Summer Breeze 2026 – Freitag – Zirkus des Seltsamen
Der Beginn des Freitags ließ den einen oder die andere nochmal genau nachdenken was man am Abend zuvor zuletzt getrunken hatte und ob das, was sich da auf der Mainstage abspielte, grade wirklich passiert.
Dass eine Wall of Death abgewandelt wird in eine “Wall of Love”, bei der geknuddelt werden soll, was das Zeug hält, hat man evtl. schon einmal gesehen. Auch Bandmitglieder in außergewöhnlichen Kostümen sind bei Weitem keine Seltenheit mehr; wobei wir hier nicht verschweigen, wie gut die fliederfarbene Perücke des Sängers von NANOWAR OF STEEL zum rosafarbenen Tütü passte. Ob der “Norwegian Reaggeton” zu irgendetwas passt, mussten die geneigten Beobachter selbst entscheiden, aber angesichts der Menge an glücklichen Gesichtern, passt der Song wohl sehr gut zu diesem Festival. Mit dieser permanenten Steigerung an Seltsamkeiten (oder war es doch der Song “Feet&Greet” bei dem auf der Videoleinwand ein riesiger Fuß bejubelt wurde?) wurde das Anbeten und Besingen von Möbelstücken unter deren Namen, die Sie bei einem großen blau-gelben Einrichtungshaus tragen, und dem Crowdsurfenlassen von drei LACK-Tischen zu einer fast normalen Tätigkeit.
Fotos: Richard Mastny
Danach blieb es für ein Metal-Festival ungewöhnlich, aber doch sehr ohrwurmlastig. DAS LUMPENPACK war zum ersten Mal auf dem SUMMER BREEZE zu Besuch, aber das direkt auf der Mainstage. Nachdem “Schluss mit Reden” nicht nur verbal zum Moshpit aufrief, sondern als Antwort die direkte Umsetzung passierte, war auch die Band selbst begeistert. “Warum seid ihr denn so viele? Das ist ja süß!”, kommentierte Jonas Frömming die für die Mittagszeit beachtliche Menge vor der Bühne. Der Dauerbrenner “Kann es sein, dass du dumm bist?” wurde mit so viel Jubel und Mitsingen bedacht, dass ein verlegenes “Hört doch auf! Ich bin so viel positiven Zuspruch von Leuten die cooler aussehen als ich nicht gewohnt!” hinterher kam. Doch die Begeisterung riss nicht ab, auch wenn sich nach der 4. langen Ansprache die Frage breit machte, ob der Anspruch war, die Balance zwischen politischer Correctness und Songs bei 50/50 zu halten. Dennoch bleibt ein Gedanke: Egal wie wenig Metal diese Band ist – unterhalten können sie!
Fotos: Birger Treimer
Parallel dazu spielten BRAINSTORM zum mittlerweile achten Mal auf der T-Stage und zeigten, dass die Lokalhelden hier nach wie vor sehr willkommen waren. Trotz der frühen Mittagsstunde hatte sich eine ansehnliche Menge vor der Bühne versammelt. Diese unterstützte bei den interaktiven Mitmach-Parts auch fleißig durch Klatschen und Mitsingen, was hier weitaus harmloser klingt, als es bei einer Heavy Metal Band tatsächlich ist. Die Stimmungskanonen bewiesen eindrucksvoll, dass ein routinierter Auftritt keineswegs langweilig sein muss.
Fotos: Richard Mastny
Die Sonne stand hoch am Himmel und wir schwitzten einvernehmlich vor uns hin, als uns das aggressivste “Guten Morgen” des Tages entgegenschallte. FUTURE PALACE machten sehr schnell klar, dass der pastellblaue Mikroständer aus stilisierten Seifenblasen kein Abbild der Musik war. Sängerin Maria Lessing tobte mit markanten Shouts über die Bühne, und das mit einem strahlenden Lächeln. Auch wenn es FUTURE PALACE noch nicht so lange gibt wie manch andere Band an diesem Wochenende, haben sie sich ihren Platz auf dieser Bühne wahrlich verdient. Und sie brachten sogar brandneue Songs von dem am 31.07.2026 erschienenen Album “Resurgence” mit.
Fotos: Birger Treimer
Inspiriert von dieser kraftvollen Stimme wanderten wir zum Campsite Circus und zu HARSH VOCALS MIT BRITTA GÖRTZ”, um zu lernen wie wir mit unserer Stimme ebenfalls solche Geräusche zustande bringen können. BRITTA zeigte und erklärte sehr anschaulich, mithilfe welcher Techniken die Stimme zu verschiedensten Arten von Geräuschen moduliert werden konnte. Auch ging sie auf Fragen aus der Teilnehmerschaft ein und half drei Freiwilligen bei der Verbesserung der bereits vorhandenen Skills. In einem persönlichen Gespräch offenbarte sie uns, dass sie diese Sessions meist sehr intuitiv und ohne Script gestaltete, damit die Authentizität erhalten bleibt.
Fotos: Richard Mastny
Nach diesem doch recht alternativen Beginn des Festivaltages wurde es als nächstes durchaus klassisch, wenn auch anderweitig ungewöhnlich. Bei den BROTHERS OF METAL rechnete man mit einem Haufen Männer,, die dem typischen Metaller ähnlich sehen und zum Teil bekam man auch genau dieses Bild geliefert. Doch die stärkste Erscheinung und Stimme der Band gehörte der einzigen Frau in der Gruppe. Ylva Eriksson erinnert an eine Lagherta, eine starke Kriegerin und Anführerin, mit der du dich lieber nicht anlegen willst. Womit man sich auch nicht anlegte, war der Rollstuhl-Circlepit, den das Projekt Metality während des Songs “Hel” ermöglichte. Danach gab es eine Lektion in Sachen Sprache, als Frontman Mats Nilsson erklärte: “I can speak german, but I want to speak viking!” und ein “Skål” vom Publikum verlangte, das ohrenbetäubend laut zurückschallte. Die Dreiviertelstunde verging wie im Flug und nach “Defender of Valhalla” und der emotionalen Mitteilung, dass Mats kurz vor der Show erfahren hatte, dass er einen Sohn bekommen würde, endete das Set weitaus emotionaler als wir zu Beginn gedacht hatten.
Fotos: Birger Treimer
THE BUTCHER SISTERS halfen danach sehr effektiv dabei die letzten noch vorhandenen Gehirnzellen auf das niedrigste vorhandene Niveau herunterzuschrauben. In weißen Jogginganzügen und mit der Attitüde von Malle-Königen brachten die Jungs die heißgelaufene Menge zum Eskalieren. Sei es mit einem Song über Flachwitzen, einer Wall of Death die durch einen Rülpser ausgelöst wird oder indem sie die Menge zu einem Moshpit rickrollten… Dieser Auftritt war eine Erfahrung, die das Potential hatte nachhaltige Schäden zu hinterlassen, was den eigenen Humor angeht.
Fotos: Birger Treimer
Wem diese Band zu abgedreht war, der fand auf der Rebel Tool Stage bei BRYMIR weitaus ernstere Töne. Das Set der Finnen begann episch mit dem Song “Sleipnir”. Die finnische Herkunft der Band ist in ihrem musikalischen Konzept durchaus hörbar, ohne dass die Songs lediglich nach einer weiteren Kopie des skandinavischen Melodic Death Metal klingen. Schnelle Gitarrenläufe, harte Vocals und treibende Drums trafen auf weit ausgreifende Melodien. Genau diese Kombination bot eine angenehme Kompromisslosigkeit und eine willkommene Abwechslung zum Treiben auf den anderen Bühnen. Wobei es zum Ende doch noch einmal kurios wurde, als zum Abschied “Always Look On The Bright Side Of Life” zum Besten gegeben wurde.
Fotos: Richard Mastny
Danach wurde es sagenhaft auf der Rebel Tool Stage mit ERDLING, die bei ihrem Auftritt zu einer Mischung aus Dark Rock und eingängigen Melodien, die zum Tanzen und Mitsingen animierten, einluden. Textlich blieb es dabei oft mythisch mit Songs wie “Götterdämmerung” oder “Im Namen der Krähe”, die einen recht märchenhaften Inhalt hatten. Die halbe Stunde verging auch hier wie im Flug und mit dem Publikums-Liebling “Mein Element” entließ uns diese Band in den Abend und bereit für die Headliner.
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Die ersten davon an diesem Freitag waren LAMB OF GOD, und die waren gar nicht mal so demütig, wie der Name vermuten ließ. Das Set startete mit “Ruin” und setzte direkt den Maßstab für alles was noch kommen sollte. Wer hier vorher nicht das Headbangen trainiert hatte, der hat sich sicherlich bei dem unerbittlichen Tempo in dem der Rhythmus auf die Menge einschlug, ein Schleudertrauma geholt. „Scream for me, SUMMER BREEZE!“, forderte Frontman Randy Blythe und die Menge gehorchte. Zum Dank gab es die Aufforderung zum gemeinsamen Spaziergang bei „Walk With Me In Hell“ und der Name war Programm, denn es wurde noch heißer. Feuerfontänen schossen in die Höhe und brachten die Front Row samt Graben zusätzlich ins Schwitzen. Hier zeigte sich, in welchen Gefilden LAMB OF GOD zuhause sind und sich auskennen. Mit einer Mischung aus Groove Metal, Pyro-Effekten und einer Show, die niemanden still stehen ließ.
Fotos: Birger Treimer
Der Auftritt von ARCH ENEMY wurde von vielen erwartet, jedoch mit sehr gemischten Gefühlen, sollte sich doch heute entscheiden wie “die Neue sich so macht”. Entsprechend hoch waren die Erwartungen an das Debut der neuen Frontfrau Lauren Hart. Erwartungsgemäß war das Infield vor der Main Stage schon vor dem Beginn zum Bersten gefüllt. Die Bühne war von einem rot-schwarzen Banner mit der Aufschrift “Pure Fucking Metal“ verhüllt, das schließlich zu “Ace Of Spades“ fiel und den Beginn eines Abrisses markierte, der seinesgleichen suchte. Lauren legte von Sekunde eins an eine beeindruckende Energie an den Tag und nahm dabei Bandkollegen wie auch Publikum mit. Nach diesem furiosen Start stellte sich die Frontfrau persönlich vor mit “Hallo, ich bin die Neue!” und leitete über zur aktuellen Single “To The Last Breath”. Zusätzlich zu den vielen bunten Bällen, die das Publikum begeistert ein ums andere Mal über die Menge fliegen ließ gab es noch ein anderes “Special Treat“, nämlich den Song “Dead Bury Their Dead“, der ursprünglich mal für das allererste Album von ARCH ENEMY geschrieben worden war und den die Band lange nicht live gespielt hatte. Zum Abschluss folgte ein beeindruckendes Gitarrensolo, bevor ARCH ENEMY mit “Nemesis“ einen optimalen Abschluss für ein denkwürdiges Debüt in neuer Besetzung hinlegten.
Fotos: Richard Mastny
Der Tag näherte sich dem Ende, als kurz vor Mitternacht folkige Töne die Härte der vorhergegangenen Bands etwas auflockerten. Doch wer VERSENGOLD kannte, der wusste schon bei den ersten Tönen von “Der Tag mag kommen”, dass trotz weniger brachialem Schlagzeug die Party noch lange nicht zu Ende war. Auch das Ballspiel sollte kein Ende finden, als eine aufblasbare Kugel zum Spielball des johlenden Publikums wurde. Bei „Dans Op De Del“ erklärte die Band ihren eigenen „Laien Dance – ein Line Dance für Deutsche“ und brachte damit auch jene Besucher in Bewegung, die vielleicht nicht unbedingt Fans vom Tanzen waren. Dass VERSENGOLD dabei keine Berührungsängste kennt, zeigte sich auch bei „Falscher Leuchtturm“. Die Band nutzte den Song für eine deutliche politische Positionierung gegen Rechts und verlieh dem Stück den alternativen, wesentlich provokanteren Titel „Fick die AfD!“. Gerade im Festivalumfeld sorgte dieser Moment für eine klare Botschaft, ohne dass die musikalische Dynamik darunter litt. Sänger Malte Hoyer fasste aber auch die Crowd nicht mit Samthandschuhen an, sondern forderte mit einem Augenzwinkern und den klaren Worten “Ich hab gesagt, das soll laut sein, nicht schön!” das laute Mitsingen bis -brüllen ein. Nach einem Ausflug mitten ins Publikum wurde es zum Ende hin wieder etwas ruhiger. Die Band bedankte sich bei der Crew sowie bei Polizei, Rettungskräften, Security und allen weiteren Menschen, die hinter den Kulissen für den Festivalbetrieb verantwortlich waren. Den musikalischen Schlusspunkt setzte schließlich der traditionelle A-cappella-„Abgesang“, mit dem sich die Band damit bewusst ohne großes instrumentales Finale verabschiedete.
Fotos: Birger Treimer
Auch wenn der Festivaltag noch die ein oder andere Perle vorhielt, war für uns der Tag an dieser Stelle zu Ende und wir schunkelten unseren Betten entgegen, gespannt was der letzte Tag so mit sich bringen würde.

