Aus dem Hochsommer zu den Färöern und wieder zurück – EIVØR in Hannover
Vermutlich ist es der heißeste Tag des Jahres bislang.. die Luft flirrt, Menschen tragen ein Minimum an Kleidung und alle pilgern an die Leine, die Ihme und in den nächstgelegenen Biergarten, um sich etwas abzukühlen. Alle? Nein.. eine ausgewählte Schar musikbegeisterter Menschen hat den Ruf des Nordens gehört. Genauer gesagt den, der Färöer-Inseln und der Stimme einer ihrer wohl bekanntesten Einwohnerinnen und Künstlerinnen. Eivør – bürgerlich Eivør Pálsdóttir – hat aber nicht nur ihre elfengleiche Stimme zu bieten, sondern auch ein mittlerweile über 2 Jahrzehnte reichendes Repertoire an Songs, Alben und Kollaborationen, welche elegant zwischen den Stilen wandeln. Sie verbindet Folklore mit Elementen aus Dark Pop, ambienter Electronica und klassisch-filmischen Arrangements. Angefangen in der traditionellen färöischen Volksmusik und dem akustischen Songwriting hat sie über die Jahre ihren Sound stetig weiterentwickelt. Einem breiten Publikum wurde sie spätestens durch ihre atmosphärischen Beiträge zum Soundtrack der erfolgreichen Netflix-Serie “The Last Kingdom” (zusammen mit John Lunn) bekannt.
Ihr Auftritt in Hannover stand nun im Zeichen ihrer jüngsten musikalischen Entwicklung und der Vorbereitung auf ihr kommendes Studioalbum “Tungl” (färöisch für „Mond“), welches für den 16. Oktober 2026 angekündigt ist. Und passend zum Wetter führte sie die „Summer Tour“ in die 60er-Jahre Halle des Kulturzentrums Faust. Aber nicht nur das – sehr zu unserer Freude hat sich Eivør auch noch die Zeit genommen, uns kurz vor ihrer Show ein paar kurze Fragen zu ihrem neuen Album und der dazugehörigen Tour zu beantworten. Ein herzliches Danke an dieser Stelle nochmal auch an Tourmanagerin Emily.
Interessanterweise hatte der Konzertabend keine Vorband. Warum dies so war, konnte uns leider niemand verraten. Aber so ging es pünktlich um 19:30 Uhr direkt mit der Hauptperson dieses Abends los. Innerhalb der 60er-Jahre-Halle herrschten ungefähr die gleichen klimatischen Verhältnisse wie draußen, und die Besucher drängelten sich auf der einen Seite der Halle um die Bar, auf der anderen Seite um den Merchstand, wo es neben Shirts und CDs auch Bilder zu kaufen gab, denn Eivør ist nicht nur eine hochgradig talentierte Musikern, sie malt auch wundervoll. Ihre stilistische Naturmotive in schwarzweiß fanden auch an diesem Abend Abnehmer. Und nachdem alle ihr Kaltgetränk und den möglichst passenden Stehplatz gefunden hatten, senkten sich die Lichter und es ging mit „Jardartra“, ein Song mit einem elektronischen Beat los, der an einen Herzschlag erinnert. Man hatte das Gefühl, der eigene passt sich automatsch an und man wird in ein Ritual hineingezogen, dessen Ende noch unbekannt ist. Eivør selbst betrat die Bühne im schwarzen Kleid, das lange blonde Haar kunstvoll zu Zöpfen aufgesteckt. Mit ihrer wundervollen Stimme zog sie ihre Zuschauer ab dem ersten Ton in ihren Bann. Aber die erste Spannung löste sich schnell, denn sie hatte mit „Hugsi Bert um Teg“ als zweites Stück eines gewählt, das weitaus beschwingter und weniger ernst daher kommt. Mit umwerfenden Lächeln begrüßte sie danach die Zuschauer und lud uns ein, mit ihr auf eine mystische, musikalische Reise zu gehen. Und genau dafür waren wir da. Mittlerweile war die Faust auch weitestgehend voll und das bunt gemischte Publikum kannte Eivør vermutlich auch aus den unterschiedlichsten Medien und Gründen. Nach dem nächsten Song „Salt“, der eher Weltmusikanleihen im Stil von KATE BUSH oder BJØRK hat, brachte sie mit „Livstraedrir“ und „Hymn 49“ zwei Songs, die sie zusammen mit John Lunn für den Soundtrack von „The Last Kingdom“ gemacht hat.
Hier fühlte sich ganz offenbar der jüngere Teil des Publikums besonders angesprochen und jubelte und klatschte frenetisch. Die nächsten zwei Songs wurden etwas ruhiger und bedächtiger. Eivør erinnerte uns daran, dass wir alle Tage und Situationen haben, wo wir verzweifeln und nicht weiter wissen und genau für diese Tage hat sie die Songs „Let it come“ und „Skyscraper“ geschrieben. Sanft, melodisch, tröstend.. und dazu diese Stimme. Ein erwachsener Mann neben mir weinte. Das ist es, was Musik am besten kann – Emotionen vermitteln. Aber damit es nicht zu besinnlich wird oder die Stimmung kippt, war der nächste Song einer von Eivørs bekanntesten Kompositionen, der entsprechend frenetisch bejubelt wurde: „Trollabundin“: Mit ihrer großen Rundtrommel und rituellen nordischen Atemtechniken als Instrument wirkt der Song fast archaisch. Aber damit auch das neue Album nicht zu kurz kommt, waren die nächsten beiden Songs die ersten Singleauskopplungen „Healer“ und „Drekafljod“. Wunderbar mystisch und schwebend, lassen beide Songs hoffen, dass „Tungl“ ein ähnliches Meisterwerk wird, wie sein Vorgänger „Enn“. Mit „So close to being free“ stand dann wieder mal ein englischsprachiger Song an. Ein wundervoller verträumter Text, den durch die englische Sprache auch fast alle verstanden. Mit „Enn“ und „Upp ur Oskuni“ machten wir dann nochmal einen Ausflug zum letzten Album, welches auch den Namen „Enn” trägt und für alle, die es noch nicht gehört haben sollten eine ganz klare Empfehlung ist. Eivør ließ es sich an dieser Stelle auch nicht nehmen, ihre wundervollen Live-Musiker vorzustellen, die dem Abend tadellose Live-Untermalung ihrer Performance gegeben haben und von E-Cello bis Autotune-Backingvocals einige unerwartete Specials mit eingebracht haben. Mit „Gullsunnin“ und „I Tokuni“ kündigte sie dann schon die letzten Songs des Abends an. Letzterer handelt vom Verlorengehen in den Nebeln der Berge – was in ihrer Heimat, so sagt sie, durchaus schnell passieren kann wenn man nicht aufpasst. Auch dieser Song erfreute sich großer Beliebtheit und der Verusch, die Bühne zu verlassen währte nur kurz. Mit frenetischem Jubeln, Klatschen und Sprechchören wurden Eivør und ihre Band wieder auf die Bühne gerufen, und gönnten uns noch einen letzten Song: „Falling Free“. Sollte es irgendjemand bis zu diesem Zeitpunkt des Abends geschafft haben, noch nicht ergriffen von der Schönheit der Musik und Eivørs Stimme zu sein, dann war er es jetzt. Ein wundervoller Song über die Liebe, traumhaft schön präsentiert. Jeder Ton saß. Jetzt weinten tatsächlich diverse Menschen im Publikum. Aber als danach das Licht anging und die Reise beendet war, ging niemand traurig oder mit schlechten Gefühlen nach Hause. Vielmehr beseelt von diesem kurzen Ausflug in die Welt einer Ausnahmekünstlerin, die Kunst und Können, Schönheit, Mystik und Geheimnis in Musik zu verwandeln versteht. Wer es versäumt hat, muss aber nicht traurig sein. Anfang nächsten Jahres geht Eivør auf Tour mit dem neuen Album und hat auch einen Zusatztermin in Hannover mit dabei. Dann im Capitol, die Karten sind bereits im Vorverkauf.

