Wie man sich selbst aus einem Club wirft – ERDLING im Interview

Bevor die Pforten des Rider’s öffneten, durften wir ein Interview mit den beiden Erdlingen Neill und Neno führen.

Wie seid ihr auf Lübeck gekommen? Das schöne Städtchen ist ja doch recht klein, wenn man bedenkt, dass z.B. Hamburg in der Nähe ist.

Neill: Wir waren hier mal mit Megaherz, 2016 als Support und fanden den Club einfach total geil. Es war genau die richtige Größe und in Hamburg waren wir schon auf der letzten Tour. Da haben wir uns gedacht, denn nehmen wir das Rider’s mal mit und gucken ob das hinhaut. Es hat sich tatsächlich bewahrheitet, weil wir hier auch einen echt guten Vorverkauf hatten. Wird heute wahrscheinlich relativ voll. So hat sich das halt ergeben.

Bis jetzt habt ihr jedes Jahr ein Album raus gebracht und ihr arbeitet ja auch schon am nächsten, ist das Release für dieses Jahr geplant?

Beide: Nein (lachend).

Neno: Die Frage hören wir aktuell ständig.

Neill: Also wir werden definitiv Songs veröffentlichen. Schon so zwei, drei vielleicht, mal gucken. Das Album selber kommt aber erst Anfang 2020. 2019 macht es keinen Sinn, eine Platte raus zu bringen, da kommen Rammstein, da kommen alle, da hast du keine Aufmerksamkeit. Die letzten Albumproduktionen waren am Ende für uns auch immer irgendwie ein wenig stressig. Wir wollen jetzt auch mal ein paar Festivals spielen und ein wenig genießen, was wir bis jetzt erreichen konnten in den letzten Jahren.

Neno: Man muss auch sagen, dass wir die letzten Jahre relativ wenig Festivals gespielt haben, weil wir Zeitdruck haben. Meiner Meinung nach kann man nicht parallel arbeiten. Entweder machst du eine Platte oder du machst es live. Ich beneide die Bands, die es machen können, aber wir können es nicht.

So wie ich das raus gehört habe, wird man euch also auf dem einen oder anderen Festival antreffen?

Neill: Genau, also auch aus gemischten Genres, wir sind einmal in Berlin auf dem Out Of Line Weekender, dann auf dem Plage Noire hier oben, dann haben wir das Amphi Festival jetzt auch mal mit auf dem Schirm und wir sind auch in Bitterfeld auf dem Goitzsche Festival von Goitzsche Front, also völlig gemischt. Ist auch mal schön, verschiedene Publika zu haben. Und mal zu gucken, wie funktioniert das z.B. bei Deutschrockfans.

Mit allen Alben wart ihr in den Charts, vor allem mit einem Debüt Album ist so etwas ja sehr schwer, was ging in euch vor, bzw. was habt ihr gefühlt?

Neno: Ich kann dir sagen, dass wir eine Woche danach krank waren..(lacht), das kann ich dir noch sagen.

Neill: Wir waren währenddessen grade auf Tour mit Megaherz, mit Nightliner und wir hatten jeden Tag eine Show, also es war wirklich anstrengend. Wir haben dann natürlich auch jeden Tag, obwohl wir uns vorgenommen haben es nicht zu tun, uns jeden Abend völlig weggelötet. Dann hatten wir einen Tag auf der Tour, es war Osnabrück, glaube ich, wo wir gesagt haben -Ok, heute ist mal Rehab, also jetzt wird erst mal ne ruhige Kugel geschoben- just in dem Moment bekomme ich einen Anruf von unserem Label, die uns sagen -Ey, ihr seid gechartet-. Es hat keine 10 Minuten gedauert, bis die Bierflaschen geklappert haben. (Alles lacht). Wir haben tatsächlich gar nicht damit gerechnet, weil viele vergleichbare Bands aus unserem Genre, das mit dem Debütalbum ja auch nicht hinbekommen haben, deswegen dachten wir so -Komm, das wird nichts- aber wir hatten auch den großen Vorteil, grade auf Tour zu sein und dadurch viele Einheiten an den Mann zu bringen. Das hat uns dann quasi da rein katapultiert.

Neno: Wir waren auch passend auf Tour. Wir waren vor Megaherz, bevor das Album raus kam, schon auf zwei Touren mit Unzucht und Lord of the Lost, dann kam diese riesen fette Tour mit Megaherz zum Release. Zum damaligen Zeitpunkt hat „Aus den Tiefen“ perfekt auf diese Platte mit Megaherz gepasst, auch die Fans, es hat alles gepasst.

Neill: Und die Tour hieß witzigerweise „Erdwärts“.

Neno: Alles zu dem Zeitpunkt war perfekt und es war schon geil. Aber ich fand es einen Ticken geiler, als wir mit der zweiten Platte auch gechartet sind (lacht).

Neill: Wir haben uns tatsächlich auch mit jeder Platte bis jetzt verbessert, um 10 Plätze ungefähr. Selbst „Dämon“ ist dann auch, obwohl wir gleichzeitig mit vielen anderen released haben und nicht auf Tour waren, sind wir dann sogar noch Top 50 gegangen. Das ist schon nett.

Ihr hab in der Limitierten Box eures aktuellen Albums Fanpässe für ein Meet & Greet, wie seid ihr auf diese tolle Idee gekommen?

Neill: Viele Bands haben eine Box, da ist ein Poster drin und irgendwelche Gimmicks. Ich finde die Idee halt irgendwie schön, denn nicht jeder will sich eine Box kaufen, heutzutage kannst du Musik auch einfach über Spotify abspielen, also du hast schon Probleme, eine normale CD an den Mann zu bringen. Wir haben uns halt überlegt, was können wir machen, damit auch ein bisschen Identifikation mit dabei ist. Wir haben mittlerweile auch einen relativ großen Fanclub, der heißt „Das Firmament“, wir haben auch die Mitglieder darüber abstimmen lassen, wie sie sich gerne nennen wollen. Wir fanden es halt cool auch was zurück zu geben und zu sagen – Ok, wir drucken euch einen Pass, da steht genau dieser Name drauf. Den könnt ihr euch überall hinhängen- und wir machen diese Meet & Greet Geschichte, dass wir auch persönlich Danke sagen können. Dass wir auch zeigen können, -Hey, wir beziehen euch ein- wir wollen zusammen mit dem Fanclub größer werden und nicht dieses -Wir sind ganz weit weg von unseren Fans und sind unantastbar-, das wäre ja quatsch!

Da ist euch Fannähe also wichtig?

Neill: Super wichtig, ja!

Was hat euch auf dieser Tour bis jetzt am besten gefallen?

Neno: Was mir echt gut gefallen hat, war dieser Moment, indem du realisierst, wie heute in Lübeck, in dem Club, wo du vorher Support warst, dass du jetzt Headliner bist und der Laden auch voll ist. Z.B. im Backstage in München, da hänge ich ab, seit ich 15 Jahre alt bin, natürlich hat man da mal eine Band supported, wie auch Megaherz damals, aber wir haben München ausverkauft. Der Moment zu wissen, dass der Laden, wo du rein gehst seit dem du 15 bist, und ihn selbst ausverkauft kriegst, und du die Leute siehst, ist das schon ein emotional krasser Moment. Es war sehr toll, unbeschreiblich eigentlich.

Wir machen das jetzt richtig seit 2015, 2014 haben wir angefangen. Die erste Show haben wir im Oktober 2015 gespielt und das erste Album kam 2016, wir haben grade Ende 2018/Anfang 2019 eine Tour, wo wir einfach mal 300 Leute in den Club ziehen. Das finde ich schon beachtenswert.

Neill: Es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass wir an einem Strang gezogen haben, wir haben das zusammen aufgebaut und jetzt erntet man doch zwischendurch mal die Lorbeeren, reich werden wir damit sowieso nicht. Das ist dann ein schönes Gefühl auf die Bühne zu kommen, um zu sehen, dass der Club brechend voll ist und alle wegen uns da sind.

Was ist für euch schöner, große Festivals oder doch eher die kleinen, gemütlichen Konzerte?

Neill: Ich muss zugeben, ich mag die Clubkonzerte lieber. Du hast grade auf ganz großen Festivals, wie jetzt ein M’era Luna, ist natürlich trotzdem schön und was besonderes, mit ewig vielen Leuten, aber du hast trotzdem eine Distanz zu den Leuten. Da ist ein Graben, der ist allein schon 10m tief, dann hast du Kameras, die vor dir her fahren. Klar hast du schon einen Dialog mit den Leuten, aber es ist was völlig anderes, wie in einem Club zu spielen und jede einzelne Mimik zu sehen. Das ist ein anderes Gefühl. Dazu kommt, Festivals sind immer stressig, du hast wenig Zeit, dich aufzubauen und abzubauen, du bist mit einem Auge immer auf der Uhr und guckst, dass du nicht überziehst, sowas halt. Theoretisch hat man bei so einer Headlinershow in so einem kleinem Club auch irgendwo Narrenfreiheit. Wir haben keinen Druck, haben einfach die Situation, dass wir das zusammen genießen können.

Neno: Man weiß, dass die Leute wegen dir hier sind.

Ich spiele Festivals sehr gern, aber ich komme bei so einem Event erst zum Entspannen, wenn die Show vorbei ist, während ich die Show im Club von Anfang an genießen kann. Ich genieße die Show schon auf einem Festival, aber man hat dieses zackige im Hinterkopf, und du weißt ok die Show ist vorbei, es ist kein Druck der da abfällt, du weißt einfach, jetzt ist es rum, jetzt kannst du entspannen, nach diesen 20 min Setliste. Das Festivalproblem ist bei mir, es sieht zwar schon geil aus, dass wir vor 25.000 Leuten auf dem M’era Luna spielen, aber von diesen 25.000 kennen dich vielleicht 1500.

Neill: Das heißt, das ist immer so eine Art Feuerprobe. Du stehst da quasi wie bei der Führerscheinprüfung und musst dich immer bewähren und willst den Leuten gefallen. Du hast dann innerlichen Druck, weil du weißt, da sind noch ganz viele andere, die du von dir überzeugen willst und das musst du bei so einer Geschichte halt.

Neno: Beim M’era Luna hast du z.B. ein 25 min Set, wir haben eine Woche vorher ein Album released, wollen natürlich von diesem Album Songs spielen, das Problem ist, die Leute kennen dich eh schon nicht und wissen nicht, dass du drei Alben hast, wie gestaltest du das Set? Wenn wir nur Demosongs reingehauen hätten, hätten uns die Leute für völlig verrückt erklärt, die uns kannten. Bei 6-7 Songs, einen Querschnitt aus drei Alben hinzukriegen, ist mega dämlich (lacht).

Was ist das Verrückteste, was ihr auf einer Show erlebt habt?

Neno: Verrückt oder peinlich?

Du kannst auch gerne etwas peinliches erzählen.

Neno: Also peinlich war das, wo ich in Memmingen, in einer Wasserlache ausgerutscht bin und von der Bühne geflogen bin.

Neill: Wir waren mit Hämatom auf Tour, waren in Rostock im Mau Club, und Hämatom haben viel Zeug und als Vorband musst du dich halt irgendwohin quetschen wo Platz ist.

Einruf von Neno: Ey, jetzt werd ich wieder verarscht! (lacht)

Neill: Ich hatte so 30cm Platz, das heißt ich stand die ganze Zeit so (presst die Arme an den Körper und versucht sich schmaler zu machen), da und musste ich gucken, dass ich mein Gleichgewicht behalte, während ich da irgendwie eine Show mache. Was echt schwer ist, und Er hat denn tatsächlich irgendwann das Gleichgewicht verloren und dachte -Ok, ich mach das jetzt cool und mache da ein Hechtsprung in den Graben-.

Neno: Hat auch geklappt! Bin auch zu den Fans hin.

Neill: Ja, das hat auch geklappt, erstmal alles gut. Denn steht er da auf den Barriers und spielt Gitarre, so richtig Rock ’n‘ Roll und dann dreht er sich um und guckt mich an, -Scheiße, wie komm ich wieder rauf?-

Neno: Die Bühne war halt echt relativ hoch und Hämatom haben relativ viel Zeug, das heißt die haben die Seiten zugebaut. Das heißt es gab kein Ausweg! Also links hinten rum, durch den Backstage, das alles mit der Gitarre, und dann wieder auf die Bühne rauf.

Es war sehr witzig, aber ich habe mir tatsächlich die Bänder gerissen.

Einmal sollte ein Bühnenwechsel stattfinden, ich geh denn rüber und eine halbe Minute vorher kippt sich unser Bassist Wasser in die Haare und denn war da so ein Wasserlache, ich rutsche nicht einmal schnell aus und wie in so einem schlechtem Film, war das Tor offen, weil der Club relativ stickig war, dass Luft rein kommt, und ich rutsche über die Bühne an den Leuten vorbei und fliege aus dem Club. Ich war wirklich draußen. Wir hatten noch einen Song zu spielen und ich bin dann zurück, -Ach, nichts passiert.- innerlich hab ich geweint und war denn froh als die Show vorbei war.

Habt ihr ein Ritual, welches ihr vor jeder Show macht?

Neill: Wir haben schon ein paar Rituale, wir hören bestimmte Musik zum Schminken. Da ist von Modern Talking, bis Barbie Girl alles dabei. Dann bringen wir uns so ein bisschen in Stimmung, denn gehen wir auf die Bühne und gucken was passiert.

Neno: Und wenn es gut war, kommt denn halt die gute Playlist. (alle lachen)

Und wenn es nicht gut war, denn geht es mit Barbie Girl weiter?

Neill: Die Steigerung von Barbie Girl, dann kommt noch Mr. President dazu.

Neno: Wo wir schon bei den 90er sind, auch beim Rostock Gig, hat unsere Crew mit uns einen Scherz gemacht. Die haben uns auf die In-Ears, die HP Baxxter Shouts App gelegt. Das heißt, jedes mal wenn wir uns bedankt haben beim Publikum, -Danke Rostock, Ihr seid geil!- kam bei uns -Ihr seid scheiße!-. Und ganz am Ende haben die was richtig Mieses gemacht, auf unseren In-Ears haben sie uns gelassen, aber draußen Scooter abspielen lassen. Alle waren eingeweiht, alle Fans, alle, nur wir nicht.

Neill: Wir dachten, wir spielen „Blitz und Donner“ und vorne aus den Boxen die ganze Zeit Scooter. Die Leute sind völlig ausgerastet, ich dachte was ist denn hier los? Irgendwann hab ich denn doch mal den Ohrstöpsel raus genommen und dachte -Ach du scheiße!

Das Tourleben in einem Wort oder einem Satz?

Neno: Völlig geil!

Neill: Ganz geil! (Alles lacht) Ne, es ist schon was Schönes, auch schöner, als im Studio zu sein. Du hast was Fertiges, du hast Songs, mit denen du auftrittst, du weißt ungefähr, was so passiert. Im Studio ist immer rumnerden. Alle sitzen rum und sagen z.B. der Ton klingt nicht ganz, und du so, doch der klingt. Am geilsten sind immer so Aussagen, von Leuten die keine Ahnung haben, die dann daneben sitzen und so etwas sagen wie -Das wirkt auf mich nicht-. Was wirkt auf dich nicht? Gitarre, ist es sonst was? -Jaa, es wirkt einfach nicht-. Meine Frau macht das immer, wenn ich Songs schreibe zu Hause, die kriegt das denn ja irgendwie mit, denn spiele ich Ihr das vor, sie so -Hm, ist scheiße.- ja warum denn? -Ich weiß auch nicht warum-.

Neno: Das ist so wie, kennt ihr diese allererste Schulfahrt, wo man von zu Hause weg war? Völlig geil. Stell dir das in Erwachsen sein vor, mit Alkohol. (alle lachen)

Neill: Außer, wenn man krank ist. Hatten wir auch schon, ist nicht schön. Aber da weißt du schon wieder warum du es machst.

An dieser Stelle noch einmal ein fettes Danke an Neill und Neno für diese Einblicke, die sie mit uns geteilt haben, und für das nette Gespräch. Wir sind sehr gespannt auf das neue Album welches 2020 erscheinen wird.