M’ERA LUNA 08.-09.08. 2026 – Sonntag
Der Sonntag bildete den zweiten und zugleich letzten Festivaltag vom diesjährigen M’era Luna. Nach den verwöhnenden drei Tagen im Jubiläumsjahr 2025 wurde in diesem Jahr leider wieder zu seinem klassischen zweitägigen Format zurückgekehrt.
Morgens waren die Temperaturen noch erträglich und schon früh überraschend viele zerknautschte Gesichter zu sehen. Für mich begann der Tag mit einer Lesung von Lydia Bennecke, die ihre Zuhörerschaft im Hangar mit einer psychologischen Betrachtung der Charaktere aus dem Buch „Wuthering Hights“ von Emily Brontë überraschte. Definitiv ist der Stoff spannend, doch weit weniger berührend oder grausam, als wir es von anderen Fällen der Krimininalpsychologin gewöhnt sind. Natürlich kann eine fiktive Geschichte das in der Intensität auch nicht leisten und es war spannend, klassische Literatur einmal aus einem völlig neuen Blickwinkel betrachten zu können.
Auf der Main Stage übernahm SOTIRIA. Für die frühe Uhrzeit war das Infield schon erstaunlich gut gefüllt und die Sängerin wurde von den Fans mehr als dankbar angenommen. Sie präsentierte unter anderem Songs von ihrem neusten Album wie „Weiß wie Schnee“ und „Schwarzer Diamant“. Zudem spielte sie „Meine Liebe ist Gift“, das im Original gemeinsam mit EISBRECHER entstand. Diesmal sang SOTIRIA den Song ohne Alex Wesselsky und bewegte sich dabei elegant auf dem Laufsteg entlang vor den begeisterten Fans.
SOTIRIA erzählte den Fans, dass sie früher unter dem Namen EISBLUME Musik gemacht und damals den gleichnamigen Song von ihren Freunden von SUBWAY TO SALLY covern durfte. Auch Jahre später konnten die Fans den Text noch immer mitsingen. Bei einigen Besuchern flossen dabei sogar die Tränen und es herrschte Gänsehautstimmung. Bei SUBWAY TO SALLY, die „Eisblumen“ in den vergangenen Jahren bereits selbst auf der Bühne des Festivals performten, wirkte der Song für mich allerdings noch einmal deutlich kraftvoller.
Fotos: Dennis Post
EISENFUNK präsentierten derweil motiviert einige alte Klassiker und Stücke ihrer Comeback-EP “Superhelden” auf der Clubstage. Zum Quasi-Titelsong “Super Action Handlungsheld” sprangen dann sogar Crew-Mitglieder als Superman, Spiderman und Deadpool kostümiert über die Bühne. Das absolute Highlight, ihren Kulttrack “Pong”, bewahrten sich die Bayern dann aber für den umjubelten Schluss auf.
Danach wurde es auf der Main Stage mit STAHLMANN deutlich rockiger. Die Band brachte ihre gewohnte Mischung aus Neue Deutsche Härte und Industrial auf die Bühne. Besonders bei „Herz aus Stahl“ drehten Band wie Publikum so richtig auf. Es wurde aus voller Kehle mitgesungen und trotz massiv steigender Temperaturen gehandbangt, getanzt und gerufen. Schon zu diesem Zeitpunkt zeigte sich eine der großen Stärken des Sonntags: Das Festival legte sich nicht auf eine bestimmte Spielart der schwarzen Musik fest. Stattdessen konnte das Publikum innerhalb weniger Stunden zwischen unterschiedlichen Stimmungen wechseln.
Dorian Deveraux, Frontmann und Haupt-Songschreiber von JESUS ON EXTASY, erinnerte sich nebenan auf der Club Stage inzwischen daran, mit der lange inaktiven Band schon mal beim M’era Luna aufgetreten zu sein: “Was geht, Gang? Schön, nach 17 Jahren wieder hier zu sein!”, leitete er den rockigen Auftritt ein. Mit fünf Songs der Comeback-LP “Between Despair and Disbelief” sowie drei Stücken vom 2007er-Debüt “Holy Beauty” konnten die Industrial-Rocker das Publikum absolut mitreißen. Lustig: Beim Refrain von “Wide Awake” rutschte Dorian gar aus, schaffte es aber, das Mikro in der Hand zu halten und im Fallen weiterzusingen. Für die unbeabsichtigte Zirkuseinlage gab es dann auch verdienten Szenenapplaus.
Fotos: Dennis Post
Mit SKYND folgte am frühen Nachmittag einer der ungewöhnlicheren Acts des Tages. Die australische Industrial-Band ist für ihre düstere, provokante Auseinandersetzung mit realen Kriminalfällen bekannt und setzt diese Themen musikalisch und visuell in Szene. Bei der weltweiten Begeisterung für True-Crime-Formate war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis diese Thematik auch musikalisch aufgegriffen wurde. Vor der Bühne herrschte dabei bereits am frühen Nachmittag eine brütende Hitze, die durch den dröhnenden Bass noch einmal mehr spürbar wurde. Offenbar war es einigen Besuchern nach den ersten Liedern zu laut, sodass sich einige aus dem Bereich vor der Bühne zurückzogen. Diejenigen, die blieben, hatten dafür umso mehr Spaß. Zu Songs wie „Gary Heidnik“ und „Tyler Hadley“ tanzten die Fans in der prallen Hitze zu den skurrilen Melodien und ließen sich von der ungewöhnlichen Atmosphäre des Auftritts mitreißen.
Fotos: Dennis Post
Um 14:15 Uhr war es Zeit für THE 69 EYES. Die finnischen Goth’n’Roll-Veteranen brachten eine ganz andere Form von Dunkelheit nach Hildesheim: weniger elektronisch und verstörend, dafür rockiger, glamouröser und stark von der Ästhetik des Gothic Rock geprägt. Ihr Repertoire umfasst vor allem alte und geliebte Stücke wie „The Chair“ und „Brandon Lee“, welche auch als die wohl bekanntesten der Finnen gelten. Die Musiker kennen ihre Fans und bedienen deren Wünsche nur zu gern. Den Abschluss ihres Auftritts bildete BOB DYLANS „All Along The Watchtower“ vom Band.
Fotos: Dennis Post
Während THEN COMES SILENCE mussten wir leider hitzebedingt aussetzen. Pauen im Schatten mit Wasser sind immen wichtig, um das Festibal gut durchzustehen. Dafür muss man leider Opfer bringen. Halbwegs glücklich konnten sich alle auf der überdachten und daher etwas kühleren Clubstage schätzen, auf der CLAN OF XYMOX sodann mit ihrem sehr tanzbaren EBM-Sound für Discofeeling sorgten. Die Niederländer öffneten die Herzen aller 80s-Liebhaber mit ihrem wohltemperierten Dark Wave aus den Anfangstagen desselben. Hits wie “Jasmine & Rose” und “She” fehlten natürlich nicht und man konnte sich nach der Mittagspause richtig schön eingrooven.
Fotos: Dennis Post
Mittlerweile wurde besonders auch den Besuchenden der Mainstage klar: der Tag heute würde wirklich herausfordernd werden. Bei einer Höchsttemperatur von 34 Grad konnte nur mit Mühe ein ganz normales Festival-Feeling aufkommen. Nach jedem Akt waren die Wasserstellen überlaufen und die wenigen Schattenplätze heiß begehrt. Die Kleidung wurde immer weniger und die Durchhalteparolen untereinander lauter. Dies tat dem Auftritt von L’ÂME IMORTELLE aber zum Glück keinen Abbruch. Das österreichische Duo ist seit Jahrzehnten eine feste Größe der deutschsprachigen Gothic- und Dark-Electro-Szene. Zwischen elektronischen Klängen, melancholischen Passagen und emotionalem Gesang entstand ein Kontrast zu den härteren Auftritten des Tages. L’ÂME IMPORTELLE standen dabei exemplarisch für jene Seite des M’era Luna, die nicht auf Härte oder große Rockgesten angewiesen ist. Die Musik lebt vielmehr von Melancholie, Atmosphäre und emotionaler Intensität. Zu „Gefallen“ und „Life Will Never Be The Same Again“ haben wohl viele von uns ihre ersten vorsichtigen Tanzschritte in der Disco erlebt und entsprechend emotional und elegisch wurden die Songs aufgenommen. Die Band ist kaum mehr aus er Szene wegzudenken und wird und hoffentlich noch viele Jahre erhalten bleiben.
Fotos: Cynthia Theisinger
Auch auf der Clubstage bauten Veteranen ihr Set auf. NEUROTICFISH stehen ebenfalls bereits seit über 30 Jahren auf der Bühne und doch schafft es Sascha Klein mit seiner eindringlichen Stimme immer noch, die Massen sowohl ins Tanzen als auch in tiefe Melancholie zu stürzen. Die kühlen Klänge bildeten danbei einen schönen Kontrast zur wabernden Hitze ringsumher. “Are you civilized?”, die Frage stellt sich in den unsicheren Zeiten mehr denn je und der entsprechende Song schlug genauso ein wie die musikalische “Bomb” direkt danach. “How To Suffer” kam etwas ironisch rüber, darin brauchte nach dieser Hitzeschlacht in Hildesheim keiner mehr eine Anleitung.
Fotos: Dennis Post
Ein besonderer Programmpunkt war anschließend FlOOR JANSEN. Die niederländische Sängerin, die international insbesondere als Frontfrau von NIGHTWISH bekannt ist, trat beim MERA LUNA als Solo-Künstlerin auf und stellte einen deutlichen Wechsel hin zu größerem, kraftvollem Gesang und einer rockigeren Ausrichtung dar. Bereits im Vorfeld war ihr Auftritt entsprechend prominent angekündigt worden und Floor enttäuschte die großen Erwartungen nicht.Neben eigenen Songs wie „Reversed Polarity“ und „Invincible“ bediente sich die Künstlerin auch aus dem deutlich bekannteren NIGHTWISH Fundus. Besonders mit „Amaranth“ oder „Nemo“ traf sie einen Nerv beim Publikum und ihr kraftvoller und emotionaler Auftritt endete viel zu schnell.
Fotos: Dennis Post
Eine weitere Schattenpause kostete uns leider das Vergnügen, AESTHETIC PERFECTION, die ultimativen “Summer Goths”, live sehen zu können. Der gleichnamige Song wehte zum Glück dennoch laut genug herüber, um zumindest ein wenig kraftlos mit dem Fuß wippen zu können.
Doch nun wurde es Zeit für eine weitere Szenegröße. LACRIMOSA. Das Urgestein des Goth aus den 90ern um Sänger Thilo Wolff und Sängerin Anne Nurmi präsentierte eine gelungene Mischung aus alten und neuen Songs und bewies, dass sie auch nach so vielen Jahren in der Szene noch immer mit der gleichen schmerzvollen Insensität über Liebe, Einsamkeit und das Liebesleid singen können. Der Song „Morgen Danach“ ist an qualvoller Eindringlichkeit kaum zu überbieten und auch, wenn wir alle unter den Temperaturen litten, war noch genug Raum für ein (Mit-)Leiden emotionaler Natur. Hier wird nicht laut gegrölt, sondern mit leiser, tränenschwerer Stimme mitgesungen.
Fotos: Mirco Wenzel
Auf der Clubstage gibt sich währenddessen eine der dienstältesten Bands des Wochenendes die Ehre, nämlich niemand anderes als DIE KRUPPS. Die in den 80ern in Düsseldorf gegründete Kombo blickt auf eine Bandgeschichte zurück, die reicher an Jahren ist als viele in ihrer Hörerschaft und beweist mit ihrer Performance, dass sie trotzdem noch lange nicht zum alten Eisen gehört. Sehr kurzfristig für KMFDM eingesprungen, nehmen die Düsseldorfer uns auf eine Reise durch ihre Diskografie mit, von „Schmutzfabrik“ über den “Amboss” bis „Fatherland“ und “Bloodsuckers”. Das selbstgebaute Stahlofon (ein Instrument, das wie ein Xylophon aus Kruppstahl aussieht) wurde kräftig bearbeitet und erinnert uns besonders beim Song “Metal Machine Music“ an den Ursprung ihres Namens, der auf keine Geringere als die Industriellenfamilie Krupp zurückgeht.
Fotos: Mirco Wenzel
Ihnen folgte als Schlussakkord auf der überdachten Bühne der Clubstage der Solokünstler Chris Corner mit seinem Projekt IAMX, bei dem er mit Langzeit-Livedrummer Jon Siren und wechselnden Künstler*Innen eine einzige Hommage an Kunst, Wahrheit und eine ganze Menge Sex zelebriert. Letzteres wird ganz besonders deutlich in der knisternden Dynamik zwischen Chris und Bassistin Gözde Düzer (Aux Animaux), die dem Publikum beinah die Schamesröte in die Wangen treibt. Der kraftvolle, enegetische Elektropop-Sound tut bei den hohen Temperaturen sein übriges, um alle gehörig ins Schwitzen zu bringen. Mit Songs wie „Disciple“, „I Come With Knives“ oder „No Maker Made Me“ unterstreichen IAMX ihr Image als freiheitsliebende, konventionslose Kunstschaffende und treffen damit genau ins Herz der schwarzen Szene.
Fotos: Mirco Wenzel
Zu ganz anderen und weit weniger sexuell aufgeladenen Tönen kam es nach einer halbstündigen Umbauphase auf der Mainstage ab 19.15 mit OMD, kurz für „Orchestral Manoeuveres in the Dark“. Die Synthiepop-Kombo hieb ordentlich in die Tasten und dank langsam sinkender Temperaturen konnte auch endlich wieder getanzt werden, ohne die Befürchtung, dabei irgendwann zu kollabieren. Das nutze die Band leidlich und offensichtlich erfreut aus, und während sie uns durch viele Jahre Songgeschichte mitnahmen, die mittlerweile beeindruckende 14 Studioalben sowie zahlreiche Kompilations und Live-Mitschnitte umfasst, wurde es langsam dunkel. Von „Electricity“ über „Live And Die“ und einem ihrer größten Hits „Joan Of Arc“ hin zum abschließenden „Enola Gay“ wurden viele Wünsche erfüllt und Herzen (neu-)erobert.
Fotos: Mirco Wenzel
Mit offenen Herzen waren mehrere Tausend Musikbegeisterte nun bereits für den abschließenden Hauptact des Sonntags, SALTATIO MORTIS, versammelt. Gewohnt laut und feurig erobern die Mittelalterrocker die Bühne und die Begeisterung aller Beteiligten ist fast mit Händen zu greifen. Zum Auftakt fiel direkt der Kabuki-Vorhang zu den Dudelsackklängen von „We Will Rock You“ unter tosendem Applaus. Von den bescheidenen Anfängen der Band ist nichts mehr zu spüren, vorbei sind die Zeiten, als sie in kleiner Mannstärke mit Dudelsack und großen Träumen vor kleinem Publikum auf Mittelaltermärkten auftraten. Den damaligen Zweiflern ruft Sänger Alea selbstsicher zu: „Schaut, wo wir jetzt sind!“ – und die Menge vor der Bühne explodiert. Passend dazu geht es auch bei der Bühnenshow hoch hinaus: Alea ließ sich in einem aufblasbaren Drachenboot über das Meer der Fans tragen und sang dabei „My Mother Told Me“. Damit war noch längst nicht genug Publikumsnähe erreicht – nach der Aufforderung, den Circle Pit zu vergrößern, ließ er sich von einem beherzten Fan auf die Schultern heben. Auch musikalisch blieb der Abschluss abwechslungsreich. Neben „Vogelfrei“, „Für Immer Jung“ stand auch „Keine Regeln“ auf der Setlist, das SALTATIO MORTIS gemeinsam mit Finch aufgenommen hat. Natürlich ohne Finch, dafür mit einem ganz persönlichen Gruß von Alea: „Wer hätte gedacht, dass ein Finch-Song mal auf dem M’era Luna gespielt wird?“ Die Menge feierte auch diesen Moment ausgelassen. Der musikalische Abschluss des Festivals war eine einzige große Party mit wenigen Verschnaufpausen. Mit „Spielmannsschwur“ erklang schließlich der letzte Song des Festivals. Während die Band längst aufgehört hatte zu spielen, sang das Publikum im Chor einfach weiter, als sich SALTATIO MORTIS auf der Bühne verbeugte und die Melodie noch einmal durch das Infield getragen wurde.
Danke an alle für dieses mehr als gelungene Familientreffen!

