Freedom Day im Kulttempel Oberhausen – DIORAMA und ZOODRAKE

Man mag von den Lockerungen der Corona-Maßnahmen halten, was man will, eins steht fest: Das “Frühlingsfest der Gothmusik” gestern im Kulttempel Oberhausen war eine Offenbarung! Für solch einen Anlass kann man natürlich nicht irgendwen einladen. Aber auf Peter Jurjahn und Co. ist Verlass, wenn es ums Booking geht. DIORAMA, die Electro-Institution und – Sensation ist zwar in Reutlingen daheim, aber auf den Bühnen der Republik zuhause und hatte sich jetzt für das feierliche Fallenlassen der “Maske aus Mechanik” angekündigt. Ich verfolge DIORAMA schon lange (nein, nicht in strafbarer Hinsicht ;-)) und ihre Musik spielt eine entscheidende Rolle in meinem Leben. Unsere Seele ist ein fragiles Gebilde, das weiß jeder, der schonmal an den harten Gegebenheiten des Lebens Schaden genommen hat. Man funktioniert im Alltag normalerweise relativ gut, aber bei all den schlimmen Ereignissen auf der Welt, bilden sich Risse. Es brechen hin und wieder Mosaiksteinchen, “Tiny Missing Fragments”, aus dem Kristallglas namens Seele heraus, lockern sich, drohen herabzufallen. Aber wenn man dann in die “Liquid Arms” von DIORAMAs Klängen gehüllt wird, dann wirkt das wie eine Versiegelung der Seelenoberfläche und eine Politur obendrein. Ich zumindest habe nach dem Konzert wieder gestrahlt, fühlte mich repariert und es ging vielen von euch ebenso, das weiß ich.

Es ging ganz klar um Emotion an diesem Abend und dafür braucht man Akteure, die sich im emotionalen Irrgarten zumindest ein bisschen besser auskennen als wir. ZOODRAKE, die die heiligen Hallen des Kulttempels als erstes fluten durften, haben perfekt zur Atmosphäre des Abends gepasst. Wer die Bühnenpräsenz eines Hilton Theissen noch nie erlebt hat, sollte das dringend nachholen. Man mag seine Wirkung auch seinem sympathischen Äußeren zuschreiben wollen, doch da er komplett verhüllt die Bühne betrat und die ersten Minuten nur die Stimme zu den Synthie-Klängen den Raum erfüllte, wurde eindrucksvoll bewiesen: Charisma braucht gar keine visuelle Komponente. Silvveil an den Tasten hatte offenbar auch ohnehin nichts vom Ende der Maskenpflicht mitbekommen und entschieden, dass nichts von der Schönheit der Musik ablenken sollte.

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Fotos: Cynthia Theisinger

Als nach dem ersten Song “Solitude” die Hülle von Sänger Hilton fällt, zeigt er jedoch sein volles Potenzial. Nachdem er zu diesem recht starr mit seiner Gitarre auf der Bühne stand (man mag es auf die eingeschränkte Sicht mit der langen Kapuze schieben), nimmt er die Bühne immer mehr für sich ein. Als er die Gitarre anschließend zu “Upgrade” ablegt, ist er nicht mehr zu stoppen. Die Bühne gehört ihm. Immer wieder läuft er auf und ab, posiert als wäre er dafür geboren und interagiert mit den Fans, die sich langsam in Trance tanzen. Es folgt ein ständiger Wechsel mit und ohne Gitarre, bei dem eins jedoch jederzeit konstant bleibt: die glasklare Stimme. Selbst wann man ganz genau hinhört ist es oft schwer zu erkennen, ob der Gesang von Hilton live ist oder eingespielt wird. Jeder Ton sitzt genau da wo er soll, verpasst nie seinen Einsatz und kann damit selbst den größten Kritiker überzeugen. Aber auch die kleinen. In der ersten Reihe hat sich der größte, kleinste und wohl auch jüngste Fan versteckt und ist eifrig am Tanzen und genießen. Nach einem nur 30-minütigen Set, welches immer wieder zwischen langsamen, schnellen, ruhigen und aufgeweckten Songs wechselte, wird mit “Fear” das Ende eingeläutet. Es bleibt ein Publikum, welches richtig warmgelaufen ist und definitiv noch mehr vertragen hätte. Eine kurze Verschnaufpause wird aber auch dankend entgegengenommen, bevor es mit DIORAMA weiter geht.

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Fotos: Cynthia Theisinger

 

DIORAMA entern die Bühne gewohnt energetisch. Felix heute mit ungewohnter Kopfbedeckung, einer weißen Kappe. “Avatars” von “Tiny missing fragments” gibt direkt die Marschrichtung vor. Man hatte wahrlich wenig Gelegenheit, die neuen Stücke live zu hören. Ob sie auf der Bühne funktionieren, war keine Frage. Die DIORAMA-DNA steckt in jedem einzelnen Ton. Solche Musik muss nicht den Umweg über die Ohren nehmen: Sie geht direkt ins Herz, aber auch in den Kopf. Das ist das Besondere an DIOARAM. Man mag es verkopft nennen, wegen der oft kryptischen Texte, aber gefühlstechnisch versteht man doch die Stimmung jedes einzelnen Songs. Das gilt natürlich auch für gleich das zweite neue Stück: “Patchwork”. Das Puzzle muss nicht zusammenpassen, es sind “Fragmente”, die uns treffen wie ein auditiver Meteoritenschauer. Chaotisch und ungelenkt, man muss sich drauf einlassen. Nanu, so früh schon ein Klassiker? “Exit The Grey” bringt uns zurück ins Jahr 2007 in ein “anderes Leben”. Als die Welt zwar grau war, aber es einen Ausweg gab. Jetzt scheint das nicht mehr so klar zu sein. “Defcon” ist schon neueren Alters, aber spätestens bei “Gasoline” sind wir wieder auf der aktuellen Platte. Ungefähr ab da setzt der DIOARMA-typische Trance-Zustand ein, man verliert sich, treibt dahin und genießt nur noch – den süßen Schmerz und die Gewissheit, das jetzt vielleicht nicht alles, aber vielleicht doch einiges wieder gut wird. Wir taumeln durch das “Diorama” unterschiedlicher Szenen und die Figuren in den Kästen sind wir selbst. Wir wissen nicht wohin, aber das ist in diesen Momenten auch gar nicht so wichtig. Wichtig ist nur, dass wir nochmal Klassiker wie “Synthesize Me” und “Child Of Entertainment” auf die Seele bekommen, aber da sind wir schon im Zugabenbereich und DA , da ist sie: Die “Maske aus Mechanik”. Welcher Song könnte den Abend passender abrunden? Wir tanzen uns noch einmal die Seele aus dem Leib. Ob wir sie wohl wiederbekommen, mit unserer Garderobenmarke?

Es war nur ein Konzert: Ja. Es waren DIORAMA und ZOODRAKE – natürlich. Nicht das erste Mal und nicht das letzte. Aber wir haben das wirklich gebraucht. Es war der rettende Schluck Wasser in einer Wüste aus grauen, schroffen Felsen. Danke an die Bands, danke an den Veranstalter und an alle Akteure. Und auf bald!

Setlist ZOODRAKE

Solitude
Success Of The Snake
Upgrade
Sent To You
Nothing’s Wrong
Our Light
New Oceans
Jackal Parade
Death Bloom
Fear

Setlist DIORAMA

Avatars
Patchwork
Defcon
Last Minute
Horizons
Das Meer
Gasoline
Advance
Panes of Glass
Prozac Junkies
Sensation
Synthesize Me
The Minimum
Child Of Entertainment
Said But True
Kein Mord