Interview: Mit Sonja + Thomas von L’âme Immortelle

Auf ihrer aktuellen „Ungelebte Leben“-Tour finden Sonja und Thomas ein wenig Zeit, mit uns im Musikzentrum Hannover über ihr neues Album, therapeutische Texte und Seelenstriptease zu sprechen.

SPX: Wie war denn eure neue Tour bisher so für euch?
Sonja: Sehr schön! Wir hatten wirklich viele schöne Konzerte und sind immer wieder glücklich wie die Fans uns jedes Mal aufnehmen. Also, sowohl das Album, als auch die Konzerte mit uns. Es ist auf jedem Konzert irgendwas Schönes und Cooles passiert! Die Fans sind mit uns durch die Lieder gewandert, das haben wir gemerkt.

Thomas: Die Fans fühlen sich da rein und waren wirklich bei der Sache. Gerade auch bei den weniger besuchten Orten entstand so eine ganz andere Verbindung mit dem Publikum.

SPX: Gab es dabei bisher ein Highlight für euch?
Sonja: Ja! Wir hatten ein Meet&Greet-Fantreffen in Oberhausen und dabei haben die Teilnehmenden auf eine ganz schöne und respektvolle Art und Weise ihre Geschichten mit uns geteilt.

Thomas: Hierbei haben wir auch nochmal realisiert, wie unsere Musik in das Leben unserer Fans „eingreift“ und ein Teil davon wird. Das war ein wunderschönes Feedback für uns!

SPX: Die Texte eures neues Albums klingen noch persönlicher und tiefgründiger, als sie das bisher waren. Was ist der Grund für so viel Introspektive und Offenheit?
Thomas: Ich habe mich diesmal tatsächlich mehr getraut in den Texten. Es war schon eine Art „Seelenstriptease“, fast schon exhibitionistisch. Je mehr ich von mir preisgebe, desto höher ist ja auch der therapeutische Nutzen. Andere erzählen ihre Sorgen ihrem Psychotherapeuten, ich habe dafür das Publikum – und natürlich Sonja als Sprachrohr meiner Emotionen. Da wir uns schon seit über 30 Jahren kennen, kann sie meine Gefühle perfekt gesanglich interpretieren.

SPX: Ihr richtet euch ja im ersten Song schon in der düsteren Ansprache „An alle, die verloren sind“. Kommt das aus der eigenen Erfahrung?
Thomas: Wir arbeiten ja im ganzen Album mit der Frage „Was wäre wenn…?“. Und wenn wir uns diese Frage immer wieder stellen, leben wir ja nicht im Hier und Jetzt und sind irgendwie verloren in den Gedanken über ungenutzte Möglichkeiten.

SPX: Also eigentlich wollt ihr damit eher ein „Carpe diem“ im JETZT ausdrücken?
Thomas: Genau!

Sonja: Ich sehe das gar nicht so düster oder negativ, sondern eher verbindend. Es tut gut, jemanden zu haben, von dem wir wissen, dass er unsere Situation und unsere Gefühle nachvollziehen kann. Und das erleben wir bei unseren Fans ganz eindeutig. Sie fühlen sich in vielen Aspekten von uns verstanden und können sich mit unseren Themen identifizieren.

SPX: Bei „War of Silence“ singt Thomas mal sanft und melodisch! Wie kam es dazu?
Thomas: Wir haben schon auf fast jedem Album zwei Solosongs von mir, die in diese Kerbe schlagen. „Treiben“ und „Runaway“ waren auch so ähnlich, dasselbe Timbre. Ich versuche beim Writing für die Band ein großes musikalisches Spektrum abzudecken. Sowohl vom Gesangsstil als auch von den Songs her, die wir da gemeinsam fertigmachen. Man kann Themen in ganz vielen verschiedenen musikalischen Sprachen ausdrücken, und eine wäre uns da zu wenig, denn jedes Thema verlangt eine eigene musikalische Sprache, und nicht jeder Song ist im gleichen Genre. Ein ganzes Album in einem Stil zu machen, würde uns gar nicht gefallen, das wäre uns zu einfach.

SPX: Du bist ja hauptverantwortlich für die Texte, Thomas. Schreibst du auch mal irgendwas Sonja, oder ist das alles aus seiner Feder?
Sonja: Also die Texte auf keinen Fall. Wir haben, glaube ich, in ein, zwei Fällen mal Gedichte, die Thomas ausgesucht hat, vertont, aber ansonsten macht das alles Thomas.

Thomas: Natürlich ist das so, ich schreib die Texte, aber Sonja bearbeitet sie dann teilweise mit dem Material aus dem Text, damit es dann besser gesungen werden kann. Ich schreibe halt Gedichte.
Mein Anspruch an mich selbst ist, dass jeder Text für sich gelesen genauso wirkt wie das Lied. Das steht aber oft einem Song im Wege, und da bin ich sehr glücklich, dass die Sonja sich da auch mit reinnimmt, um das ganze besser zur Musik anzupassen, durch ein paar andere Worte.

Sonja: Manchmal hatte ich halt Ideen, wo Thomas zuerst dachte, das könnte ein Refrain sein und dann dachte ich, das könnte ich besser als Strophe singen, oder umgekehrt.

SPX: „Regret“ und „Ungelebte Leben“ klangen bei mir so sehr nach Reue – das scheint sich für mich durchs ganze Album zu ziehen?
Thomas: Die Reue ist eigentlich eher darüber, dass man zuviel über diese Möglichkeiten nachdenkt. Man muss ja jeden Text nicht isoliert, sondern in diesem Kontext „Ungelebte Leben“ sehen. Man entschuldigt sich, weil man denkt, hätte man doch bloß was besser gemacht. Das heißt aber nicht, dass es die Wahrheit ist. Das ist nicht als bare Münze zu nehmen, eher wie eine Rahmenhandlung: „Was wäre wenn…?“ bietet den Schlüssel an, um die Texte zu entsperren.

SPX: „Push“ wiederum klingt nach psychologisch-emotional lange nicht aufgearbeiteten Sachen. An wen richtest du dich da, an dich selbst?
Thomas: Das ist schwer zu sagen. Diese Texte sind nicht gezwungenermaßen autobiografisch, vor allem nicht in diesem Kontext. Ich versetze mich da eher in Personen hinein, um die Ungelebten Leben an deren Beispiel zu illustrieren. Da hat jemand einen Fehler gemacht, und erklärt, warum er das gemacht hat, aber wieder im Kontext des „was wäre wenn…?“: Was wäre gewesen, wenn er diesen Fehler nicht gemacht hätte? Das ist kein Erlebnis aus dem eigenen Leben, sondern eher etwas, das jeder hat, in der einen oder anderen Richtung.

SPX: Bei dir auch nicht, Sonja? Immerhin singst du es ja.
Sonja: Ich bin ein ganz schlechtes Beispiel dafür – ich habe diese Gedanken nicht. „Was wäre, wenn wir nicht verloren wären?“, das ist meine Welt auf jeden Fall. Aber ich denke nicht im Großen darüber nach: Was hätte ich für einen anderen Weg genommen? Ich bin da mehr im Augenblick, das ist ja auch das Schöne daran. Ich würde nie nach etwas Besserem suchen, das macht ja nur unglücklich.

Thomas: Und dafür beneide ich dich. Ich kann’s nicht anders, ich bin so ein klassischer Overthinker. Ich denke immer alle möglichen Sachen aus, und hin und her, und das belastet einen extrem.

Sonja: Das habe ich tatsächlich schon, ich finde aber, man muss immer auch das Ganze sehen, und dann wird man, zack, zufrieden. Ich habe das schon als Kind gehabt in der Schule, wenn dann irgendwelche ganz tolle Haustiere hatten oder in einer zauberhaften Villa mit Klavier und Flügel und so gewohnt haben, und dachte mir: ok, das würde mir auch gefallen, ich hätte auch gern Katze und Hund und so. Und dann habe ich gesehen, als ich mal dort war, das wäre ja blöd. Denn dann hätte ich zwar das, aber dann müsste ich ja das ganze Leben nehmen, und dann hätte ich ja meine Eltern nicht oder würde gewisse Leute nicht kennen – und da war mir schon als Kind sofort klar: Nö.
Man kann ja nicht immer nur die besten Dinge herauspicken. Was wäre wenn? Dann hätte ich den besseren Mann, dann hätte ich ja… – aber schau, was du dann im Paket mitbekommen hättest!

Thomas: Ist ja auch ein klassisches Problem unserer Zeit, warum viel weniger Paare zusammenbleiben, weil sie in Social Media etc. was sehen und meinen, sie hätten was besseres verdient. Das Überangebot quasi, mit dem suggeriert wird, dass es in der Reichweite von jedem ist, macht jeden unglücklich.

SPX: Ich wollte die ganze Zeit was Emotionales von dir, Thomas. Du sagst, dass du in vielen Sachen eine allgemeine Frage stellst oder dich an Leute richtest „Was wäre wenn“ – aber das klingt für mich, als ob das Fragen sind, die du dir selbst gestellt hast.
Thomas: Ja, ganz viel. Ich frage mich nicht die ganze Zeit, das strengt an und macht mich unglücklich. Nichts konkretes, was ich anders gemacht hätte, aber so ein permanentes Ding wie eine kleine schwarze Wolke, die über mir schwebt. Obwohl ich eigentlich zufrieden bin.

Sonja: Aber hast du das Gefühl, dass was besseres vielleicht hätte sein können? Jetzt fang ich auch noch an…

Thomas: Ich glaub, jetzt muss ich mir ein Glaserl Wein holen!

SPX: „Für Euch“ und „Weit fort“ – ist da ein bisschen Erfolgsmüdigkeit? Eine Flucht?
Thomas: Nein. „Weit fort“ – das ist genau das, was ich vorher erzählt habe. Das Leben bei null beginnen. Nach Mexico City ziehen für ein Jahr und schauen, was passiert. Diese Möglichkeit zu haben, einfach mal irgendwann eine Pause von deinem Leben zu machen. Auch wenn das eigentlich absurd ist, wie ich ja auch im selben Text sage, denn deine Probleme folgen dir ja auch. Aber das ist so ein Drang. Ich reise seit meiner Kindheit viel, ich habe viel von der Welt gesehen, und da gab es immer noch diese Idee, vielleicht nicht neu anzufangen, aber mal ein Jahr Auszeit vom eigenen Leben zu nehmen und in Mexico City, Lima, Santiago de Chile zu leben und zu schauen, was da so ist. Das ist es, was ich meine. Und ja, man kann sagen, das ist eine Art von Flucht, die ich aber auch gleich ad absurdum führe, weil du deine Sorgen und Ängste auch mitnimmt. Und es bleibt nur ein Gedankenspiel, aber das ist ja auch ganz schön.

SPX: Nach knapp dreißig Jahren scheint ihr ja euren Fans immer noch ganz viel sagen zu wollen. Wird das für euch nicht ermüdend, langweilig und zu viel Seelenstriptease?
Thomas: Das Leben verändert sich ja laufend. Da kommen immer neue Sachen dazu, man lernt neue Leute kennen, die erzählen einem Geschichten – das Leben ist so eine große Inspiration, solange man lebt, wird uns die Kreativität nicht ausgehen.

Sonja: Ich habe jetzt schon, als wir im Studio waren, eine Liste gemacht von Sachen, die wir fürs nächste Mal verbessern oder ändern können, auch bei den Konzerten.

SPX: Könnt ihr konkret festmachen, woran das liegt?
Thomas: Man hat ja immer viel zu sagen, das muss man als Künstler ja auch haben. Man will sich ja ausdrücken. Wenn einen etwas belastet, kann man es dem Publikum mitteilen. Oder ein Papier, die klassische Situation, dann ist die Sorge gebannt. Dafür gibt es immer Bedarf.

Sonja: Aber ich finde, die Kreativität kommt ja dann auch im Studio. Man macht dann auch Sachen – da ist es ganz wichtig, den Herrn Krischan (Krischan Wesenberg, Anm. der Redaktion) zu erwähnen, der das mit uns ja auch immer ganz liebevoll macht, sich ganz viel Zeit nimmt für die letzten Details.

Thomas: Das ist tatsächlich ein langfristiger künstlerischer Prozess zwischen uns dreien.

SPX: Das bringt mich zu meiner letzten Frage: Habt ihr Kooperationen vor?
Thomas: Nein. Wir sind uns selbst genug.

SPX: Gleichzeitig habt ihr aber durch Krischan Input kreativer Natur…
Thomas: Ja, aber das ist etwas anderes, mit einem Produzenten. Wir arbeiten seit anderthalb Jahren an Songs. Er hört ihn zum ersten Mal, kommt mit frischen Ohren ran, wir haben den Status Quo schon akzeptiert, daher ist sein Input unglaublich wichtig, weil er neue Wege aufzeigen kann, wie es besser geht. Das können wir gar nicht, weil wir diese Betriebsblindheit haben. Ein guter Produzent ist für eine Band ganz essentiell.

SPX: Ihr hast gerade schon gesagt, dass ihr bei Entstehung des letzten Albums lauter Ideen fürs neue bekommen habt.
Sonja: Nicht konkrete Ideen, aber ja, das mag ich sehr gern, währenddessen aufzuschreiben, wo man denkt, das war cool, aber da können wir nochmal rein oder es etwas optimieren. Oder wir haben mit der Crew im Tour-Van geplaudert, und da kommen Sachen oder Ideen auf.

Thomas: Also ich fange immer erst an, wenn ein Kapitel geschlossen ist. Und mit der Tour ist dann das Kapitel irgendwie geschlossen, und dann fange ich wieder an. Ich möchte das nicht zu sehr vermischen. Ich werde erst im Sommer anfangen. Man braucht etwas Abstand zum Werk, um nicht eine Fortsetzung des Bestehenden zu machen, die man nicht abgrenzen kann. Wir haben immer versucht, dass das eigenständige Werke sind, nicht „Traurig Teil 1“, „Traurig Teil 2“, „Traurig Teil 3“, sondern erratisch. Das funktioniert besser, wenn man da eine zeitliche Spanne drin hat, und dann kann man wieder frisch rangehen.

SPX: Gibt es noch etwas, was ihr sagen möchtet, was euch wichtig ist, und am Herzen liegt?
Sonja: Das einzige vielleicht, das wir für uns, aber gerne auch für alle Bands sagen können, ist, dass wir uns sehr freuen würden, wenn viele Leute doch zu Konzerten gehen würden, denn das ist wichtig und ein schönes Erlebnis, etwas ganz besonderes.

Thomas: Und vor allem ein Einzelkonzert, nicht nur ein kurzer Festivalauftritt – gebt einer Band auch eine Chance, die ihr vielleicht schon auf einem Festival gesehen habt, wo sie von ihren Möglichkeiten nur 30-40 Prozent zeigen konnte. Also ja, traut euch!

 

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