Nacht der Helden 2019 – Heldmaschine laden zum Gipfeltreffen der Neuen Deutschen Härte

Als im 18. Jahrhundert die ersten Dampfmaschinen entwickelt wurden, kennzeichnete dies den Beginn der Industrialisierung und der Aufschwung durch technische Revolution begann. Diese ersten rudimentären Maschinen wandelten Dampf bzw. Druck in Energie zum Beispiel für den Antrieb von Fahrzeugen um. Auch die Mannen von HELDMASCHINE scheinen diesem Prinzip nach wie vor zu folgen, haben sie doch ordentlich Druck auf dem Kessel und lassen kräftig Dampf ab, der sich bei ihren Power-Konzerten als gewaltige Energie entläd und das Publikum elektrisiert. 

Den Anfang machte HEMESATH aus dem Münsterland. “Wir machen jetzt einen Kaltstart mit euch!”, verkündete Bandleader Christopher Zumbült. Man konnte dann durchaus den Eindruck gewinnen, dass der Motor bei den winterlichen Temperaturen noch nicht so recht anlaufen wollte, der Sound war anfangs zudem auch etwas dumpf. Die Band ließ sich davon jedoch nicht beirren und präsentierte alte und neue Songs in einer rockigen Werkschau. Mit “Heile, heile Segen” wurde für einen brandneuen Song ein alter Kinderreim bemüht, dessen Eingängigkeit auch schon Mono Inc. zu einem Hit verholfen hatte. Nachdem in den letzten beiden ‘Nacht der Helden’-Shows in Leipzig und Regensburg kurzfristig ein Ersatzsänger bei HEMESATH einspringen musste, weil Zumbült sich erkältet hatte, stand die Band in Oberhausen nun wieder als Originalbesetzung aus der Bühne. Die Tontechniker verstanden ihren Job auch äußerst gut, weshalb der Sound schnell die brachiale Qualität bekam, die NDH-Fans benötigen, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Dass HEMESATH trotz der immer wieder verübten Kritik an ihren oberflächlichen Texten eine treue Fanbase hinter sich versammeln, zeigte die zahlreiche Präsenz von HEMESATH-Shirts im Publikum.

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Fotos: Ulli

ERDLING übernahmen als nächstes den Hebel der Dampfmaschine und hätten auch ohne weiteres den Co-Headliner-Slot ausfüllen können. Die vor vier Jahren gegründete Truppe um Neill Freiwald legte ein beeindruckendes Tempo an den Tag und schaltete von vorneherein in den höchsten Gang. In Oberhausen startete das Quartett mit ihrem namensgebenden Song “Erdling” und bewies im Verlaufe des Sets, dass NDH mehr kann, als platte Phrasen zu dreschen. Mit “Im Namen der Krähe” (feat. Equilibirium-Sänger Robse Dahn) prangert die Band beispielsweise das Quälen von Tieren an. “Wer Tiere misshandelt, sollte selbst misshandelt werden”, tönt es von der Bühne. Klare Kante, schnörkellose Offenheit und das Eintreten für seine Weltsicht sind nicht nur ein Merkmal von ERDLING, sondern von vielen Vertretern der Szene. Die Bayern haben aber noch mehr in petto: 2020 wird das vierte Studioalbum “Yggdrasil” erscheinen und der gleichnamige Song wurde bei der Nacht der Helden zum ersten Mal der Masse präsentiert. Gemessen an der Lautstärke von Applaus und der enthusiastischen Bewegung des Publikums müssen sich ERDLING keine Sorgen machen, dass ihr Werk durchfallen könnte. Wer mehr “Yggdrasil” erleben will, bekommt schon im nächsten Monat auf der entsprechenden Tour die Gelegenheit dazu. Alles in allem war es ein großartiger Auftritt der Jungs von ERDLING. Man spürte deutlich, dass wir von dieser Kapelle noch viel erwarten können. Hoffentlich nimmt ihnen niemand je die Gitarren weg, denn wenn diese unbändige Energie in andere Bahnen gelenkt werden würde, hätten wir vielleicht wirklich wie im gleichnamigen Song eine “Supernova” zu befürchten. Auch Stunden nach dem Konzert konnte man draußen in der Winternacht noch Ausbrüche von “Erdling-Tourette” beobachten, wenn jemand plötzlich “BLITZ UND DONNER!” rief. Tja Jungs: Eure Songs haben definitiv Ohrwurmpotenzial.

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Fotos: Ulli

Vielleicht war es schlichtweg Taktik von den Organisatoren, FAELDER an die vorletzte Stelle im Line-up zu setzen. Die Band, die sich interessanterweise aus Mitgliedern von Unheilig und In Extremo zusammensetzt, präsentierte ihren gefühlvollen Rock und verhalf allen schweißnassen “Erdling-Opfern” zu einer Verschnaufpause vor dem großen Finale. Die deutschsprachigen Texte handeln überwiegend von zwischenmenschlichen Konflikten, die (gescheiterte) Liebe als Thema war auch im Set omnipräsent. Wer die Neue Deutsche Härte-Szene kennt, weiß genau, dass ihre Anhänger zwar glühende Gitarrenanbeter und Riffliebhaber sind und nichts lieber tun, als die Haare kreisen zu lassen, aber viele von ihnen verfügen durchaus auch über einen weichen Kern und der wurde nun von den Hymnen von FAELDER zum Schwingen gebracht. Vor allem der Song “Unheilbar” entfaltete eine tolle atmosphärische Wirkung und zeigte, welche Wurzeln diese Formation hat. Erst 2018 gegründet und praktisch über Nacht in den Line-ups der Festivals und Supportslots aufgetaucht, gehören FAELDER sicherlich nicht dem NDH-Genre an. Aber der emotionale Rock der Truppe fand auch bei der Nacht der Helden durchaus so manchen Anhänger.

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Fotos: Ulli

Auch wenn kein Batsignal an der Hallendecke aufleuchtete, wusste dennoch jeder, dass jetzt die Stunde der wahren Helden des Abends schlagen würde. Theodor Fontane hätte in seinem berühmten Gedicht “Die Brück’ am Tay” auch ohne weiteres die Attitüde dieser Band beschreiben können, heißt es dort doch: Aber was tut es, wir zwingen es doch. Ein fester Kessel, ein doppelter Dampf, die bleiben Sieger in solchem Kampf. Und wie’s auch rast und ringt und rennt, wir kriegen es unter: das Element! Die mächtige HELDMASCHINE stampfte unaufhaltsam heran und hatte doppelt Kohlen aufgelegt, um ihren Status als NDH-Meister der Moderne zu verteidigen. In unserer heutigen Welt gelten oft Krankenschwestern, Feuerwehrleute, Pflegekräfte und ähnliche Menschen als Helden des Alltags. Aber hier, in der Turbinenhalle Oberhausen hatte der Alltag Hausverbot und so füllten HELDMASCHINE die Lücke als Eventhelden nur allzu gern. Wo vor gut vierzig Jahren letztmalig die Gaskraftmaschinen der Stahlindustrie gestampft hatten, füllte nun ein ganz neuer “Stahlwind” den Raum und statt der glühenden Hochöfen leuchtete die unbändige Freude auf den Gesichtern der Jünger der NDH auf, als Sänger René Anlauff seine Band zum Diktat bat.
Songs wie “Radioaktiv”, “Propaganda” und “Das Maß ist voll” sind längst zu Szene-Hits avanciert und laufen auf den Plattentellern der Republik rauf und runter. Aber auch das neue Album “Im Fadenkreuz” kam keinesfalls zu kurz. Das Werk, das im September diesen Jahres erschienen war, wurde im Vorfeld untypischerweise von keinerlei Werbung begleitet, sodass der HELDMASCHINE damit ein Überraschungscoup gelungen war, mit dem niemand gerechnet hatte. Es kann als sympathische Stinkefinger-Geste in das verzerrte Gesicht der heutigen Marketingindustrie verstanden werden, dass eine Band einfach so ohne Firlefanz auf schmerzhaft ehrliche Art und Weise ein neues Album veröffentlicht. Wer sich im Vorfeld gefragt hatte, ob die NDH-Szene wirklich ein neues eigenes Festival braucht, ist jetzt hoffentlich verstummt. Denn Anlauff und seine Kumpanen fuhren ihre übliche Meistermischung aus Gitarrenwänden und Lightshow auf und brachten die ganze ehrwürdige Halle zum Beben, als die Zuhörer zu “Weiter” auf und ab sprangen. Und auch die Fadenkreuz-Songs wie die selbstironische Hymne der Egozentriker “Ich, Ich, Ich” und “Die Geister, die ich rief” wurden frenetisch gefeiert. Der Chef-Held am Mikro ließ sich nicht nur von der Verehrung der Fans im sprichwörtlichen Sinne tragen, sondern wollte auch die tatsächliche Tragfestigkeit des Publikums auf die Probe stellen. Die Menge ließ ihn selbstverständlich nicht im Stich: Die Stagediving-Einlage einmal quer durch die Halle zur Bar und dann mit frischem Bier wieder zurück zur Bühne verlief fast ohne Zwischenfälle, wenngleich ein Mädchen offenbar einen Schwall Bier aus Anlauffs Becher abbekam. Dieser entschuldigte sich postwendend und ergänzte “Aber Bier soll ja gut für die Haare sein!”
Im nächsten Jahr dürfen sich übrigens alle Hobby-Maschinisten schon auf das “Nacht der Helden”-Festungs-Open Air in Koblenz freuen, wo mit Lord of the Lost, und Megaherz auch die ganz Großen der Einladung der HELDMASCHINE folgen werden. Vielleicht liegt das ja daran, dass sich bereits herumgesprochen hat, wieviel positive Energie die Helden auf und vor der Bühne bislang entfesseln konnten. Thomas Newcomens alte Dampfmaschine von 1712 wäre da schon auf den ersten Metern auseinandergeflogen.

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Fotos: Ulli