Harte Riffs und Frauenpower – ELUVEITIE, LACUNA COIL und INFECTED RAIN in Hannover

Der Spätherbst hat radikal Einzug gehalten in Hannover. Die Tage sind kurz, dunkel, kalt und zuletzt ziemlich nass. Der Weihnachtsmarkt hat noch nicht geöffnet und man versucht, sich nach Möglichkeit innerhalb von vier Wänden aufzuhalten. Eigentlich das perfekte Szenario, um sich den etwas finstereren, härteren Seiten der Musik zu widmen. So hat es sich Hannover Concerts nicht nehmen lassen, einen Abend voll verschiedenster Formen der metallischen Gitarrenmusik zu organisieren: Nu Metal von INFECTED RAIN, Gothic Metal der italienischen Powerrocker LACUNA COIL und Folk-Metal von ELUVEITIE sollen die Düsternis der Zeit in etwas Positives verwandeln. Erstere beiden Bands haben jeweils ein neues Album im Gepäck, welches live präsentiert werden will. Ebenfalls anzumerken ist, dass alle Bands heute über eine FrontFRAU verfügen, was für einen Abend im Metal-Genre ja jetzt auch nicht ganz so gewöhnlich ist. Alles in allem eine düster-bunte Mischung, die Hannovers Metal-Szene ins Capitol locken soll. Und der Plan geht auch auf. Ab ‚doors open‘ schlängelt sich die größtenteils schwarzgewandete Masse ins Innere des Capitols, um erst ein paar Kaltgetränke zu sichern, die Merch-Stände zu inspizieren und dann den Platz seiner Wahl zu beziehen. Da sind die Geschmäcker ja von Theken-Sitzer bis Moshpit-Veteran breit aufgestellt. Auf jeden Fall ist das Capitol bereits zu Beginn der Vorband gut gefüllt. Offizieller Beginn ist für 19:10 Uhr angesetzt, was den einen oder anderen schon zum Schmunzeln brachte aber tatsächlich strikt eingehalten wird.

INFECTED RAIN

Den rockigen Reigen eröffnen heute INFECTED RAIN. Die Nu Metal Band wurde 2008 in Moldawien gegründet und allein durch ihre Herkunft haben sie damit bereits ein Alleinstellungsmerkmal in dieser Szene, kennt man das Land musikalisch sonst doch maximal aus dem Bereich des Eurovision Songcontests. Nachdem sie erst in Rumänien, Russland und der Ukraine getourt sind, kam dann irgendwann auch der Rest von Europa plus Festivals dazu und auch mit LACUNA COIL sind sie in der Vergangenheit schon auf Tour gewesen und haben sich dort als attraktiver Support einen Namen gemacht. Diesen wollen sie heute offenbar definitiv verteidigen. Sängerin Elena „Lena Scissorhands“ Cataraga stürmt die Bühne, begleitet von doppelter Gitarre, Bass und Schlagzeug. „Hallo Hannover!“ ruft sie dem Publikum entgegen und schleudert ihre gelb-pinke Dread-Mähne, was mit wohlwollendem ersten Applaus quittiert wird. Sie ist definitiv darauf aus, das Publikum anzuheizen, shoutet, growlt, sprintet über die Bühne und wirft sich in dramatische Posen. Diese und ihr Outfit lassen in manchen Momenten irgendwie an die junge Gwen Stefanie denken. Im letzten Monat hat die Band ihr 4. Studioalbum namens „Endorphin“ auf den Markt gebracht und genau das wird im Laufe des Sets definitiv auf beiden Seiten der Bühne ausgeschüttet. Die Jungs an den Instrumenten geben alles, schleudern Haare, wechseln die Positionen und Lena zeigt definitiv, wie viele stimmliche Talente in ihr stecken. Sie variiert problemlos zwischen growlen, screamen, und melödiösem Gesang. Dazu hat der Lichtmann an diesem Abend offenbar sehr gute Laune und untermalt das Ganze mit einer tollen Lightshow. Und der Funke springt über, das Publikum geht mit und feiert den Opener gebührend. „Now you are infected!“ kommt daraufhin die Feststellung von der Bühne. Zum Schluss bittet Lena das Publikum ein kleines, bandeigenes Ritual zum letzten Song durchzuführen. Sie lässt in der Mitte der Halle einen Circle entstehen, in dem alle dann so schnell sie können im Kreis rennen. Originelle Einlage, der das Publikum aber durchaus bemüht nachkommt. Nach 35 Minuten verlassen INFECTED Rain unter berechtigtem Applaus die Bühne. Tolle Powershow und eine super Eröffnung für diesen Abend.

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Fotos: Cynthia Theisinger

Setlist:
01. Intro
02. Mold
03. Passerby
04. Orphan Soul
05. Lure
06. Black Gold
07. The earth mantra
08. Sweet, sweet lies

LACUNA COIL

Um kurz nach 20 Uhr fährt das Licht wieder herunter, schwarz-weiß geschminkte Gestalten besetzen Gitarre, Bass und Schlagzeug und es erklingen erste düstere Klänge des zweiten Acts für heute Abend. Einige Herren im Publikum werden noch etwas unruhiger als vorher ob der hinreißenden Cristina Scabbia, die mit ihrem Bandkollegen Andrea Ferro gemessenen Schrittes auf die Bühne schreitet. Dass diese Frau schon seit 1996 mit ihrer Band voll Power gibt und somit wohl schon als echtes „Urgestein“ betitelt werden darf, hat weder ihrer Optik noch ihrer Stimme irgendeinen Abbruch getan. Von Anfang an reißt sie das Publikum mit ihrer unglaublichen Powerstimme mit. „Wow, klingt wie von CD..“ staunt jemand im Publikum. Auch in Sachen Outfit hat sich die Band wieder nicht lumpen lassen. Das Motto schwarz-weiß zieht sich von den geschminkten Gesichtern der Musiker bis zu Scabbia’s reich verziertem Mantel. In der knappen Stunde Show, die die Band jetzt liefert, gibt es eine Reise zu verschiedenen Punkten in der musikalischen Schaffensgeschichte der Band, die mittlerweile 9 Studioalben umfasst. Von „Layers Of Time“, der ersten Single, sowie weiteren Songs ihres neuen, im Oktober erschienenen Albums „Black Anima“ zurück durch die Jahre bis zu „Heaven’s A Lie“ aus dem Jahr 2002. Aber egal wie laut oder wie hoch – jeder einzelne Ton sitzt. Wahnsinn! Natürlich auch nicht fehlen darf LACUNA COILs bekannte Cover-Version von Depeche Modes „Enjoy The Silence“. Hier stellt Cristina zum Teil den Gesang ein, so dass das Publikum allein der Bühne entgegenschreit „All I Ever Wanted, All I Ever Needed Is Here..“ Ein schöner Moment. Viel zu schnell ist die Spielzeit der Band um. „Thank you for spending your precious time for sharing this evening with us!” bedankt sich Scabbia und will dem Publikum noch ein Mantra mitgeben, welches eine Textzeile aus dem letzten Song ihres Sets ist. Sie lässt das Publikum skandieren „WE FEAR NOTHING! WE FEAR NOTHING“ um sich mit diesem kraftvollen Moment von der Bühne zu verabschieden. Großes Kino, wie man so schön sagt.

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Fotos: Cynthia Theisinger

Setlist:
01. Blood, Tears, Dust
02. Our truth
03. Layers of time
04. My Demons
05. Reckless
06. Enjoy the silence
07. The house of shame
08. Sword of anger
09. Heaven’s a lie
10. Veneficium
11. Nothing stands in our way

ELUVEITIE

Während des Umbaus tauschen im Publikum einige Damen und Herren in schwarz ihren Platz mit eher mittelalterlich gewanden Menschen und auch hinter der Bühne ist zu hören, dass die Range an Instrumenten, die die nächste Band einsetzt, etwas größer sein wird als vorher. Spielt doch dort plötzlich jemand das „Star Wars“-Thema auf der Geige… Dann fällt der Vorhang und der Hauptact des heutigen Abends entert – schwer bewaffnet mit bereits erwähnten Instrumenten – die Bühne. Hierzu gehören bei ELUVEITIE neben Gitarre und Schlagzeug halt eben auch unter anderem Drehleier, Flöten und eine mobile kleine Harfe. Diese wird von Frontfrau Fabienne Erni im hochgeschlitzten Kleid und wallendem Haar kunstvoll in Szene gesetzt. Sie und ihre 8 Kollegen füllen die Bühne nicht nur optisch, sondern auch klanglich von Anfang an in vielen Facetten aus. Sänger Christian Glanzmann gibt hinter seinen Mikrofonständer, der mit stilisierten Pferdeköpfen verziert ist, ebenfalls von vornherein zu verstehen, dass die Kelten wieder los sind. Es wird ein Folkmetal-Gewitter der Extraklasse abgefeuert, welches keine Zeit zum Verschnaufen lässt. Acht Studioalben hat die Band seit 2002 auf den Markt gebracht, genügend Stoff also, um den Abend zu füllen. Besonders schön ist, dass sie sogar einen Song in ihrer Muttersprache Schwyzerdütsch präsentieren. Das Publikum geht entsprechend mit, singt, hüpft, feuert an, zeigt Pommesgabeln. Geigen und Flöten geben der Musik einen ganz eigenen Touch, der die Musik von ELUVEITIE so einzigartig macht. Zwischendurch bekommt aber auch Schlagzeuger Alain nochmal einen Extra-Auftritt, im Scheinwerferkegel gibt er ein beeindruckendes Drumsolo zum Besten. Christian Glanzmann feuert das Publikum regelmäßig an und bringt kraftvoll die harten Vocals, wogegen als Kontrast die klare Stimme von Fabienne Erni steht, die heute bei ELUVEITIE die Fahne der Frontfrauen-Power hochhält. Apropos Frauenpower: Erni hat übrigens vor kurzem mit Laura Fella, die ebenfalls eine Zeit lang als Sängerin bei ELUVEITIE ausgeholfen hat sowie mit Fiona Rüggeberg von FAUN ein neues Projekt an den Start gebracht: TVINNA ist ein reines Female- Voices-Projekt und wird im sphärisch-folkigen Bereich angesiedelt sein. Sharpshooter hält Euch dazu gern demnächst auf dem Laufenden.
Nach ca 1,5 Stunden muss leider auch dieser Auftritt zu vorüber sein und ELUVEITIE beenden den Abend nach einer Zugabe herzlich, bedanken sich bei den Besuchern verabschieden sich unter tosendem Applaus von der Bühne.

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Fotos: Cynthia Theisinger

Setlist:
01. Ategnatos
02. King
03. De Ruef vo de Bärge
04. Deathwalker
05. Worship
06. Artio
07. Epona
08. A rose for Epona
09. Thousandfold
10. Embiramus
11. Breath
12. Helvetios
13. Havoc

Wow, das war mal ein kraftvoller Abend. Für jeden Geschmack was dabei, harte Gitarren, tolle Stimmen, schöne Frauen, coole Typen, spannende Instrumente. Wer jetzt gedanklich auf den Geschmack gekommen ist und die Kombo gern noch live erleben möchte, hat bis Weihnachten die Gelegenheit dazu, z. B. in Hamburg, Berlin, Saarbrücken, Leipzig, München und Nürnberg.