Ein Konzertabend auf der Couch – neue Erfahrungen in Zeiten des Shut-Downs. THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA im Livestream.

Mein letztes Live-Konzert war THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA Anfang März in Bochum. Das neue Album hatte mich ziemlich von den Socken gehauen, deshalb war mir ziemlich schnell klar, dass es bei einem Gig der Tour nicht bleiben sollte. Irgendwie muss man ja sinnvoll den Resturlaub verballern, und so wären noch zwei weitere Gigs der Band auf meinem Konzertplan im März 2020 anberaumt gewesen. Zu Tourbeginn war Corona schon ein Thema, aber die Auswirkungen, so wie wir sie nun haben, lagen in weiter Ferne, beziehungsweise waren in dem Ausmaß noch gar nicht ausgemalt.

Der ganze Rummel um diese Pandemie wurde zwar aufmerksam verfolgt, aber anfänglich noch als Hysterie belächelt. Gerade bei uns „Jüngeren“ dauerte es ein wenig, bis uns der Ernst der Lage bewusst wurde, und die ersten Wunden in unser Sozialleben wurde durch eine Tourneeabsage nach der anderen geschlagen. Das Blut dieser Wunden war gerade getrocknet, als die Narben erneut aufrissen. Unsere Hoffnungen, wenigstens die sommerliche Festivalsaison genießen zu können, fand ein jähes Ende, als das Verbot jeglicher Großveranstaltungen bis Ende August beschlossen wurde. Diese Befürchtungen geisterten zwar schon etwas länger in unseren Köpfen, aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Und die Hoffnung darf nie sterben!

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Fotos: Ulli – THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA in Bochum Anfang März

Das Jahr 2020 wirft die Musikbranche in ein tiefes Loch und Kulturschaffende werden in ein Tätigkeitskoma verbannt – aber der Herzschlag ist noch da. Und dieser Herzschlag soll auch in uns Kultur- und Musikkonsumenten pochen und pulsieren. Stillstand ist Rückschritt, und deshalb gilt es auch in dieser Zeit, voran zu gehen. Der eigentlich angedachten Weg ist versperrt, aber das Leben muss weiter gehen und auch die musikalische Reise vieler Musiker muss weiter gehen. Denn Musik ist dafür da, uns im Herzen zu berühren, unseren Körper zu durchfluten, und uns zu bewegen. Nur – wohin? Die Konzerthallen und Clubs sind ja geschlossen. Aber wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muss der Berg halt zum Propheten kommen. Und so kommen immer mehr Bands direkt zu uns nach Hause in unsere Wohnzimmer. Konzerte im Live-Stream gibt es nicht erst seit Corona, aber nun gewinnen sie eine ganz neue Bedeutung. Sie bringen uns zwar nicht gemeinsam dorthin, wo wir gerne wären, nämlich vor die Bühne, aber sie bringen uns trotzdem zusammen zur gleichen Zeit vor den Monitor oder den Bildschirm. Bei Facebook Streams sehen wir, welche unserer Freunde nun mit uns gemeinsam und gleichzeitig das Konzert verfolgen. Auf Tour wären wir stets an unterschiedlichen Tagen in anderen Locations gewesen, aber während dem Stream sind wir alle zwar räumlich getrennt aber trotzdem vereint.

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Fotos: Ulli – THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA in Bochum Anfang März

Die Ankündigungen zu Livestreams sind nun kurzfristiger als eine Tourankündigung, da bekommen auch einige sozial zwangsdistanzierte Fans in Zeit- und Planungsnot aber die ein oder andere Sorge haben wir nun nicht mehr. 

Bekomme ich noch einen Frisörtermin, weil die Ansätze gar grausam rausgewachsen sind? … kümmert keine Sau. Schafft meine Kupplung die Strecke zur Venue noch, oder soll ich vorsichtshalber den ÖPNV nehmen? ..spielt keine Rolle mehr. Mit wieviel Bitburger Pils muss ich vorglühen, um mir die lokale Hopfenplörre erträglich zu trinken? …egal, im Keller soviel Bit gehamstert, dass man auf einige Byte kommt!

Und langsam erschließen sich mir immer mehr Vorteile daraus, ein Konzert von der Couch zu verfolgen: 

Man muss sich nicht mehr abhetzen, um ja pünktlich an der Venue zu sein, damit man noch vor Beginn der Vorgruppe seine Jacke an der Garderobe abgeben kann, was man bei jeder Raucherpause bereut. Man muss sich als Metalriese nicht mehr von Rockhobbits ankacken lassen, weil man auch mit 1.93m Lust hat, das Geschehen aus den ersten Reihen mitzuerleben, anstatt sich mit dem Fernglas rücksichtsvoll in die hinteren Ränge zum matschigen Sound zu stellen. Man muss sich nicht mehr über das Schmirgelpapier mit 50er Körnung ärgern, mit welchem der Lokus der Venue ausgestattet ist. Man muss sich nicht mehr einen Schnupfen wünschen, weil der Herr nebenan ein geringeres Hygienebedürfnis, als man selbst hat. Man kann endlich bei einem Konzert süffig-süßen Rotwein aus einem richtigen Weinglas trinken und nicht nur furztrockenen Rebensaft aus einem Plastikbecher. Und vor alle dem steht auf dem Couchtisch eine frische, noch dampfende Pizza Vier Jahreszeiten des Lieblings-Italieners, statt der obligatorischen Bratwurst im Brötchen, die der Imbiss vor der Konzerthalle zusammen brutzelt…. 

Und so sitze ich nun vor dem Bildschirm, mit Rotwein, Pizza, der schlechteren Hälfte neben mir und lasse die Ohrstöpsel im Schrank aber drehe dafür die Anlage auf Maximum, um THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA mein Wohnzimmer beschallen zu lassen. Direkt zum Opener “Servants of the Air” überkommt mich ein Lächeln der Erinnerung an das Konzert in der Matrix und nicke im Rhythmus, während ich in meine Pizza beisse. Im Anschluss bei “Divinyls” ist auch schon das erste Glas Rotwein fast geleert und ich entdecke aufgrund der Großaufnahmen Details in den Bühnenoutfits der Band, die aus dem Publikum heraus für mich unentdeckt geblieben sind. Und ich blicke auf mein Konzertoutfit hinab. Die Flanell-Kuschelhose und die gemütlichen Weihnachtssocken mit den Anti-Rutsch-Noppen eignen sich für die Couch, wären aber nie an meinem Körper mit auf ein Konzert gekommen. Zudem merke ich beim Mitsingen deutlich, dass meine Stimme die Melodie nicht wirklich trifft. Ob das am Wein liegt, oder dass ich in der Matrix einfach besser singen kann? Zu “If tonight is our only chance” schaue ich verstohlen zu meiner schlechteren Hälfte. Was haben wir auf dem Konzert zu diesem Song frisch verknallt und eng umschlungen getanzt. Und nun? Liegen wir im Fresskoma nebeneinander auf der Couch. Dieser semi-erotische Moment auf dem Konzert lässt sich beim besten Willen im Wohnzimmer nicht wiederholen. Auch bei „unserem Song“ “Golden Swansdown” bekommen wir nicht mehr hin, als uns über die Couch hinweg anzuschmachten und noch einen Löffel vom Dessert zu verdrücken. 

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Fotos: Ulli – THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA im Livestream

In der Verschnaufpause nach dem Song präsentiert Captain Björn Strid den bandeigenen Riesling-Sekt, der natürlich auch auf der Bühne direkt verkostet wird. Wir würden ja gerne mit unserem lieblichen Dornfelder anstoßen, aber uns trennt die Mattscheibe. Live habe ich zu “Transmissions” noch richtig abgefeiert, jetzt feiert der Darm meiner schlechteren Hälfte die Laktoseintoleranz und irgendwie fehlt mir grad der Typ im Publikum mit dem geringen Hygienebedürfnis. Somit verkommt “Satellite” zur ersten Bewährungsprobe unserer noch jungen Beziehung. Zu “West Ruth Ave” wollte ich noch ein wenig TNFO-Konzertfeeling in meine vier Wänden bringen und zum Conga Train aufrufen. Nachdem Björn Strid meinte, dass sogar Hunde das könnten, wird der schlafende Labradorrüde direkt geweckt und auf sein Conga-Train-Talent geprüft. Nach weniger als fünf Sekunden ist klar, dieser Hund besitzt dafür kein Talent und auch wir begeben uns zurück auf die Couch um die letzten Minuten des Live Streams zu verfolgen. 

Ja, das Herz für die Musik schlägt – auf der Bühne des Tivoli, bei uns auf der Couch und bei vielen Tausend anderen Fans vor den Bildschirmen ebenso. Ein schönes Konzert wurde uns geboten, aber ich glaube so langsam, dass ich das Gedränge in der Warteschlange, die motzenden Rockhobbits, die verbrannte Bratwurst und den Typen mit dem Hygienedefizit dann doch irgendwie vermisse. Weil eben auch das ein Livekonzert ausmacht.

Aber bis es wieder in die Clubs geht, verbringe ich weiterhin die nächsten Konzerte liegend statt stehend, mit Rotwein statt Fahrer-Limo und Pizza statt Bratwurst. Und nicht vergessen – einem Ticket-Obolus per PayPal statt Eventim-Ticket per Nachnahme!