Episches Ritual in der Stadthalle: WARDRUNA in Wuppertal

Eine altehrwürdige Halle, sehr wenig Licht, ein Haufen seltsame Instrumente und nordische Runen, Legenden und Gedichte. So sieht das Rezept für eine Show (oder Session?) der Nordic Ritual Folker von Wardruna aus. Jeder der die Serie Vikings verfolgt hat ist unweigerlich mit dem Schaffen der Band um Einar „Kvitravn“ Selvik in Kontakt gekommen. Selvik produziert seit der zweiten Staffel Musik für die Wikingerserie, was auch WARDRUNA einen sehr großen Bekanntheitsschub verliehen hat.

Aber das wisst ihr alles natürlich schon. Es geht hier schliesslich um das Konzert in der historischen Stadthalle Wuppertal. Ehrlich gesagt kann ich mir keine bessere Location für ein solches Konzert vorstellen. Die Stadthalle ist bereits Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, reich verziehrt mit Ornamenten und Fresken aller Art und ist für ihre außergewöhnlich gute Akustik weltberühmt. Kein Wunder also, dass bereits viele Bands (darunter ASP, SALTATIO MORTIS, VNV NATION, VERSENGOLD…) für ein Akustikset in diese Halle gezogen sind.

Das Bild des bestuhlten Saals ist einzigartig: Es sitzen viele Kostümierte Besucher in dem seit Monaten ausverkauften Konzert. Schamanen, mittelalterliche Gewandungen und Wikinger-Reenacter sind zu sehen als die kleine Bühne noch dunkler als vorher wird, 6 Gestalten die Bühne betreten und das Ritual beginnt.

Mit dem sehr epischen „Tyr“ beginnt ohne Begrüßung das Spiel aus Licht und Schatten auf der Bühne. Der Song wird von zwei altertümlichen Blasinstrumenten eröffnet, die sich „Lure“ nennen (das dürft ihr googeln)

Die Lightshow erinnert das gesamte Konzert über eher an ein inszeniertes Theaterstück und ist perfekt auf die Songs abgestimmt. Manch einer, der Wardruna in den letzten Jahren gesehen hat mag behaupten es sei exakt die gleiche Lightshow. Dem sei gesagt: Ja, stimmt. Warum auch ändern, was unheimlich gut funktioniert? Ein einziger Wermutstropfen: Die Notausgangsbeleuchtung ist teilweise störend hell im Vergleich zur Bühne.

Gefühlte hunderte Instrumente zaubern Einar, der ehemalige Drummer von Gorgoroth, und seine Leute hervor und beherrschen alle perfekt. Hut ab!

Ich bin absolut kein spiritueller Mensch, aber das gesamte Setting, die Inszenierung der Stücke und die Stimme von Selvik (was eine Verschwendung als Drummer!) berührt mich doch irgendwo, das sagt mir zumindest die Gänsehaut die ich fast permanent habe. Auch wenn ich mich umschaue, gibt es wenige die nicht wie in Trance dem Geschehen folgen und gebannt lauschen. Es hat wirklich mehr von einem spirituellen nordisch-schamanischen Ritual wie wir es in „Vikings“ sehen als von einem klassichen Konzert.

Nach anderthalb Stunden richtet Selvik das erste Mal das Wort an das Publikum um den letzten Song anzukündigen auf den alle bereits gewartet haben. „Helvegen“ ist ein Song über den Tod, über die Erinnerung an Verstorbene und über das hinübergleiten in eine andere Welt, so der Frontwikinger. Nach dieser dunklen Ankündigung brechen sämtliche Dämme bei diversen Personen um mich herum. Auch so viele weinende Menschen habe ich auf einem Konzert noch nicht gesehen. Außerdem fordert er uns auf mehr zuhause zu singen, egal wie scheisse es klingt. Denn singen ist Medizin. Also wisst ihr Bescheid: Die Dusche hält noch mehr Gesang aus, als bisher!

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Fotos: Ulli

Nachdem auch dieser letzte, sehr tragende, Song im roten Schein der minimalistischen Bühnenbeleuchtung verklungen ist gibt es für die WARDRUNA Standing Ovations, die sich sehen lassen können. Knappe zehn Minuten wird applaudiert, gejohlt und gepfiffen bis die Arme schmerzen. Die Band und allen voran Einar selbst scheint davon wirklich überwältigt zu sein und gewährt noch ein letztes Stück als Zugabe.

„Voluspá“ ist ein skaldisches Stück aus „Vikings“ welches Selvik alleine mit einer Art Harfe singt um danach erneute fünf Minuten Standing Ovations zu bekommen.

Insgesamt eines der interessantesten Konzerte, die ich bisher besucht habe. Die Mischung aus der perfekten Lightshow, der Inszenierung auf der Bühne und der atemberaubenden Akustik der Stadthalle ist wirklich einzigartig. Wann sehen wir wohl die dänisch-norwegischen Kollegen von HEILUNG dort?

Jetzt geht es mit einem guten Gefühl zum nächsten Ritualplatz um heidnische Bräuche zu vollziehen! Skål!