So war das AUTUMN MOON 2019 am Samstag

Auf jedem Festival gibt es am zweiten Tag immer verschiedene Typen Mensch: Während die einen noch versuchen, ihrem Kater Herr zu werden, weil die Party am Vortag lang und feuchtfröhlich war, sind andere schon am frühen Vormittag topfit und bereit, den Tag zu rocken. Ein dritter Teil wiederum schwänzt generell die ersten Bands, um erst später am Tag ausgeschlafen und gestylt dazu zu stoßen. Die Frühschicht jedenfalls wuselt am Samstag schon um 12 über das Festivalgelände, gönnt sich einen Mittagsimbiss an einer der zahlreichen Marktstände. Hier wird, wie schon erwähnt, von Fleischspieß bis Hanffladen alles geboten. Alles wartet darauf, dass EMBRUN um 13:00 Uhr die Moon Stage und CELLAR DARLING um 13:30 Uhr die Sumpfblume eröffnen. Doch auch heute meint Petrus zuerst offenbar, dass ein bisschen Wasser noch keinem geschadet hat und sendet, genau wie am Vortag, eine ziemlich aufdringliche Regenwolke, die die bereits Anwesenden kurzfristig unter Pavillons und Vordächer flüchten lässt. Aber wie auch schon am Freitag hat der Regen ziemlich schnell ein Ende und weicht angenehm zarten Sonnenstrahlen. Die Weser glitzert, die Bäume auf den umliegenden Hügeln schimmern in allen Tönen, als hätte sich sogar Mutter Natur Mühe gegeben, dieses Herbst-Festival besonders schön zu dekorieren. Zwar wird es über den Tag verteilt noch einige Tropfen geben, die jedoch bei den Besuchern keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Erste Besucher begeben sich auch schon an Bord des Schiffes, mit dem man eine kleine Rundfahrt am Gelände entlang machen kann oder besetzen das Workshop-Zelt, in dem zum Beispiel Spielkurse für Dudelsack und Drehleier gegeben werde.

Dass Feuer, gutes Essen und leckere Getränke Menschen verbinden ist ja allseits bekannt. Und so sieht man über den Tag hinweg – wie auch schon gestern – nicht nur Festival- und Tagesbesucher über den Markt schlendern und die Atmosphäre genießen, auch die Künstler scheinen sich hier wohlzufühlen. So sieht man zum Beispiel die Jungs von RROYCE entspannt vor der Halle plauschen oder Sängerin Maria Franz mit Ihren Bandkollegen von HEILUNG über den Markt flanieren und ohne Berührungsängste mit Fans agieren.

Punkt 13 Uhr dann beginnt der musikalische Teil des 2. Festivaltages dann folkig im Festivalzelt am Rande des Marktes, wo die Herren von EMBRUN auf der „Moon Stage“ zum ersten Tanz des Tages aufspielen. 

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Bilder: Lars Tobias Lorbeer

EMBRUN

Wer unvorbereitet das erste Mal mit der Performance von EMBRUN in Berührung kommt, fühlt sich im ersten Moment dezent an die Herren Von Coppelius erinnert. Instrumentenauswahl und weiße (Halb)masken unterschieden die Herren aus Belgien deutlich von dem, was man von einer Standart-Folkband erwartet. Drehleier und Dudelsack kennt man ja nun aber Klarinette und Akkordeon hören sich eher ungewöhnlich an und geben den Songs eine ganz neue Klangfarbe. Trotz der frühen Uhrzeit geben die Herren aber schon ordentlich Gas. Neben Einflüssen verschiedener Folklore haben einige Songs sogar Nuancen von Funkmusik in sich. Spontan fühlen sich einige Gäste berufen, einen improvisierten Kreistanz zu starten, ein Paar schwingt schon fast profimäßig das Tanzbein vor der Bühne. Über mangelnde Stimmung kann man also nicht klagen. Zwar ist noch etwas Platz im Zelt der Moon Stage, das soll sich aber bald ändern. EMBRUN ernten jedenfalls verdienten Applaus.

THE SHIVER

Wow, was für eine Stimme! Der Plan erstmal ein Metbier an der Markt-Taverne zu holen wird spontan nach hinten verschoben, als von der Moon Stage der erste Song der italienischen Alternative-Band THE SHIVER erklingt. Ein zweiter Wow-Effekt stellt sich ein, als man nach Betreten des Zelts feststellt, dass die kraftvolle Leadstimme aus einer zarten, mädchenhaft-hübschen Frau kommt, die mit ihrer Gitarre über die Bühne wirbelt. Im knallroten Top ist sie wie ein kleiner Feuerball zwischen ihren schwarzgekleideten Bandkollegen an Gitarre, Bass und Schlagzeug unterwegs. Sie schwankt zwischen zarten Gesangspassagen und progressivem Rock, interagiert mit dem Publikum, überzeugt. Diese Band braucht sich vor Genrekollegen Evenescence nicht verstecken. Definitiv eine der Entdeckungen dieses Festivals!

NACHTMAHR

Nicht nur die berühmt-berüchtigten Mädchen in Uniform finden den Weg in die Rattenfängerhalle, um dort den ersten Act des Tages zu feiern. Wie auch gestern schon mit FROZEN PLASMA eröffnet heute direkt ein echter Hochkaräter. NACHTMAHR stehen seit über 10 Jahren ganz oben auf den Listen wenn es um Power und Provokation in der schwarzen Szene geht. Frontmann Thomas Rainer stürmt die Bühne auch offenbar mit dem festen Vorsatz, diesen Ruf zu verteidigen. Streng in grünem Flecktarn nimmt er die ganze Bühne für sich ein, springt, stampft, shoutet ins Publikum. Mädchenschwarm Gregor Beyerle im selben Outfit unterstützt ihn von erhöhter Position hinter der Elektronik. Songs wie „Ich bin“ und „Gehorsam“ finden ihren Weg ins Set wie das von den Fans heiß erwartete „Mädchen in Uniform“. Natürlich gibt es wie immer auch ebensolche auf der Bühne, die eine sexy Tanzshow bieten. Rainer fordert das Publikum heraus und dieses schreit tapfer der Bühne entgegen. „Ich hab so Ohrstöpsel drin, ich hör euch ganz schlecht..“ kommt der Konter von oben. Doch niemand gibt auf und bietet stimmlich nochmal alles. Stimmung und Temperatur in der Halle sind auch heute nach dem ersten Act in der Halle schon ganz oben. Grandioser Auftakt.

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Bilder: Lars Tobias Lorbeer

DAS ICH

Und es wird noch voller – gegen 17 Uhr wird’s das erste Mal so richtig eng in der Rattenfängerhalle als DAS ICH die Bühne stürmen und in bekannter Dreier-Formation mit ihren mobilen Keyboards über die Bühne flitzen. Sowohl optisch als auch musikalisch sind sie ihrem Stil treu geblieben, erfreuen sich aber weiterhin der Beliebtheit der Szene. Außer ihrem berühmten „Destillat“ haben Bruno Kramm und seine Mitstreiter noch eine ganze Stunde Hits mitgebracht. Sänger Stefan Ackermann tobt wie gewohnt mit wilder Gestik und Grimassen über die Bühne und verleiht den Songs nochmal eine besonders skurrile Tiefe. Eine solide Show, allerdings ohne größere Überraschungen.

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Bilder: Lars Tobias Lorbeer

IRFAN

Das Licht in der Sumpfblume ist gedimmt, man muss erstmal genau hinschauen wie viele Musiker sich da auf der Bühne versteckt haben als IRFAN als spätnachmittäglicher Programmpunkt auf der Liste stehen. „Good evening, we are IRFAN and we are from Bulgaria“ eröffnet Sänger Kalin Yordanov die Show. Zusammen mit Sängerin Darina Zlatkova übernimmt er auch direkt weiterhin die Mikrophone und wunderbarer zweistimmiger Gesang trägt die Zuschauer in eine mystische Welt davon. Der Klangteppich aus Flöten, Bodhran, Rahmentrommel und Harmonium mutet mal tragisch, mal süßlich an. Ihren Bezug zur Folklore des Balkan hört man dabei deutlich heraus. Yordanov moderiert die Songs an und erklärt die Hintergründe. Oft sind alte Fabeln oder Märchenhafte die Motive und das hört man deutlich heraus. Die Zuschauer lassen sich mitziehen, träumen, wiegen sich sanft im Klang der ruhigen Musik. Alle Sitzplätze sind ebenso belegt wie die Stühle an der Bar. Als nach einer Stunde das Licht wieder angeht hat man das Gefühl von einer sehr entspannten Traumreise zurückzukehren.

GOETHES ERBEN

Kontrastprogramm dazu liefert in der Rattenfängerhalle Düster-Dichter Oswald Henke mit seiner Band GOETHES ERBEN. Direkt zu Anfang feuert er seinen Hit „Nichts bleibt wie es war“ in die wartende Menge und es bleibt an diesem Abend politisch im Hause der Erben. Mit deutlichen Statements positioniert sich Oswald Henke klar gegen rechts und untermalt seine Aussagen mit den passenden Songs wie „die Brut“, „Mensch sein“ oder „Lazarus“. „Erst die, die anders sprechen.. dann die, mit dunklem Haar.. dann die, die anders denken.. schließlich die eigene Art..“ Ob man will oder nicht, er zieht einen mit seiner speziellen Stimme und seiner Gestik in seinen Bann. Dennoch tut die etwas schwerere Thematik der Laune im Publikum keinen Abbruch. Applaus und Zustimmung begleiten GOETHES ERBEN nach über einer Stunde Spielzeit von der Bühne.

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Bilder: Lars Tobias Lorbeer

RROYCE

Sofern man es am Einlassstop des Zelts vorbei schafft, muss man sich erstmal einen Moment sammeln, um nicht umzufallen. Der Boden bebt, als RROYCE die Bühne betreten. Das Zelt ist prall gefüllt mit tanzwütigen Fans oder denen, die es innerhalb des Auftritts werden sollten. Während der Auftakt mit einem älteren Song von statten geht, nämlich “The Principle Of Grace”, trotzt das Set nur so von neuen Songs. „Parallel Worlds“ und „Who Needs“ machen den Anfang und sorgen dafür, das ordentlich mitgeklatscht wird, sofern nicht grade getanzt wird. Die Stimmung könnte nicht besser sein und wird auch nicht weniger, als viele Songs vom neuen Album “Patience” gespielt werden – man kennt das Album wohl mitlerweile schon. Zwischendurch wirft Casi immer wieder einen lockeren Spruch in die Runde und gönnt dem Publikum eine klitzekleine Verschnaufpause, die es auch bitter nötig hat. Am Ende wird nochmal alles vom Publikum verlangt, als Casi zu “Run, Run, Run” von der Bühne springt, um selbiges zu tun. Es eröffnet sich ein großer Kreis vor der Bühne und Casi mitten drin. „I Like It When You Lie“ ist der letzte Song des Abends und entlässt die Anwesenden ausgepowert in den Restabend.

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Bilder: Lars Tobias Lorbeer

HEILUNG

Für viele Besucher steht dann der Tages- wenn nicht sogar der Festival-Höhepunkt in der Rattenfängerhalle an. Der Auftritt der nordischen Ritual-Folk-Band HEILUNG. Die Darbietungen des Trios, dessen Mitglieder aus Deutschland, Dänemark und Norwegen stammen, sind nicht einfach nur Konzerte – sie sind Rituale. Die Halle ist bis zum Bersten gefüllt und alle beobachten schon gespannt den Bühnenumbau. Riesige Trommeln und andere mit Knochen, Federn und Geweihen verzierte Geräte werden auf die Bühne geschafft und dann endlich fährt das Licht herunter. Eine schwarz gekleidete Gestalt räuchert die Bühne aus und dann betreten mit langsamen Schritten Sängerin Maria Franz, Frontmann Kai-Uwe Faust und Soundmagier Christopher Juul die Bühne. Auch die Trommeln werden besetzt. Alle Protagonisten sind in rituell anmutende, reich verzierte Gewänder gekleidet, Faust trägt gar ein komplettes, riesiges Geweih und mit seinem nackten, tätowierten Oberkörper erinnert er an die alten Sagen vom Gott des Waldes. Zu Anfang sprechen alle gemeinsam ein Mantra, das auch in ihren CDs und Videos zu finden ist:

Remember, that we all are brothers
All people, beasts, trees and stone and wind
We all descend from the one great being
That was always there
Before people lived and named it
Before the first seed sprouted

Dann erschüttert der mächtige Sound der Trommeln die Halle und die schamanistischen Gesänge lassen das Publikum in eine Art Trace verfallen. Egal ob langsame Stücke wie „Krigsgaldr“, das von Franz‘ wundervoll klarer Stimme getragen wird, oder auch bei „Hakkerskaldyr“, wo es auf der Bühne plötzlich von schwarz bemalten Kriegern mit Speeren und Schildern wimmelt – stets fühlt man sich im Geiste in eine andere, lang vergangene, magische Welt versetzt. Man beginnt unterbewusst zu den Rhythmen zu wippen und zu tanzen, schließt die Augen und lässt sich mitreißen. Zwei weitere Backgroundsängerinnen kommen auf die Bühne, so dass hinterher fast 15 Menschen dort agieren. Den absoluten Höhepunkt findet die Show in „Hamrer Hyppier“, dessen treibender Trommelbeat von fast choralen Gesängen begleitet wird. Die 7 schwarzen Krieger schlängeln sich von der Bühne über die Absperrung ins Publikum um dort, im Takt springend, Zuschauer unterzuhaken und einen großen, wilden aber friedlichen Ritual-Circle-Pit zu starten. Niemand steht mehr still im Publikum, die anfängliche stille Faszination ist einer Art Extase gewichen und als nach einer Stunde die Bühne nahezu plötzlich wieder leer ist und das Licht angeht ist sich niemand so Recht sicher, ob das, was er da eben gesehen hat alles echt war.

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Bilder: Lars Tobias Lorbeer

PROJECT PITCHFORK

“Ob man da noch einen draufsetzen kann?” fragen sich die Zuschauer, die bleiben, um sich mit PROJECT PITCHFORK die nächste Band anzuschauen. Aber manche Dinge kann und sollte man nicht vergleichen und so wird das Ritual einfach auf einer anderen Ebene fortgesetzt. Bewaffnet mit einer großen LED-Show, 2 Schlagzeugen und seinen Bandkollegen stürmt Peter Spilles die Bühne und lässt sich was Power und Songauswahl angeht definitiv nicht lumpen. Der allseits beliebte „Timekiller“ lässt die ersten Reihen förmlich ausflippen und von „Rain“ bis „Requiem“ ist so ziemlich jeder große Hit der Band heute mit am Start. Das Publikum honoriert dies durch lautes Mitsingen, Klatschen und eine riesige Party, die sich durch die gesamte Halle zieht. Auch Peter Spilles scheint ausnehmend gute Laune zu haben und kommentiert zwischen den Songs mit scherzhaften Moderationen. Bei den Tanzfaulen an den Bars wird kräftig angestoßen, in der Mitte des Publikum ein riesiges Transparent des Fanclubs hochgehalten, ein Grüppchen hat sich mit Sonnenbrillen bewaffnet und tanzt was das Zeug hält. Party total. Als die Band nach 1,5 Stunden die Bühne verlässt, will sie eigentlich keiner so richtig gehen lassen. Aber schon kurze Zeit später sieht man schon Keyboarder Dirk Scheuber durchs Publikum huschen und einen gemütlichen Schnack mit den Fans halten. Der familiäre Charakter dieses Festivals ist einfach nur wunderbar. 

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Bilder: Lars Tobias Lorbeer

Am Sonntag ist die große Show zwar vorbei, auf Musik muss aber dennoch keiner verzichten. Fünf Bands stehen auf dem Plan für den Bandcontest, um nächstes Jahr erneut aufzutreten. Die ersten drei erspielen sich damit entweder einen Platz auf der Moon Stage, der Sumpfblume und der Rattenfängerhalle. Den dritten Platz, und damit der Platz auf der Moon Stage, können sich SCINTILLA ANIMA erspielen. U-MANOYED sichern sich auf dem zweiten Platz den Slot für die Sumpfblume und der erste Platz, um in der Rattenfängerhalle zu spielen, geht an DUNKELSUCHT. Neben den Bands hat der Mittelaltermarkt noch weiter geöffnet, kann heute jedoch nicht ganz so viele Besucher hervorlocken. Es regnet leider fast den ganzen Tag, was einige doch eher aufs heimische Sofa treibt. Dennoch kann man in viele freudige Gesichter blicken, wenn man über den Markt schlendert.

Nach 3 Tagen und Nächten in einer kleinen aber feinen Welt voll Musik, Metbier, Mittelalter, Mitsingen schließen sich dann am Sonntag die Tore des Autumn Moon für dieses Jahr. Wie immer schwingt ein wenig Traurigkeit mit, diese zauberhafte Blase, die doch einige aus dem Alltag reißt, wieder verlassen zu müssen. Die Veranstalter, Musiker, Helfer, Aussteller, Händler, Workshopleiter haben alles gegeben, um dieses Wochenende wunderschön, mystisch, bewegend, entspannend zu gestalten. Die Verpflegung war sehr gut, das Programm wie jedes Jahr außergewöhnlich vielfältig und so familiär und freundlich wie hier, geht es wohl kaum irgendwo anders zu.

Aber nach dem Festival ist ja bekanntlich vor dem Festival: wir dürfen bereits jetzt schon das 6. Autumn Moon Festival ankündigen, welches vom 23.-25.10.2020 stattfinden wird und freuen uns darauf, dort wieder mit Euch unter dem Herbstmond zu tanzen.