“Digitize me” – DIORAMA im Live-Stream

Etwas skeptisch habe ich Neuland betreten. Der chronische 1. Reihe-Steher und Festival-Junkie wurde gebeten, einem gestreamten Corona-Not-Konzert der Band DIORAMA beizuwohnen. Die Fragen im Vorfeld lauteten natürlich: Hält der Stream, was er verspricht und hält er überhaupt? Ist mein Bildschirm eine semi-permeable Membran, die die Emotionen durchlässt, aber etwaige Viren nicht? Kommt die besondere Atmosphäre eines DIORAMA-Gigs so überhaupt zum Tragen? Die beiden freundlichen Herren sendeten aus der schwäbischen Stadt Reutlingen über KonzeRTstream.org und hatten sichtlich Bock auf einen Auftritt nach der Abstinenz der letzten Wochen.

Die Stimmung schien eine Mischung aus Freude und Wehmut zu sein, denn natürlich gab es bis auf die Technik-Crew vor Ort kein Publikum. Der Song “Hope” sollte genau das bewirken: Uns die Hoffnung geben, die belastende Situation durchzuhalten und auch mit “Exit The Grey” bewiesen Torben Wendt und Felix Lang Fingerspitzengefühl und eine nicht zufällig gewählte Setlist, sehnen wir uns doch alle nach einem Ausweg aus dem grauen Alltag der Isolation. Ein Streaming-Konzert muss also mehr leisten als ein normaler Auftritt. Die therapeutische Wirkung von Musik soll hier besonders zur Geltung kommen und uns ein Quantum Trost spenden. Die beiden Top-Agenten an den Mikros und Tasten kannten ihre Mission und erfüllten sie beispiellos. Mit “Light” versuchten sie uns zu vermitteln, dass es irgendwo auch wieder einen Ausweg geben wird. Der Aufforderung, für diesen Song zu Hause selbst Kerzen anzuzünden, folgten bestimmt viele der Zuschauer. Mit “Her Liquid Arms” und “Child of Entertainment” folgten in der Mitte des Sets zwei Klassiker, die nicht fehlen dürfen. Doch dann wurde es etwas “exotischer”, Torben erklärte, er habe den Song “Home 2 Millions” geradezu ausgegraben, ebenfalls zugeschnitten auf den besonderen Anlass des Zuhausebleibens. “Are you alive? Where is your limit?” heißt es im Refrain und wer es normalerweise gewohnt war, ein sehr aktives Leben in der Außenwelt zu führen, wird sich diese Fragen auch schon gestellt haben.

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Zwischen den Songs wurde auch viel geredet, mehr als bei regulären Auftritten. Ich könnte mir vorstellen, dass es eigenartig auf die Künstler wirkte, zwischen den Liedern keinen Applaus zu erhalten. Dieses Vakuum wurde mit Monologen und Dialogen gefüllt. Der neue Song “Gasoline” wurde angekündigt. Eine Live-Premiere ohne Publikum. Felix Lang erklärte, was den thematischen Hintergrund zu diesem Lied darstellt: Zwei gegensätzliche Menschen (“Gasoline” und “Terpentine” und nein, das hat nichts mit RAMMSTEIN zu tun 😉 ) prallen aufeinander, hinterlassen verbrannte Erde und es ist völlig offen, ob es eine zerstörerische Explosion als Ergebnis geben wird oder eine positive Fusion der Leidenschaft. Vor dem nächsten Song kommt es zu einem “Outfitwechsel”, die beiden Musiker maskieren sich, während Torben ironisch erklärt, man müsse die Zuschauer bei einem Livestream viel mehr bei der Stange halten und daher mehr Abwechslung in den Gig bringen. Die Maske von Torben erinnert an die des Protagonisten des Films “Kickass”, die von Felix weist zusätzlich einen schönen weißen Haarschopf auf. “Ignite”, sowas wie der ultimative Tanzflächen-Hit wird also maskiert performt und DIORAMA stellt sich als die “Slipknots Süddeutschlands” vor. Direkt danach folgt das nicht minder bekannte “Synthesize Me”, ein sehr vielfältiger Song, der irgendwie jedesmal anders klingt, weil immer andere Begleitsounds benutzt werden.

Eigentlich ist man jetzt gerade erst aufgewärmt und das anfängliche Zucken ist in Bewegungen übergegangen, die fast schon ans Tanzen erinnern, aber gerade jetzt ist das Set auch schon zu Ende. Bevor mit “Long Way Home” der letzte Song performt wird, dankt Torben der anwesenden Crew und bittet um Spenden für KonzeRTstream.org, die uns mit regelmäßigen Streams so wunderbar durch die Krise leiten. Wer mag, kann diese tolle Arbeit auf KonzeRTstream.org/spenden entsprechend honorieren. Die bescheidene Band betont noch einmal, dass sie sich sehr über Hilfsangebote gefreut habe, dass sie selbst aber alles hat, was sie benötigt. “Ihr habt schon genug getan, indem ihr uns bis hierhin gebracht habt”, sagt der Fronter. “Jetzt geben wir etwas zurück”.
Danke DIORAMA und KonzeRTstream.org für diese außergewöhnliche Erfahrung.
Streaming-Konzerte sind natürlich nicht das Gleiche wie einen Gig live mit allen Sinnen zu erfahren, aber sie lassen uns zumindest nicht vergessen, wie es sich anfühlt, in der Musik zu versinken. Musik hält uns am Leben und kanalisiert unsere Emotionen – und das funktioniert auch im Stream! Ich kann nur jeden ermuntern, es auszuprobieren!

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