M’ERA LUNA 08.-09.09.2026 – Sommer, Sonne, Familientreffen! SAMSTAG
Schon seit Monaten fieberte die schwarz/bunte Community dem Festival entgegen, das aus der Jahresplanung gar nicht mehr wegzudenken ist und bei dem wir die Szene, die Musik und vor allem uns selbst feiern. Am zweiten August-Wochenende pilgerten also rund 25.000 Besucher*Innen aus ganz Europa zum Flughafen Hildesheim-Drispenstedt, taten genau das – und hatten für die angeblich so ernste und düstere Szene wie immer ausgesprochen viel Spaß.
Neben der breit aufgestellten Palette an Bands aus den verschiedenen musikalischen Genres der Szene (von Dark Wave über Neue Deutsche Härte, Smphonic Metal und Industrial bis hin zu Mittelalterrock war wohl für alle etwas dabei), sorgte auch das Rahmenprogramm für Abwechslung. Ob beim Schlendern über den Mittelaltermarkt, Shoppen an diversen Merch-Ständen, einer großen Auswahl an Essensoptionen und dem literarischen Freitagsprogramm, bei dem verschiedene Autor*Innen wie Markus Heitz oder die bekannte Kriminalpsychologin Lydia Benecke im Hangar auftraten, Langeweile konnte hier nun wirklich nicht aufkommen.
Statt des angekündigten bewölkten Himmels, begrüßte auch noch strahlender Sonnenschein bei rund 26 Grad die Festivalgäste, einem fantastischen Wochenende stand also nicht mehr im Wege.
Vor entsprechend best gelauntem Publikum konnte Newcomer MORTES seine Feuertaufe auf dem M’era Luna absolvieren und wurde mehr als warm empfangen. Von seinen dunklen, grungigen Beats und gefühlvollen Balladen werden wir alle sicherlich noch mehr hören in den nächsten Jahren, die halbe Stunde auf großer Bühne hat Lust auf mehr gemacht.
Fotos: Dennis Post
Wesentlich lauter und natürlich auch bekannter ging es mit XANDRIA weiter, die seit ihrem Erfolgshit „Kill The Sun“ aus dem Jahr 2002 bereits einen festen Platz in der schwarzen Szene haben. Seitdem hat die Band so oft Frontfrauen und Mitglieder gewechselt, dass es schwer fällt, den Überblick zu behalten. Musikalisch stimmte für die Zuhörenden auf jeden Fall alles und das ließ das M’era Luna sie auch spüren. Da das neue Album “Eclipse” am selben Tag erschienen war, stand auch reichlich neues Material für das Live-Set zur Verfügung. der irisch inspirierte Tanzsong “A Shannon’s Home” wurde genauso präsentiert wie das Live-Debut vom Titelsong des Albums “Eclipse” sowie “Colours”. Dass die Truppe um Marco Heubaum aber keineswegs ihre Wuzeln vergessen hat bewis unter anderem der All-time-Favourite “Ravenheart” im Set.
Abgelöst haben dann bei weiterhin strahlendem Sonnenschein die apiphilen Jungs von TABERNIS, die es sich trotz steigender Temperaturen nicht nehmen ließen, in ihren üblichen Imker-Outfits den Dudelsack zu schwingen, die Trommel zu schlagen und die langsam wachsende Menge vor der Mainstage zum Tanzen, Klatschen und Wippen zu bringen. Die belgischen Bienenliebhaber sind auf jeden Fall selbst nach M’era-Luna-Maßstäben optisch wie klanglich ungewöhnlich und der harte Cut zu UNZUCHT hat in meinen Augen nicht wirklich gut funktioniert. Generell war ich bei der Reihenfolge des Line-Ups an diesem Tag eher ratlos, aber dazu später mehr.
Ihre treuen Fans feierten die UNZUCHT dessen ungeachtet laut und intensiv. Ihr abschließender Song „Katharsis“ ist definitiv intensiv und schweißtreibend – dieser konnte jedoch kaum trocken, denn die mexikanische Kombo HOCICO und besonders Sänger Erk Aicrag legten als nächster Act eine Performance hin, bei der ich schon vom puren Zuschauen Kalorien verlor. Was für ein Powerpaket ist dieser Mensch bitte?! Wie Rumpelstilzchen auf Speed tobte er zu ihren harten Industrial-Sounds über die Bühne, als wären Schwerkraft und körperliche Grenzen nur eine Erfindung. Chapeau, kann ich da nur sagen!
Fotos: Dennis Post
Fotos: Dennis Post
15:15 Uhr, da war er wieder… dieser Moment, den jeder Konzertfan auf einem Festival fürchtet: Bandüberschneidung. Das Ende von HOCICO verpassen? Schmerzlich.. aber nötig. Denn die
norddeutschen EBM-Punks von TYSKE LUDDER zu verpassen wäre zwar möglich, aber dumm. Grade noch rechtzeitig, der Platz vor der Club Stage war nämlich bereits gerammelt voll. Zahlreiche doch sehr blasse Menschen schoben sich zusammen, um erstens möglichst viel vom Konzert, aber auch ein Quäntchen des heiß begehrten Schattens unterm Sonnensegel zu bekommen. Doch nicht nur Fans,
auch einige Musiker-Kollegen hatten sich im Publikum versammelt – genießen Tyske Ludder doch seit mehr als 3 Jahrzehnten Anerkennung und Wertschätzung in der Szene. Vor allem für ihren kompromisslosen Sound, der auf die Minute genau um 15:25 Uhr mit „Grelle Farben“ über alle Anwesenden hereinbrach. Sichtlich gut gelaunt begrüßte Frontman Claus das Publikum. Die Aufforderung mitzumachen war indes überflüssig, ab Minute 1 gingen alle mit. Zusammen mit seinen Kollegen Olaf, Sven und Wirbelwind Jay an den Drums feuerte er einen guten Querschnitt aus der musikalischen Bandgeschichte ab. „Bambule“ und „An vorderster Front“ nahm auch die letzten Reihen mit. Jeder der vorhatte, sich temperaturbedingt nicht allzu viel zu bewegen gab auf und gönnte sich lieber noch ein weiters Kaltgetränk, als den Stomp mit der Menge zu verpassen. Jay war auf der großen Bühne auch wieder völlig in seinem Element und ließ es sich nicht nehmen, seinem Ruf als „Fassadenkletterer“ nachzukommen. Furchtlos erklomm er die Traversen der Bühne bis in luftige Höhen, während seine Kollegen dazu den Beat angaben. Den vorläufigen Höhepunkt erreichte das Set, als Claus eine Ansprache ans Publikum richtete: Wer Tyske kennt weiß, dass sie aus ihrer politischen Haltung nie ein Geheimnis gemacht haben, und auch heute forderten sie mit Nachdruck zu “Nie wieder Faschismus” auf. Klar, laut, unmissverständlich. Und wichtig an dieser Stelle. Respekt und Danke dafür! Mit „Panzer“ und „Meskalin“ ging es dann leider schon in die letzte Runde eines kurzen, heißen, inhaltsstarken Sets. Danke an TYSKE LUDDER für den bisher heftigsten Schweiß- und Partyausbruch des Nachmittags.
Fotos: Cynthia Theisinger
16:30 Uhr Club Stage – „A substitute for light” sollte an dieser Stelle eigentlich das Thema sein, denn DIORAMA, die vor einiger Zeit ihr neues Album unter diesem Namen veröffentlicht hatten, standen nun auf dem Programm. Wenn es allerdings an irgendetwas nicht mangelte, dann war es Licht. Und Wärme. Und Enge. Eigentlich gar nicht so der Rahnen, den eingefleischte Fans der kühlen Dunkelelektroniker aus Reutlingen bevorzugen. Aber natürlich sollte das Festivalpublikum auch in den Genuss neuer Stücke und auch hoffentlich einiger Klassiker kommen. Und so hatten pünktlich zu Beginn, nach viel Geschiebe und Gedränge mit den Fnns vorn TYSKE LUDDER, alle ihren Platz gefunden und erwarteten nach norddeutschem EBM-Stomp nun etwas mehr Melancholie. Mit minimaler Verspätung betraten Torben Wendt, Zura Nakamura und Marquess dann die Clubstage, begleitet von Helge Wiegand – dem sympathischen Sänger und Keyboarder – bekannt durch sein eigenes Projekt WIEGAND. Dieser hatte sich netterweise bereit erklärt, für diesen Auftritt die Keyboards zu übernehmen, da Felix Marc krankheitsbedingt passen musste. Herzliche Grüße und gute Besserung von uns an dieser Stelle.
Damit man auch direkt wieder wusste, mit wem man es zu tun hat, stieg die Band direkt mit „Why“ ein, welches durch seine unverkennbare Melodie, direkt die ersten lautstarken Fan-Chöre mobilisierte. Spätestens beim 2. Refrain sind alle – Band und Zuschauer – voll in ihrem Element. Damit aber auch das neue Album seinen Zugang zum Publikum bekam, ging es direkt weiter mit „The Same Ghost“, welches sie schon auf ihren letzten Konzerten vorab als Titel vorgestellt hatten. Es folgte mit „E minor“ eine wundervoll überarbeitete Version ihres Klassikers vom 2001er Album „Her Liquid Arms“. Der Song vereinte alles, was die Fans an DIORAMA lieben: Melancholie, Verträumtheit, Tanzbarkeit und natürlich Torben Wendts unverkennbare Stimme. Auch wenn die Lyrics die überschwängliche Festival-Freude beim einen oder anderen kurz eindämmten. Zwei weitere Songs vom neuen Album fanden ihren Weg in die Setlist: „Kunstblut“, seit langem mal wieder ein deutschsprachiger Song und unter Fans sehr kontrovers empfunden, sowie „More Gold“, welches durch Feeling und Tiefgang das Potential hat, ein neuer Klassiker im Programm zu werden. Damit die Tänzer im Publikum nicht von den Träumern abgehängt wurden, gaben DIORAMA noch einen Remix von „Island“ zum Besten, den niemand Geringeres als Tanzflächenzauberer FADERHEAD zu ihrer Diskografie beigesteuert hatten. Und um die Stimmung noch ein paar Minuten auf dem erreichten Höhepunkt zu halten, folgte DER DIORAMA-Song schlechthin, „Advance“. Torben widmete ihn seinem kranken Bandkollegen und Freund Felix und gab die letzten 5 Minuten des (viel zu kurzen) Sets noch einmal stimmlich und körperlich alles. „Carry me….“ sangen auch sämtliche Besucher auf der vollbesetzten Fläche vor der Clubstage und ließen sich von DIORAMA noch einmal mental und musikalisch tragen. Wohin, das entschied und behielt jeder für sich. 40 Minuten – für Tänzer, Denker und Träumer, wie immer viel zu kurz aber dennoch uneingeschränkt empfehlenswert!
Fotos: Cynthia Theisinger
Mittlerweile war es fast 15:50, die Sonne brannte weiterhin auf das Infield nieder und MEGAHERZ durften zeigen, was sie können. Oder eher nicht können, denn die Technik war über ihren gesamten Auftritt hinweg nicht auf ihrer Seite und das Lauschen wirklich hart an der Schmerzgrenze. Diese wurde nur gerissen von Alexander Wesselskys unpassenden Anmoderationen, die einfach völlig ignorieren, dass die Welt sich weiterentwickelt und wir nicht mehr im Sprachgebrauch der 90er leben.
Auf allen Ebenen heilsam war dagegen das Feuerwerk an Können und Emotionen, das COMBICHRIST entfachten. In ihrer Mischung aus Aggrotech, EBM und Industrial so viele unterschiedlichste Emotionen glaubhaft zu verkaufen, ist eine absolute Kunst. Sanft, hart, schreiend, einfach jeder Ton saß. So verging die Zeit leider viel zu schnell und der nächste musikalische Wechsel stand an.
Fotos: Dennis Post
THE BIRTHDAY MASSACRE sind nicht nur tonal etwas völlig anderes, sondern auch emotional.
Ich glaube, Sängerin Chibi könnte über Morde an kleinen Kätzchen singen, ihre Stimme ist so klar und positiv, ich würde es nicht einmal bemerken. Vielleicht ist so viel Positivität einfach zu viel für den schwarzromantischen Zynismus, nur so scheint mir nämlich erklärbar, dass die kanadisch-stämmige Band in der Szene nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient hätte. Erschreckt uns so ausgeprägte Leichtigkeit? Einigen tat der Tanz durch sphärische, verspielte Welten auf jeden Fall richtig gut (wobei die Texte tatsächlich alles andere als leicht und unbeschwert sind, aber nein, es werden keine Kätzchen getötet).
Fotos: Mirco Wenzel
Mit WHITE LIES bekamen die Festivalbesucher*Innen dann den schweren Weltschmerz im Postpunk-Gewand zurück, nachdem sie sich so verzehren – und haben es geliebt. Natürlich sind die Engländer eine Szenegröße mit herrlichem 80er-Jahre-Vibe und wurden und werden für ihren Stil bejubelt, doch so richtig nach Spaß sah das für mich nicht aus.
Fotos: Dennis Post
Der ließ jedoch nicht mehr lange auf sich warten, denn pünktlich um 21:00 Uhr gaben sich die Spielleute von IN EXTREMO die Ehre. Wie gewohnt mit viel Feuer und Knall, was in diesem Jahr dafür sorgte, dass aus Sicherheitsgründen keinerlei Fotos des Auftritts gemacht werden durften. Den schwarzgewandteten Massen, sich sich zu Tausenden auf das Feld vor der Bühne drängten, konnte es egal sein. Aus allem Kehlen drang der Refrain des „Spielmannsfluch“, sogar fast komplett ohne gesangliche Unterstützung von der Bühne. Auch das unvermeidliche „Sternhagelvoll“ sorgte bei allen für gute Laune, viel Geschunkel und tiefe Zufriedenheit. Ein bisschen gespoilert für die nahe Zukunft wurde auch noch: die Band wird wieder auf Akkustik-Tour gehen, begleitet vom Kollegen Oliver Pade von FAUN. Um zu teasern wie das klingt, unterstützte er schon mal beim Song „Feine Seele“. Die InEx-Jünger haben es geliebt, entsprechend honoriert und immer wieder zu lauten „In Extremo“-Chören angestimmt. Kein Wunder also, dass es den Urgesteinen des Mittelalterrock sichtbar schwer fiel, die Bühne zu verlassen.
Doch der Hauptact des Abends kam ja erst noch. WITHIN TEMPTATION verzauberten die Zuhörenden mit einer breiten Auswahl ihrer Songs. Angefangen mit dem neueren “We Go To War“ über ihre alten Klassiker „Ice Queen“ und „Mother Earth“, Sängerin Sharon den Adel traf Töne und definitiv die Stimmung des Abends. Auch hier wurde kein Hehl aus der politischen Haltung und der Unterstützung für unterdrückte Gruppen gemacht. Die Fronterin sendete eine unmissverständliche Botschaft an alle, die sich allein und machtlos fühlen: “We see you! We feel you!”. Unterstützt von einer bildgewaltigen Visual-Flut gab die holländische Symphonic-Speerspitze alles. Sharons selbst entworfenes Kostüm (weiße Lederkorsage mit Gold-Elementen) erweckte den Eindruck, die Ice Queen sei mitten unter uns. Etwas Schneetreiben hätte sich sicherlich so mancher Festivalbesucher auch gewünscht.
Fotos: Dennis Post
Auch die benachbarte Clubstage setzte eine ganze Reihe von akustischen Ausrufezeichen zum Abschluss. Das “Trio Infernale” aus AGONOIZE, NACHTMAHR und FRONT LINE ASSEMBLY beschloss den Samstag. AGONOIZE-Fronter Chris L., der sich nach schwerer Krankheit endlich zurück ins Bühnenleben gekämpft hatte, versprühte nicht nur geballte Industrial-Energie sondern natürlich auch in gewohnter Manie reichlich Kunstblut, auch wenn die Blutpumpe nicht immer zuversichtlich arbeitete. Die Hit-Maschine lief dagegen wie geschmiert und spuckte natürlich auch “Koprolalie” und “Bis das Blut gefriert” aus. Die Sonne sank, der Blutmond ging auf und mit ihm auch die Herzen jedes Fans der härteren Elektroklänge! Danke, dass ihr wieder zurück seid, AGONOIZE! Wir haben euch vermisst!
Fotos: Mirco Wenzel
Der blutverschmierte Staffelstab wurde alsdann in die berufenen Hände von Tanzdiktator Thomas Rainer und die uniformierte Truppe von NACHTMAHR weitergereicht. Die ÖsterreicherInnen sind und bleiben ein optisch beeindruckendes sowie akustisch wonnevoll zerschredderndes Mahlwerk der Agonie! “Beweg dich” – der Aufforderung konnte man bei abkühlenden Temperaturen endlich auch wieder gefahrlos Folge leisten. Begleitet von den grandiosen Showelementen von Thenia und Kat lieferten die “Alpträume” ein Feuerwerk metallischer Härte und Tanzbarkeit ab. Auch die neuen Werke vom frischen Album “Imperivm”, wie zum Beispiel “Der Schlaf” und “Stärker als ihr Hass” fügten sich nahtlos in den Auftritt ein und wurden vom ergebenen Publikum genauso abgefeiert wie das obligatorische “Mädchen in Uniform”.
Fotos: Mirco Wenzel
Für den endgültigen Schlusspunkt in der Dunkelheit sorgten die Kanadier von FRONT LINE ASSEMBLY. Das letzte Album ist hier schon ein paar Jahre her, aber natürlich konnte die Band rund um Bill Leeb sich auf dem M’era Luna trotzdem einer treuen Fanbase erfreuen. Waren die Dudelsäcke von IN EXTREMO von der Nachbarbühne aus zunächst deutlich zu hören, hatte es der massive Sound von FLA letzlich nicht schwer, sich in den Mittelpunkt des Geschehens zuz drängeln. Die Setlist musste ohne große Hits wie “Killing Ground” oder “Deadend” auskommen, denn der Auftritt stand ganz im Zeichen der frühen Werke vor der Jahrtausendwende, das allseits beliebte “Mindphaser” stand aber zum Glück mit auf dem Menü der Hungrigen vor der Clubstage. Dir Kirsche auf der Sahnetorte aus Vancouver war das CYBERAKTIF-Cover “Nothing Stays”. Wer entgegen dieser Botschaft aber noch im Partymodus verbleiben wollte, konnte das natürlich auf der Aftershow-Party im Hangar tun.
Wer das nicht wollte, verzog sich ins Bett, um für den Sonntag wieder voller frischer Energie zu sein.

