Endlich wieder rangeln – COMBICHRIST und MIMI BARKS live in Oberhausen

COMBICHRIST befinden sich derzeit auf Ihrer Mammut-Tour, die den Titel “Europe Not My Enemy“ trägt. Nach der langen Entbehrung machte das Quintett nun im Oberhausener Kulttempel halt. In NRW konnte man COMBICHRIST zumindest im letzten Jahr für ein einmaliges Oldschool-Electro-Set im Gelsenkirchener Zirkus gewinnen. Hier traten sie jedoch pandemiebedingt mit reduzierter Manpower auf. Aber es ist geschlagene drei Jahre her, dass man die Band komplett vereint erleben durfte. Dies sollte sich endlich ändern. Heute stand auch die volle musikalische Wucht auf dem Spielplan: Industrial, Metal und Aggrotech.

Nach einer 30-minütigen Verspätung war es dann soweit: MIMI BARKS läutete den Abend ein. Moment, wer? SO ging es uns auch. Dieser Name tauchte gefühlt aus dem Nichts auf. Doch COMBICHRIST bewiesen in den letzten Jahren durchaus ein feines Gespür für die Wahl ihrer Opener. Dies sollte sich auch diesmal nicht ändern. MIMI BARKS tauchte zum ersten Mal im Jahr 2018 in der Social Media Welt auf. Ein Jahr später begann sie, den Underground aufzumischen. Seitdem hat sie ihren Look übrigens mehrfach verändert. Startete sie mit einer langen Rastamähne in blond, pink oder grün, wurde danach die natürliche Haarpracht blau, grau, oder hellblond gefärbt. Mittlerweile ist sie bei einem kühlen grau-blond Ton gepaart mit einem Bob in kinnlänge angekommen, der ihr richtig gut steht. Ihr schmaler Körper wird von zahlreichen Tattoos verziert. Auffallend ist ihr recht großer Septum Ring in der Nase. Bei der Kleiderwahl setzte sie live auf die Gleichung weniger ist mehr. Sie trug ein paar schwarze Chaps mit einem Höschen, das bis zum Bauchnabel ragte. Ihr Lack-BH war mit einzelnen Riemen bis zur Taillenhöhe verbunden. Ihr Hals war mit einer schweren, groben, silbernen Kette behangen. Gepaart mit den roten Kontaktlinsen, ihrem intensiven Blick und ihrer wilden Art glich sie zeitweise einem dämonenhaften Wesen. Kleine Anekdote am Rande: Da MIMI BARKS bisher neu für die meisten Anwesenden war, ahnte niemand so recht, wo die junge Frau herkam. In der Hölle würde sie schon nicht wohnen. Man vermutete die USA oder vielleicht England. Jedenfalls sprachen die Leute sie auf Englisch an und sie ließ sich auch nicht anmerken, dass sie eigentlich ein: Achtung (!) Pottkind ist. Oh ja, es handelt sich hier um eine gebürtige Bochumerin, die es später nach Berlin zog. Seit einiger Zeit lebt sie nun in London und kurbelt von dort aus ihre musikalische Karriere an. Die Inszenierung beherrschte sie schonmal. Neben ihr nahmen noch ein Gitarrist und ein Drummer ihre Plätze auf der Bühne ein. “Deadgirl“ begann mit elektronischem Sound und Sprechgesang. Hier flossen bereits erste Trap-Elemente ein. Man konnte sich erstmal an die Künstlerin gewöhnen. Diese war ab dem ersten Moment präsent. Sie wirkte selbstsicher, agierte direkt mit dem Publikum und nahm die komplette Bühne für sich ein. Ihre Lederkappe musste zügig weichen. Beim Headbangen kann man solch ein Accessoire schließlich nicht gebrauchen. Sie bewegte sich gekonnt und verweilte auch gern mal einen Moment über der Trittstufe, unter der sich ein Ventilator befand. Fliegende Haare machen sich zudem optisch auch immer gut. “Grind“ kam auch gleich frecher daher. Mimi wurde lauter und nun waren auch ordentliche Shouts dabei. Danach musste eine kleine Erfrischung sein. Sie kippte sich Wasser ins Gesicht und gönnte dem Publikum gleich auch einen kühlen Schwall. In “Klingen & Stitches“ wechselten sich ihre Screams mit gekonnten Rapeinlagen ab. Erst im Nachhinein fiel einem dann auf, dass sie hier deutsche Texte verwendet hat. Weiter ging es mit amtlichen Gitarren-Riffs bei “Mad Hoe“. Mimi kniete zwischendurch auf der Bühne oder kroch kessen Blickes auf ihr herum. Generell streckte sie immer mal ihre freche Zunge heraus und wirkte durchaus kühn bis herausfordernd. Musikalisch vermischen sich bei MIMI BARKS Industrial, Metal und auch mal doomige Elemente. Nun sorgte ein Platztausch für überraschte Gesichter. Der Drummer kam plötzlich nach vorn, um sich auf der Bühne auszutoben und Mimi positionierte sich an den Drums. Sie lieferte ein ordentliches Drum-Solo und wurde dazu von ihrem Gitarristen begleitet. Hierbei hatte sie sichtlich Spaß und der ungewöhnliche Part kam gut an. Sie ließ sich kurz feiern und klatschte einige Hände ab. Sehr persönlich wurde es mit dem Song “Suicide“. Die Künstlerin veröffentlichte hierzu ein Statement. Mit dem Tod sei hier das Ende der jungen Version ihrer selbst gemeint. Nachdem sie nur kreativ sein konnte, wenn sie Schmerz erlebte, musste sie erst lernen sich selbst neu zu erfinden, andere und sich selbst zu akzeptieren. Das ist ihr scheinbar gelungen. Diese Emotionen kamen hier sehr gut rüber. Düsterer Sound gepaart mit verzweifelten Shouts wechselten sich mit melodischen Parts ab. Diese wurden sogar lieblich – wenn auch gepitcht – gesungen. Man war fasziniert und berührt zugleich. Weiter ging es mit ”Big Ass Chains“. “Are you fucking ready? Get down. All of you! And now…. Jump!” Die Menge folgte ihren Anweisungen und mit diesem Song endete das knapp 30-minütige Set. Es war erfrischend, mal eine toughe Künstlerin zu erleben, die sich von einem gewissen Einheitsbrei abhebt und ihren eigenen Weg geht. Der Refrain von “Suicide“ hallte übrigens noch Tage nach dem Gig nach.

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Bilder: Andreas Theisinger

Mittlerweile war der Kulttempel mit ein paar Hundert Leuten richtig gut gefüllt, und das obwohl an diesem Wochenende zeitgeich das Wave-Gotik-Treffen und Rock am Ring stattfanden. Das Publikum war größtenteils unbekannt. Es war demnach schwer einzuschätzen, wie der weitere Abend von der allgemeinen Stimmung her verlaufen würde. Um 21:30 Uhr läutete dann ein mystisches Intro mit Andys norwegischem Gesang den Auftritt von COMBICHRIST ein. Nach und nach enterten Frontmann Andy LaPlegua, Gitarrist Eric 13, Drummer Dane White und die beiden musikalischen Allrounder Elliott Berlin und Jamie Cronander die Bühne. Andys bemaltes Gesicht wurde zunächst von einer großen Kapuze bedeckt. Mit “Not My Enemy“ legten COBICHRIST nun endlich los. Elliott und Jamie schnappten sich erstmal Bass und Gitarre, um gleich zu Beginn vorn am Bühnenrand für lautstarken Sound zu sorgen. Das Publikum schien sich erstmal wieder an die Band gewöhnen zu müssen. Doch beim 3. Song gab es kein Halten mehr. Andy lobte das Erwachen auf der Tanzfläche “Ah, Kulttempel! We`re coming home.“ Die Fans haben die Lyrics von “Throat Full Of Glass“ glücklicherweise nicht verlernt und stimmten lautstark mit ein. Andy war erleichtert “Hell yes! Vielen Dank. It`s so good to be back.“ Nun war das Eis gebrochen “Get Your Body Beat” machte seinem Namen alle Ehre. Die wilde Party war nun im vollen Gange. Es wurde gesprungen was das Zeug hält und rasche, auffordernde Blicke untereinander genügten, um den Moshpit zu aktivieren. Doch so ungestüm es auch zuging, auf der Bühne herrschten einst andere Zeiten. Als es noch zwei Drums gab, war der Stage Manager pausenlos damit beschäftigt, das Schlachtfeld der ungestümen Musiker immer wieder aufzuräumen und Teile der Drums wieder aufzubauen. Dies war mittlerweile nicht mehr von Nöten. Elliott kletterte zwar nach wie vor akrobatisch auf seinem Keyboard und dem Schlaginstrument herum. Aber der Stage Manager kam eher mal zum Einsatz, um Andy seine offenen Schnürsenkel wieder zuzubinden. Eric kümmerte sich mittlerweile rührend um seine Fans und kippte Ihnen von der Bühne aus etwas Bier in die trocken gewordenen Kehlen. Kürzlich feierte er übrigens seinen 500. Auftritt an der Seite von Andy LaPlegua. Hierzu gratulieren wir ihm an dieser Stelle ganz herzlich. Mittlerweile war die Temperatur im Club um einige Grad angestiegen. “Exit Eternity“ kam zudem mit dem lauten Chorgesang im Hintergrund wieder herrlich massiv daher. Unter der erhöhten Luftfeuchtigkeit ächzte mittlerweile auch Eric`s Mikroständer. Die Höhe des Mikros veränderte sich eigenständig und forderte daher flexible Verrenkungen seinerseits ein. Danach wurde das Problem aber rasch gelöst. Eric sorgte dann sogleich bei der letzten Single “Compliance“ mit coolen Gitarreneffekten für Begeisterung. Auf einmal wurde Andy leicht melancholisch “It´s been way too long. We`re here for the same reason. We love music. It`s the most important thing in the world. Music is passion. Let`s have a good time.” Und diese hatten alle Anwesenden an diesem Abend. Und man setzte beim Stimmungsbarometer nochmal einen drauf. “No Redemption“ sorgte erneut für pure Eskalation im Publikum. Elliott sprang daraufhin mit seinem Bass einfach in das Geschehen hinein und spielte inmitten der tobenden Meute weiter. Eric zögerte nicht lange und ließ sich mit seiner Gitarre von den Händen der Fans durch den Club tragen. Was durchaus an diesem Abend auffiel: Es waren einzig und allein die reinen Metalsongs, die eher verhalten aufgenommen wurden. Ansonsten blickte man ausschließlich in glückliche Gesichter und Band wie Fans waren in ihrem Element. Hier ließ man sich halt lieber vom elektrolastigeren Gewitter mitreißen. Da Elliott und Jamie regelmäßig ihre hinteren Plätze auf der Bühne verließen und vorn mitmachten, wirkte die Bühne zeitweise sogar fast zu klein. Es war herrlich, das Zusammenspiel der Musiker beobachten zu können. “We`re not done yet. We`ve got one more song”. Mit der aktuellen Single “Modern Demon“ verabschiedeten sich COMBICHRIST von der Bühne. Alle atmeten kurz durch, bevor das Finale anstand. Das Publikum gab natürlich keine Ruhe und die Jungs kehrten nochmal zurück. Eric ließ es sich auf dem Weg nicht nehmen, den Großteil der 1. Reihe mit seinem niedlichen „ET-Gruß“ anzustupsen. “Maggots At The Party“ sorgte nochmal für ein Aufbäumen aller Anwesenden. Die gute Laune war einfach allen anzusehen. „Ladies and Gentlemen, I had a great time tonight. Fuck tomorrow.” Es setzte “What The Fuck Is Wrong With You” ein. MIMI BARKS ließ es sich nicht nehmen mit einzustimmen. Sie hechtete auf die Bühne und unterstütze Andy. Die beiden sangen Arm in Arm. Elliott schnappte sich seine große Drum und ließ sich damit ein letztes Mal durch die Menge tragen. Doch auch dieses wunderbare Konzert musste irgendwann ein Ende haben. Dies war nach knapp 1,5 Stunden der Fall. Die Band verabschiedete sich noch vom Publikum, Dane warf ein paar Sticks in die Menge und Andy gab vereinzelte Autogramme.

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Bilder: Andreas Theisinger

Ein Großteil der Jungs ließ sich auch noch am Merchstand blicken. Vereinzelt sah man sie sogar auf der Aftershowparty tanzen. Die Fans von COMBICHRIST müssen aber nicht lange ohne die Jungs auskommen. Die Tour ist noch nicht vorbei. Im Sommer wird es noch viele Gelegenheiten geben, erneut mit dieser wilden Truppe feiern zu können. Das ist auch gut so. Wir mussten schließlich viel zu lange auf sie verzichten und wir toben doch so gerne.

Setlist MIMI BARKS:

  1. Deadgirl
  2. Grind
  3. Klingen & Stitches
  4. Mad Hoe
  5. Drum Solo
  6. Suicide
  7. Big Ass Chains

Setlist COMBICHRIST:

  1. Intro
  2. Guns At Last Dawn
  3. Not My Enemy
  4. Throat Full Of Glass
  5. Get Your Body Beat
  6. Satan`s Propaganda
  7. Blut Royale
  8. Exit Eternity
  9. Compliance
  10. Hate Like Me
  11. No Redemption
  12. Zombie Fistfight
  13. Slakt
  14. Shut Up And Swallow
  15. Can`t Control
  16. Never Surrender
  17. Modern Demon

Zugaben:

  1. Maggots At The Party
  2. What The Fuck Is Wrong With You

Weitere Deutschlandkonzerte der “Europe not my enemy” Tour:

06.06.2022 Leipzig, Wave-Gotik-Treffen

23.07.2022 Fritzlar, Rock am Stück

24.07.2022 Hamburg, Knust

25.07.2022 Berlin, Frannz Club

26.07.2022 Nürnberg, Hirsch

27.07.2022 Cham, L.A.

28.07.2022 Trier, Mergener Hof

29.07.2022 Jena, F-Haus

30.07.2022 Dresden, Reithalle

04.08.2022 München, Free & Easy Festival

05.08.2022 Mannheim, 7er Club

19.08.2022 Essen, Turock Open Air

20.08.2022 Donkelsbühl, Summer Breeze Festival

24.09.2022 Oberhausen, E-tropolis Festival (Oldschool-Electro-Set)