Perfection – musikalisch und ästhetisch. Tourauftakt mit JADU, AESTHETIC PERFECTION und LINDEMANN in Hannover

Die Swiss Life Hall in der Nähe des Hannoveraner Maschsees und eigentlich die Stadionsporthalle des Niedersachsenstations wurde Schauplatz eines abwechslungsreichen musikalischen Abends, der zugleich auch den Tourauftakt einläutete. Drei Bands, zwei davon bereits mehrjährig als Headliner weltweit unterwegs, und eine niedersächsische quasi-Lokalmatadorin, zeigten musikalische Perfektion, optische Ästhetik und einen rundum abgestimmten Konzertabend, der vielleicht nicht jedermann ansprach, aber die Swiss Life Hall ausverkaufte.

JADU

Mit der Osnabrücker Künstlerin JADU Laciny eröffnet die Niedersächsin mit ihrer Hannover-Premiere den Konzertabend. Mit ihren sozialkritischen, teilweise kontroversen und provokativen und auf Deutsch gehaltenen Texten, die sie selber als Military Dream Pop kategorisiert, bewegt sie sich zwischen den Stilen der Neuen Deutschen Härte und Popmusik, aber auch mit klassischen Anleihen. Insofern stellte JADU eine passende Einleitung in den heutigen Abend dar, wird dieser doch mit NDH abgeschlossen und durch Industrial Pop übergeleitet.

JADU trat, erwartungsgemäß treu nach Nachtmahrs „Mädchen in Uniform“ in einer solchen auf die Bühne und versuchte mit ihren ruhigen, dennoch fordernden Liedern das Publik für sich zu gewinnen – welches aber sehr verhalten reagierte. Sehr basslastig ausgesteuert spielte die als Quartett an den Start gehende Formation ein uniformes Klangset, überwiegend aus dem aktuellen Album „Nachricht vom Feind“. Nach einer guten halben Stunde beendete die Auftaktband ihre klanglich wenig überzeugende Einführung.

Setlist:

  1. Treibjagd
  2. Uniform
  3. Auf Drei (Live Premiere)
  4. ?
  5. Friedliche Armee
  6. Sirenen & Wagner

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Fotos: Cynthia Theisinger

AESTHETIC PERFECTION

Das Trio um den singenden Wahl-Österreicher Daniel Graves ging mit der eigens geschaffenen Industrial Pop genannten Stilrichtung in die Vollen. Energiegeladene Drum-Unterstützung durch Joe Letz und der Meister der elektronischen Gerätschaften Elliott Berlin zauberten ein wahres Ohrenschmaus-Feuerwerk in die Swiss Life Hall, die heute Abend eigentlich Austrian Industrial Pop Hall heißen müsste. Über die Hintergründe, warum AESTHETIC PERFECTION als Unterstützung für LINDEMANN mit auf Tour sind, wurde bereits an anderer Stelle berichtet und der Kontrast dieser beiden Bands ergänzte sich zu einer wunderbaren musikalischen Symbiose an diesem Abend.

Brachial startete das Trio mit „Gods & Gold“ und erzeugte bei den eingefleischten LINDEMANN- und RAMMSTEIN-Fans ein kurzes Aufzucken, so ist die musikalische Stilrichtung deutlich differenziert von dem Auftreten dieser beiden Gruppen. Aber schnell wurde klar, dass auch diese Fans sehr positiv auf die Musik reagierten, denn eine breite Tanzbewegung setzte ein, frenetischer Jubel wurde immer wieder nach den Stücken vernommen und Entertainer und Frauenschwarm Graves spielte mit dem Publikum in gekonnter Weise. Tausendsassa Berlin wirbelte über die Bühne mit der Gitarre im Anschlag, mal linksseitig der Bühne das Publikum bekniend bespielend, rechtsseitig headbangend, ein Riff nach dem anderen abfeuernd und auch gekonnt die Synths einsetzend. Das Powerhouse Letz zeigte in eindrucksvoller Weise erneut seine Spitzenklasse, energiegeladen hämmerte er gekonnt und melodiös auf das Drumset ein und gelegentlich einen seiner Drumsticks im Publikum verlierend.

Das mit sechs Trackraketen ausgestattete Electro-Feuerwerk des Abends sorgte für die ideale Stimmung des Publikums als Vorbereitung für den provokativen Headliner.

Setlist:

  1. Gods & Gold
  2. Rhythm + Control
  3. Wickedness
  4. Dark Ages
  5. Never Enough
  6. Love Like Lies

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Fotos: Cynthia Theisinger

LINDEMANN

Nach einer kurzen Umbaupause erfolgte dann lautstark und bassgeladen der ausverkaufte Tourauftakt der ersten LINDEMANN-Tour. Das schwedisch-deutsche Duo trat in Hannover als Quintett an. Tägtgren, der sonst die Instrumentalisierung übernimmt, wurde durch weitere drei Live-Musiker tatkräftig an Drums, Gitarre und Bass unterstützt. In weißen Anzügen, mit weiß bemalten Gesichtern und Tägtgren zusätzlich mit typischen Harley Quinn-Zöpfen ausstaffiert, spielten alle fünf Künstler druckvoll den Opener „Skills in Pills“ und wurden bis zum letzten Track durchgängig mit entsprechenden und größtenteils sehr provokativen Videos auf der an der Rückseite der Bühne befindlichen Projektionsfläche unterstützt.

Das nicht durch optische Effekte dominierte Set hatte einen ersten abwechslungsreichen Höhepunkt mit einer Akustikversion des Tracks „Knebel“, die Lindemann von einem hydraulischen Hochsitz herab sang. Der finale Höhepunkt wurde zu „Praise Abort“ erreicht, Lindemann und Tägtgren fuhren mit leicht bekleideten Tänzerinnen in einer überdimensionierten beleuchteten Kugel einmal links entlang der Tribüne durch die Halle. Der weitere musikalische Verlauf war typisch provokativ gehalten. Das Publikum jedenfalls schien zu jedem Lied einen entsprechenden Bewegungsrhythmus zu finden und trug auch ohne Feuerwerk zu einem weiteren Aufwärmen des Halleninneren bei.

Nach ungefähr 80 Minuten endete das Spektakel. Die Zugabe war so eigentlich nicht als Zugabe zu vernehmen, trennte doch eine mehrminütige Videosequenz diesen letzten Konzertteil ab.

Man kann sich jetzt streiten – ist das Kunst oder kann das weg? Leider war der Sound in der ausverkauften Halle nicht perfekt abgemischt – an einigen Stellen kam nur ein sehr basslastiger Sound-Matsch an, der das Hörvergnügen doch sehr trübte. Auch optisch – ja, die Videos mal außen vor – aber irgendwie hätte man deutlich mehr erwartet. Was bei RAMMSTEIN das Feuer ist, hätte bei LINDEMANN der Sex/BDSM-Aspekt sein können. Hätte. Auch wenn es böse klingt: vielleicht war das der Grund, dass einige Besucher schon in der Mitte des Sets den Weg nach Hause angetreten haben – ihre Sensationsgier wurde hier scheinbar nicht zur Genüge befriedigt.

Setlist:

  1. Skills In Pills
  2. Ladyboy
  3. Fat
  4. Ich weiß es nicht
  5. Allesfresser
  6. Frau & Mann
  7. Knebel
  8. Home Sweet Home
  9. Cowboy
  10. Golden Shower
  11. Blut
  12. Platz Eins
  13. Praise Abort
  14. Fish On

Encore

  1. Ach so gern
  2. Steh auf
  3. Gummi

Weitere Tourtermine:

06.02.20 Köln – Palladium
08.02.20 Wien – Gasometer
10.02.20 Prag – O2 Universum
12.02.20 Offenbach/Main – Stadthalle
14.02.20 Leipzig – Haus Auensee
17.02.20 München – Zenith
19.02.20 Zürich – Samsung Hall