Review: RAZZ – “Everything You Will Ever Need”

Vom amsivarischen Outback der deutsch-niederländischen Grenzregion hat es die nicht-mehr-ganz-so-Jungspunde von RAZZ – immerhin existiert die Truppe in unveränderter Besetzung seit nunmehr 11 Jahren und hat in dieser Zeit vom Meppener Rockpalast bis zur Rock am Ring-Bühne alle Größenordnungen an Venues bespielt – mittlerweile kollektiv nach Berlin verschlagen. Nicht die erste emsländische Combo, die diesen Schritt geht. Als Paradebeispiel seien hier beispielsweise die Harener Grunger Swamphead, die mehr oder weniger in ihrer Berliner Phase zu den heutigen Alternativepoppunkrockern El*ke mutierten, genannt. Die Ausstrahlung der Hauptstadt und die Pandemie-Jahre sind dabei, wie auf „E.Y.W.E.N.” deutlich zu bemerken, auch an RAZZ nicht spurlos vorbei gegangen.

Das bereits im Vorfeld des Albumreleases ausgekoppelte, künstlerisch hochwertige Kurzfilm/Musikvideo-Quartett aus ,Everything I’ll Ever Need’, ,Red & Blue’, ,Since’ und ,Corner’ ist dabei, auch repräsentativ für den Rest des Albums, thematisch auf der Höhe der Zeit: Razz wirken zerrissen in einer für ihre Generation typischen Mischung aus Selbstzweifeln, permanentem, externen Bewertungsdruck und allgegenwärtiger Unsicherheit.

Zwischenmenschliche Beziehungen und der eigene Gedankenkosmos stehen im Vordergrund, passend zur Biedermeier 2.0-Ära wird Politisches Tagesgeschehen und dessen Auswirkungen auf den eigenen Kosmos rigoros ausgeblendet, das unmittelbare Private zur einzigen Lebenswirklichkeit erhoben und tiefgehend durcharbeitet. 

Auf musikalischer Seite schlägt sich dieses Mindset ebenfalls nieder, zeigt sich die Band pop-bezogener als noch auf den Vorgängeralben, was sich besonders in der Produktion niederschlägt. Die berüchtigten Arpeggio-Delay-Gitarren, die den Jungs über die Jahre immer wieder nicht ganz ungerechtfertigte Vergleiche mit den Editors einbrachten, sind zwar noch vorhanden, aber weit in den Hintergrund gerückt. Stattdessen überfrachten zu oft dominante, glatte Synthsounds mit trendgemäßer 80er-Schlagseite und zur Zahnlosigkeit gezähmte Drums die partiell potentiell vorhandenen, rockenden Kanten; die enge Produktion der Vocals nimmt der eigentlich mit einer düsteren Melancholie versehenen Stimme von Niklas Keiser viel von ihrer Präsentationsfläche. Insgesamt präsentiert sich das RAZZsche Klangbild 2022 paradoxerweise etwas organischer als auf den Vorgängern, lässt aber gegenüber dem Altmaterial trotzdem eine Menge Drive vermissen. Klar – kompositorisch hat man große Schritte nach vorn gemacht, und mit ,Talking For Hours’ gibt es auch zumindest einen typischen Signature-Razz-Rocker. Alles in allem bleibt jedoch das Gefühl, dass hier oftmals die Verkopfung gegenüber dem Bauchgefühl obsiegte, viele Ideen zerdacht wurden. Man lässt zwar einen Großteil der Konkurrenz hinter sich, wirkt jedoch als würde man mit angezogener Handbremse fahren – daher gibt es:

6 von 10 Punkte

„Everything You Will Ever Need” erscheint am 15.07.2022 im Vertrieb von RAZZ und The Orchard

Tracklist:

  1. Corner
  2. Red and Blue
  3. Everything I’ll Ever Need
  4. Lately
  5. Like You
  6. Since
  7. 1969 Conrad
  8. Talking For Hours
  9. Rome
  10. Nightfall
  11. All About The End
  12. Lost In The Woods

 

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