Reload Festival 2019 – Geballte Frauenpower und Teenie Träume am Samstag

Der dritte und letzte Festivaltag beginnt für den Geschmack vieler Besucher eindeutig zu früh, denn schon kurz nach 11 Uhr am Vormittag stehen SET YOUR SAILS in den Startlöchern. Den Kölner Bandcontest-Gewinnern gebührt die Ehre, den letzten Festivaltag auf dem Reload zu eröffnen. Obwohl am Vormittag noch nicht viele Besucher auf den Beinen sind, liefert die Melodic-Hardcore-Formation um Sängerin Jules eine hörenswerte Show ab. Auf die Frage: „Seid ihr wach, Reload?“ Kommen einige heisere Schreie aus dem Publikum zurück. Das muss reichen, schließlich war noch keine Zeit für das zweite Bier. Bevor es mit ihrem Hit „Enough“ vom gleichnamigen Album weitergeht, erklärt die lebhafte Frontfrau: „Wenn ihr noch nie etwas von uns gehört habt, müsst ihr diese Dinge über uns wissen: Wir lieben es laut und schnell, aber vor allem ohne Nazis“.

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Bilder: Lars-Tobias Lorbeer

EYES SET TO KILL 

Den letzten Rest Müdigkeit vertreiben die US-Amerikaner von EYES SET TO KILL schnell. Mit ihrem melodischen, gitarrenlastigen Sound, den harten Shouts von Gitarrist AJ Bartholomew und den cleanen Gesangsparts von Bandgründerin Alexia Rodriguez wird schnell eine Gangart höher geschaltet. Songs wie „Lost and Forgotten“ und „Where I want to be“ erinnern mit ihren wechselnden ruhigen Passagen und aggressiven Parts an Bands wie ATREYU. Und obwohl die Musiker auf der Bühne rennen, springen und Drehungen vollführen, laufen ihre Animationsversuche ins Leere – richtige Stimmung will einfach nicht aufkommen. Erst nach der Aufforderung „Everybody jump with us“ und dem beherzten Einsatz der Wasserschläuche durch das Sicherheitspersonal, kommt Bewegung in den Laden.

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Bilder: Lars-Tobias Lorbeer

JINJER

Weiter gings mit geballter Frauenpower – Frontfrau Tetjana Schmajljuk brachte mit den Senkrechtstartern JINJER aus der Ukraine die Massen vor der Bühne ordentlich ins Schwitzen. Von der ersten Sekunde an wurden hier keine Gefangenen gemacht. Wie immer überzeugte Tetjana vor allem stimmlich auch den letzten Zweifler – hier steht eine Meisterin ihrer Disziplin auf der Stage, die sich ohne Probleme mit Alissa von ARCH ENEMY mithalten kann. Neues Material gab es leider auf dem Reload noch nicht zu hören, dafür ein ausgewogener Mix einmal quer durch die Bandgeschichte. Die Stimmung erreichte den ersten Höhepunkt des Tages und die ersten Crowdsurfer fanden ihren Weg nach vorn. 

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Bilder: Lars-Tobias Lorbeer

MASSENDEFEKT

MASSENDEFEKT lassen das Deutsch-Punk-Herz höher schlagen! Mit „Wo ich dich finde“ eröffnen die Düsseldorfer ihren Auftritt. „Wir sind heute für die Romantik da. Wir versuchen alle Festival-Klischees zu bedienen. Jetzt könnt ihr mitsingen“, scherzt Sänger Sebi Beyer und das Publikum kommt seinem Wunsch zu „Schwarz Weiß Negativ“ auch gerne nach. Man merkt der seit fast 20 Jahren bestehenden Truppe an, dass sie ihr Handwerk beherrscht: Laute Gitarren und eingängige Texte ergeben ein explosives Mitmach-Potential. Passend zu „Wellenreiter“ werden die im Staub tobenden Fans mit einer Erfrischung aus dem Wasserschlauch versorgt. Mittlerweile sitzt bestimmt die Hälfte des Publikums auf den Schultern von jemandem und MASSENDEFEKT setzen mit dem Chorus „Ich will das Meer sehen“ ein. Damit die Stimmung richtig hochkocht, finden die Punk-Rocker auch für den Coversong „Bro Hymn“ von PENNYWISE einen Platz in ihrer Setlist. Und weil Schlagzeuger Alex Wolfart Geburtstag hat, singt das Reload für ihn kurzerhand ein Geburtstagsständchen.

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Bilder: Lars-Tobias Lorbeer

WALLS OF JERICHO

Was am heutigen Festival-Samstag sofort ins Auge fällt, ist die Vielzahl an Bands unter weiblicher Führung. SET YOUR SAILS, EYES SET TO KILL, JINJER und jetzt Candace Kucsulain von WALLS OF JERICHO – die Zukunft könnte tatsächlich weiblich sein. Vor einer mittlerweile recht beeindruckenden Menge eröffnet das aus Detroit stammende Quintett seine Show mit „Relentless“ und der charmanten Ansage „Let`s fucking go!“. Das Album „No One Can Save You From Yourself“ ist die erste Veröffentlichung der Detroiter nach einer achtjährigen Pause. In dieser Zeit widmeten sich einige Mitglieder musikalischen Nebenprojekten und die zierliche Frontfrau mit der brutalen Stimme brachte ihren Nachwuchs zur Welt. Auch die gleichnamige Single wird dem tobenden Festival-Publikum zum Besten gegeben – hierbei kommt jeder auf seine Kosten, der auf kompromisslos harten Metalcore mit Einflüssen des 90er-Jahre Hardcore steht. Und auch WALLS OF JERICHO spielen ein Tribut für ihre Landsmänner von PENNYWISE: Ohne die „Bro Hymn“ wäre es wohl auch kein vollwertiges Festival.

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Bilder: Lars-Tobias Lorbeer

EMIL BULLS

Bei sengender Hitze wagen sich an diesem Samstag auch die  Alternative-Metal-Größen von EMIL BULLS auf die EMP Stage. Dass die Münchener heute überhaupt hier stehen, ist eher einem unglücklichen Zufall zu verdanken: Denn eigentlich waren CALLEJON angekündigt, um mit „Porn from Spain“ für einen gepflegten Abriss zu sorgen. Doch Terminkonflikte führten schließlich dazu, dass CALLEJON ihren Auftritt absagen mussten und die Münchener von EMIL BULLS als Ersatz einsprangen. Von Bedauern ist vor der Bühne jedoch nichts zu spüren. Als Sänger Christoph von Freydorf fragt, „Habt ihr Bock auf einen gepflegten Samstagsnachmittags-Abriss?“, antwortet das Publikum mit einem langen „EMIL BULLS“-Sprechchor. Also feuert die Melodic-Metalcore-Combo einen Hit nach dem anderen raus. Zu „The Jaws of Oblivion“ hält auch die passionierten Crowdsurfer nichts mehr zurück. Doch EMIL BULLS finden „Da geht noch was!“ und legen mit „Worlds Apart“ nach.

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Bilder: Lars-Tobias Lorbeer

BURY TOMORROW 

Es ist gerade noch Zeit, um sich ein kühles Hopfengetränk zu besorgen und schon geht es mit dem nächsten Kracher im Line-Up weiter. BURY TOMORROW stehen für hochkarätigen Metalcore, wie kaum eine andere UK-Band. „Maybe you`re as sunburnt as I am and really drunk – but I don`t give a fuck! Everybody move!“, richtet Frontmann Daniel Winter-Bates seine ermunternden Worte an die treue Festival-Gefolgschaft. Das lässt sich die kaum erschöpfte Menge natürlich nicht zweimal sagen und demonstriert mit Moshpits eindrucksvoll, wie groß die Energiereserven noch sind. Mit „More Than Mortal“, „No Less Violent“ und „The Age“ besteht die Setlist zu großen Teilen aus ihrem zuletzt veröffentlichten Album „Black Flame“. Auf der Bühne beweisen die Brexit-Geplagten wieder einmal, dass ihre Stärken in perfektem Timing, kompromissloser Aggressivität und düsterer Melodik liegen. Ihre Show beenden BURY TOMORROW mit „Black Flame“, dem Titelsong ihres aktuellen Albums.

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Bilder: Lars-Tobias Lorbeer

AGNOSTIC FRONT 

Die Sonne steht tief am Himmel, kleine Staubwolken wirbeln durch die Luft. Ennio Morricones Wild-West-Intro aus dem Film „Zwei glorreiche Halunken“ erklingt. Entweder werden hier gleich die Schießeisen gezückt oder AGNOSTIC FRONT betreten die Bühne. Tatsächlich ist letzteres der Fall und schon bei den ersten Takten von „The Eliminator“ zelebriert die Menge diesen großartigen Auftritt mit Circle Pits von amtlicher Größe. Die US-amerikanischen Hardcore-Punk-Urgesteine haben ein bunt gemischtes Set aus knapp 40 Jahren Bandgeschichte und ihren elf Studioalben im Gepäck. Was dabei natürlich nicht fehlen darf: Die Hits „For My Family“ und „Gotta Go“. Und Roger Miret, der großartige Frontmann von AGNOSTIC FRONT, findet, dass es damit nicht genug ist. „It’s fuckin audition time“, verkündet er beim Ramones-Coversong „Blitzkrieg Bop“ und das Publikum singt und springt begeistert mit.

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Bilder: Lars-Tobias Lorbeer

WHILE SHE SLEEPS 

Erst Anfang des Jahres haben die Metalcore-Senkrechtstarter von WHILE SHE SLEEPS ihr viertes Album auf den Markt gebracht, da stehen sie schon wieder auf sämtlichen Festivalbühnen Europas und Australiens. Auch in Sulingen kann man sich vom Talent der Briten überzeugen. Denn schon bei dem Opener „You Are We“ liegt jede Menge Vorfreude in der Luft. „Put your fucking hands together“, feuert Aushilfs-Sänger Scott Kennedy das Publikum an und schon geht es mit dem nächsten Kracher „Anti-Social“ weiter. Loz Taylor, der eigentliche Sänger der Band ist heute leider aus persönlichen Gründen nicht mit dabei, was jedoch kein Grund für die Band ist, den Auftritt abzusagen. While She Sleeps nutzen ihre Bühne, um auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen. In ihren Texten geht es immer wieder um Krieg, Ausgrenzung und das unerträgliche Gefühl der Ohnmacht. „If you`ve seen us before, it means the fucking world to us“, bedankt sich der Gitarrist Mat Welsh beim Publikum, woraufhin viele Besucher in Jubelrufe und Applaus ausbrechen. Auch der emotionale Song „Four Walls“ darf in dieser Setlist natürlich nicht fehlen und so werden die Feuerzeuge gezückt und der Text mitgesungen, wie es sich gehört. Mit „Hurricane“ zum Abschluss ergreifen noch einmal etliche Crowdsurfer ihre Chance und lassen sich Richtung Bühne tragen.

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Bilder: Lars-Tobias Lorbeer

CLAWFINGER 

Für die musikalische Varianz sorgen im Anschluss CLAWFINGER. Schon beim Eröffnungsstück „Prisoners“ tobt vor der Bühne ein staubiger Pit und daran soll sich auch im Verlauf des Konzerts nichts ändern. Natürlich dürfen im Set auch die Ausrast-Garanten „Nigger“, „Recipe for Hate“ und „Do What I Say“ nicht fehlen. Die Skandinavier, die 1993 ihren Durchbruch mit „Deaf Dumb Blind“ feierten, sind für ihren kraftvollen Crossover aus Rap und Metal bekannt. Nicht selten werden sie deshalb als europäische Antwort auf Rage Against the Machine gefeiert.

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Bilder: Lars-Tobias Lorbeer

HATEBREED

Eigentlich befinden sich die fünf New Yorker gerade auf einer ausgedehnten Jubiläumstour, um ihr 25-jähriges Bandbestehen zu feiern. Doch sie haben es sich nicht nehmen lassen, auch dem einen oder anderen Festival einen Besuch abzustatten. So geben sich die US-amerikanischen Metalcore-Legenden auch auf dem Reload die Ehre und bespielen die EMP Stage direkt vor dem Headliner des Samstags, BULLET FOR MY VALENTINE. Von Beginn an sorgt der brachiale Sound von HATEBREED für eine ausgelassen-aggressive Stimmung. Auch die schonungslosen Circle Pits, für die ihre Shows auch über die Landesgrenzen hinaus bekannt sind, lassen in Sulingen nicht lange auf sich warten. Die typischen langen Breakdowns, harten Gitarrenriffs und stampfenden Moshparts in Songs wie „Destroy Everything“ oder „Perseverance“ tragen dazu bei, dass diese Stimmung noch lange nicht abreißt.

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Bilder: Lars-Tobias Lorbeer

BULLET FOR MY VALENTINE

Diesen Headliner will sich wirklich niemand entgehen lassen: Fast das gesamte Festival-Publikum hat sich kurz vor Mitternacht auf dem Infield versammelt. BULLET FOR MY VALENTINE, die für viele Helden ihrer Jugend waren oder den Weg in den Metalcore bereitet haben, betreten unter großem Jubel die Bühne. Eine gewaltige Wand aus Scheinwerfern, auf der Schlagzeuger Jason Bowld thront, ist das Herzstück der Bühne. Und schon beim Opener „Don`t Need You“ wird klar, dass die Besucher eine Lightshow der Extraklasse erwartet. Grelle Lichtblitze zucken über das Feld, die Farben wechseln bei jedem Song. Zu „Your Betrayal“ wird alles in einen grünen Schimmer getaucht, für den Song „4 Words (To Choke Upon)“ vom Debutalbum „Poison“ gibt es ein pinkes Lichtkonzept. „We thank you for 15 years of support“, verkündet der sonst so wortkarge Frontmann Matthew Tuck. Zum Song „Tears Don`t Fall“, der einst den Durchbruch für die emotionalen Metaller bedeutete, verwandelt sich das Publikum in ein Meer aus Crowdsurfern, anschließend regnen Luftschlangen auf die Menge nieder. „Weaking The Demon“ soll für diesen Abend der letzte Song sein und die glückliche, aber geschaffte Menge applaudiert, bis die Walisen die Bühne verlassen haben.

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Bilder: Lars-Tobias Lorbeer

Doch wer denkt, das Reload Festival 2019 sei damit vorbei, der irrt: Die Veranstalter haben sich noch eine besondere Überraschung ausgedacht und geben ein minutenlanges Feuerwerk zum Besten. So bleibt dieser Festival-Samstag bestimmt bei allen im Gedächtnis.

Nach dem Reload ist vor dem Reload: Denn im nächsten Jahr feiert das Festival vom 13. bis 15. August sein 15-jähriges Bestehen. Tickets dafür gibt es bereits jetzt im Vorverkauf.

Danke an Michèle Förster für den Text.

Impressionen:

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Bilder: Lars-Tobias Lorbeer