20 Jahre Amphi – ein Jubiläumsbericht – Sonntag
Woran merkt man, dass es auf diesem Festival gefühlt noch viel zu früh ist? Die Schlangen an den Kaffee-Ständen sind um hunderte Meter länger, als die am Bierstand. Mit dieser Erkenntnis begann der Sonntag auf dem Amphi. Und mit einer Newcomer-Band in diesem Line-Up. MOTEL TRANSYLVANIA eröffneten den Tag mit einem Set, dass die wirklich große Menge vor der Mainstage vom ersten Song an mitriss. Mit ihrem ganz eigenen Stil und der Mischung aus Industrial und Metal hatten die Italiener auf jeden Fall einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Danach wurde es wieder etwas ruhiger auf der Mainstage mit CHROM. Der gern gehörte Elektropop passte gut dazu, sich noch einen Kaffee zu holen und dann entspannt mitzuviben. Danach wurde wieder härter mit der Rockformation SCHATTENMANN, die nicht nur Musik zum mitfeiern mitbrachten, sondern auch eine Anekdote zum Song „Echo“ in der erklärt wurde, dass die Zeile „Echo oh-oh“ daraus geboren wurde, dass kein anderer Reim auch „Echo“ eingefallen war. Die gute Laune der Band hielt auch dem kurzen technischen Patzer zu Beginn des Songs „Schna-na-naps“ stand und griff auch auf das Publikum über.
Wem die Musik heute noch nicht hart genug war, der fand sich bei der Eröffnung auf der Theaterstage durch EXTIZE gut abgeholt, denn hier war Aggrotech Programm. Und die Mischung aus abgefahrener Optik und „Auf die Fresse-Bass“ zog den nächsten Einlassstop nach sich. Aber für das Anstehen gab es nicht nur ein absolut Brett von einem Auftritt, sondern auch die Beteiligung in der Entscheidung, ob der neue Song „Hot as Fuck“ mit aufs neue Album soll.
Direkt im Anschluss gaben sich SOLITARY EXPERIMENTS auf der Mainstage die Ehre und brachten Songs mit, die älter sind als das Festival selbst. Und mit der Zeile „Turn the lights out for an showdown“ aus dem Song „Epiphany“ setzte der Nieselregen ein. Diejenigen, die der Wetterwechsel nicht ins Theater zu THE SWEET KILL TRIEB, durften aber schon sehr kurze Zeit später zuhören wie Sänger DENNIS SCHOBER die Sonne wieder begrüßte. Kurz vor Ende des Sets änderte sich dann der Stil maßgeblich von poppig zu basslastigen EBM-Anleihen.
War es die angekündigte Regenfront oder die Parallelität von LEBANON HANOVER und ASSEMBLAGE 23, man wusste es nicht. Aber diese Mischung zeigte auf jeden Fall, wie viele Gäste dieses Festival eigentlich so hat. Während der Platz vor der Mainstage so voll war, wie das ganze Wochenende noch nicht, drängten so viele Besuchende ins Theater, dass es nicht nur zum Einlassstop kam, sondern die Schlange der Wartenden bis zum Haupteingang des Tanzbrunnens reichte. Bei beiden Bands wurden jedenfalls umfangreiche Sets abgeliefert, die begeistert mitgefeiert und mitgetanzt wurden.
Danach folgten auf der Mainstage DIARY OF DREAMS gewohnt intensiv, mit Songs wie „Viva La Bestia“ oder „Traumtänzer“ bei dem es einen zutiefst emotionalen Chor vor der Bühne gab. Gegen Ende verloren sie ein paar Zuschauende, die ins Theater zu EMPATHY TEST eilten, um klassischen britischen Synthiepop zu genießen.
Mit dieser Tiefe und Emotion war der passende Grundstein für den nächsten Act schon gelegt, denn es folgte JOACHIM WITT. Der Künstler an dem sich die Geister scheiden, ließ sich vom einsetzenden Platzregen nicht aus der Ruhe bringen und auch nicht davon, dass ihm Gegenstände auf der Bühne entgegen fielen. Im Gegenteil: Beim Song „Signale“ zu dem er ALEX WESSELSKY mit auf die Bühne holte meinte er verschmitzt „Uns fliegt die Technik um die Ohren und alles fällt auseinander, aber das macht nichts“, was für Lacher im Publikum sorgte.
Aber nicht nur WITT hatte mit einer eigensinnigen Technik zu kämpfen. Parallel spielten CLAN OF XYMOX im Theater und mussten fast 15 Minuten später beginnen, da es zu Tonproblemen kam, die beim zweiten Song nochmal einsetzten. Danach verlief das Set jedoch reibungslos.
Den Headliner auf der Mainstage an diesem Abend bildeten EISBRECHER. Sie legten wie immer einen Auftritt hin, der sich sehen lassen kann. Sie brachten eine bunte Mischung an Songs aus der Bandgeschichte mit, wie auch mehrere Outfitwechsel, wie z. B. Von der Marine-Uniform zu einem Cowboy mit Mundharmonika und Patronengurt. Doch neben musikalisch und stylisch wurde es auch politisch, als ALEX WESSELSKY beim Song „Waffen Waffen Waffen“ ein Bild hervorholte, auf dem groß der Songtitel prangte, ein großes Peace-Zeichen darüber sprayte und das Statement setze „Kein Krieg, nicht mit uns, ihr könnt uns am Arsch lecken“, was zu tosendem Jubel vor der Bühne führte.
Den Abschluss am Tanzbrunnen machten WELLE:ERDBALL auf der Theaterstage. Auch wenn ein Einsatz der Sanitäter zu Beginn des Auftritts kurz die Stimmung trübte, verlief der Rest des Sets reibungslos und beendet das 20. Amphi Festival sehr würdig.
Was bleibt am Ende? Zum einen die Freude über dieses immer wieder schöne Festival voller schöner Menschen und Begegnungen. Zum anderen jedoch auch die Frage, ob das Line-Up auf der Mainstage nächstes Jahr musikalisch wieder gemischter sein wird, denn vielen war es tatsächlich zu ruhig. Wir sind gespannt auf das nächste Jahr!
Bilder: Mirco Wenzel
Text: Lisa Klaus

