RELOAD FESTIVAL 2022, Tag 2 – „Frittenfreies Fressenpolieren!”

Wir erinnern uns: Am Vortag war der Redakteur aus seinem Zelt gekrochen und hatte keine Pommes erlegt bekommen. Dummerweise waren die Nahrungsstände auf dem Vorplatz bereits am frühen Abend komplett leergeplündert, so dass man vor der Entscheidung stand, einen weiten Weg für die Nahrungsaufnahme auf sich zu nehmen oder bis nach der letzten Band auszuharren. Dieser Schreiber sowie einige Kollegen taten letzteres und enterten um 02:30 das Restaurant zur goldenen Möwe, um Mystery Meat und undefinierbare Substanzen zum Anfeuern des Kreislaufs zu sich zu nehmen. Eine dieser pseudofleischgerichtlichen Kreationen wurde dann auch direkt als Frühstück behalten und am nächsten Morgen in Form eines Doppelcheeseburgers nach einer erfrischenden Dusche dem Mageninhalt des Redakteurs hinzugefügt – der immer noch keine Fritten bekommen hatte, da Curly Fries keine echten Fritten sind! Genauso wenig übrigens wie die generell in fast allen Franchise-Fastfoodschleudern als ‘Pommes Frites’ angebotenen Streichholzkartoffeln. Unter 6mm Kantenlänge geht da gar nix!

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Die knirschenden Knochen des Redakteurs wurden nun an der Plaza Stage von den Irish-Folkern TEARS FOR BEERS in Schwingung gebracht, die mit zwar gesetzterem aber nichtsdestotrotz schmissigem Sound von der grünen Insel in Form von Eigenkompositionen und traditionellen Standards des Kalibers „What Shall We Do (With The Drunken Sailor)” gemeinsam mit der zu diesem Zeitpunkt schon aus den Zelten gezombieten Masse ein keltisch angehauchtes Frühschoppen ausriefen und auch in ihren Ansagen immer wieder auf den positiven Effekt eines guten Tröpfchens anspielten. Weckmanöver gelungen!

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Eigentlich hätten sich direkt hierauf bereits die Tore zum Infield öffnen sollen, jedoch verschob sich die Running Order durch die Absage von OUR HOLLOW OUR HOME ein wenig nach hinten – und somit auch die Platzeröffnung. Als es dann endlich so weit war, wusste die innere Stimme des Redakteurs noch nicht so ganz, ob sie einen „Halleluja”-Engelschor imitieren oder Dante Alighieri („Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate!”) zitieren sollte, daher entschied sie sich für beides synchron.
Das Infield eröffnen durften nun also die Mannheimer Indeathtrialisten CYPECORE, bei deren Anblick sich zuerst einmal die Frage stellte: „Who let the Borg out? (Who? Who? Who?)”. Die Jungs traten in postapokalyptischer Schutzkleidung im Stile von Dead Space meets assimilierfreudige Star Trek-Bösewichte auf den Plan und ließen zwar nicht jeglichen Widerstand als zwecklos erscheinen, brachten aber für die Uhrzeit die anwesende Menge mehr als ordentlich in Wallung und weihten das Infield angemessen ein.

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Während sich der Redakteur erneut auf die Suche nach Pommes machte, jedoch nur von Fleischspießen über Handbrot bis Bratwurst und hin zum alkoholischen Wassereis alle anderen Varianten von Nahrungsmitteln an den Fressbuden angeboten bekam, bestiegen die washingtoner Melodeathmetalcoreler DARKEST HOUR die Bretter, die die Welt bedeuten. Allen voran Sänger John Henry, nahm die tight abliefernde Truppe außerdem wohl zeitgleich an einem Wettbewerb um die Rolle des “Cousin Itt” in Tim Burtons kommender „Wednesday”-Serie teil, anders ließen sich die permanent das komplette Gesicht verdeckenden Haarmähnen, die dem Fotovolk das Ablichten der Mimik erschwerten, kaum erklären. Entweder das, oder Schüchternheit. Natürlich, das muss es sein!

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Kurze Verschnaufpause und auf ging’s mit der ersten Kapelle für (nicht nur) die Altmetaller auf dem Platz. EXODUS braucht man eigentlich kaum noch jemandem vorstellen. Die Bay Area-Thrasher um Gary Holt waren in epischer Spiellaune und knallten von “Lesson In Violence” bis zum obligatorischen “Toxic Waltz” einen Drescher nach dem anderen aus der Hüfte, so dass die Staubwolke vom Vortag sich langsam auch auf dem Bühnenvorplatz des Infields manifestierte. Zetro gab den Grimassenkönig des Tages (was angesichts am selben Tag noch folgender Gesichtsakrobaten wie Chuck Billy und Co. schon etwas heißen sollte), Gary schüttelte sich betont cool ein Nackenbrecher-Riff nach dem anderen aus den Saiten und so kam langsam aber sicher ein mittägliches Festival-Feeling auf.

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LIFE OF AGONY bekam der Verfasser dieser Zeilen wegen logistischer Gegebenheiten auf Magazinseite nur am Rande mit, jedoch animierten Fronterin Mina Caputo plus Crew das Publikum mit einem netten Potpourri bunter Emodien quer durch ihre Karriere von „Pretend” bis zu „Weeds” und zeigten sich überaus gesprächsfreudig, was in einer langen Danksagung von Caputo mündete. Nice!

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Neben den Tagesheadlinern HEAVEN SHALL BURN waren die nun für die Randale zuständigen CALIBAN wohl die bekanntesten deutschen Vertreter der heimischen Metalcore-Riege und legten mit „Dein R3.ich” einen fulminanten Einstieg hin, bei dem das Fehlen des kurzzeitig hospitalisierten Bassisten Marco Schaller kaum auffiel. Publikumsinteraktion wurde bei den Hattingern heut groß geschrieben, so dass Fronter Andreas nicht nur das Publikum mit “H-S-B!”-Sprechchören auf die späteren Headliner einschwor, sondern auch mit der Security feixte: „Hey Leute, ich brauch hier mal ‘nen ordentlichen Circle Pit. Die Secus haben gar nix zu tun!”, um dann ein verschmitztes “Hallo” an die Ordner im Bühnengraben zu richten. Auch wurde zwischen zwei Brechern immer mal wieder die zu diesem Zeitpunkt unbarmherzig brennende Sonne, die dem berichtenden Redakteur Flashbacks an seine Zeit auf Arrakis verursachte, thematisiert: “Ihr habt’s echt hart heute, die Sonne ist so ein Arschloch!”, nur um später im Set dann auch noch das Rammstein-Cover „Sonne” von der 2011er EP “Coverfield” rauszuhauen. Alles schwitzte, schmolz, hopste und moshte, so dass am Ende des Sets ein leichter Wechsel der Zielgruppe vor der Bühne angebracht schien, damit sich das Core-Volk erst einmal erholen konnte.

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Und wer war wohl besser geeignet, um von eher ernstem Gemoshe zu ausgelassener Balla-Balla-Party überzuleiten als DIE mächtigen KASSIERER? Nikolaj Sonnenscheiße, Volker Kampfgarten, Mitch Maestro und der unnachahmliche Wölfi Wendlandt wurden dem Schreiberling erstmals in den späten 90ern in einem EMP-Katalog offenbar (damals hatte nämlich EMP noch etwas mit Musik zu tun), als eine der dort via Mailorder angepriesenen CDs mit der Kurzzusammenfassung „Die Jungs sind komplett jenseits von Gut und Böse” belegt wurde. Heute sollte sich wieder einmal zeigen, wie treffend jene Formulierung eines weisen EMP-Schreiberlings war. Das Set startete mit „Besoffen sein” und zeigte im weiteren Verlauf erschreckend auf, wie viele Songs, die in den frühen 2000ern auf den Filesharing-Plattformen wie Kazaa oder eMule mit dem für alles ansatzweise in Richtung von Humor peilendem Musikmaterial inflationär missbrauchten Interpreten „J.B.O.” getaggt waren, eigentlich ihren Ursprung in den kranken KASSIERER‘schen Hirnen haben. „Sex mit dem Sozialarbeiter”, „Quantenphysik”, bei dem Wölfi wegen angeblicher Gedächtnisschwäche den Text vom Blatt ablas (der Text des 57 Sekunden langen Songs besteht aus dem Wort „Quantenphysik”, dem Ausruf “Ahuuuu!”, dem Namen „Max Planck” und einigen Verhasplern – Anm. d. Red.), natürlich dürfen auch „Großes Glied” und „Das schlimmste ist, wenn das Bier alle ist” nicht fehlen. Eine dicke Asi-Party vor der Bühne und diverse suizidende Gehirnzellen später ist der Spuk dann aber auch vorbei, ohne dass Wölfi sich ausgezogen hat. Glück gehabt!

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Zu CANNIBAL CORPSE eine ausführliche Abhandlung zu schreiben, würde die Grenzen dieses Artikels sprengen, daher sei nur soviel gesagt: die US-Tech-Deather um George „Corpsegrinder” Fisher, (dieser in einem großartigen Anflug von Selbstironie ein Shirt mit dem auf seiner Körperform basierenden ‘Respect The Neck’-Meme tragend) zeigten sich in hervorragender Verfassung und hauten musikalische Eingeweideschnetzeleien und Unappetitlichkeiten am laufenden Band heraus, bei denen sich Hannibal Lecter vor Ehrfurcht einscheißen würde und Frau Christa Jenal (The O.G. Zensursula) im fernen Saarland sicherlich ein mulmiges Gefühl in der Magengrube bekam. Metzel at its best!

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RAISED FIST waren dem Schreiberling bis dato vollkommen unbekannt, konnten jedoch mit ihrem oldschoolig-räudigen und dabei hochmelodischen Hardcore schnell die Anwesenden für sich gewinnen. Die Stimmung kochte, die Crowdsurfer mussten bereits Plätze im nächsten Reisebüro reservieren und dann auf dem Höhepunkt… war plötzlich Schluss mit lustig – der Auftritt musste vorzeitig abgebrochen werden, da die Delays auf der Hauptbühne mittlerweile so weit angewachsen waren, dass die Verspätung einige Gigs komplett zu kippen drohte. Verständlicherweise waren die Schweden hiervon alles andere als begeistert und machten ihrem Unmut auch im Nachgang auf den sozialen Medien Luft. Was genau hinter den Kulissen jedoch vorfiel, weiß man nicht, weswegen wir uns hier einer wertenden Aussage enthalten. Schade um einen bis dorthin tollen Gig!

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Wo TESTAMENT hinschlagen, wächst kein Gras mehr – nicht, dass jenes auf dem Platz vor der Bühne nicht schon längst ins Nirvana getrampelt oder unter Tonnen von Staub vergraben war. Nachdem Gene Hoglan Anfang des Jahres seinen Platz hinter den Drums für Slayer-Legende Dave Lombardo räumte, war man gespannt, wie TESTAMENT nun live funktionieren würden. Antwort: „Hat jemand die Nummer von dem Truck?”. Frontrüpel Chuck Billy brüllte kraftvoll wie eh und je, das gnadenlose Gitarrenduo Alex Skolnick/Eric Peterson war tight wie Arsch und die Rhythmusfraktion Lombardo/DiGiorgio zermahlte jeden Sand im Getriebe in seine Moleküle. Das Aggro-Thrash-O-Meter stand auf 11, Hits wie „Rise Up”, „Practice What You Preach” oder „Into The Pit” machten keine Gefangenen. Alle grinsend, alle kaputt, erstmal ausruhen und ein Bier zischen!

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Auf der Plaza-Bühne spielten als nächster Act die Blackened HC-Dudes von SIBIIR, die irgendwie an eine Mischung aus späten Entombed, Rise Against und bizarrerweise ein uneheliches Kind von Immortal zu „Sons Of Northern Darkness”-Zeiten erinnern. Dummerweise sind die Slots zwischen Plaza und Hauptbühne sowie die zurückzulegende Wegstrecke quer durch mächtige Menschenmassen so ungünstig, dass der anwesende Berichterstatter zwischen all den Wegstrecken nur 2 Songs wirklich mitbekommt, diese jedoch das Prädikat “cooler Scheiß!” verdienen!

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Zurück zur Hauptbühne, wo AS I LAY DYING direkt einmal das für Fotografen nachteiligste Licht des ganzen Festivals ablieferten und auch beim Publikum wahrscheinlich diverse tanzende Punkte vor den Augen erzeugten, denn der Lichtmann von Randy Blythe & Co. schien nur die Tasten für Blinder und Strobo gefunden zu haben. Die Band selbst zeigte sich hiervon unbeeindruckt, und wenn man sie einmal sehen konnte, wurde agil und kräftig abgeliefert – dumm halt nur die Verwechslung. „Blinded” ist ein Song und war nicht als Motto für die ganze Show gedacht. Dem Mosher- und Surfervolk jedoch machte dies herzlich wenig aus, so dass alle ihren Spaß zu haben schienen und die Security wieder einmal gut ins Schwitzen geriet.

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Der Freitagsheadliner HEAVEN SHALL BURN nahm sich nun eine etwas längere Umbaupause, während der die Bühne opulent in ein Endzeit-Setting inklusive zerbombter Stadt im Backdrop und Panzersperren an der Bühnenkante gebracht wurde. Und tatsächlich ging der Gig erstmal mit Flammen überall (selbst auf dem Bühnendach) und einer gigantischen Ladung aus den im Frontbereich angebrachten Konfettikanonen los, bevor man sich durch ein unbarmherzig drückendes Set aller Hits der letzten Jahre wälzte: „Behind The Walls Of Silence”, „Übermacht”, „Combat”, „Endzeit” – hier kommt keiner lebend raus, wie die ikonischen Emsland-Punks von FLDSR immer zu sagen pflegten. Definitiv der Abriss des Tages, flankiert von massig Pyros, Flammen und sonstigen Spässeken – geil! Die veritable Staubwolke über dem Platz war nun sogar in der Nacht sichtbar und veranlasste direkt nach dem Gig den Autor dieses Textes, der Wurmzeichen in der Ferne gesehen zu haben glaubt, sich gen Plaza Stage zu begeben.

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Dort nämlich kehrten auf einem sehr unvorteilhaft vergebenen Slot vor leider auch nur recht wenigen Überlebenden des Geballers der Headlinershow nun die US-Thrash-Legenden HEATHEN im Rahmen ihrer nachgeholten Tour zum 2020er Album „Empire Of The Blind” ein. Davon lassen sich die Amis jedoch nicht beirren und kloppen sich grinsend und bestgelaunt durch ein knapp 40-minütiges Set, das auch die eher dem klassischen Metal verbundenen Anwesenden abholte und für diejenigen, die sich noch hergeschleppt hatten, ein willkommenes Betthupferl bot. Nachdem sich an diesem Tage die Nahrungsaufnahme weniger schwierig gestaltet hatte, begab sich die Sharpshooter-Fraktion nun auch nach einem letzten Whiskey-Coke gen Zelt.

This is Sharpy Shooty saying: Good fight – good night!

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