerät regelrecht außer Atem bei diesem wilden Ritt.
“Atonement” ist für mich das Highlight der ganzen Platte, der Song fesselt einen ab dem ersten Ton und präsentiert sehr eindringlichen Gesang. Vor allem Chloe klingt hier etwas kräftiger als zuvor und die stampfenden Beats und heftigen Riffs kreuzigen einen geradezu und lassen einen nicht mehr los. Der Ruhepol aus Flöte und Piano am Ende heilt die Wunden der Seele keineswegs, bevor das Album mit “The Event Horizon” sein Ende findet. Dieser Ausklang kommt wieder sehr doomriffig daher und unterstreicht daher noch einmal die traurig-schmerzhafte Grundstimmung des ganzen Albums.

Fazit

Ein überragendes Werk haben SOJOURNER hier abgeliefert und wer von der schwarz-seidenen Stimmung nicht abgeschreckt ist, wird es sicherlich lieben. Der harte und auch gleichzeitig sanfte Klang erschafft im Geist apokalyptische Landschaften, in denen scharfe Winde wehen und fegt unser Innerstes einmal kräftig durch. Vor allem durch Chloes Vocals fühlt man sich ständig positiv verwundet, als würde einem mit einem so scharfen Messer die Haut abgezogen, dass man nur einen leichten Schmerz spürt und kaum blutet. Emilios rauer Gesang wiederum reißt einen in Wirbelstürme der Verzweiflung hinein und stößt einen nackt und orientierungslos wieder hinaus, wo einem die Gitarren dann den Rest geben können. Ganz ehrlich: Wenn man als Band so klingt, obwohl man erst wenige Jahre auf dem Markt ist, dann Hut ab! Die textliche Ausrichtung mag etwas einseitig sein, aber andererseits wären abweichende Songs in dieser Grundstimmung auch unglaubwürdig.

Bewertung: 10/10

Das Album erscheint am 08.05.2020 via Napalm Records